2015

Planned Parenthood I

Was derzeit in den USA vor sich geht, ist verrückt und erschütternd. Es zeigt sich die Fratze einer nur auf Nutzen und Perfomanz ausgerichteten Ethik (und Gesellschaft). Ich habe keine Zeit, die Einzelheiten zu erläutern. Nur ganz kurz: Die staatlich subventionierte und von Präsident Obama leidenschaftlich unterstützte (und unter den Segen Gottes gestellte) Organisation Planned Parenthood bietet unter anderem „Abtreibungsdienstleistungen“ an.

Eine Mitarbeiterin von Planned Parenthood erzählte nun bei einem Mittagessen (und das wurde verdeckt aufgezeichnet), dass bei Abtreibungen bestimmte Organe von ungeborenen Kindern (z.B. die Leber oder das Herz) „beim Abbruch“ (also bei ihrer Tötung im Mutterleib) gezielt geschützt und konserviert werden, um sie später der medizinischen Forschung zugunsten von Menschen zur Verfügung stellen zu können. Teilweise werden die Organe der Kinder sogar verkauft. Föten werden also abgetrieben, da sie vermeintlich noch keine vollständigen Menschen sind, um dann ihre Einzelteile als menschliche Organe zu vertreiben.

Planned Parenthood hat auf die Vorwürfe reagiert und mitgeteilt, dass sie kein gewinnbringendes Geschäft mit den Organen machen. Die Praxis selbst wurde nicht bestritten.

Wer die englische Sprache ein wenig versteht, sollte sich unbedingt die Zeit nehmen, um die Rede von Senator James Lankford (Oklahoma) anzuhören:

Übrigens hatte Alexandra Linder bereits 2009 in dem Buch Geschäft Abtreibung drauf hingewiesen, dass es eine entsprechende „Verwertungslinie“ für Embryonen gibt.

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Francis Schaeffer aus dem Jahr 1979:

Gesellschaftliche Konventionen erscheinen und verschwinden mit nie dagewesener Schnelligkeit. In den achtziger und neunziger Jahren wird mit Sicherheit manches denkbar werden, was die meisten Menschen heute als undenkbar, unmoralisch, unvorstellbar und zu extrem bezeichnen. Wird dies aber in ein paar Jahren denkbar und akzeptiert, so werden sich die meisten Menschen – da sie kein höheres Prinzip kennen, das sie über ihr eigenes relativistisches Denken hinausführt – kaum mehr daran erinnern, daß dieselben Ansichten vor gar nicht langer Zeit tatsächlich undenkbar waren. Ohne große Erschütterung werden sie jede neue Meinung annehmen.

VD: SB

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Kim Riddlebarger in Heidelberg

Mit Professor Kim Riddlebarger kommt im September ein profilierter Vertreter des Amillennialismus nach Deutschland. Riddlebarger wird Mitte September 2015 auf der Heidelberger Konferenz für reformierte Theologie zum Thema „Endzeit“ sprechen.

Hier das Programm:

Donnerstag, 17. September 2015
ab 16.30 Uhr: Ankunft & Registrieren
17.15 Uhr: Einführung – Sebastian Heck
17.30 Uhr: “What’s a thousand years among friends?” – Dr. Kim Riddlebarger
19 Uhr: Abendessen

Freitag, 18. September 2015
10.30 Uhr: “The Signs of the End” – Dr. Kim Riddlebarger
12 Uhr: Mittagessen
14 Uhr: “Antichrist: Past, Present, or Future?” – Dr. Kim Riddlebarger
freier Nachmittag mit Ausflug- und Besichtigungsmöglichkeiten
19 Uhr: Abendessen in der “Kulturbrauerei” (auf eigene Rechnung)

Samstag, 19. September 2015
10 Uhr: “What About Israel? An overview of Romans 9-11″ – Dr. Kim Riddlebarger
12 Uhr: Mittagessen & Abschluss

Weitere Informationen und eine Anmeldemöglichkeit finden Sie auf der Internetseite: www.heidelbergerkonferenz.info.

Kommt jetzt die Polygamie?

Im Buch Die Postmoderne schreibe ich (2007, S. 53–54):

Im postmodernen Denken ist kein Platz für ein für alle Mal feststehende Werte oder eine festgelegte Natur des Menschen. Da der Mensch eine Erfindung von Machtdiskursen ist, orientiert er sich nicht an ewigen Wahrheiten, sondern handelt Normen ständig neu aus. Lyotard weist darauf hin, dass permanente „Institutionen in beruflichen, affektiven, sexuellen, kulturellen, familiären und internationalen Bereichen wie in politischen Angelegenheiten“ durch „zeitweilige Verträge“ ersetzt werden. Folgerichtig ist Sexualität in der Postmoderne keine Frage theologischer Ethik oder des Naturrechts, sondern Verhandlungssache. Die Verträge, die ausgehandelt werden, können immer nur Übergangsverträge sein, da sonst wieder langfristige Bindungen entstehen. Die herkömmliche Sexualmoral wird ersetzt durch Verhandlungsmoral und Lebensabschnittsgefährten. Postmoderne Moral bewertet nicht die Sexualität selbst, sondern nur die Art und Weise, wie sie zustande kommt. „Ob hetero-, homo- oder bisexuell; ehelich oder außerehelich; genital, anal oder oral; zart oder ruppig; bieder oder raffiniert, sadistisch oder masochistisch, zu zweit oder in Gruppen – all das ist moralisch ohne Belang. Von Belang ist, dass es ausgehandelt wird; und selbst Abstinenz kann verhandlungsmoralisch wieder zu Ehren kommen, verkleidet als ‚neue Keuschheit‘. Die Konsequenz ist ebenso radikal wie bemerkenswert: Die ‚normale‘ Sexualität, Heterosexualität, wird zu einem von vielen Lebensstilen, eine von vielen möglichen Arten, sexuell zu sein“ (Gunter Schmidt, „Die andere Seite der Sexualität“).

Mit der Zulassung einer „Homo-Ehe“ ist folglich kein Endpunkt im Ringen um die neue Moral erreicht. Solange ihre Zulassung umstritten war, haben sich politische Kräfte und Lobbygruppen mit weitergehenden Forderungen zurückgehalten. Jetzt, wo in den USA das Etappenziel erreicht ist, beginnen die Diskussionen zugunsten eines deutlich erweiterten Ehe- und Familienbegriffs. Kurz: Was hält uns eigentlich davon ab, auch polyamoren Beziehungsgeflechten den Ehestatus zuzugestehen? Wer will denn wie begründen, dass die Ehe nur eine Beziehung zwischen zwei verschieden- oder gleichgeschlechtlichen Menschen sein kann? William Baude schreibt für die NEW YORK TIMES: „Während Richter Kennedy wiederholt von der Annahme ausging, dass zu einer Ehe zwei Leute gehören, ist es nicht schwer, sich vorzustellen, dass ein anderer Richter in 20 bis 40 Jahren feststellt: diese Annahme ist unaufgeklärt.“

Welche Argumente momentan noch gegen die „erweiterte Ehe“ sprechen, können Sie hier selbst nachlesen: www.nytimes.com.

Grenzen der Toleranz

Das Goshen College und die Eastern Mennonite University haben die „sexuelle Orientierung“ in ihre Antiskriminierungsrichtlinien aufgenommen. Beide nordamerikanischen Bildungseinrichtungen gehören zum Rat christlicher Colleges & Universitäten (CCCU), dem sich beispielsweise auch das Dallas Theological Seminary oder das Fuller Theological Seminary angeschlossen haben. Das Goshen College und die Eastern Mennonite University haben damit den Weg dafür frei gemacht, Lehrer und Studierende aufzunehmen, die in einer gleichgeschlechtlichen Ehe leben.

