Ethik

Beiträge aus dem Bereich Ethik.

Schön ist auch gut

Melanie Mühl hat einen exzellenten Beitrag für die FAZ über die Ethik der Selbstoptimierung geschrieben. Der Arzt von heute bietet »Dienstleistungen der Rundumoptimierung« an. In der Konkurrenzgesellschaft stehen wir insgeheim auch im Wettbewerb mit der Natur. Fast unmerklich verändert sich dabei die Moral.

Man kann den Eindruck bekommen, Menschen mit Down-Syndrom seien aus unserem Straßenbild schon verschwunden. Das wäre paradox, da durch den medizinischen Fortschritt ihre Lebenserwartung und ihr Entwicklungspotential gestiegen sind. Es gibt eine gesicherte Zahl: Mehr als neunzig Prozent der Ungeborenen, die positiv auf Trisomie 21 getestet werden, werden abgetrieben. Es wäre anmaßend, mit dieser Zahl ein moralisches Urteil zu verbinden. Das Problem liegt tiefer. Die Frage ist, wie es um eine Gesellschaft steht, in der sich beinahe alle betroffenen Eltern gezwungen fühlen, sich gegen ihr behindertes Kind zu entscheiden? Wie groß muss ihre Angst vor einem auf Wachstum ausgerichteten System sein, in dem jede Beschränkung als Verlust verbucht wird, der nicht zu kompensieren ist – und wie gering die Unterstützung? Der Druck, für den das Gesundheitssystem maßgeblich verantwortlich ist, lastet auf vielen Eltern so stark, dass sie scheinbar gar keine Wahl haben.

Die Zahl der neunzig Prozent, die wir unter dem Stichwort Autonomie verbuchen, ist ein Skandal, aber sie wird nicht als Skandal benannt. Im Gegenteil. Der Frankfurter Soziologe Tilman Allert vermutet, dass der Grund, weshalb wir immer noch so tun, als stünden wir auf der moralisch richtigen Seite, daher rührt, dass wir die Moderne automatisch mit durchgesetzter Moralität identifizieren. Das Moderne werde als das moralisch Gute begriffen. Das bedeutet nichts anderes, als von einem ästhetischen Niveau der Lebensführung auf die moralische Kategorie zu schließen. 1971 publizierte der »Stern« den spektakulären Titel »Wir haben abgetrieben«. Unheimlich, sich vorzustellen, er würde in einer Neuauflage einmal lauten: »Wir haben nicht abgetrieben.«

Hier der Artikel »Ihn würde der Leberfleck stören«: www.faz.net.

Politische Geschlechtsumwandlung

Im Jahr 2006 schrieb Volker Zastrow einen viel beachteten Artikel über Gender Mainstream und legte darin die Quellen der Ideologie offen.

Der Begriff »Gender« stammt aus der Sexualpsychologie. Er entsprang dem Bemühen, sprachlich mit der Transsexualität umzugehen: mit der leidvollen Selbstwahrnehmung mancher Menschen, dem anderen Geschlecht anzugehören, in einem falschen Körper zu stecken. Daraus entwickelte sich die Vorstellung eines vom biologischen Geschlecht (im Englischen: sex) abgelösten emotionalen oder metaphysischen Geschlechts (gender). Diese Grundidee wurde von der Homosexuellenbewegung übernommen. Gender wurde zur Sammelbezeichnung für das »soziale Geschlecht« weiterentwickelt, das den Menschen ihre

»Zwangsheterosexualität« zuweise. Geschlecht ist demnach sowohl eine ideologische Hypothese als auch eine gesellschaftspolitische Konstruktion. Die Theorie wurde hauptsächlich von Feministinnen erarbeitet und erweitert.

