Bibelwissenschaft

Tipp: Interlinear-Übersetzung NT

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Heute wird es hier im Blog einen kleinen Seitenhieb auf die Leipziger geben. Deshalb an dieser Stelle zunächst ein großes Lob an das »Institut für Neutestamentliche Wissenschaft« der Uni Leipzig. Dort wird derzeit eine Griechisch-Deutsche Interlinear-Übersetzung des Neuen Testaments zum Download angeboten.

Hier (40 MB): Interlinear.zip.

VD: CF

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Nachtrag vom Mai 2012: Der Download funktioniert nicht mehr.

Die Mächte des Bösen im Neuen Testament

Wir denken oft, dass die Überwindung des Bösen eine exklusive Angelegenheit zwischen dem frommen »Ich« und meinem Gott ist. Tatsächlich sieht das Neue Testament den Sieg über das Böse in der Gemeinschaft der Gläubigen verwirklicht, nicht im Leben des Einzelnen.

Rob Bradshaw hat freundlicherweise den Artikel:

  • Roy Yates: »The Powers of Evil in the New Testament», The Evangelical Quarterly 52.2 (April–June, 1980), S. 97–111

digitalisiert. Yates zeigt darin, dass nach dem Zeugnis der Bibel das Böse in unserer Welt real ist, Jesus Christus es überwunden hat, der endgültige eschatologische Triumph jedoch noch aussteht.

Hier: 1980-2_097.pdf.

Nationalgott Jahwe

Der Theologe Jochen Vollmer hat im Aufsatz »Der Israel-Palästina-Konflikt und die Befreiung der Theologie: Vom Nationalgott Jahre zum Herrn der Welt und aller Völker« (Pfarrerblatt) das Existenzrecht Israels bestritten.

Ein jüdischer Staat ist eben ein Staat, der seine jüdische Identität – die nichtjüdische Bevölkerung ausgrenzend und damit den einen und universalen Gott, der für Juden und Nichtjuden in gleicher Weise da sein will, verleugnend – mit staatlicher Gewalt nach innen und nach außen sichern will. Der Glaube an Gott kann nicht durch staatliche Gewalt gesichert werden. Die Besonderheit des jüdischen Volkes mit seinen großen universalen Traditionen und ihrer Hoffnung auf Gottes Schalom für Israel und die Völker verträgt sich gerade nicht mit einer staatlichen Verfasstheit, wie sie den anderen Völkern eigen ist. Als Staat soll Israel wie die anderen Staaten sein, demokratisch und säkular. Als Volk Gottes darf es nicht wie die anderen Völker sein, hat es den Auftrag, zum Segen und zum Licht der Völker zu werden (Gen. 12,3; Jes. 42,6; 49,6). Das Dilemma des Staates Israel, zugleich ein jüdischer und ein demokratischer Staat sein zu wollen, ist die Unvereinbarkeit von jüdischem Volk und jüdischem Staat.

Der DLF hat dazu einen Bericht veröffentlicht:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/08/29/dlf_20110829_0936_b3c17c50.mp3[/podcast]

Als Empfehlung zum Thema hier der Aufsatz »Wünschet Jerusalem Glück“: Wie man zu einer angemessenen theologischen Beurteilung des Nahostkonflikts gelangt« von Gerhard Gronauer.

F.F Bruce A Life

ffbruce.jpgF.F. Bruce gilt als einer der einflussreichsten Neutestamentler in der britischen Theologie des 20. Jahrhunderts (siehe dazu auch den Brief vom Kümmel an Bruce). Der aus der Brüderbewegung stammende Theologe verband auf vorbildliche Weise höchst anspruchsvolle Forschungsarbeit mit einem lebendigen Glauben an Jesus Christus. Im Frühling 2011 ist ein Buch über sein Leben erschienen. Der Verlag schreibt über:

  • Tim Grass: F.F Bruce A Life, Paternoster, 2011, 276 S.

Evangelicals have often wrestled with two problems: the relation between academic theology and church life, and the quest for recognition of their status as credible interpreters of the Bible. Frederick Fyvie Bruce (1910–1990) was one of the most influential British biblical scholars of the twentieth century, and his career offers valuable insights into these issues, as well as shedding light on the ways in which Evangelicalism was changing from the 1950s onwards. This biography integrates discussion of his family life, his activity as a member of the Open Brethren, and his academic career. Tim Grass argues that Bruce, like his father, was always something of an evangelist at heart.