Das ist nicht sonderlich überraschend. Die Zeitschrift Christianity Today meldet allerdings weiter, dass auf christliche Schulen, die die gleichgeschlechtliche Ehe nicht akzeptieren, juristische Herausforderungen zukommen. Möglicherweise wird sogar die Religionsfreiheit eingeschränkt. John Roberts, Richter am Höchsten Gericht, erklärte: „Komplizierte Fragen tauchen auf, wenn gläubige Menschen ihre Religion in einer Weise ausüben, die den Eindruck erweckt, dass sie mit dem neuen Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe nicht vereinbar ist.“ Etwa, wenn religiöse Ausbildungsstätten in ihren Studentenwohnheimen nur hetero-geschlechtlichen Paaren Zugang gestatten oder gleichgeschlechtliche Paare, die Kinder adoptiert oder durch eine Leihmutter „bezogen haben“, abgelehnt werden. Auf dem Prüfstand stehen zudem Steuererleichterungen für religiöse Institutionen, die sich gegenüber der gleichgeschlechtlichen Ehe verschließen.

Hier mehr: www.christianitytoday.com.

Berufungsverhandlung im Fall Asia Bibi

Wie die Britisch-Pakistanische Christliche Vereinigung (BPCA) in Ilford bei London mitteilte, soll am 22. Juli 2015 erneut über die zum Tode verurteilte Christin Asia Bibi verhandelt werden. Die Nachrichtenagentur idea meldet:

Der Fall der zum Tode verurteilten pakistanischen Christin Asia Bibi (50) wird erneut am Obersten Gerichtshof in Lahore verhandelt. Wie die Britisch-Pakistanische Christliche Vereinigung (BPCA) in Ilford bei London mitteilte, ist eine Berufungsverhandlung bereits für den 22. Juli angesetzt. Nach den Worten von BPCA-Sprecher Mehwish Bhatti bekommt Bibi damit eine letzte Chance, der Todesstrafe zu entgehen. Der rasche Termin sei offenbar eine Folge des internationalen Drucks. Weltweit haben mehr als 570.000 Menschen per Unterschrift gefordert, Bibi freizulassen. Zu den Unterstützern zählen auch Papst Franziskus und der Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Volker Kauder. „Ich hoffe, dass der Gerichtshof dieses Mal die richtige Entscheidung fällt und Schwester Bibi freispricht“, so Bhatti.

Die Mutter von fünf Kindern ist aufgrund des pakistanischen Blasphemiegesetzes zum Tode durch den Strang verurteilt worden, weil sie den Islam beleidigt haben soll. Anlass für das Verfahren war eine vergleichsweise banale Begebenheit: Auf Anweisung eines Landbesitzers hatte die Tagelöhnerin Wasser für Feldarbeiterinnen geschöpft. Doch diese weigerten sich zu trinken, weil das Gefäß durch die Christin „unrein“ geworden sei. Sie beschuldigten Bibi, den Islam in den Dreck gezogen zu haben. Hunderte Muslime überfielen ihr Haus und schlugen auf sie, ihren Mann und ihre Kinder ein, bis die Polizei einschritt. 2009 wurde sie festgenommen, ein Jahr später verhängte ein Gericht in Nankana (Provinz Punjab) die Todesstrafe. Das Urteil wurde im Oktober 2014 vom Berufungsgericht in Lahore bestätigt. Nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen ist der wahre Grund, dass sich Bibi weigert, dem christlichen Glauben abzuschwören.

Mehr: www.idea.de.

Die schwule Frage

Der wunderbare Satz:

Natürlich erhebt sich hier die Frage, wozu eine Kirche eigentlich da ist, wenn die gesellschaftliche „Lebenswirklichkeit“ ihr letzter Bezugspunkt ist.

stammt aus dem Aufsatz:

  • Jürgen-Burkhard Klautke: „Zur Homo-Ehe zugleich: Anmerkungen zu einem Vortrag von Siegfried Zimmer: Die schwule Frage“, Bekennende Kirche, Juli 2015, Nr. 61, S. 13–40.

Zum Hintergrund: Professor Siegfried Zimmer hat einen vielbeachteten Vortrag mit dem Titel „Die schwule Frage – Die Bibel, die Christen und das Homosexuelle“ gehalten und darin sehr entschieden eine revisionistische Position vertreten (vgl. auch hier). Der Ethiker Dr. Jürgen-Burkhard Klautke hat den Vortrag genauer untersucht und die Argumente von Siegfried Zimmer – wie soll ich es anders sagen – zerlegt.

Hier das obige Zitat im Kontext:

Als vor zweitausend Jahren das Evangelium in die Welt trat, beharrte die christliche Kirche unnachgiebig auch auf der Botschaft, dass es Gott ist, der in der Ehe Mann und Frau zusammengefügt hat (Mt. 19,6). Von daher sah sie sich von Anfang an gerufen, die Würde der biblischen Ehe, so wie sie Gott in und durch die Schöpfung geschenkt hat, aus Beziehungsanarchismen und -zwängen zu befreien. Es ist hier nicht der Ort, die Kirchen- und Missionsgeschichte unter diesem Blickwinkel abzuklopfen. Aber anhand zweier Beispiele sei der oft unerbittlich harte Kampf für die Ehe in Erinnerung gerufen.

Im Römischen Reich, in dem in der Kaiserzeit das Konkubinat gang und gäbe war, ließ die Kirche niemanden zur Taufe zu, der in einem Konkubinat lebte. Damit riskierte sie nicht nur schwere Konflikte mit der römischen Gesellschaft, sondern sie nahm auch innerkirchliche Auseinandersetzungen in Kauf. Aber sie blieb dabei: Es gibt keine schillernden Zwischenformen zwischen Ehe und Nicht-Ehe, zwischen Verheiratetsein und Nicht-Verheiratetsein. Die Abschaffung des Konkubinats in der staatlichen Gesetzgebung erfolgte erst im fünften und sechsten Jahrhundert. Aber immerhin: Die Kirche hatte mit ihrer Haltung gegenüber der Gesellschaft gesiegt, wenn auch erst nach Jahrhunderten.

Als im frühen Mittelalter Bonifatius in Germanien missionierte, bestand ein Großteil seiner Aktivitäten im Kampf gegen die damals weit verbreitete Vetternehe. Das waren von den Eltern arrangierte Zwangsehen, bei denen es vorrangig um Sicherung ihrer eigenen Altersversorgung ging, sodass die Zusammenlegung oder die Erhaltung des Ackerlandes vorrangiges Ziel war. Die Braut wurde praktisch nie gefragt, der Bräutigam selten. Um der Achtung der von Gott eingesetzten Ehe willen stemmte Bonifatius sich mit großer Entschiedenheit gegen diesen gesellschaftlichen Morast.4 Angesichts der bäuerlichen Sturheit erzielte darin die Kirche erst im Spätmittelalter halbwegs durchgreifende Erfolge.

Im Lauf der Kirchengeschichte gelang es wahrlich nicht immer, die von Gott gegebene Ehe in ihrer großartigen göttlichen Bestimmung hochzuhalten. Immer wieder drohte sie den hartnäckigen Wünschen der “hochwohlgeborenen” Landes[kirchen]fürsten und den Ansprüchen und Forderungen der jeweiligen Modeströmungen zu unterliegen.