Der Zusammenhang von Feminismus und Lesbenbewegung wird öffentlich verbrämt, dabei ist er nachgerade zwingend. Denn während homosexuelle Männer auch ohne Frau und Kinder in der sogenannten »patriarchalischen« Gesellschaft erfolgreich sein konnten, bot sich diese Möglichkeit homosexuellen Frauen kaum. Ihnen drohte die Abwertung als »alte Jungfer«; berufliche Bildung, Aufstieg und Anerkennung waren für sie erheblich schwerer zu verwirklichen als für den alleinstehenden Mann. Der Zusammenhang zwischen Frauen- und Lesbenbewegung, der in der Politik der großen Koalition als Gleichstellungs- und Gleichbehandlungspolitik aufscheint, ist also durchweg biographischer Natur.

Er kann aber nicht offenbart werden, da die Interessen von Lesben gerade in der bedeutsamen Frage von Ehe und Familie mit denen anderer Frauen keineswegs übereinstimmen.

Es lohnt sich, den Text fünf Jahre nach Erstveröffentlichung nochmals zu lesen. Vieles, was damals noch ungewöhnlich oder abstrus klang, ist heute selbstverständlich politische Agenda: www.faz.net.

Die Antwort von Bischof Wilckens

Sollen homosexuelle Geistliche mit ihrem Partner im Pfarrhaus leben dürfen? An dieser Frage hat sich in den vergangenen Wochen eine heftige ethische und theologische Diskussion entzündet. Auslöser war ein offener Brief von acht evangelischen Altbischöfen, die gleichgeschlechtliche Sexualität für bibelwidrig halten. Einer von ihnen ist der pensionierte nordelbische Bischof Ulrich Wilckens. Er hat nun seine Position weiter erläutert:

In der Tat habe ich mich in der Erstauflage von 1978 dagegen ausgesprochen, die scharf verurteilenden Sätze des Apostels Paulus in Röm 1,26f. »heute noch in dem Sinne zu übernehmen, daß Homosexualität ein sittlich verwerfbares Vergehen sei«. Es ist Ebach jedoch entgangen, dass ich diesen Satz in der 3. durchgesehenen Auflage von 1997 getilgt habe. Erst im Zusammenhang meines Bischofsdienstes 1981-1991 nämlich bin ich genötigt worden, nicht nur über die jüdische Herkunft dieses Urteils des Apostels, sondern vor allem zugleich über die theologische Begründetheit seines großen Gewichts im Zusammenhang biblischer Theologie im ganzen neu verantwortlich nachzudenken. Überhaupt hat mein verantwortlicher Dienst in der kirchlichen Praxis meine wissenschaftliche Exegese theologisch vertieft, wie es meine »Theologie des Neuen Testaments«, die ich danach in meinem Ruhestand erarbeitet habe, erweist. Ich wünschte Herrn Ebach in seinem Ruhestand eine entsprechend intensive Neubegegnung mit der Bibel als der Heiligen Schrift der Kirche – so würde ihm seine Art, über ernste Dinge so herablassend »spöttisch« zu denken und zu reden, ganz von selbst vergehen.

Hier sein Beitrag: www.evangelisch.de.

Ethics for a Brave New World

Die Brüder John und Paul Feinberg haben 1993 das Buch Ethics for a Brave New World herausgegeben. Nun wurde das empfehlenswerte Werk neu aufgelegt. John Kilner schreibt zum Buch:

Since the first edition, changes in the world have only made this book’s title more apt. Again and again, science fiction has become science fact; and with masterful theological discernment, Ethics for a Brave New World helps us to make sense of what is happening. It does a tremendous service by gathering and interpreting an ocean of literature on key issues of our day. Readers will come away informed about the issues, conversant with the multifaceted debates that swirl around these vital challenges, and equipped and inspired to engage them in a way that glorifies God.

Hier Inhaltsverzeichnis und Vorwort zur erweiterten Auflage: ethics-for-a-brave-new-world-download.pdf.

Justin Taylor hat mit dem Theologen John Feinberg über das Buch gesprochen:

Das Buch kann hier bestellt werden:

Interview mit Tim Keller

Hier ein ausführliches DG-Internview mit Tim Keller. Schwerpunkt des Gesprächs ist sein Leben und das Thema »Soziale Gerechtigkeit«.