 

Gigantische Arche

150 Meter lang, 25 Meter breit, 3000 Tonnen schwer, mehrere Millionen Euro teuer: In den Niederlanden baut ein 52-Jähriger die Arche Noah nach.

Den Bau der Arche setzte er streng nach den Angaben aus dem Buch Genesis um. »300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch soll sie sein«, spricht Gott in der Bibel zu Noah. Davon ausgehend, dass eine Elle vom Ellbogen bis zur Fingerspitze reicht – etwa 50 Zentimeter -, erreicht die holländische Arche eine enorme Dimension: Sie ist 150 Meter lang, 25 Meter breit, hat vier Stockwerke und wiegt etwa 3000 Tonnen.

»Als Holz haben wir schwedische Kiefer verwendet, denn das kommt dem Zypressenholz, das Gott Noah zu verwenden auftrug, am nächsten«, sagt Hubers. Seine Arche soll natürlich auch mit Tieren bevölkert werden – aber nicht mit echten. 1600 Arten soll das Schiff aufnehmen, lebensgroß aus Plastik, hergestellt auf den Philippinen.

An Bord wird es einen Mahlstein geben, mit dem Getreide für Brot gemahlen werden kann, dazu Schlafräume, ein Theater, eine Bühne, ein Restaurant und Platz für bis zu 1500 Konferenzteilnehmer. Künstler werden die Wände mit Szenen aus der Bibel bemalen.

Hier: www.spiegel.de.

Der Paulus den wir zu kennen meinen

Timothy Gombes hat sich in CT zur neuen Paulusperspektive geäußert:

Add to Paul’s pedestrian oratory a physical appearance that must have been quite unpleasant. In Acts 14:19-20, we read that Paul’s ministry in Lystra came to a terrible end when volatile crowds were incited to stone him and drag him from the city, »thinking he was dead.« Let this description work on your imagination for a moment: A bloodthirsty, riotous horde brutalizes Paul so badly that any chance of survival is dismissed. He must have been in horrible shape.

The Book of Galatians offers clues about what Paul looked like. Just after the episode in Lystra, Paul likely visited the Galatian churches, reporting that his physical condition »was a trial« to them (Gal. 4:13-14). He knew he looked repulsive and suspected that the sight of his injuries would turn stomachs. Of his scars and bruises, he says, »I bear on my body the marks of Jesus« (Gal. 6:17), and he writes elsewhere of his tremendous sufferings, including torture and beatings. The Acts of Paul and Thecla, an apocryphal text from the second century, states that Paul was »a man small in size, bald-headed, bow-legged, stocky with eyebrows meeting, rather long-nosed.«

If we encountered Paul today, we might be disappointed to find someone quite unlike the strong and decisive leader we often imagine. In fact, many of our contemporary churches would hardly consider him a viable pastoral candidate. In this regard, as in so many others, the New Testament evidence resists efforts to re-create Paul in our own image.

Hier: www.christianitytoday.com.

Ferdinand Hahn: Theologie des Neuen Testaments

Nachfolgend meine Buchbesprechung zu:

  • Hahn, Ferdinand: Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1: Die Vielfalt des Neuen Testaments, Bd. 2: Die Einheit des Neuen Testaments, 3. Aufl., Tübingen: Mohr Siebeck 2003, 1736 S., 39,90 Euro.

ursprünglich erschienen in Glauben und Denken heute 1/2011:

Ferdinand Hahn, von 1976 bis zu seiner Emeritierung 1994 Professor für Neues Testament an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, zählt international zu den renommiertesten Neutestamentlern. Er wirkte maßgeblich an der ökumenischen Einheitsübersetzung mit und publizierte fast genau fünfzig Jahre, nachdem Rudolf Bultmann seine Theologie des Neuen Testamentes vorlegte, seine eigene Theologie in zwei Bänden (2003). Bereits zwei Jahre später erschien eine korrigierte und erweiterte Auflage. Nun ist das Werk erfreulicherweise als durchgesehene zweibändige UTB-Taschenbuchausgabe herausgegeben worden. Die Bände sind nur zusammen erhältlich. Allerdings wird das Werk mit 1736 Seiten von Mohr Siebeck in Tübingen für 39,90 Euro abgegeben (früher 219,00 Euro). Damit sollte es auch für Pastoren und Studenten erschwinglich sein.

