Syst. Theologie

Paul Helm (1940–2025)

Der britischer Philosoph und reformierter Theologe Paul Helm ist vor einigen Tagen verstorben. Er lehrte am Regent College, wo er von 2001 bis 2005 als erster Inhaber des J.I. Packer-Lehrstuhls für Theologie tätig war. Von 2007 bis 2010 war er außerdem Professor für Theologie am Highland Theological College in Schottland.

Ich habe gern seinen Blog Paulhelmsdeep.blogspot.com verfolgt und einige seiner Bücher in guter Erinnerung. Sein Werk The Providence of God ist eine klare, eindringliche und zum Nachdenken anregende Einführung in einen wichtigen und viel diskutierten Bereich der Theologie und gilt inzwischen als Standardwerk.

Vor einigen Jahren hat Paul Helm, damals schon über 80 Jahre alt, ein Interview zur Frage der Willensfreiheit gegeben, in dem er sich mit der Sichtweise von Richard A. Muller auseinandersetzt (siehe dazu Reforming Free Will). Gern weise ich hier im Gedenken an ihn auf das Gespräch hin:

 

Werner Neuer (1951–2025)

Werner Neuer, ein renommierter evangelikaler Theologe, der vor allem für seine Arbeiten zur christlichen Anthropologie, Ethik und Sexualethik bekannt wurde, ist am 21. Dezember 2025 im Alter von 74 Jahren verstorben. Die Nachrichtenagentur IDEA meldet über seinen Werdegang

Nach seinem Studium der Geschichte, Politik, Geografie und Theologie promovierte Neuer 1985 an der Universität Marburg bei dem Theologen Carl Heinz Ratschow (1911–1999). Von 1990 bis 1997 war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Missionswissenschaft und Ökumenische Theologie der Universität Tübingen, danach Theologischer Referent der württembergischen Landeskirche. … Neuer war von 2000 bis November 2016 Dozent für Dogmatik, Ethik und Ökumene am Theologischen Seminar St. Chrischona (Bettingen bei Basel) und zeitweise Gastdozent für Theologie der Religionen an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel. Er galt als Fachmann für die Theologie des Schweizer Professors Adolf Schlatter (1852–1938).

Ich habe Werner Neuer erstmals 1982 oder 1983 in einem Workshop zur Dreieinigkeit kennengelernt (ich meine im Haus Friede in Hattingen). Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr mich seine Herangehensweise beeindruckt hatte. Neuer nahm die Bibel sehr ernst und war zugleich herausragend bewandert, was die zeitgenössische Theologie anbetraf. Ich glaube, dass er damit einen gewissen Eindruck bei mir hinterlassen hat. 

Das letzte Mal traf ich ihn auf einer Tagung vor rund 4 Jahren. Wir aßen zusammen Mittag und sprachen über die Defizite der evangelikalen Ethik. Er war besorgt. Völlig zurecht, wenn man bedenkt, dass heute in evangelikalen Kreisen Entwürfe gelesen oder sogar gefeiert werden, denen es nicht nur an intellektueller, sondern auch an biblisch-theologischer Tiefe mangelt. 

Werner Neuer hat mich schon früh darauf aufmerksam gemacht, dass der von den Evangelikalen übernommene Rollenbegriff für die Zuordnung von Mann und Frau problematisch ist. Interessanterweise haben auch konservative Theologen durch die Einführung der „Gender Roles“ die postmoderne Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht vorweggenommen oder übernommen. Man spricht dann von der Rolle, die Mann und Frau zu übernehmen haben. Das Handeln eines Mannes wird also nicht mit dem schöpfungsmäßigem Sein (d.h. mit dem Mannsein) begründet, sondern mit einer Rollenerwartung. Hat man dieses Denken erst einmal übernommen, ist es nicht mehr weit bis zu dem Schluss: Beim Geschlecht geht es nicht um ein Sein, sondern um das Spielen einer Rolle. 