TAZ-Mitgründer soll Kinder missbraucht haben

Unter den Lehrern, die an der Odenwaldschule Kinder missbraucht haben, soll ein späterer Mitbegründer der TAZ gewesen sein. Mehrere Zeitungen haben heute am 22. Januar darüber berichtet. Recherchen der Berliner Zeitung bestätigen das. Die SZ schreibt:

Über den Fall berichtete die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vorab. Die taz selbst ging in ihrer Samstagsausgabe darauf ein. Wie die Berliner Zeitung berichtet, war W. lange als Stuttgarter Korrespondent für die taz tätig, berichtete unter anderem aus dem RAF-Prozess. Ende 2009 ist er im Alter von 64 Jahren gestorben.

An der Schule scheint es dem Bericht zufolge ein offenes Geheimnis gewesen zu sein, dass W. zu den pädophilen Lehrern gehörte. Mit dem »griechischen Bild von der Knabenliebe« und dem »pädagogischen Eros« seien die Übergriffe gerechtfertigt worden.

Der Kunstlehrer brach nach den Angaben des Blattes 1972 mit der Odenwaldschule, kam später zu taz. Der Journalist veröffentlichte in Spiegel, Stern und Zeit. Auch an der Produktion der Kindersendung Tigerenten Club soll der frühere SWR-Mitarbeiter beteiligt gewesen sein. Ebenso soll er Treffen zwischen Nobelpreisträgern und Kindern auf der Insel Mainau veranstaltet haben, aus denen eine Kinderuniversität hervorging.

Hier mehr: www.sueddeutsche.de.

Generation Vaterlos

Jedes fünfte Kind in Deutschland wächst bei nur einem Elternteil auf. Knapp 1.500.000 Kindern fehlt der Vater. Das hat Konsequenzen für ihre seelische Entwicklung. So ist beispielsweise die Anzahl hyperaktiver Jungs bei Alleinerziehenden doppelt so hoch als bei Jungs, die in einer Familie aufwachsen.

Hier ein sehr interessanter DLF-Beitrag zum Thema:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/01/21/dlf_20110121_0953_56792253.mp3[/podcast]

Der Wolf in Schafskleidern als eigentliche Aufgabe

Dietrich Bonhoeffer schreibt in Schöpfung und Fall (München, 1955, S. 83) über das Böse:

Dort, wo das Böse sich in seiner Gottlosigkeit zeigt, dort ist es ganz machtlos, dort ist es ein Kinderschrecken, dort brauchen wir es nicht zu fürchten, ja dort konzentriert es dann auch gar nicht seine Gewalt, sondern dort lenkt es meist nur ab von dem anderen Ort, an dem es durchbrechen will. Der Wolf in Schafskleidern, der Satan in der Lichtgestalt des Engels – das ist das angemessene Bild des Bösen.

Die Erstauflage erschien 1937.

Vom Arbeiten und Ruhen

Es gibt stolze Menschen und solche, die sich als Gottes Geschöpfe minderwertig fühlen. Andere ignorieren das Sabbatgebot und arbeiten unentwegt oder aber sind faul. Dabei kommt es auf die Ausgewogenheit an. Kevin DeYoung hat kürzlich Pastoren empfohlen, ab und zu eine deftige Auszeit zu nehmen, damit sie nicht ausbrennen. In einem neuen Beitrag zitiert er aus einer superben Calvin-Biografie von Bruce Gordon. Aus dem von ihm gewählten Zitat geht hervor, dass die Reformatoren dann, wenn sie gearbeitet haben, dies mit Hingabe, Disziplin und Gründlichkeit taten. Kurz: Ohne diese Arbeitseinstellung hätte die Reformation nicht erfolgreich sein können.

I’ve been slowly working my way through Bruce Gordon’s masterful biography of the Genevan Reformer (Yale 2009). Recently I underlined this passage:

And here was a formula that would serve Calvin well throughout his time in the city: extremely hard work on his part combined with the disorganization and failings of his opponents. (133)

No doubt, Luther and Calvin and Owen and Edwards and name-your-hero were brilliant. But they also were indefatigable. They did so much, in part, because God gave them the discipline, the drive, and the single-minded determination to keep their hands to the plow more than almost anyone else.