Ferdinand Hahn bietet mit diesem Lehrbuch eine Gesamtübersicht über das Neue Testament. Im ersten Band erläutert er zunächst die Geschichte der Neutestamentlichen Theologie und beschreibt seine eigene Aufgabenstellung. Er stellt die NT-Theologie thematisch dar und fragt dabei, anders als Bultmann, neben der Vielfalt auch nach den Gemeinsamkeiten und der Einheit des neutestamentlichen Zeugnisses. Hahn setzt die Einheit des NTs nicht voraus, sondern will sie mittels Analyse der verschiedenen Traditionen historisch-kritisch erarbeiten (vgl. I, 22–28). Die zweite große Aufgabe betrifft die immer noch umstrittene Beziehung zwischen der Jesusüberlieferung und der urchristlichen Verkündigung. Den einleitenden Ausführungen folgt eine Darstellung der Vielfalt des urchristlichen Zeugnisses in Gestalt einer Theologiegeschichte des Urchristentums. Der Autor behandelt die Frage nach der theologischen Relevanz der Botschaft Jesu und erörtert die Verkündigung der aramäisch und der griechisch sprechenden Gemeinden. Hahn geht auf die paulinische und die seiner Auffassung nach deuteropaulinische Theologie und die außerpaulinischen Schriften des Judenchristentums ebenso ein wie auf die synoptischen Evangelien samt der Apostelgeschichte und der johanneischen Theologie.

Kurz zu Paulus: Hahn lehnt die These von einer allmählichen »Entwicklung« oder »Wandlung« des paulinischen Denkens, wie sie beispielsweise von Udo Schnelle oder Jürgen Becker vertreten wird, ab. Angesichts der Tatsache, dass die uns überlieferten Briefe aus einem relativ kurzen Zeitraum stammen und nach Christian Dietzfelbinger »die Probleme Gesetz und Gerechtigkeit für den ehemaligen Phärisäer Paulus von seiner Berufung an grundlegende Bedeutung im Zusammenhang mit der Christuserkenntnis hatten“, hält er sie für problematisch (I, 181). Insgesamt lasse sich zeigen, »daß eine innere Einheit der Theologie des Paulus vorhanden ist, die nur durch verschiedene Situationsbezogenheit in geringfügigem Maße modifiziert wurde« (I, 181). Das gilt auch für die z.B. von Heikki Räisänen behauptete Uneinheitlichkeit des Gesetzesverständnisses bei Paulus (I, 232). Es kann »mit der Mehrheit der Ausleger die Einheitlichkeit des Gesetzesverständnisses schon deswegen vorausgesetzt werden, weil sich die Aussagen der verschiedenen Briefe wenn nicht decken so doch ergänzen und weil einzelne Spannungen einen erkennbareren sachlichen Grund haben« (I, 233). Hervorheben möchte ich auch, dass Hahn, anders als viele neuere Exegeten, den Galaterbrief für einen frühen Paulusbrief hält. Die in diesem Brief und anderswo entwickelte Rechtfertigungslehre ist, verschränkt mit der Christologie, nach Hahn die Mitte der paulinischen Theologie (vgl. I, 187). »Angesichts der hohen Bedeutung der Frage nach der Rechtfertigung für das Selbstverständnis des Apostels überrascht es nicht«, schreibt er, »daß gerade diese Thematik seine Soteriologie entscheidend bestimmt“. »Es trifft keinesfalls zu«, so Hahn weiter, »daß die Rechtfertigungslehre erst in einer späteren Lebensphase im Zusammenhang der Auseinandersetzungen mit judaisierenden Gegnern ausgebildet worden sei. Sie begegnet auch nicht nur im Galater- und im Römerbrief, sondern ebenso in wichtigen Aussagen der Korintherbriefe und des Philipperbriefs. Dabei zeigen die meist kurzen Aussagen außerhalb des Galater- und Römerbriefs, daß Paulus eine Kenntnis der Rechtfertigungsbotschaft in seinen Gemeinden voraussetzt.« (I, 245). Wenig später stellt er fest: »Obwohl auch in neuerer Zeit die zentrale Stellung der Rechtfertigungslehre bisweilen in Frage gestellt wird, kann bei einer sorgfältigen Analyse der Texte ihre Bedeutung nicht bestritten werden« (I, 246). Der erste Band endet mit einem Ausblick auf die Übergangszeit zur Alten Kirche.

Im zweiten Band folgt eine ausführliche Erörterung der Einheit des neutestamentlichen Zeugnisses anhand von Einzelthemen. Nach Hahn erfüllt die neutestamentliche Theologie »ihre Aufgabe erst dann, wenn die Frage beantwortet wird, wie die vielfältigen urchristlichen Zeugnisse inhaltlich zusammengehören« (II, XVII). Denn: »Wenn das Neue Testament in seiner Verbindung mit dem Alten Testament Grundlage der christlichen Botschaft, des christlichen Glaubens und der christlichen Kirche war und ist, muß nach dem dafür maßgebenden Zeugnis und dessen Einheit gefragt werden« (II, XVII).

