Mai 2010

»Gib uns diesen letzten Menschen«

Eric Voegelin über Nietzsches Übermenschen (Das jüngste Gericht: Friedrich Nietzsche, Berlin, 2007, S. 16–17):

Zarathustra lehrt das Volk den Übermenschen, und das Volk schweigt. Da versucht er es aufzurütteln, indem er seinen Stolz anspricht, und er zeichnet das Bild des Verächtlichsten, des Letzten Menschen, der sie sein werden, wenn sie ihre gegenwärtige Verfassung nicht überwinden. Der Letzte Mensch ist der Mensch ohne schöpferische Liebe, ohne schöpferische Einbildungskraft, ohne Sehnsucht nach etwas, das mehr ist als er. »Was ist Stern?« fragt der Letzte Mensch und ist zufrieden mit den kleinen Freuden und Annehmlichkeiten des Lebens. Was er will, ist ein bisschen Wärme, ein bisschen Nachbarschaftlichkeit, nicht zuviel Arbeit, Schutz gegen Krankheit, ein wenig Gift ab und zu für angenehme Träume (Schnaps, Filme, Radio), keine Armut, aber auch kein Reichtum. Er möchte wissen, was vor sich geht, und darüber spotten. Jeder will das gleiche und gleich sein; wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus; »ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln. Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht – aber in Maßen, denn der Letzte Mensch ist um seine Gesundheit besorgt und will ein langes Leben. »Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.« An dieser Stelle der Rede brach die Menge in Begeisterung aus: »Gib uns diesen letzten Menschen – mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den Übermenschen!« Und sie lachten. »Es ist Eis in ihrem Lachen«, fährt Nietzsche fort, nachdem er den schizophrenen Zug jenes Menschen zutreffend diagnostiziert hat, welcher der letzte genannt wird, weil er spirituell verloren ist.

Der Gottesbetrug

21OvoyVso6L._SL160_.jpgIn Frankreich ist der legendäre »Traktat über die drei Betrüger« Moses, Jesus und Mohammed ein stiller Bestseller (siehe auch hier). In Deutschland bleibt er – so schreibt DIE ZEIT – noch zu entdecken. Christian Staas hat sich mit dem Herausgeber der deutschen Ausgabe, Winfried Schröder, unterhalten. Schröder stellt im Gespräch klar, dass die meisten Aufklärer Kreationisten waren:

Die allermeisten Aufklärer waren keine Atheisten. Nehmen Sie Voltaire. Er wurde für seine Kirchenkritik in Frankreich verfolgt, wandte sich aber ganz explizit gegen den Traktat! Wir können nicht, sagt Voltaire, ohne einen Gott leben, der am Ende die Bösen bestraft. Es gibt diesen bemerkenswerten Satz von ihm: »Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden.« Die Aufklärung, die sich im öffentlichen Raum bewegt, geht maximal so weit, das Christentum abzulehnen. Voltaire war ja kein Christ mehr. Stattdessen vertrat er die Idee einer »natürlichen Religion«, also eines mit vernünftigen Mitteln begründeten Glaubens, der zugleich auch die Moral sichert. Ähnliches finden wir bei Kant. Auch an der Vorstellung eines göttlichen Weltschöpfers hielten die Aufklärer trotz aller Begeisterung für die Naturwissenschaften fest. Da die natürliche Welt über geordnete Strukturen verfügt, so meinten sie, ist es vernünftig, einen intelligenten Urheber dieser Ordnung zu vermuten. Wenn man so will, waren unsere großen Aufklärer – mit wenigen Ausnahmen wie David Hume – Kreationisten.

Hier das vollständige Interview: Interview-Urbuch-Atheismus.pdf.

Schwindende Redefreiheit

Jaume Llenas, Leiter der Evangelischen Allianz in Spanien, hat sich besorgt über die Kultur der politischen Korrektheit und die schwindende Meinungsfreiheit in Europa geäußert:

»Wir entfernen uns von der Redefreiheit hin zu dem Recht darauf, nicht verletzt zu werden«, sagt er. Ohne Redefreiheit »gehen wir auf eine Diktatur zu, bei der sie nur noch das ausdrücken dürfen, was als richtig erachtet wird«, warnt Llenas.

Lesen sie die ganze Geschichte hier: www.varldenidag.se.

Zur Heirat verurteilt

51MWZE6A2EL._SL160_.jpgSabatina, Jasmin und Sarah teilen ein Schicksal: Sie sind von einer Zwangsheirat betroffen – und sie sprechen offen über das Thema. Sie möchten mit ihrem Schicksal wachrütteln, in einem Land, in dem Gleichberechtigung zwar in der Verfassung steht, aber noch längst nicht für alle Frauen gilt, selbst dann nicht, wenn sie deutsche Staatsbürgerinnen sind.

Es lohnt sich, dass 30-minütige Video anzuschauen: 37grad.zdf.de. Das Buch von Sabatina gibt es hier: www.amazon.de.

Voegelin: Welt steckt im Prozess des Verdorrens

Eric Voeglin schreibt in Die politischen Religionen (S. 6). Es gibt:

heute keinen bedeutenden Denker der westlichen Welt, der nicht wüsste – und es auch ausgesprochen hätte -, daß sich diese Welt in einer schweren Krise befindet, in einem Prozess des Verdorrens, der seine Ursache in einer Säkularisierung des Geistes, in der Trennung eines dadurch nur weltlichen Geistes von seinen Wurzeln in der Religiosität hat, und der nicht wüßte, daß die Gesundung nur durch religiöse Erneuerung, sei es im Rahmen der geschichtlichen Kirche, sei es außerhalb dieses Rahmens herbeigeführt werden kann.