Aber trotzdem: Wenn man das über die Jahrhunderte währende zähe Ringen um die Würde der Ehe verfolgt und mit heutigen Verlautbarungen zu dieser Thematik vergleicht, ist die gesellschaftliche Totalanpassung der heutigen Volkskirche überdeutlich. Anstatt auch nur ansatzweise die Ehe als Schöpfungsordnung und als herrliches Geheimnis des Abbilds der Liebe zwischen Christus und seiner Gemeinde zu bezeugen (Eph. 5,22-33), liest man in den betreffenden Veröffentlichungen viel schale Psychosoziologie, bei der von einer “Lebenswirklichkeit” ausgegangen wird, hinter die man nicht zurückkönne. Natürlich erhebt sich hier die Frage, wozu eine Kirche eigentlich da ist, wenn die gesellschaftliche “Lebenswirklichkeit” ihr letzter Bezugspunkt ist.

Den vollständigen Vortrag gibt es hier: Bekennende_Kirche_61-Zur_Homo-Ehe.pdf.

Ist Gott noch Mitglied der evangelischen Kirche?

Ausgerechnet die TAZ-Redakteurin Friederike Gräff hat vor gut einem Jahr treffliche Fragen zum Zustand des Protestantismus in Deutschland gestellt:

Wenn ich mein Ungenügen an der evangelischen Kirche in einem Wort zusammenfassen müsste, dann ist es ihre Leisetreterei. Hauptanliegen der Kirche scheint es zu sein, niemanden vor den Kopf zu stoßen, sei es mit den unerfreulichen Geschichten des Alten Testaments, mit Ideen, was ein gläubiger Christ nicht tun sollte, oder laut gesprochenen Gebeten in kirchlichen Einrichtungen. Als ich bei der für religionspädagogische Fragen Zuständigen in der EKD nachfragte, wie man es damit in kirchlichen Kindergärten halte, sagte sie, dass es da keine einheitliche Richtlinie gebe. Aber sie verwies darauf, dass Studien zufolge Religiosität zu größerer Resilienz bei Kindern führe. Ich finde es deprimierend, wenn die Kirche glaubt, Werbeargumente finden zu müssen; demnächst wird sie Statistiken suchen, wonach religiöse Jugendliche bessere Noten bekommen und später glücklichere Ehen führen.

Natürlich ist es nicht so, dass die Kirche keine Positionen vertreten würde: Sie ist für den Klimaschutz und gegen Menschenhandel, sie ist gegen Massenvernichtungswaffen und für gerechten Handel. Sie ist für alles, wofür bürgerliche Mehrheiten sind. Im Grunde vertritt sie das Prinzip Merkel, sich nicht zu früh und nicht zu spät die Meinungen des Wahlvolks auf die Fahne zu schreiben und dann so zu tun, als hätte man sie als Erste geschwungen. Die evangelische Kirche prangert die Exzesse des Kapitalismus an, so wie es heute zum guten Ton gehört, und sieht mit der gleichen Verve wie die Mehrheit der Bevölkerung darauf, dass sich ihr Geld möglichst stark vermehrt. Sie fordert gerechte und sozial verträgliche Arbeitsbedingungen und wehrt sich gegen Tarifverträge für ihre Angestellten. Sie will Leben schützen und sagt gern, dass alles Leben gleich viel wert sei, aber ein klares Wort gegen Pränataldiagnostik kann sie sich nicht abringen.

Frau Gräff hat eine Antwort aus dem Raum der Evangelischen Kirchen in Deutschland erhalten. Diese Antwort hat es in sich, denn sie bestätigt die Klagen in fast jeder Hinsicht. Höhepunkt: Gott tut uns nicht den Gefallen, dass er sich so verbiegen lässt wie man es für richtig hält. Kurz: Gott erfüllt nicht alle Wünsche! Aha? Würde doch die Kirche wenigstens damit Ernst machen.

Aber lesen Sie selbst:

So mangelhaft wie wir Protestanten in den Augen der Autorin auch sein mögen, so sehr wissen wir aber auch dass wir selbst – und zwar wir alle in den Gemeinden – diese Mängel nach und nach beseitigen können. Dass wir Kritik annehmen und dass wir versuchen unser Möglichstes und Bestes zu tun um unseren Glauben zu leben. Und das kann anders aussehen als die Autorin das gerne haben möchte.Ja, natürlich: Wenn wir erlöster aussehen würden, könnten wir natürlich auch deutlicher unseren Glauben als Frohe Botschaft veständlich machen. Keine Frage. Aber der Glaube manifestiert sich halt nicht immer in feurigen Gesten, in flammenden Missionsbotschaften – das Verständnis der evangelischen Kirche beruht auf dem, was Martin Luther entdeckte. Das alleine ist der Grund. Mag sein, dass wir uns vor den unangenehmen Bibelstellen drücken – mag sein, dass wir ab und an zu leise auftreten – mag auch sein, dass die Protestanten nicht so viel über Gott und Jesus in der Öffentlichkeit reden wie Frau Gräff das gerne hätte. Ja, auch an der Willkommenskultur könnte man etwas arbeiten und Zielgruppenarbeit ist auch etwas, was bisweilen brachliegt. Aber: Gott und Jesus, Frau Gräff, kommen in jedem Gottesdienst der evangelischen Kirche vor. In jedem Text. In jedem gesungenen Lied. In jedem Glaubensbekenntnis. Mag sein nicht unbedingt in jeder Predigt, aber ja, Gott ist mit Sicherheit noch anwesend mitten unter uns. Nur halt nicht unbedingt so wie man es sich generell wünscht – also so als Mensch. Oder besser formuliert: So wie man es als Mensch nun mal gerne hätte. Diesen Gefallen macht Gott uns nun nicht, dass er sich so verbiegen lässt wie man es für richtig hält. Wäre ja furchtbar, da könnte man ja gar nicht mehr protestieren …

VD: AG

Warum passen Christen sich dem Weltdenken an?

Francis Schaeffer schreibt in Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1971, S. 14):

Viele von uns werden jedoch von Voraussetzungen [Anm.: gemeint sie nichtchristliche Denkvoraussetzungen, wie z.B.: „es gibt keinen Gott“ oder „ethische Werte sind fließend“) wie von den Masern »angesteckt«. Warum passen sich die Menschen denn der nachchristlichen Welt an? Meiner Überzeugung nach nicht aufgrund von Tatsachen, sondern weil uns unsere fast monolithische Kultur die andere Antwort aufgezwungen hat — nämlich die Naturkausalität, nicht in einem offenen System; an dessen Anfang ein persönlicher Gott steht, wie die frühen modernen Wissenschaftler glaubten, sondern in einem geschlossenen System. Nicht die Tatsachen widersprechen den christlichen Denkvoraussetzungen, sondern die christliche Perspektive wird einfach als undenkbar hingestellt. Je besser die Universität, desto besser die Gehirnwäsche.

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John Frame: Neue Ideen für das theologische Seminar

Das nachfolgende Plädoyer „Neue Ideen für das theologische Seminar“ entstand vor über 40 Jahren und war von Professor John Frame als nützliche Provokation gedacht. Die ebenfalls hier abgedruckten Nachbemerkungen aus dem Jahr 2001 relativieren so manche Spitzen. Dennoch sollte der Text auch im deutschsprachigen Raum Beachtung finden. Frames’ Anliegen, dass nämlich beim Studium der Theologie die Gemeinde, die Charakterbildung und die Liebe zu Gott im Fokus bleiben müssen, sind möglicherweise aktueller denn je.