In fünf großen Teilen bespricht Hahn das Alte Testament als Bibel des Urchristentums, die Offenbarung Gottes in Jesus Christus, sowie jeweils die soteriologische, ekklesiologische und eschatologische Dimension des Offenbarungsgeschehens. Da Hahn nicht nur Einzelinterpretationen erarbeitet, sondern thematisch verwandte Aussagen systematisch miteinander in Beziehung setzt, erkennt der Leser schnell die fundamentaltheologische Bedeutung der neutestamentlichen Exegese. Hahn liefert, um nur zwei Beispiele zu nennen, im Teil zur soteriologischen Dimension des Offenbarungshandelns eine umfängliche neutestamentliche Anthropologie mit materialreichen Abschnitten zur Geschöpflichkeit und zum Sündersein des Menschen (II, 310–335) sowie eine Soteriologie, die die herausragende Bedeutung des Osterereignisses hervorhebt. Für Hahn ist das Ostergeschehen kein »historisches Ereignis« in dem Sinn, dass die Auferstehung faktisch oder objektiv nachgewiesen werden könnte wie etwa die Kreuzigung. Das Zeugnis von der Auferstehung ist aber historisches Faktum, das sich mit wissenschaftlichen Mitteln weder bestätigen noch hinterfragen lässt (I, 130–131). Eine neutestamentliche Theologie muss, so der Autor, von der »im Ostergeschehen kulminierenden Geschichte Jesu« ausgehen (I, 131). »Ostern ist das ‚Urdatum‘ einer genuin christlichen Verkündigung« (I, 131).

Ausgehend von diesen Voraussetzungen kann Hahn im zweiten Band beeindruckend herausarbeiten, welchen hohen Stellenwert Jesu Tod und Auferstehung innerhalb des reichen neutestamentlichen Befundes haben. Hahn schreibt, um nur ein Thema herauszunehmen, über den Sühnetod: »Die große Zahl der hierher gehörenden Textstellen läßt erkennen, daß die Sühnevorstellung im Blick auf Jesu Sterben für das Urchristentum im Vordergrund stand und dementsprechend für das Neue Testament zentral ist. Die Auffassung von der stellvertretenden Sühne ist die fundamentale Deutungskategorie für Jesu Tod, die sich aus alttestamentlicher Tradition nahelegte« (II, 386).

Beide Bände enthalten einen Anhang mit Literaturübersichten sowie ein Stellen-, Personen- und Sachregister (I, 772–862 u. II, 808–874). Der Satz ist glänzend gelungen; die Durchnummerierung der Absätze erleichtert die Orientierung. Da Hahn hebräische und griechische Zitate ohne Umschrift anbietet, ist die Vertrautheit mit den biblischen Sprachen für den Leser ein Vorteil. Fast immer wurden Übersetzungen der Zitate in den Text eingearbeitet. Dadurch sind die Ausführungen auch ohne Kenntnis der Ursprachen verständlich.

Der Ertrag dieser Neutestamentlichen Theologie ist trotz historisch-kritischer Vorgehensweise ungemein fruchtbar, da Hahn sich gegen die religionsgeschichtliche Schule dafür entschieden hat, konsequent beim neutestamentlichen Kanon zu bleiben, nach einer einheitlichen Theologie sucht und seine Leser möglichst nahe an die neutestamentlichen Texte heranführt. Kavin Rowe’s Bekenntnis, das Werk von Hahn sei »die bedeutendste Theologie seit Bultmann« (Journal of Biblical Literature, 25, no. 2, 2006, 394), ist keine Übertreibung.

Theologen und Pastoren mit besonderem Interesse am Neuen Testament liegt somit neben den Werken von Peter Stuhlmacher und Ulrich Wilckens (letztgenanntes ist noch nicht abgeschlossen) eine weitere empfehlenswerte deutschsprachige Darstellung der neutestamentlichen Theologie vor.