Im Andenken an Werner Neuer will ich hier zitieren, was er darüber in seinem Buch Mann und Frau in christlicher Sicht ausgeführt hat (1982, S. 22–24): 

Das heute weitverbreitete Rollendenken geht davon aus, daß jeder Mensch ein ganzes Bündel von Rollen zu spielen hat, um den in der Gesellschaft üblichen Rollenerwartungen zu entsprechen. So befindet er sich beispielsweise in der Rolle des Mannes, des Gatten, des Vaters, des Lehrers, des Konsumenten und des Bürgers. Für jede dieser Rollen existieren in der Gesellschaft eine Reihe von Erwartungen, die der Mensch als Rollenträger zu erfüllen hat, wenn er nicht in Konflikt mit den Traditionen und Zielen der Gesellschaft geraten will. Die Erziehung hat die Aufgabe, den Menschen zu einer kritischen Aneignung der Rollenerwartungen zu befähigen und ihn damit zu einem sozialen Wesen zu machen. In allen Lebensbereichen ist der Mensch genötigt, bestimmte Rollen zu übernehmen. Der Evangelische Erwachsenenkatechismus bezeichnet sogar das Christsein als Rolle: „Es gibt meine Rolle als Christ, als Partner Gottes“.

Das hier kurz skizzierte Rollendenken ist ursprünglich in der Soziologie beheimatet und hat inzwischen bedeutenden Einfluß auf die pädagogische Theorie und Praxis in Deutschland genommen. Das wesentliche Merkmal des Rollendenkens besteht darin, den Menschen als Produkt der Gesellschaft zu verstehen, welche die verschiedenen Rollenerwartungen an ihn heranträgt. Es würde zu weit führen, Wahrheit und Irrtum dieses Rollendenkens hier genauer zu untersuchen. Der Soziologe R. Dahrendorf hat dies in seinem Buch „Homo sociologicus“ in bemerkenswerter Weise getan. Für unsere Untersuchung ist nur die Frage wichtig, ob es sachlich gerechtfertigt ist, von den „Rollen“ des Mannes, der Frau, des Vaters und der Mutter zu sprechen.

Der Begriff „Rolle“ ist ein Begriff aus dem Theaterleben und bezeichnet den Darstellungspart, der einem Schauspieler zugewiesen ist. Die Rolle ist für den Schauspieler – von geringfügigen Ausnahmen abgesehen – etwas Fremdes, mit dem er sich nur spielerisch identifiziert. Er stellt mit der Rolle nicht sich selbst, sondern einen anderen Menschen dar. Auch wenn er sich in großem Umfang innerlich mit der Rolle identifiziert und sie zur Selbstdarstellung benutzt (was häufig der Fall ist), bleibt die Rollendarstellung nur ein Spiel, welches das tatsächliche Denken und Wollen des Schauspielers nicht unmittelbar zur Sprache bringt.