Neue Ideen für das theologische Seminar

John M. Frame

 

1 Zur gegenwärtigen Lage

In den Anfängen des amerikanischen Protestantismus wurde die Ausbildung zukünftiger Pastoren generell von den Pastoren der jeweiligen Gemeinden übernommen. Wer den Ruf Gottes für den Dienst vernahm, musste sich für seine Ausbildung an seinen Pastor wenden. Er hatte einen Dienst in der Kirchgemeinde zu versehen und musste mitunter im Haus des Pastors wohnen. Woran es genau lag, weiß ich nicht, aber irgendwann war man mit dieser Situation nicht mehr zufrieden. Wahrscheinlich wurden die Pastoren, die über die ausreichende Begabung und die Bereitschaft verfügten, Studenten theologisch auszubilden, immer weniger; mit zunehmender Allgemeinbildung dürfte der Ruf nach Pastoren mit besserer Bildung laut geworden sein, nach einer „gelehrten Geistlichkeit“, wie man zu sagen pflegte. Jedenfalls wurde die theologische Ausbildung aus verschiedenen Gründen institutionalisiert und auf die Universitäten verlegt. Die Akademie schien unvermeidbar. In Deutschland übernahm die Universität die theologische Ausbildung; überhaupt war eine universitäre Laufbahn das einzige anerkannte Modell für die institutionalisierte Ausbildung welcher Fachrichtung auch immer.

1848, nach 34 Jahren Vorstandstätigkeit am Princeton Theological Seminary, schrieb Pastor Gardiner Spring ein Buch mit dem Titel „The Power of the Pulipit“ (dt. „Die Kraft der Kanzel“). Er verglich darin die Generation der Pastoren, die ihre Ausbildung in Lehranstalten genossen hatten, mit jener, die sie noch bei ihrem Pastor erhalten hatten. So sehr Spring sich dem Wirken Princetons verpflichtet wusste, war ihm keineswegs daran gelegen, die Uhr zurückzudrehen (an eine Auflösung der universitären Lehrgänge bei gleichzeitiger Rückkehr zum Althergebrachten war nicht zu denken). Dennoch gab er zögernd zu, dass die ältere Generation der jüngeren in Sachen pastoraler Wirksamkeit und geistlicher Reife in bedeutsamer Weise überlegen war. Er setzte sich deshalb stark dafür ein, dass das universitäre Kollegium die Studenten im Blick behielt, nicht nur was ihren Ausbildungserfolg anbelangte, sondern auch im Hinblick auf ihre gesellschaftliche und geistliche Entwicklung. Das Kollegium sollte sich aus Männern mit umfangreicher pastoraler Erfahrung rekrutieren; kein Student sollte zum Dienst ordiniert werden, bevor er nicht eine Zeitlang als Assistent eines erfahrenen Pastors gearbeitet hatte.

Das Jahr 1848 wird in den Geschichtsbüchern gerne als „Revolutionsjahr“ bezeichnet, doch Gardiner Springs „Revolutionsbestreben“ verlief schnell im Sande: Die Lehranstalten nahmen stattdessen an „akademischer“ Prägung noch zu.

Diese Entwicklung war freilich vonnöten, wollten die Seminare ihr akademisches Ansehen in einer Welt sichern, in der die universitäre Messlatte immer höher gesetzt wurde. Manche verteidigten diese Entwicklung sogar mit theologischen Gründen: Die Bildung des geistlichen Charakters war Aufgabe der Gemeinde, nicht der akademischen Institute; es sei also nicht rechtens, wenn die Akademien die Aufgabe der Gemeinden übernähmen, indem sie auch noch die geistliche Förderung ihrer Studenten in den Lehrplan aufnehme. Professoren mit pastoraler Erfahrung haben das immer getan und tun das noch bis heute. Mit den Jahren aber wurde es immer schwieriger, ein guter Pastor und hervorragender Gelehrter zu sein. So waren die Seminare gezwungen, sich zu entscheiden, und sie entschieden sich für letzteres. Nachdem Springs Vorschlag in Vergessenheit geraten war, ein angehender Pastor solle zunächst eine Art „Lehrzeit“ absolvieren, bevor er in den Dienst trat, ist er erst neulich wieder ins Gespräch gekommen. Die meisten Ausbildungsstätten verlangen von ihren Schülern heute mindestens ein Praktikum.

Es hat bislang noch niemand ergründet, wie man diese Erfahrungen pädagogisch umsetzt, ohne sich fürchterlich zu blamieren. Es hat auch noch niemand einen praktischen Weg entdeckt, die Wirksamkeit eines solchen Vorhabens abzuschätzen.

Die Ergebnisse dieser Art von pädagogischer Maßnahme haben mich nicht sonderlich ermutigt.

Während sich die theologischen Ausbildungsstätten weigern, die „Aufgaben der Gemeinde“ zu übernehmen, geht die Kirche davon aus, dass die Seminare voll ausgebildete Pastoren ins Feld schicken. Die angehenden Pastoren erhalten so aber in vielen wichtigen Bereichen keinerlei Ausbildung. Selbst in praxisbezogenen Lehrgängen wie Christliche Pädagogik und Missionswissenschaft werden die Studenten eher zu Akademikern ausgebildet als zu Pastoren. (Die Qualifikationen der beiden Berufe unterscheiden sich voneinander, auch wenn es Überschneidungen gibt.) Die meisten werden nicht einmal gute Theologen, denn sie füllen sich den Kopf mit Wissen, lernen aber kaum, selbständig zu denken und wissenschaftlich zu forschen. Derlei „wissenschaftliche“ Ausbildung macht Studenten zur leichten Beute jeder neuen theologischen Marotte, die sich damit brüstet, sich auf „wissenschaftliche“ Fundierung stützen zu können.

Ein weiterer Punkt: Die „wissenschaftlichen“ Studienbereiche haben keinen klaren Bezug zur praktischen Arbeit im Dienst (oft sogar nicht einmal untereinander), so dass das Wissen der Hochschulabgänger oft aus lauter unzusammenhängenden Bruchstücken besteht.

Am schlimmsten aber – so scheint mir – ist der Umstand, dass die meisten Graduierten geistlich nicht auf die Herausforderungen ihres Dienstes vorbereitet sind. Die Ausbildungsstätten wollen nicht nur nicht „die Aufgaben der Gemeinde“ übernehmen, sie tendieren sogar dazu, sie zunichtezumachen. Studenten, die ein „geistliches Treibhaus“ erhofften, sehen sich enttäuscht: Das Seminar stellt sich oft als einzige Glaubensprüfung heraus. Die erdrückende Lernlast, die oft geisttötenden und nutzlosen Einzelseminare, die finanziellen Schwierigkeiten, die überbeschäftigten Professoren, die gleichermaßen überlasteten Kommilitonen – alles trägt zur geistlichen Schwächung bei. Ich kenne viele Studenten, die in ihrer Ausbildungszeit dem Gottesdienst fernblieben, während andere auf der fruchtlosen Suche nach echter christlicher Gemeinschaft von Gemeinde zu Gemeinde stolperten, nicht gewillt (oder wie manche sagten: „außerstande“), selbst genug beizutragen, um eine solche Gemeinschaft erst zu ermöglichen.

Immer wieder tauchen neue theologische Ausbildungsmodelle auf. Sie versprechen, wenigstens einigen der obengenannten Missstände abzuhelfen. Die „Straßenlehrgänge“ in Chile stellen sicher eine interessante Entwicklung dar, doch wie C. Peter Wagner bemerkt, würden dort zwar eindrucksvolle pastorale Fähigkeiten vermittelt, aber leider um den Preis biblischer Fundierung. Meiner Meinung nach können wir von Francis Schaeffers L’Abri in der Schweiz viel über die Ausgewogenheit im Hinblick auf theoretische und praktische Anweisungen lernen, doch angehende Pastoren lernen dort nicht, Gemeinden zu gründen und zu erhalten. Das „Coral-Ridge-System“ [gemeint ist „Evangelism Explosion“, gegründet von James Kennedy, Anm. d. Redaktion] könnte die universitären Lehrpläne zur Ausbildung künftiger Evangelisten mutatis mutandis durchaus bereichern. Auch andere Ausbildungsformen, selbst unkonventionellere wie das der Jesus People, sind es wert, über sie nachzudenken. Andererseits sollten wir stärker über den ältesten „traditionellen“ Ansatz überhaupt nachdenken – über die Möglichkeit, die theologische Ausbildung im Haus eines Pastors zu absolvieren. Mein Vorschlag (siehe unten Punkt 3) hat von allem etwas. Doch bevor wir uns um einen neuen Ausbildungsansatz kümmern, müssen wir uns darüber klarwerden, was wir hier überhaupt versuchen und weshalb. Dazu müssen wir einen Blick in die Heilige Schrift werfen.