 

Kritische Blicke auf die »Neue Paulusperspektive«

Die Diskussion um die Stellung des Gesetzes und die Bedeutung der neutestamentlichen Rechtfertigungslehre hat in den letzten 30 Jahren durch die sogenannte »Neue Paulusperspektive« (NPP) ein anderes Gesicht bekommen. Die Entlutherisierung der Rechtfertigungslehre und die Kritik am Heilsindividualismus gaben der transformatorischen Theologie erheblichen Rückenwind. Gemäß der NPP ist es Paulus nämlich gar nicht so sehr um die Frage gegangen, wie der Mensch mit Gott versöhnt werden kann. Paulus zielte vielmehr auf die ethnisch-soziale Abgrenzung der Juden ab und wollte die Heilsbotschaft von nationalistischen Bestrebungen befreien. Das Heil gilt allen Völkern. Insofern ist das Evangelium eine Botschaft, die ethnische Schranken überwinden hilft und dafür motiviert, ungerechte soziale Strukturen in der Welt aufzubrechen.

Nachdem sich etliche angelsächsische Exegeten dem »neuen Paradigma« zunächst euphorisch angeschlossen hatten, formierte sich bald heftige Kritik, die auf die Einseitigkeiten der NPP aufmerksam machte. Theologen wie Seyoon Kim, Stephen Westerholm, Mark Seifrid, G. P. Waters (studierte bei Sanders) oder Simon Gathercole (studierte bei Dunn) haben beispielsweise steile Thesen der NPP entkräftet und so auch den unfreiwilligen Namensgeber der NPP, James Dunn, dazu bewegt, einzulenken. Dunn gibt inzwischen freimütig zu, dass die Mission des Paulus nicht einseitig auf soziologische und politische Ambitionen reduziert und der Rechtfertigungslehre ihre soteriologische Dimension nicht genommen werden darf.

In Deutschland hatte es die NPP zunächst schwer. Exegetische Größen wie Martin Hengel oder Peter Stuhlmacher haben schon früh Zweifel angemeldet. Friedrich Avemarie konnte zeigen, dass die frührabbinischen Texte nicht so leicht auf eine einheitliche Linie zu bringen sind, wie E.P. Sanders das behauptet hatte. Freilich lies sich die Kritik aus Deutschland (besonders die aus Tübingen) auch auf den Einfluss Luthers zurückführen und natürlich gibt es inzwischen in Deutschland renommierte Vertreter der NPP. Insgesamt setzt aber meines Erachtens eine Phase der Konsolidierung ein, die einerseits neue Einsichten der NPP angemessen würdigt und andererseits darauf verweist, dass sich alles in allem nicht so viel geändert hat und sich Luthers Rechtfertigungslehre nicht nur am mittelalterlichen Katholizismus abarbeitete, sondern ihre wesentlichen ›Entdeckungen‹ tatsächlich Paulus verdankt.

Einige jüngere Arbeiten aus dem deutschen Raum möchte ich hier kurz vorstellen:

Michael Wolter hat in seinem gerade erschienen Paulusbuch (Michael Wolter: Paulus: Ein Grundriss seiner Theologie, Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft, 2011) bei seinen Erörterungen zur paulinischen Rechtfertigungslehre die Einsichten der NPP einfließen lassen (siehe besonders S. 340–409). Die Gemeinsamkeit der neuen Paulusperspektiven liegt für Wolter in der neuen Verortung der Rechtfertigungslehre (S. 341):

Inzwischen hat sich unter dieser Bezeichnung eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Interpretationen ausdifferenziert, deren Gemeinsamkeit aber darin besteht, dass sie die paulinische Rechtfertigungslehre nicht (wie das z.B. bei Luther, Bultmann und Käsemann der Fall ist) in der Anthropologie, sondern in der Ekklesiologie ansiedeln. Sie schreiben ihr – vereinfachend gesagt – im Wesentlichen die Funktion zu, die theologischen Implikationen und Konsequenzen der paulinischen Christusverkündigung unter den Völkern zu reflektieren. Charakteristisch für sie ist dabei die Abgrenzung von der lutherischen Paulusrezeption, wie sie im 20. Jahrhundert vor allem in den Interpretationen der paulinischen Rechtfertigungslehre durch Rudolf Bultmann, Ernst Käsemann und deren Schüler vertreten wurde. Die ›New Perspective‹ verlangt, das Rechtfertigungsverständnis Martin Luthers von der paulinischen Rechtfertigungstheologie strikt zu unterscheiden, weil ihrer Meinung nach das paulinische Rechtfertigungskonzept verfälscht wird, wenn man es in den Kategorien der reformatorischen Theologie interpretiert.