Iran spricht angeklagte Christinnen frei

Zwei iranische Christinnen, die fast neun Monate wegen ihres Glaubens in Haft waren, sind am 22. Mai von allen Anklagepunkten freigesprochen worden. Sie haben inzwischen das Land mit unbekanntem Ziel verlassen.

Die Nachrichtenagentur idea schreibt:

Der 28-jährigen Maryam Rostampour und der 31-jährigen Marzieh Amirizadeh waren »Abfall vom Islam«, staatsfeindliche Aktivitäten und die Teilnahme an illegalen Versammlungen vorgeworfen worden. Damit sind in der Islamischen Republik christliche Untergrundgemeinden gemeint. Die beiden Frauen saßen im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis in Haft. Am 18. November 2009 waren sie unter Auflagen freigelassen worden. Im Mai 2009 hatten die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und die Evangelische Nachrichtenagentur idea Rostampour und Amirizadeh als »Gefangene des Monats« benannt und zur Unterstützung für sie aufgerufen. Die beiden Frauen litten unter fieberhaften Infektionen und anderen Erkrankungen. Sie mussten sich eine Gefängniszelle mit 27 weiblichen Gefangenen teilen. Im August waren sie bei einem Verhör gedrängt worden, ihrem Glauben abzuschwören. Sie antworteten: »Wir lieben Jesus. … Wir werden unseren Glauben nicht verleugnen.« Das Hilfswerk Elam (Godalming/Südengland), das sich für Christen im Iran einsetzt, sorgte jetzt dafür, dass sie unmittelbar ins Ausland reisen konnten. Ihr Aufenthaltsort wurde aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gegeben. Wie das Hilfswerk weiter mitteilt, bedankten sich die beiden Frauen für die Fürbitte von Christen aus aller Welt. Rostampour erklärte, sie werde zu gegebener Zeit über ihre Erfahrungen in der Haft berichten. Von den 74 Millionen Einwohnern des Iran sind 99 Prozent Muslime. Die Zahl der Muslime, die zum christlichen Glauben übergetreten sind, wird auf bis zu 250.000 geschätzt. Ferner gibt es bis zu 150.000 meist orthodoxe armenische und assyrische Christen.

Helmut Bauer: Die Liebe ist da!

Helmut Bauer stellt klar: der Stress, alles prüfen zu müssen, fällt weg. Das Begutachten dessen, was er verkündigt, ist für ihn (und Gott) schlicht ein Akt der Rebellion. Es ist eine Ehre, dem Völkerapostel nachfolgen zu dürfen. Punkt.

Hier:

Da ich weiß, dass viele Menschen den Worten von Helmut Bauer vertrauen, möchte ich ausdrücklich darauf hinweisen, dass Gott von uns Menschen nicht verlangt, den Verstand auszuschalten. »Prüft aber alles, das Gute behaltet!« sagt Paulus in 1Thess 5,21. Und im 1Joh 4,1 wird uns gesagt: »Ihr Lieben, schenkt nicht jedem Geist Glauben, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind. Denn viele falsche Propheten sind hinausgegangen in die Welt.«

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Nachtrag vom 0.06.1020: Leider wurde der Mitschnitt inzwischen bei Youtube entfernt.

Ethik der Ehrfurcht

Der Theologe Werner Neuer (Theologisches Seminar St. Chrischona) fordert angesichts der lebensfeindlichen Rechtspraxis in vielen demokratischen Staaten eine Ethik der Ehrfurcht:

In der neueren christlichen Ethik ist es üblich geworden, das ethische Handeln einer möglichst umfassenden Reflexion zu unterziehen und auf diese Weise möglichst stichhaltig zu begründen. Dieses Bemühen ist in keiner Weise zu beanstanden und ist unverzichtbarer Bestandteil jeder wissenschaftlichen christlichen Ethik. Dabei droht jedoch ein Wesensmerkmal der christlichen Ethik in den Hintergrund zu treten, das ihr unverzichtbar eigen ist und nie preisgegeben werden darf: Die Tatsache nämlich, dass der christlichen Ethik Gottes Wille und Gebot zugrunde liegen. Gottes Wille und Gebot aber sind unbedingt verpflichtend und zielen auf den Gehorsam des Menschen. Das göttliche »Du sollst« hat kategorischen Charakter und kann nicht im Sinne eines bloßen »Du darfst« gedeutet oder gar dadurch ersetzt werden. Die heute auch im Raum der Kirche häufige Leichtfertigkeit, mit der klare Gebote Gottes relativiert oder sogar gebrochen werden, zeigt, dass die Ehrfurcht vor dem unbedingt zu respektierenden und zu befolgenden Willen Gottes vielfach geschwunden ist – wie überhaupt das Wissen um den gebietenden und uns gesamthaft verpflichtenden Gott weithin dem anthropozentrischen Gedanken der letztlichen Autonomie und Verantwortlichkeit des Menschen gewichen ist. Es liegt auf der Hand, dass die Folgen dieser fehlenden Ehrfurcht nirgendwo verheerender sind als im Bereich der Lebensethik, weil hier das Leben selbst als das fundamentale kreatürliche Gut des Menschen auf dem Spiel steht.

Hier das vollständige Referat: www.gemeindenetzwerk.org.

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