2 Einige biblische Grundsätze

2.1 Die erforderliche Eignung für den Dienst in der Gemeinde ist geistlicher Natur

(1) Charakterzüge. Es ist bemerkenswert: Die Qualifikationen für Gemeindediener haben der Heiligen Schrift nach (insbesondere 1Tim 3,1-13; 1Petr 5,1-3), fast ausnahmslos mit einem gottesfürchtigen Wesen zu tun. Es sind allerdings Charaktermerkmale, wie sie von allen Christen gefordert werden; sie bilden keine besondere Moral, der sich nur eine geistliche Elite zu unterwerfen hätte. (Beachte die Parallele 1Tim 3,1ff/Tit 2,1ff.; der Titusbrief richtet sich vielleicht an ältere Männer im allgemeinen, nicht an Gemeindeälteste). Ein Mann kann also kein Amt empfangen, es sei denn, diese Wesenszüge eignen ihm in besonderem Maß. Das NT führt diese Eigenschaften generell auf einen übernatürlichen Ursprung zurück – es sind „Früchte des Geistes“ (Gal 5,22). Ohne Gottes Geist gibt es diese Merkmale nicht, denn ohne ihn können wir Gott nicht gefallen (Röm 8,8 im Kontext). Der Charakter eines Gemeindedieners ist also eine Gabe des Geistes.

(2) Fähigkeiten. Ein Gemeindediener ist aber auch jemand, der etwas ganz bestimmtes tun kann. Die Grenze zwischen diesen beiden Kategorien ist nicht scharf, denn einen „guten Charakter“ zu besitzen bedeutet ebanfalls, „fähig sein“ zu beten, Versuchungen zu widerstehen, Christus zu bezeugen und demütig zu handeln. Gemeindediener jedoch haben besondere Verantwortung: Sie müssen die Gemeinde „hüten“ (Apg 20,28; 1Petr 5,2; vgl. Joh 21,15ff.), indem sie sie maßregeln und lehren (2Tim 4,2; 1Tim 5,17; 3,2; 4,16). Lehre und Aufsehergabe sind Fähigkeiten, über die ein Gemeindediener in hohem Maße verfügen sollte, und auch dies sind nichts weniger als Gaben des Heiligen Geistes (Röm 12,7-8).

(3) Erkenntnis. Soll ein Mann theologisch wirksam sein und eine Gemeinde im Namen Gottes beaufsichtigen, so muss er Gott und dessen Wort kennen (Tit 1,9; 2Tim 3,14-17; 1Joh 5,13-21). „Gotteserkenntnis“, „Erkenntnis des Herrn“ oder „Erkenntnis der Wahrheit“ – diese biblischen Begriffe sind niemals bloß wissenschaftliche Errungenschaften. Den Gott der Bibel zu kennen bedeutet, Gottes „Diener des Bundes“ zu sein und ihm entsprechend zu gehorchen (Jer 22,16).

Die „Erkenntnis Gottes“ stimmt also genau mit den Eigenschaften eines christlichen Charakters (wie unter Punkt 1 angegeben) überein. Doch diese „bundesgemäße Erkenntnis“ enthält selbstverständlich auch grundlegendere Kenntnisse: Wer ist Gott? Was hat er gesagt und getan? Jede unverwechselbar christliche Erkenntnis jedoch, sei sie nun informatorisch oder allgemeiner bundesmäßig, ist ebenfalls Gabe des Heiligen Geistes (1Kor 2,11; 12,8).

2.2 Die Ausbildung für den Dienst ist selbst Dienst am Wort

Wir haben gesehen: Der Geist befähigt seine Diener mit Charakter, Geschick und Erkenntnis, wie sie für ihre Arbeit vonnöten sind. Daraus dürfen wir jedoch nicht schließen, dass diese Eigenschaften nicht auch vermittelt werden können. Der Geist bedient sich vielerlei Möglichkeiten, den Menschen seine Gaben zu schenken und zu mehren, weshalb die Schrift uns anleitet, nach diesen Gaben des Geistes auch zu „streben“ (1Kor 12,31) und sie in uns zu „erwecken“ (2Tim 1,6; vgl. 1Tim 4,14).

Die Bibel geht geradezu davon aus, dass Charakter, Fähigkeiten und Erkenntnisse gelehrt werden können, aber eben nur auf unverwechselbar „geistliche“ Weise:

(1) Durch das Wort. Die Gabe des Geistes erhält, wer dem Wort Gottes gehorcht (Apg 10,44; 1Kor 2,4.12f; Eph 1,13; 6,17; 1Thess 1,5; 1Petr 4,6; 1Joh 3,24; 1Kor 14,37). Das Wort selbst wird durch den Geist ermächtigt, diese Absicht zu erfüllen (1Kor 2,4; 1Thess 1,5). Es ist das Wort Gottes, was uns „ganz zubereitet und zu jedem guten Werk völlig ausrüstet“ (2Tim 3,17). Die Bibel selbst gibt Anweisungen zur christlichen Charakterbildung, zur Erlangung bestimmter Fähigkeiten und Kenntnisse (2Tim 3,15-17). Sie führt uns zu Jesus Christus (Joh 5,46; 20,31), der Quelle all dieser Dinge (Eph 4,7-16; 1Kor 1,30; Kol 2,9-10). Gott schenkt der Gemeinde auch Lehrer, die fähig sind, den Hörern sein Wort zu vermitteln (Eph 4,11; Tit 2,3); diese Lehrer übermitteln „gesunde Lehre“, d. h. Lehre, die der geistlichen Gesundheit (gr. hygiainos) förderlich ist (Tit 1,9).

(2) Durch das Beispiel: Der Lehrer vermittelt seine Lehre nicht nur in Wort, sondern durch seinen Lebenswandel (1Kor 4,16; 11,1; Phil 3,17; 4,9; 1Thess 1,6; 2Thess 3,9; 1Tim 4,12; 2Tim 3,10ff.; Tit 2,7; 1Petr 5,3). Die Lehre durch ein beispielhaftes Leben ist dabei keine Fortsetzung der Lehrtätigkeit mit anderen Mitteln, sondern eher eine Erweiterung des Wortes: „Beispielhafte Menschen“ sind Menschen, in denen das Wort Gottes Wurzel gefasst hat, Männer, die es kraftvoll verkünden können (beachte die Verbindung zwischen 1Thess 1,5 u. 1Thess 1,6). Dem Beispiel eines Menschen zu folgen bedeutet also auch, seine Lehre anzunehmen (beachte die Verbindung zw. 1Kor 11,1 u. 1Kor 11,2).