Die Resultate der neuen Perspektiven haben bei Wolters eigenen Untersuchungen zur Rechtfertigungslehre freilich ihre Spuren hinterlassen. Doch sperrt er sich gegen vereinfachende Schablonen, wie z. B. – um nur einen Punkt herauszugreifen – bei der Interpretation von »Werke des Gesetzes«. Wolter schreibt (S. 352):

Die Frage, ob der Ausdruck »Werke des Gesetzes« Handlungen meint, die in Erfüllung der Tora getan werden, oder Vorschriften, die in der Tora stehen, weil sie getan werden sollen (unabhängig davon, ob dies auch tatsächlich geschieht), ist ganz bestimmt nicht so zu beantworten, dass irgendeine dieser beiden Interpretationen »durchweg« gelten und der Ausdruck darum an allen Stellen ein und dieselbe Bedeutung haben müsse. Solch einseitige Urteile – in welche Richtung sie auch gehen mögen – lassen einen Sachverhalt unbeachtet, der eigentlich selbstverständlich sein sollte: dass Begriffe mal mit ihrer ›eigentlichen‹ Bedeutung und mal metonymisch gebraucht werden können.

Am Ende seiner Ausführung resümiert Wolter (S. 411):

Aufs Ganze gesehen sind die theologischen Unterschiede zwischen der paulinischen Rechtfertigungslehre und ihrer Rezeption durch Martin Luther nicht zu übersehen. Ihre Ursache haben sie zweifellos in den veränderten christentumsgeschichtlichen Kontexten. Daraus kann man zwei hermeneutische Schlussfolgerungen ableiten: Die Interpretation der paulinischen Rechtfertigungslehre darf man in der Tat nicht am theologischen Paradigma ihrer Rezeption durch Martin Luther ausrichten. Das wäre anachronistisch. Aus der umgekehrten Richtung betrachtet, wird man aber auch der Theologie Martin Luthers nicht gerecht, wenn man ihr eine Verfälschung der paulinischen Rechtfertigungslehre vorwirft. Luther geht mit ihr vielmehr so um, dass er sie in einen veränderten historischen und kulturellen Kontext hinein fortschreibt und dabei wesentliche Bestandteile ihres Begründungszusammenhangs bewahrt.

Eine gute Zusammenfassung zur NPP stammt von dem Neutestamentler Jörg Frey. Sein Beitrag »Das Judentum des Paulus« (erschienen in: Oda Wischmeyer (Hg.): Paulus: Leben – Umwelt – Werke – Briefe, Tübingen u. Basel: A. Francke Verlag, 2006, S. 5–43) enthält den Abschnitt »Zur ›neuen Paulusperspektive‹« (S. 35–42). Frey stellt komprimiert wichtige Thesen der NPP sowie die vielstimmige Kritik vor (Common Judaism, Bundesnomismus und soteriologische Bedeutung der Toraerfüllung, Werke des Gesetzes als bloße boundary markers, Gegenstand des Rühmens, Verlust der eschatologoschen Dimenson, Differenz zwischen der Anthropologie des Paulus und der des zeitgenössischen Judentums). Das Fazit lautet bei Frey (S. 41–42):

Es ist zweifellos ein Verdienst der ›New Perspective‹, dass sie das überkommene Zerrbild vom Judentum als einer Religion der ›Werkgerechtigkeit‹ wirksam bestritten und die unreflektierte Rede vom ›Gesetz als Heilsweg‹ nachhaltig in Zweifel gezogen hat. Gegen die Wirkungsgeschichte paulinischer Theologie ist aus den jüdischen Quellen zu erkennen, dass die Tora für Juden Freude, nicht Last, Berufung, nicht Sklaverei bedeutet. Aufgrund neuerer Forschungen sollte es definitiv unmöglich sein, das Judentum der Zeit Jesu als »Religion völligster Selbsterlösung« [Anmerkung: so noch Billerbeck] zu bezeichnen und ihm »Werkgerechtigkeit« und Ritualismus vorzuwerfen. Solche Urteile sind eher neuprotestantisch als lutherisch und widersprechen der jüdischen Selbstwahrnehmung. Ein Gewinn ist auch, dass nun die Gefahr der Eintragung späterer Fragen in die Paulusinterpretation bewusster wahrgenommen wird. Vor jeder Verallgemeinerung paulinischer Aussagen für eine überzeitliche Lehre muss zunächst der historische Ort und der rhetorische Kontext der Texte ernst genommen werden. Die soziologischen Kategorien dürfen freilich, wie auch Dunn zugesteht, nicht an die Stelle der theologischen Reflexion treten. Der Theologe Paulus lässt sich nicht auf missionspragmatische oder ›kirchenpolitische‹ Intentionen reduzieren. Sein Denken ist auf dem Hintergrund seiner Biographie und Christuserkenntnis sowohl anthropologisch als auch hamartologisch tiefergehend, als dies die Vertreter der ›New Perspective‹ zugestehen wollten.