Wir haben oben festgestellt, daß die Geschlechtlichkeit nicht eine zwar wichtige, aber unwesentliche Äußerlichkeit, sondern ein Sein des Menschen ist, das sein gesamtes Verhalten bestimmt. Nimmt man dies wirklich ernst, dann wird die Unangemessenheit des Rollenbegriffs für das Verständnis der Geschlechtlichkeit offenkundig. Der Mensch spielt nicht die Rolle des Mannes oder der Frau, sondern er ist Mann oder Frau. Das Geschlecht ist keine Rolle, die beliebig gewechselt werden kann wie Bühnenrollen, sondern ein fundamentaler Aspekt des Menschseins, dem sich kein Mensch entziehen kann und aus dem sich ganz bestimmte Aufgaben und Verhaltensweisen für ihn ergeben. Diesem Tatbestand muß auch der Sprachgebrauch Rechnung tragen. Es ist daher ratsam, beispielsweise von „Mannsein“, „Frausein“, „Vatersein“, Muttersein“ oder „Männlichkeit“, „Fraulichkeit“, „Vaterschaft“, „Mutterschaft“ und den sich daraus ergebenden Aufgaben zu reden. Bei einem solchen Sprachgebrauch wird deutlich, daß es beim Geschlecht um ein Sein geht und nicht um eine Rolle, die man spielt und die einem von einer fremden Instanz wie der Gesellschaft zudiktiert wird. Der Rollenbegriff ist im Zusammenhang mit dem Geschlechtsverhalten allenfalls bei Homosexuellen sinnvoll, wo Männer die Rollen der Frau und Frauen die Rolle des Mannes spielen. Gerade diese Tatsache, daß der Rollenbegriff treffend Formen pervertierten Sexualverhaltens beschreibt, zeigt, wie untauglich er für die schöpfungsgemäße Verhältnisbestimmung von Mann und Frau ist. Die heute weit verbreitete Redeweise von den „Rollen“ der Geschlechter sollte deshalb um der Wahrheit willen aufgegeben werden, denn sie verdunkelt die Tatsache der wesenhaften Geschlechtlichkeit des Menschen und erweckt den falschen Anschein, als ob die beobachtbaren Eigentümlichkeiten im Verhalten der Geschlechter und die geschlechtsverschiedene Aufgabenverteilung nur Produkt der Gesellschaft und damit gesellschaftlich korrigierbar sind. Zwar ist ohne weiteres zuzugeben – und darin liegt das Wahrheitsmoment des Rollendenkens –, daß die Gesellschaft einen bedeutenden Einfluß auf das Verhalten der Geschlechter hat, entscheidend ist aber, daß die Gesellschaft nur die bereits vorgegebene natürliche Eigenart von Mann und Frau (negativ oder positiv) zu beeinflussen vermag und dieser Beeinflussung durch die natürlichen Anlagen unüberschreitbare Grenzen gesetzt sind. Wir werden in einem späteren Kapitel noch den genaueren Nachweis erbringen, daß die geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen von Mann und Frau primär anlagebedingt und erst sekundär gesellschaftlich bedingt sind (vgl. S. 51–59).

Das Rollendenken ist ein einseitig soziologisches Denken, das die Bedeutung der Gesellschaft überschätzt und die Bedeutung der Schöpfungswirklichkeit verkennt. Es ist ein typisches Produkt der Überbetonung der vom Menschen gemachten Geschichte auf Kosten der den Menschen Grenzen setzenden Natur. Dieser Überbetonung der Geschichte – wie sie besonders handgreiflich im Marxismus zutage tritt – liegt eine Überschätzung des vom Menschen Machbaren und eine Unterschätzung der von Gott dem Menschen durch die Natur gesetzten Schranken zugrunde.

Ralf Frisch: Gott

Frisch Cover.

In seinem neuen Buch Gott kritisiert Ralf Frisch die anthropozentrische Theologie unserer Zeit. Genauso wenig, wie Bäckereien überleben werden, wenn sie Hungrigen Steine statt Brot verkaufen, wird eine Kirche bestehen können, wenn der Mensch die Antwort auf alle Fragen ist.

Hier aus meiner Rezension:

Aber wer ist dieser Gott, von dem die Kirche zu reden hat? Frisch verteidigt das „Deus semper maior“. Gott ist immer größer, als Menschen glauben und denken. Er übersteigt alle menschlichen Versuche, ihn mit der Vernunft zu fassen (vgl. S. 62). „Der Mensch ist Mensch. Und Gott ist Gott … Gott kann nicht das Wesen sein, dem die Welt überlegen sein könnte. Sonst wäre er nicht Gott“ (S. 63). Doch auch wenn sich Gott den positiven Definitionen entziehe, könne ausgeführt werden, was Gott nicht ist. Gott sei kein vergöttlichter Mensch und keine Chiffre für humanitäre Solidarität (vgl. S. 64 f.). Gott könne laut Frisch auch keine unpersönliche Macht, sondern müsse ein personales Wesen sein. Denn ein „Gott, der keine Person ist, verdient den Namen Gott nicht. Ein Gott, der nur irgendwie da wäre, aber nicht wissen und fühlen würde, wie es ist, ‚da‘ zu sein, wäre kein Gott“ (S. 71).