(3) Durch Erfahrung. Wir lernen auch durchs Tun – Gehorsam wird erlernt, indem man gehorcht. Heiligung führt zu noch mehr Heiligung. Wenn wir unsere Leiber als lebendiges Opfer darbringen, „beweisen“ wir damit, was Gottes Wille ist (Röm 12,1-2 – wir erlangen Erkenntnis über den Willen Gottes und beweisen unsere Zustimmung; Eph 5,8-10.15-17; Kol 1,10; Phil 1,9-10). In der Ausübung unserer Geistesgaben erhalten wir die nötige Übung (gymnazo), um Gut und Böse zu unterscheiden (Hebr 5,14). Wir brauchen die Erfahrung des Wortes (Hebr 5,13). Diese Art des Lernens steht – ich wiederhole es – nicht im Gegensatz zur Lehre des Wortes. Es ist vielmehr die Art, in der das Wort uns belehrt. Durch den Gehorsam gegenüber dem Wort lernen wir seine Bedeutung immer besser kennen; wir lernen Stück für Stück, in Übereinstimmung mit dem Wort zu leben. Das Wort selbst darf nicht einfach als wissenschaftlicher Text studiert werden, sondern muss durch das tägliche Leben „studiert“ werden. Wir dürfen nicht erwarten, dass wir zuerst die Heilige Schrift verstanden haben müssen, bevor wir ihr gehorchen können, denn gehorchen und erkennen geschieht gleichzeitig; der Gehorsam ergänzt und stützt die Erkenntnis und umgekehrt. Sei die Lehre nun „durch das Wort“, „durch das Beispiel“ oder „durch die Erfahrung“ – immer ist sie Dienst am Wort Gottes. Durch diesen Dienst lernen wir, dem Wort im Alltag zu gehorchen.

2.3 Die Ausbildung für den Dienst ist das Werk der Gemeinde

Wir haben gesehen: Die Ausbildung für den Dienst geschieht durch die Lehre des Wortes Gottes im praktischen Leben des Menschen. Wer ist geeignet, das Wort Gottes zu lehren? Die biblische Antwort ist deutlich: Lehrer der Gemeinde. Lehrer des Wortes werden vom Geist Gottes gegeben, sie werden der Gemeinde als „Leib Christi“ gegeben (Eph 4,11, im Zusammenhang V. 4-16; vgl. Röm 12,5-7; 1Kor 12,27f.). Lehrer haben innerhalb der Gemeinde den Status eines „Ältesten“; sie haben Anspruch auf finanzielle Vergütung durch die Gemeinde (1Tim 5,17). Um einen Lehrer des Wortes auszubilden, bedarf es selbst eines Lehrers des Wortes; im Neuen Testament ist es die Gemeinde, die die Lehre des Wortes anerkennt, verwaltet und davon profitiert. Ein theologisches Seminar, das nicht „die Arbeit der Gemeinde“ tut, bildet auch keine Diener des Wortes aus.

3 Der Vorschlag

Als erstes schlage ich vor, das akademische Modell ein für alle Mal einzumotten – Abschlüsse, Beglaubigungen, Anstellungen, Werke usf. Ich will damit keineswegs den Unterricht im Klassenzimmer schmälern, was die Ausbildung für den Dienst anlangt, im Gegenteil: Für manche Bereiche wird er unabdingbar bleiben, zum Beispiel im Hinblick auf die biblischen Sprachen. Ich will auch nicht sagen, Noten, Stunden und Abschlüsse seien kein Indikator der theologischen Ausbildung. Unzweifelhaft wird jemand, der unter sonst gleichen Umständen gute Leistungen im Fach „Kirchengeschichte“ erbringt, ein besserer Diener der Gemeinde sein als einer, der die Ausbildung nicht schafft.

Das Problem liegt jedoch darin, dass ebendiese „Umstände“ niemals gleich, aber von entscheidender Bedeutung sind – sie müssen bei der Vorbereitung auf ein Lehramt besonders ins Kalkül gezogen werden. Das Räderwerk der Universitäten ist schlicht außerstande, einzuschätzen, was den Unterschied ausmacht – den Gehorsam eines Mannes gegenüber Gottes Wort, seine Beharrlichkeit im Gebet oder seine Fähigkeit zur Selbstbeherrschung. Wird er Aufseheramt ohne allen Stolz ausüben können? Wie steht es um die geistliche Kraft seiner Predigt für die Bekehrung von Menschen und zur Auferbauung der Gemeinde?

Der eigentliche Zweck wird verfehlt, wenn die Universität alle Mühe darauf verwendet, gute Professoren für ihre Fakultät zu gewinnen und „solide“ Curricula anzubieten (die sich mit denen von Harvard oder Yale messen können) oder abzuleistende „Semesterstunden“ zu ermitteln.

Was aber noch wichtiger ist: Diese Ausbildungsorte vermitteln einen falschen Eindruck (den Gemeinden, den Studenten und sich selbst!) bei der Frage, wie „Erkenntnis Gottes“ erlangt wird. Man müht sich ab, sich für den Dienst zu qualifizieren, indem man ein paar gute Arbeiten abliefert und sich genug Stoff einprägt, um die Prüfungen zu bestehen.

Theologische Fakultäten tun indes genau dies und leisten damit einem falschen Stolz Vorschub: Die vermittelten Kenntnisse „blähen auf“ (12Kor 8,1) und führen zu einer Art „Gnostizismus“, der die Kirche in der Vergangenheit weit von der Wahrheit des Wortes Gottes weggeführt hat.

Sollen wir einzig für jenes schmale Segment der theologischen Ausbildung, das im „Klassenzimmer“ unterrichtet werden muss, wie die biblischen Sprachen, die  „Akademien“ weiterführen? Wenn ja, dann sollten wir sicherstellen, dass diese Akademien um die Engführung dieser Absicht im Klaren sind. Sie dürften dann aber nicht länger behaupten, Männer für den Dienst am Evangelium auszubilden, oder zumindest dürften sie nicht beanspruchen, dass ihre Abschlüsse und Kurse eine solche Qualifikation rechtfertigen. Sie dürften nicht einmal behaupten, das Wort Gottes in dem Sinn zu vermitteln, wie er unter Punkt 2 (siehe oben) beschrieben ist. Solche „Akademien“ müssen unweigerlich zu einer fragmentierten theologischen Ausbildung führen. Die Studenten lernen ihre Kirchengeschichte im Unterricht, die geistlichen Eigenschaften müssen sie woanders erwerben. Ist das Fach Kirchengeschichte wirklich von Bedeutung für die Entwicklung eines gottesfürchtigen Charakters? Und zuletzt: Selbst wenn wir die „Akademie“ um dieser Absicht willen erhalten, stehen wir immer noch vor der wichtigen Frage: Wie sollen Männer wirklich auf ihren Dienst vorbereitet werden? Wenn die Akademie das nicht leistet, wer dann? Die eigentliche Ausbildung, die Entwicklung der für den Dienst nötigen Eigenschaften, muss in jedem Fall außerhalb der Bildungseinrichtungen stattfinden. Alles in allem ist aus meiner Sicht ein Neubeginn die bessere Option.

Wie wäre es mit einer positiven Alternative? Eine Kirche oder Glaubensgemeinschaft (vgl. Punkt 2.3) bildet eine Art Gemeinschaft von Christen, in der Lehrer und die Kandidaten für den Dienst samt deren Familien ein Leben in Gemeinschaft führen. Sie essen miteinander, arbeiten miteinander und lernen einander richtig kennen. Das Leben der einzelnen Christen: ihre Gewohnheiten, Naturelle, Talente, Vorlieben, Abneigungen, Kämpfe, ihr Streben nach Heiligung und auch ihr geistliches Versagen – all das soll kein Geheimnis bleiben. Lehrer und ältere Studenten wären ein „Beispiel“ für jüngere, die ihrerseits unter deren prüfenden Blick stünden. Die Gemeinschaft soll keine „klösterliche Weltflucht“ sein, sondern von der Absicht geleitet werden, die Gemeinschaft an ihrem Ort zu erbauen und zu pflegen. Jeder Lehrer, jeder Student, jede Ehefrau und jedes Kind ist eng in den Entwicklungsprozess der Gemeinde eingebunden, sei es durch Besuche, benachbarte Bibelstunden, öffentliche Treffen, Straßenpredigten und später dann (wenn die Gemeinde steht) durch Sonntagsschulunterricht, Jugendarbeit, Kirchenverwaltung usw.