Der FTH Dozent Berthold Schwarz nimmt die Ergebnisse der NPP ebenfalls differenziert war. In seinem Beitrag »Das Missverständnis der sogenannten ›Neuen Paulusperspektive‹« (Teil 1 erschienen in: Bibel und Gemeinde 4/2010, S. 61–70 und Teil 2 in: Bibel und Gemeinde 1/2011, S. 39–48) mahnt Schwarz zur weiteren fairen und gewissenhaften Diskussion (Teil 2, S. 48). Die große Schwäche der NPP liegt für ihn in der verkürzten Deutung der Rechtfertigungslehre (Teil 2, 47):

Die Vertreter der Neuen Perspektive übersehen (leider) in ihrem berechtigten Bemühen, das herauszuarbeiten, was im 1. Jahrhundert mit den Aussagen des Paulus im Kontext des damaligen Judentums gemeint gewesen sein kann, dass die Rechtfertigung (wenigstens auch) etwas mit der individuellen Stellung des Einzelnen vor Gott zu tun hat. Wright spricht davon als einer »second-order doctrine«, während die Reformatoren in soteriologischer Akzentuierung darin die Lehre sehen, mit der alles im Christentum steht und fällt (… ein Urteil, das in gesamtbiblischer Perspektive ebenfalls die Tendenz zur Übertreibung in sich trägt). Es geht – wie bereits erwähnt wurde – für die Neue Paulusperspektive bei der Rechtfertigung um eine nationale, körperschaftliche Angelegenheit des Eingegliedertseindürfens in den (bestehenden) nationalen Bund mit Gott, der nun auch für Heiden eröffnet sei, ermöglicht durch die Weltherrschaft des erhöhten Christus. So einseitig oder auch unvollständig einige reformatorische Ansichten und Lehren im Urteil der Aussagen des gesamten Neuen Testaments gewesen sein mögen, die Antworten der Neuen Perspektive in der Paulusinterpretation liefern letztlich mehr Probleme und Fragezeichen, als dass sie wirklich Lösungen für exegetische oder theologische Probleme anbieten.

Einen bemerkenswerten Aufsatz hat der Systematiker Wilfried Härle im Jahr 2006 veröffentlicht (»Paulus und Luther: Ein kritischer Blick auf die ›New Perspective‹«, ZThK, Bd. 103 (2006), S. 326–393). Der Schwerpunkt dieser Untersuchung liegt nicht auf der Frage, »ob Paulus das Judentum seiner Zeit richtig verstanden und beschrieben hat, sondern auf der Frage, welche theologischen Auffassungen Luther (zusammen mit den übrigen Reformatoren) aus Paulus gewonnen hat und ob sie von E. P. Sanders und anderen Vertretern der New-Perspective richtig verstanden und wiedergegeben werden« (S. 362). Härle rekonstruiert, von welchen Prämissen aus E. P. Sanders zu seiner These von der Unvereinbarkeit zwischen Paulus und Luther gekommen ist und prüft das vorausgesetzte Bild der paulinischen und lutherischen Theologie. Schließlich stellt Härle das Verhältnis zwischen den paulinischen und lutherischen Aussagen über Sünde und Heil des Menschen dar, so wie er es versteht. Härle weist m. E. überzeugend nach, dass Sanders Luther in mehreren Punkten nicht verstanden hat. Sanders unterstellt – kurz gesagt – Luther einen viel zu flachen Sündenbegriff. Im christlichen Leben geht es nicht um formale Gebotserfüllung, sondern darum, Gott von ganzem Herzen zu lieben (381):

Solange ein Mensch den Willen Gottes zu erfüllen versucht aus Furcht vor der Strafe Gottes oder aus Hoffnung auf den Lohn Gottes, kann er zwar jede Handlung vollziehen, die vom Gesetz geboten ist, aber er liebt dabei nicht Gott, sondern immer nur sich selbst. Das Motiv, der Strafe, dem Zorn, dem Gericht Gottes zu entgehen, hat seinen einzigen Grund in dem Willen oder Hoffen des Menschen, sich selbst vor der Strafe Gottes in Sicherheit zu bringen und das Heil zu gewinnen. Und der ›gerechte Gott‹ (im Sinne der iustitia activa) ist dabei dasjenige Gegenüber, von dem die Bedrohung ausgeht.