Es ärgert Frisch, dass die akademische Theologie verlernt hat, über Gott zu staunen. Sie duldet nicht, dass Gott die menschlichen Rationalisierungen aufbricht und „in den intellektuell, psychisch und moralisch abgeriegelten Raum der Welt eindringt“ (S. 85). „Dass Gott in irgendeiner Weise zu fürchten und ihm nicht mit Hochmut, sondern mit Demut zu begegnen sein könnte, ist eine Vorstellung, die von der humanistischen Theologie unserer Gegenwart nahezu rückstandslos entsorgt wird“ (S. 93).

„Eine erschreckend weltfremde Identifizierung von Gott und Natur und von Gottvertrauen und Naturvertrauen im Namen einer naturverklärenden Schöpfungsspiritualität inklusive der theologisch im Blick auf den HERRN längst verabschiedeten Demuts- und Ehrfurchtrhetorik greift immer unverhohlener und immer unwidersprochener um sich.“ (S. 98)

„Von Gottesfurcht und Gottesschrecken, die in der Bibel mit jeder Epiphanie einhergehen, ist vielleicht tatsächlich nur noch die Angst der aufgeklärten Christinnen und Christen übriggeblieben, Gott zum Thema zu machen“ (S. 85 f.). Unter Berufung auf Rudolf Otto und Ludwig Wittgenstein plädiert Frisch dafür, das Unaussprechliche dadurch zu ehren, dass man anbetend schweigt (vgl. S. 88): „Vielleicht herrscht im Protestantismus zu viel Ethos und zu wenig Sprachlosigkeit, also zu wenig Kultus und zu wenig Mystik“ (S. 87).

Mehr: www.evangelium21.net.

Natürliche Freiheit versus moralische Freiheit

Robert Bellah, Richard Madsen et al. schreiben in Gewohnheiten des Herzens über den Puritaner John Winthrop (Bund-Verlag, 1987, S. 53):

Die Puritaner waren nicht uninteressiert an materiellem Wohlstand und werteten ihn unglücklicherweise als ein Zeichen der Belohnung durch Gott Dennoch war ihr grundlegendes Erfolgskriterium nicht der materielle Reichtum, sondern der Aufbau einer Gemeinschaft, in deren Mittelpunkt ein genuin ethisches und geistiges Leben stand. Während seiner zwölf Amtsperioden als Gouverneur widmete sich Winthrop, ein für die damalige Zeit relativ reicher Mann, vor allem der Aufgabe, für die Wohlfahrt der Kolonie zu sorgen. Er verwendete dazu oft auch eigenes Geld für öffentliche Zwecke. Gegen Ende seines Lebens mußte er sein Gouverneursamt aufgeben, weil sein vernachlässigtes Landgut vom Bankrott bedroht war. Die puritanischen Siedlungen des 17. Jahrhunderts können als der erste Versuch verstanden werden, eine utopische Gemeinschaft in Amerika zu schaffen. Viele ähnliche Projekte folgten. Sie gaben dem amerikanischen Experiment insgesamt eine utopische Färbung, die nie ganz verblaßte, auch wenn die Utopien scheiterten.

Für Winthrop war Erfolg viel ausdrücklicher an die Stiftung einer ethischen Gemeinschaft gebunden, als es für die meisten Amerikaner heute der Fall ist. Seine Freiheitsidee unterscheidet sich mehrfach von der unserer Gegenwart. Er wandte sich gegen die von ihm so genannte „natürliche Freiheit“, unter der er die Freiheit des Menschen verstand, zu tun, was er will, ob es nun böse oder gut sei. Dagegen sei wahre Freiheit, die er auch „moralische“ Freiheit nannte, „in Ehrfurcht vor dem Bund zwischen Gott und den Menschen, (…) dem Guten, Gerechten und Ehrenvollen“ verpflichtet. „Für diese Freiheit“, so sagte er, „müßt ihr mit dem Wagnis eures Lebens einstehen.“ Jede Autorität, die diese Freiheit verletzt, ist keine wahre Autorität und muß beseitigt werden. Hier betont Winthrop wieder den ethischen Kern seiner Freiheitsidee, den andere Traditionen in Amerika nicht anerkannt haben.