Ein Lehrer erlangt seine Erfahrung für gewöhnlich im pastoralen und/oder evangelistischen Dienst. Die wichtigste Eigenschaft eines Lehrers ist sein Geschick, andere zu Lehrern heranzubilden (2Tim 2,2). Höhere Abschlüsse und besondere Gelehrsamkeit sind ebenso wünschenswert, doch Lehrer, die Lehrer unterrichten, beweisen – realistisch betrachtet – ohne solche Kenntnisse mehr Geschick; die meisten promovierten Akademiker sind wahrscheinlich recht ungeschickt für die Art der Unterrichtung, wie sie unter Punkt 2.2 beschrieben ist.

Der beste Anwärter für einen Lehrer in unserer Gemeinschaft ist ein Pastor, der seine Ältesten und seine Versammlung unterrichtet hat, so dass Lehre und Evangelisation innerhalb der Versammlung gut verbreitet sind. Selbstverständlich sollte jemand in der Gemeinde des Hebräischen mächtig sein! Ein Lehrer jedoch, wie ich ihn beschrieben habe, wird für gewöhnlich in der Lage sein, Studenten gerade soviel Hebräisch beizubringen, wie dieser für seinen Dienst benötigt.

Kein Student wird zugelassen, wenn er seinen Glauben an Christus nicht glaubwürdig begründen kann. Zuweilen wird es freilich von Nutzen sein, Nichtchristen einzuladen, um am Leben der Gemeinschaft teilzuhaben, doch am Ausbildungsprogramm kann ein Nichtchrist nicht teilnehmen. Anwärter müssen hinreichend Gründe anführen, einen Ruf für den Dienst vernommen zu haben (z.B. das Zeugnis eines Pastors oder der Versammlung). Zu Beginn wird ein Student hauptsächlich mit geringeren Arbeiten rund um das Gebäude und das Grundstück beschäftigt sein. Man erwartet von ihm, die Frucht des Geistes allgemein unter Beweis zu stellen, bevor er als Kandidat für den Dienst angenommen wird. Die Gemeinschaft wird die Qualität seines Glaubenslebens einschätzen, wird seinen „Laienbeitrag“ zum Werk der Kirche prüfen und ebenso sein Zeugnis gegen Außenstehende (Nichtchristen), insbesondere seine Fähigkeit, von den Ältesten im Herrn Zurechtweisung anzunehmen. Intensive Seelsorgesitzungen sollen verborgene Sünden zutage fördern und ebenso Charakterzüge, die dem Dienst hinderlich sind. Es wird sich zeigen, welcher Art die Umkehr ist, was diese Dinge anbetrifft.

Kann die Gemeinschaft die Tauglichkeit eines Mannes für den Dienst bestätigen, darf er offiziell ins Ausbildungsprogramm aufgenommen werden. Seine Ausbildung beginnt er in Sachen „Hausevangelisation“, indem er die Nachbarschaft unter Anleitung eines Lehrers oder eines fähigen älteren Studenten besucht. So durchläuft er nach und nach auch die anderen Phasen des Dienstes: Straßenpredigt, Bibelunterricht für Anfänger und Fortgeschrittene, schließlich die Sonntagspredigt und zuletzt die pastorale Tätigkeit unter den Gemeindemitgliedern und die Übernahme verschiedener Verantwortlichkeiten innerhalb der Kirchenverwaltung. Er ist mit diesen Dingen in den Gemeinden des Ausbildungsbezirks tatsächlich beschäftigt. Halten ihn die Lehrer und die Gemeinden bereit dafür, kann er auch Positionen in größeren Verantwortungsbereichen bekleiden.

Gleichzeitig beginnt er sein formales Studium der Theologie.

Für den Anfang schlage ich einen Monat „Intensivkurs“ in Griechisch vor, danach ein konzentriertes Studium zum Inhalt des Neuen Testaments, dann Auslegung, Geschichte und Theologie. Seine Predigt und Lehrtätigkeit gründet sich damit auf dem Neuen Testament. Als nächstes sind das Hebräische und das Alte Testament an der Reihe, danach das Fach „Systematische Theologie“. Alles gründet auf dem vorhergehenden Studium der Bibel. Zuletzt Kirchengeschichte und Apologetik unter dem Gesichtspunkt der Analyse der gegenwärtigen Kultur im Licht des Wortes.

Lehrer und Studenten älteren Jahrgangs sind stets mit der Beaufsichtigung der Arbeit der jüngeren Studenten betraut. Der Bibelunterricht des Studenten wird im Beisein eines Lehrers abgehalten und nach dem Unterricht mit dem Studenten besprochen. Im Verlauf ihres Fortschritts werden die Studenten immer stärker eingeladen, selbst zu lehren und Verwaltungsaufgaben zu übernehmen: Die Fähigkeit, selbst Lehrer zu unterrichten, ist für den Dienst ebenso wichtig. Die Ehefrauen und Kinder der Studenten werden ebenfalls ausgebildet und eingeschätzt: Wie viel Wirksamkeit ist nicht schon zunichte gemacht worden, weil ihre Frauen oder Kinder das Zeugnis der Männer gehindert haben!

Es gibt keine festgelegte „Anzahl an Stunden“, die jemand braucht, um seinen „Abschluss“ zu machen. Lehrer und ältere Studenten, die mit Lehrtätigkeit zu tun haben, werden die jeweiligen Kandidaten von Zeit zu Zeit einer intensiven Einschätzung unterziehen, damit sie die Fortschritte erkennen, die dein Student im Leben und im Erwerb seiner Fähigkeiten und Kenntnisse macht. Diese Treffen sollen zutage fördern, ob jemand aus dem Ausbildungsprogramm entlassen werden muss (entweder weil Grund besteht, an seinem Ruf in den Dienst zu zweifeln oder weil Zweifel bestehen, dass das Ausbildungsprogramm den persönlichen Problemen des Studenten gerecht werden kann) oder ob er in höhere Verantwortungsbereiche aufsteigen bzw. ob er „promoviert“ und den Gemeinden für den Dienst empfohlen werden kann. Niemand erhält seinen „Abschluss“, wenn die Lehrer nicht überzeugt davon sind, dass er den Charakter, die Fähigkeiten und Kenntnisse hat, die die Heilige Schrift von einem Gemeindediener verlangt.

Das ist freilich nur ein Vorschlag, eine Richtung, die wir einschlagen können.

Ich glaube aber, dass diese Richtung schriftgemäß ist.

Nachbemerkung (1979)

Ich habe diesen „Vorschlag“ 1972 geschrieben; vor einem Jahr ist er nun im Journal of Pastoral Practice (II/1, Winter 1978, S. 10-17) erschienen, nachdem er von sechs anderen christlichen Zeitschriften abgelehnt worden war. Die letzten sieben Jahre habe ich jede Menge wertvoller Anregungen erhalten und habe meinen Vorschlag immer wieder überdacht. Immer noch halte ich die Grundgedanken meines Vorschlags für sehr tragfähig, wenngleich ich heute einige Bemerkungen anfügen möchte:

  1. Ich hätte deutlicher machen sollen, dass ich diese „neue Ausbildungsmethode“ in den Kontext einer bestehenden Gemeinde eingebettet sehe und nicht als eine Institution außerhalb, denn das stünde völlig gegen das Argument, das ich im 2. Teil vorgebracht habe. Ich meine eine Gemeinde mit Vollzeitlern, Ältesten, Diakonen und Männern bzw. Frauen, Jungen und Mädchen, eine Gemeinde wie jede andere auch, mit dem Unterschied, dass besonderes Augenmerk auf die Ausbildung von Gemeindedienern gelegt wird, eine Art „Sonderprogramm“, wenn Sie so wollen. Dieses Sonderprogramm umfasst die Gründung weiterer Gemeinden (eine Sache, die freilich auch ohne dieses „Sonderprogramm“ durchgeführt werden kann). Dieses Sonderprogramm könnte durch Presbyterien und andere Gemeinden unterstützt und gefördert werden. Aber es ist und bleibt Aufgabe der Gemeinde. Die Studenten werden gleich ausgebildet wie wir alle – innerhalb der Gemeinde.