The combination of teaching, preaching, writing and pastoral care was doubtless exhausting, but was the routine familiar to all sixteenth-century reformers. Melanchthon in Wittenberg, Bullinger in Zurich and Bucer himself in Strasbourg knew nothing other than long days of labour and service that began with early-morning worship and ended with writing and reading texts and letters by candlelight. It was how they had been educated from boyhood, and many had monastic backgrounds. The extraordinary discipline and single-mindedness of the reformers becomes apparent only when we stop to consider how much they achieved. (86)

Der entscheidende Abschnitt in deutscher Sprache:

Die Kombination aus Lehre, Predigen, Schreiben und der pastoralen Fürsorge war zweifellos kraftraubend, aber für alle Reformer des 16. Jahrhunderts vertraute Routine. Melanchthon in Wittenberg, Bullinger in Zürich und Bucer in Strassburg kannten nichts anderes als lange Tage der Arbeit und des Dienstes, die mit der Andacht am frühen Morgen begannen und mit dem Schreiben und Lesen von Texten und Briefen bei Kerzenlicht endeten. So sind sie schon als Kinder erzogen worden, und viele von ihnen entammen einem klösterlichen Hintergrund … (86)

Hier mehr: thegospelcoalition.org.

Acht evangelische Alt-Bischöfe attackieren die Homo-Ehe für Pfarrer

In der evangelischen Kirche ist ein Streit über die Homo-Ehe für Geistliche ausgebrochen. In einem beispiellosen Schritt haben sich acht evangelische Altbischöfe gegen einen Beschluss der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewandt, Pastoren künftig zu ermöglichen, mit gleichgeschlechtlichen Partnern im Pfarrhaus zu wohnen (siehe das neue Pfarrdienstgesetz der EKD hier). Homosexuelle Partnerschaften seien »widernatürlich und schöpfungswidrig«, heißt es in einem gemeinsamen Brief der Bischöfe, den die ZEIT-Beilage »Christ & Welt« heute veröffentlicht hat.

»Die Kirche muss homosexuellen Menschen raten, bindungslos zu bleiben«, erklärte der Sprecher der Reformgegner, Altbischof Ulrich Wilckens, gegenüber dem Blatt. Dazu müsse die Kirche stehen, »auch wenn die Gesellschaft Druck ausübt«. Die Bischöfe fordern von den 22 Mitgliedskirchen der EKD, Widerstand gegen die geplante Änderung des Pfarrergesetzes zu leisten und sich ausdrücklich gegen homosexuelle Partnerschaften von Geistlichen auszusprechen.

Der Beschluss war auf der EKD-Synode im vergangenen November einstimmig verabschiedet worden. Er muss aber noch von den Landeskirchen ratifiziert werden. An sie richtet sich der Brief der acht. Für die Bischöfe ist der Beschluss der EKD-Synode ein Zeichen, dass biblische Normen »leider auch in unserer Kirche vielfach nicht mehr ernst genommen werden, bis hinein in die Lebenspraxis mancher Pfarrer«. Eine Diskriminierung von Minderheiten können die Bischöfe in ihrer Position nicht erkennen. Ein Nein zur Lebensweise von Homosexuellen bedeute nicht, »dass diesen ihre Menschenwürde abgesprochen« werde. Die Bischöfe machen auch geltend, dass eine Öffnung für homosexuelle Partnerschaften die Beziehung zur katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen belaste.

Mit ihrem Vorstoß brechen die Bischöfe mit dem ungeschriebenen Gesetz, dass sich ehemalige leitende Geistliche nicht in die Entscheidungen ihrer Nachfolger einmischen. Zu den Unterzeichnern gehören der württembergische Altlandesbischof Gerhard Maier, sein Vorvorgänger Theo Sorg, der frühere Thüringer Bischof und Vorsitzende des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR, Werner Leich, sowie der braunschweigische Altbischof Gerhard Müller.

Nachtrag vom 21.01.2011: DIE ZEIT hat inzwischen das PDF freigeschaltet: brief-altbischoefe.pdf.

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