In ganz ähnlicher Form war Gerechtigkeit für Winthrop ein grundsätzliches Anliegen und nicht nur eine Frage des Verfahrens. Cotton Mather beschreibt Winthrops Regierungsstil folgendermaßen: „Er hat als Gouverneur äußerst gründlich ein Buch studiert, das, obwohl es vorgab, Politik zu lehren, nur drei Blätter enthielt. Auf jedem dieser Blätter stand nur ein Wort, und das hieß ‚Mäßigung‘.“ Als ihm während eines besonders langen und harten Winters berichtet wurde, ein armer Mann aus seiner Nachbarschaft hätte Holz bei ihm gestohlen, rief Winthrop ihn zu sich und teilte ihm mit, daß er wegen der Strenge des Winters und seiner Bedürftigkeit die Erlaubnis erhalte, für den Rest der kalten Jahreszeit Winthrops Holzvorräte mitzubenutzen. Freunden erzählte er, diesen Mann habe er gründlich vom Stehlen kuriert.

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Martin Luthers Verhältnis zur aristotelischen Ethik

Der lutherische Theologe Jordan B. Cooper forscht derzeit zu Martin Luthers Verhältnis zur aristotelischen Ethik. Hier ein Zwischenergebnis:

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Luthers schärfste Kritik an Aristoteles in seiner frühen Karriere, noch vor der vollständigen Ausarbeitung seiner reformatorischen Theologie, zum Ausdruck kommt und sich insbesondere auf die Art und Weise bezieht, wie Aristoteles’ Ethik in Bezug auf die christliche Gerechtigkeit (die eher passiv als aktiv ist) angewendet wird. Dieselbe Sorge treibt auch seine Kritik an der thomistischen Verwendung von Aristoteles an, die Luther nicht nach Thomas’ eigenen Begriffen versteht, sondern durch die Interpretation von Thomas, die Kardinal Cajetan als polemisches Mittel gegen die Reformation verwendete. Luthers engster Mitarbeiter, Philipp Melanchthon, integriert einen starken Aristotelismus in sein Denken, wobei er zwischen christlicher Gerechtigkeit und philosophischer Gerechtigkeit unterscheidet, was in einer der Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche (der Apologie der Augsburger Konfession) ausdrücklich zum Ausdruck kommt. Luther übernimmt diese Melanchthon’sche Unterscheidung zwischen passiver Gerechtigkeit und philosophischer Gerechtigkeit in seinen Vorlesungen über den Galaterbrief von 1535. In seinen letzten Vorlesungen zitiert Luther Aristoteles positiv zum Thema Ethik und zeigt damit, dass es keine vollständige Diskontinuität zwischen den beiden Denkern gab.

Mehr: jordanbcooper.substack.com.

Kultur des Todes (23): Sich der Last des eigenen Lebens entledigen

Die beiden Kessler-Zwillinge seien gemeinsam so selbstbestimmt aus dem Leben geschieden, dass dies gleich die Debatte über Sterbehilfe befeuert. Mittlerweile ist in den Niederlanden jeder zwanzigste Todesfall ein assistierter Suizid. Am Horizont erscheint bereits das Menschenrecht auf einen assistierten Suizid.

Daniel Deckers schreibt (FAZ, 22.11.2025, Nr. 272, S. 1): 

Das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe hielt nicht lange. Erst erkannte das Bundesverwaltungsgericht darauf, dass der Staat nicht das Recht habe, einem Bürger in einer gesundheitlich ausweglosen Situation den Zugang zu einer todbringenden Substanz zu untersagen, dann wischte das Bundesverfassungsgericht alle Befürchtungen vor einer neuen Normalität, ja Normativität mit einem juristischen Federstrich beiseite: Freiverantwortlicher Suizid sei nichts weniger als die Aktualisierung jener „autonomen Selbstbestimmung“, die das Grundgesetz zur alles normierenden Norm erhoben habe.

Daher müsse jedermann zu jeder Zeit und ohne jede Prüfung der Beweggründe das Menschenrecht auf assistierten Suizid in Anspruch nehmen können – vorausgesetzt, die Entscheidung sei freiverantwortlich, also bei wachem Bewusstsein und ohne Druck von außen gefällt worden. Das sicherzustellen könne der Gesetzgeber mit einem „Schutzkonzept“ versuchen, müsse es aber nicht.