Sanders hat diese Tiefendimension des Sündenbegriffs bei Luther übersehen (S. 382):

Bei allem Respekt: Diese Einsichten Luthers haben sich E. P. Sanders auch nicht von ferne erschlossen. Er sieht in Luther einen Menschen, der Schuld- und Gewissensprobleme hat und sich darum durch den Gedanken einer zugerechneten, fiktiven Gerechtigkeit eine Lösung zurechtlegt, an die er glauben kann, die ihm hilft, mit seinen Schuld- und Gewissensproblemen zu leben, und die ihn doch nicht nötigt, sein Leben radikal zu ändern und am Willen Gottes auszurichten. Das alles hat mit Luther – klar und deutlich gesagt – nichts zu tun.

So schließt Härle:

Die Sünde als die verkehrte, nicht vom Vertrauen bestimmte Gottesbeziehung, nimmt das Gesetz zum Anlaß, sei es im speziellen Fall, um die Begierde zu wecken, sei es generell, um den Menschen zum Selbstruhm und Anspruchsdenken vor Gott zu verführen. Auf dieser – bei Sanders gar nicht betretenen – Ebene knüpft Luther unmittelbar an Paulus an und entdeckt insbesondere in der spätmittelalterlichen Theologie der römisch-katholischen Kirche reichlich Ansätze für eine Verleugnung der Glaubensgerechtigkeit zugunsten der Werkgerechtigkeit. Das ist natürlich – verglichen mit der paulinischen Situation – eine ganz andere Frontstellung, weil Luther sich ja mit seiner christlichen Kirche und ihrer Lehre kritisch auseinandersetzt, nicht mit dem Judentum oder Heidentum, das erst für den Glauben an Jesus Christus gewonnen werden soll. Aber wenn man diese Unterschiede in Rechnung stellt und im Blick behält, kann man wohl sagen, daß Luther auch und gerade an dieser Stelle vom Apostel Paulus entscheidende Einsichten übernommen hat, die für Kirche und Theologie damals und heute zu wichtig sind, als daß sie vergessen oder verleugnet werden dürften.

Schlussendlich möchte ich auf die Theologie des Neuen Testaments von Ferdinand Hahn verweisen. Im ersten Band dieses herausragenden Werkes kommt Hahn im Rahmen seiner Untersuchungen zur Bedeutung und Funktion des Gesetzes kurz auf Sanders, Dunn und Räisänen zu sprechen (Ferdinand Hahn, Theologie des Neuen Testaments: Die Vielfalt des Neuen Testaments, Bd. 1, 3. Aufl., Tübingen: Mohr Siebeck, S. 232–233). Nachdem Hahn dargestellt hat, dass gemäß Sanders das Tun der Menschen nicht dem Erwerb des Heils, sondern der Bewahrung des Heils diente und gemäß Dunn Beschneidung und Gesetzesobservanz indentity marker für das jüdische Selbstverständnis sind, konstatiert er (S. 232):

So wichtig diese Beobachtungen sind, es kann trotz der grundlegenden Bedeutung der Zugehörigkeit zum Bund nicht übersehen werden, daß es seit der prophetischen Tradition das Problem des Bundesbruches gab und daß darüber hinaus das endzeitliche Gottesgericht ein zunehmendes Gewicht erhielt. Die Folge war ein durchaus ambivalentes Verhalten zum Gesetz, das zwar nach wie vor entscheidendes Kennzeichen der Zugehörigkeit zu dem von Gott erwählten Volk war, zugleich aber im Blick auf das ausstehende Landgericht Ungewißheit und eigenes Streben nach Gerechtigkeit einschloß. Ein solches Verständnis ist jedenfalls bei Paulus vorausgesetzt.

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Der Beitrag kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden:
Neuere Blicke auf die NPP.pdf.

NIV Bibel Update

Die überarbeitete Übersetzung der NIV Bibel sollte viele Probleme mit der ›geschlechtergerechten Sprache‹ lösen. Überzeugt das Ergebnis? Christian Post schreibt:

A new report by a leading critic of the TNIV finds that 75 percent of gender-related problems in the now-defunct version are retained in the updated NIV Bible.

The Committee on Biblical Manhood and Womanhood this week published a full critical evaluation of the new NIV Bible, concluding that the latest translation »cannot be considered sufficiently trustworthy in its translation of gender language.« The findings were consistent with the group’s November statement that refused to commend the 2011 NIV (actually copyrighted 2010) due to »gender-related« language problems it previously identified in the TNIV.

Hier die CBMW-Stellungnahme: www.cbmw.org.

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