In der vergangenen Legislaturperiode ist der Bundestag an dieser Aufgabe gescheitert. Ob die Abgeordneten einen weiteren Versuch unternehmen, ist ungewiss. Im Koalitionsvertrag findet sich darüber kein Wort, genauso wenig wie über Suizidprävention. Dabei hätten die Deutschen längst von Österreich lernen können. Dort verwarf der Verfassungsgerichtshof 2020 das Verbot des assistierten Suizids und erlegte dem Parlament auf, das Recht auf den Tod von eigener Hand gesetzlich auszugestalten. Dem kamen die Abgeordneten umgehend nach – aber nicht, ohne die Exekutive im Bund und den Ländern sowie die Akteure im Gesundheitswesen zu verpflichten, die Palliativ- und Hospizversorgung zu verbessern. In Deutschland kann davon bis heute nicht die Rede sein.

Die öffentlich gestellte Frage Alice Kesslers „Wer möchte ins Heim oder ein Pflegefall werden?“ dürfte wohl immer seltener als (wichtige) Enttabuisierung von Suizidgedanken oder als Aufgabe an die Gesellschaft und die Politik gelesen werden, alles Menschenmögliche für Humanität im Alter zu tun, sondern als implizite Aufforderung, sich der Last des eigenen Lebens selbst zu entledigen, ehe es zu spät ist. In den Niederlanden ist mittlerweile jeder 20. Todesfall ein assistierter Suizid. Und es mehren sich die Fälle, in denen Ärzte und Angehörige nachhelfen, wenn der eigene Wille zu schwach oder gar nicht mehr da ist.

Was passiert mit deiner Seele, wenn du stirbst?

Kim Riddleberger geht der Frage nach, was – biblisch gesehen – passiert, wenn ein Mensch stirbt:

Wir alle haben schon Geschichten über Menschen gehört, die angeblich gestorben und dann aus dem Jenseits zurückgekehrt sind. Solche Erzählungen sind faszinierend, was das Aufkommen eines ganzen Buchgenres erklärt, das sich mit Nahtoderfahrungen beschäftigt. Es handelt sich um Geschichten über den Aufenthalt des Autors im Himmel, bevor er zurückkehrt, um ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben. Diese Bücher berichten in der Regel von Begegnungen mit verstorbenen Angehörigen, enthalten oft Beschreibungen des Himmels (meist übertriebene irdische Szenen), Berichte über Begegnungen mit Jesus, Gespräche mit Gott und Beschreibungen himmlischer Dinge.

All diese vermutlich fiktiven Berichte stehen jedoch im Widerspruch zu dem, was wir aus der Bibel über den Eintritt in die Gegenwart Gottes wissen. Ich denke dabei an Jesaja 6,1–7. Jesaja hat eine Vision des Herrn und reagiert überwältigt von seiner Unwürdigkeit. Die biblischen Berichte über Gottesbegegnungen – wie Moses’ Blick auf die Herrlichkeit des Herrn (vgl. 2Mose 33,18–23) – lösen Angst, wenn nicht gar Schrecken aus, in der Gegenwart des heiligen Gottes zu sein. Die biblischen Berichte passen nicht zu der beiläufigen, wenn nicht gar trivialen Art von Literatur, die mit „ich habe den Himmel gesehen“ oder „ich bin mit Jesus gegangen“ beginnt. Da die Bibel weder den Sterbeprozess noch die Gedanken Sterbender beschreibt, haben viele versucht, diese Lücke mit erfundenen Geschichten zu füllen. Leider waren sie dabei sehr erfolgreich, sodass viele Menschen diese Legenden als Wahrheit betrachten.

Mehr: www.evangelium21.net.

„Nach der Abtreibung war ich erleichtert wie selten zuvor“

Expressiver Individualismus ist nach Carl Trueman die Überzeugung, dass das wahre Selbst im Inneren eines Menschen liegt und dass Authentizität darin besteht, dieses innere Selbst nach außen auszudrücken – unabhängig von äußeren Normen, Traditionen oder Autoritäten. Moralische Kategorien wie „gut“ oder „schlecht“ verschieben sich: Schlecht ist, was innere Selbstverwirklichung behindert. Gut ist, was Selbstverwirklichung ermöglicht.

In der FAZ ist ein gutes Beispiel für den expressiven Individualismus zu finden. Die Autorin Stefanie de Velasco beschreibt dort, warum es für sie besser ist, „kinderfrei“ zu leben. Hier ein Auszug: 

Ein Leben lang hatte ich penibel verhütet, auch deswegen bemerkte ich es erst spät: Plötzlich war ich schwanger. Es war ein unangenehmes, surreales Gefühl, ich musste die ganze Zeit an die schmelzenden Uhren von Dalí denken. Den Test machte ich auf einem Klo in der Staatsbibliothek, wo ich gerade meine Magisterarbeit schrieb.

Nach der Abtreibung war ich erleichtert wie selten zuvor. Hieß das, ich will nicht Mutter werden? Keine Ahnung. Das Leben meiner Freundinnen mit Kindern wollte ich jedenfalls nicht. Mir kam es vor, als ob einige mit der Geburt ihrer Kinder in eine Art Mutterland gezogen seien, aus dem sie nicht mehr ausreisen konnten. Wenn ich sie mal sah, wirkten sie überfordert. In den Beziehungen kriselte es, sie hatten keinen Sex mehr. Ihre Kinder bereiteten ihnen zwar großes Glück, aber viele ihrer eigenen Wünsche verpufften mit ihnen.

Es war, als wäre ich aus einem seltsamen Traum erwacht. Vor meiner Abtreibung war ich von vielen gewarnt worden – egal ob auf Websites, in der Schwangerschaftskonfliktberatung oder von meiner Therapeutin: Ich würde „es“ bereuen, in Depressionen und Schuldgefühle verfallen. Immer, immer würde ich an das Ungeborene denken, traurig seine Geburtstage zählen.

All das ist nie eingetreten. Ich fühle mich jeden Tag aufs Neue in meiner Entscheidung bestätigt: Ein Leben ohne Kinder ist besser – für mich. Auch wenn es diesen klaren Moment, in dem ich wusste, ich will Kinder oder nicht, nie gab. Wie auch? Gewollt/ungewollt kinderlos – was sind das für lächerliche Kategorien? Reproduktive Biographien sind zu komplex, um sie in diese beiden Schubladen zwängen zu können.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

Gottvertrauen hilft

Laut dem Soziologen Max Weber hat die protestantische Ethik maßgeblich dazu beigetragen, dass sich Europa wirtschaftich gut entwickeln konnte. Die Christen verstanden ihren Beruf als Gottesdienst, lebten sparsam, lehnten übermäßigen Genuß ab und waren misstrauisch gegenüber zu großem irdischen Reichtum (daher reinvestierten sie). 

Felix Noth, stellvertretender Leiter der Abteilung Finanzmärkte am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), stellt in der FAZ die Ergebnisse eine Studie vor, die die stärkende Kraft des Gottvertauens bestätigt. 

Untersucht wurde der Einfluss der Kirchenmitgliedschaft auf die wirtschaftliche Erholung nach Naturkatastrophen.

Fazit (FAZ vom 16.06.2025, Nr. 137, S. 16):

Was aber half den Menschen und ihren Unternehmen nach dem Unglück wieder auf? Vor allem: Welchen Einfluss hat die Religion? Die Wirtschaftsforschung nimmt diesen und weitere kulturelle Faktoren seit einigen Jahren vermehrt in den Blick, um ökonomische Entwicklungsprozesse besser zu ergründen, aber auch um zu erforschen, wie kulturelle Aspekte Menschen in Krisen wie etwa der Pandemie stützen. … Die Effekte von unterschiedlichen Facetten von Religion auf den wirtschaftlichen Erholungsprozess sind bemerkenswert, zumal sie sich offenbar gegenseitig verstärken.

Zuerst einmal bietet die Kirche einen Anlaufpunkt. Menschen versammeln sich dort, sie treffen Freunde und Bekannte, bekommen Essen und Informationen. In einer Krise nährt das Zugehörigkeitsgefühl die Hoffnung, dass es weiter-, dass es voran- und wieder aufwärtsgeht. Zumal bei Gläubigen das Vertrauen in die Institutionen oder die Verbundenheit zur Region überdurchschnittlich stark ausgeprägt sind. Es zeigte sich, dass Menschen in Kreisen mit höherer Religionszugehörigkeit öfter als andere in ihrer Heimat geblieben sind, nachdem diese von Katrina und weiteren Stürmen getroffen worden waren. Dort waren somit mehr Köpfe und Hände verfügbar, um den Wiederaufbau zu stemmen. Und zwar ziemlich kluge Köpfe und ziemlich fleißige Hände: Gläubige sind nachweislich besonders wirtschaftsaffin, sie gründen öfter, neigen zu Sparsamkeit und zeigen eine hohe Kooperationsbereitschaft. Bei Protestanten wirken diese Faktoren noch stärker als bei Katholiken.

Gemessen an der Produktivität haben sich in den Jahren 2005 bis 2010 die Betriebsstätten in Kreisen mit höherer Kirchenmitgliedsrate deutlich schneller erholt.

… 

Es wäre deshalb kurzsichtig, würde die Menschheit auf die sich mehrenden Flammen und Fluten allein mit technischen Lösungen reagieren. Höhere Deiche, genauere Frühwarnsystem und bessere Hilfen für Betroffene sind zentrale und vorrangige Maßnahmen, wohl aber nur ein Teil der Lösung. Was den Zusammenhalt stärkt, stärkt auch die Krisenfestigkeit der Gesellschaft. Bindekräfte wie Religion beflügeln auch die Wirtschaftsleistung.

Narrenrede

 

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Os Guinness, der die Zuschauer durch die hier bereits empfohlene Dokumentation Truth Rising führt, hat im Jahr das Buch Fool’s Talk veröffentlicht. Das Buch ist nun endlich beim Verlag CV als Narrenrede: Die Wiederentdeckung christlicher Überzeugungskunst erschienen.

Carsten Polanz schreibt in seinem Geleitwort zur deutschsprachigen Ausgabe:

Das Buch eignet sich sehr gut als Impulsgeber für tiefgehende und wegweisende Gespräche in unseren Kirchen, Gemeinden und Netzwerken über die Zukunft von Evangelisation und Apologetik. Selbstverständlich müssen wir dem Autor dabei nicht in allem folgen, sollten uns aber auch nicht wertvoller Einsichten und weg- weisender Anregungen selbst berauben, indem wir uns an einzelnen Beispielen und Zuspitzungen stoßen. In Gesprächsrunden können wir dann auch manches weiterdenken – auch die zentrale Rolle, die eine gelebte christliche Gastfreundschaft bei einem tiefgreifenden Sinneswandel glaubensferner Menschen aller sozialen Milieus und Bildungsschichten spielen kann. Guinness’ eigener Mentor Francis Schaeffer hat hier gern von der „finalen Apologetik“ gesprochen (siehe Joh 13,35) – mit Blick auf die von Nichtchristen erfahrbare Liebe in keineswegs vollkommenen, aber durch das Evangelium versöhnt lebenden Gemeinschaften von Nachfolgern Jesu.

Die Lektüre dieses Buches wird sich auf jeden Fall lohnen – nicht nur für christliche Verantwortungsträger, Theologiestudenten und Bibelschüler, die sich in ihren Gesprächsversuchen schon öfter in entmutigenden Sackgassen oder bedrückender Sprachlosigkeit wiedergefunden haben. Es wird auch Sie auf vielfältige Weise dazu motivieren, Gott in Abhängigkeit von seiner Gnade und Weisheit mutiger und kreativer in einer zunehmend pluralistischen und zugleich in weiten Teilen religiös indifferenten Gesellschaft zu bezeugen.

Sehe ich auch so.

Hier eine Leseprobe: leseplatz-narrenrede-os-guinness-271967000-leseprobe.pdf. Bestellt werden kann das Buch hier [#ad].

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