  2. Ich stehe heute der Gemeinde im Sinn einer „Kommune“ eher skeptisch gegenüber; die Privatsphäre ist zweifellos wichtig. Und ich glaube, wenn die Gemeinde (im obigen Sinn) eine wirklich gute Gemeinde ist, verbringen die Studenten ausreichend Zeit miteinander und auch mit den Ältesten, Pastoren und Diakonen, so dass die Gemeinde in der Lage ist, Leben und Lehre der Studenten im Auge zu behalten. Wahrscheinlich ist ein „Klosterleben“ weniger wünschenswert, als ich es im „Vorschlag“ beschrieben habe. Studenten und Familien sollten in Gemeinschaften leben, zu denen nicht nur Christen, sondern auch Nichtchristen Zugang haben. So „funktioniert“ schließlich die reale Welt. Aber sie sollen ausreichend miteinander arbeiten und Gemeinschaft mit ihren Glaubensgeschwistern pflegen, so dass einer des anderen Last tragen kann. Weniger sollte eine Gemeinde nicht voraussetzen.

  3. Die Frage, die mir am öftesten gestellt wurde, lautet: Was wird in diesem „System“ mit den Theologen? Wie kann eine gemeindezentrierte, dienstzentrierte Form der theologischen Ausbildung je einen Bejamin Warfield oder einen Herman Bavinck hervorbringen? Nun, als Erstes wird man im Gedächtnis behalten müssen, dass sich unser gegenwärtiges System in dieser Hinsicht wohl selbst keiner guten Arbeit rühmen dürfen wird (vgl. Punkt 2 meines „Vorschlags“). Unsere Theologen sind hauptsächlich mit Dingen beschäftigt, für die sie gar nicht ausgebildet sind – die Ausbildung von Gemeindedienern.

Das gereicht den Studenten zum Nachteil, und nicht nur ihnen, sondern auch den Theologen, denn die Gelehrten haben auf diese Weise nur wenig Zeit für Forschung. Es ist, als wenn professionelle Mathematiker nichts anderes zu tun hätten, als Buchhalter ausbilden.

Ich schlage vor, dass wir innerhalb der Gemeinde ebenfalls so etwas wie Ausbildungszentren für Theologen einrichten, ähnlich den Ausbildungszentren für angehende Pastoren (siehe „Vorschlag“). Während sich letztere um die Ausbildung der Diakone und Ältesten kümmern, wären erstere damit beschäftigt, Theologen heranzubilden (ob sie dann zu Dienern der Gemeinde werden oder nicht). Kehrten wir damit zum Gegensatz Theologie/Gemeinde bzw. Theologie und Dienst oder auch Theologie und Leben zurück? Nein. Das Bildungszentrum für theologische Forschung wird – wie das für Diener der Gemeinde – Teil der Kirchengemeinde sein. Es wird bestrebt sein, der Gemeinde zu dienen. Es wird dem Wort dienen, indem es in Dialog tritt mit nichtchristlichen Gelehrten auf der Universität. Die Theologie würde so als „praxisbezogene Anwendung“ gelehrt, als Teil des Lebens, und dennoch würden spezielle Begabungen, Anliegen und Bedürfnisse jener erkannt, die eher in Richtung Forschung tendieren.

Damit soll nicht gesagt sein, dass die Gelehrten einer Gemeinde kein universitäres Studium absolvieren sollen! Auch diese Gelegenheit sollte gegeben sein! Doch die meisten Gelehrten müssen zunächst im Wort gegründet sein, bevor sie Philosophie, Geschichte oder Semitistik studieren. Darum besuchen auch viele von ihnen zunächst ein Seminar, bevor sie auf die Universität gehen. Ich will damit nur sagen: Statt die herkömmlichen Seminare zu besuchen, könnten Gelehrte es vielleicht für profitabler halten, sich zunächst in die Art von Gemeinschaft zu begeben, wie ich sie oben beschrieben habe.

Nachbemerkung (2001)

Kaum zu glauben, es ist nun bereits fast dreißig Jahre her, seitdem ich dies geschrieben habe. Es belustigt mich, zu sehen, was ich schrieb, als ich jünger, kühner und drastischer war. Seither bin ich wahrscheinlich etwas milder geworden. Mein Herz schlägt aber immer noch für meinen damaligen „Vorschlag“.

Meine Arbeit hat nicht gerade großem Beifall geerntet, aber sie hat für ausreichend Interesse gesorgt, so dass ich gelegentlich scherzhaft von einer „Fangemeinde“ sprechen kann.

Die „Situation“, wie ich sie oben beschrieben habe, war damals sicher ein wenig überzeichnet. Heute gibt es eine ganze Reihe von Ansätzen, das gängige theologische Bildungsprogramm zu hinterfragen. Viele Gemeinden haben heute ihre eigenen Ausbildungsstätten. So gibt es in meiner eigenen Gemeinde (Presbyterian Church of America) das Knox Seminary, das eng mit der Coral Ridge Presbyterian Church verbunden ist, daneben Seminare, die mit der Spanish River Presbyterian Church in Boca Raton (Florida) und der Briarwood Presbyterian Church in Birmingham (Alabama) zusammenarbeiten. Die beiden letzteren bieten anerkannte Lehrgänge an, auf denen Professoren des Reformed Theological Seminary lesen. Hier wird der ernsthafte Versuch der Verschmelzung praktischer und theologischer Ausbildung gewagt.

Dann gibt es aber auch herkömmliche Bildungseinrichtungen, die Männer hervorragend auf ihren Dienst vorbereiten. Vielleicht habe ich 1972 die Mängel der Ausbildungsstätten zu stark betont. Heute wäre ich froh darüber, wenn meine Söhne am Reformed Theological Seminary studierten, wollte Gott sie in diese Richtung lenken. Es gibt aber durchaus Seminare, von denen ich ihnen aber aufs dringendste abraten würde. Doch wir können und sollten bessere Wege beschreiten.

Was mich selbst angeht, habe ich immer auf traditionellen, akademisch orientierten Seminaren gelehrt und werde das vermutlich für den Rest meines Lebens tun. Es entspricht meiner Begabung. Ich glaube nämlich nicht, dass ich auf einer Bildungseinrichtung, wie ich sie im „Vorschlag“ beschrieben habe, große Erfolge erzielte. Dafür mangelt es mir einfach an „sozialer Kompetenz“. Ich bin sozusagen ausschließlich für wissenschaftliche Arbeit geeignet, auch wenn meine Interessen in erster Linie praktischer Natur sind, aber gut – mit dieser Spannung muss ich leben. Ich selbst könnte kein Seminar gründen, das nach meinem „Vorschlag“ funktioniert und auch keines, für das ich Geldmittel sammeln müsste.

Die Ökonomie der theologischen Ausbildung ist ein Gegenstand, der in diesem Zusammenhang geprüft werden muss. Das ist meine Aufgabe nicht. Das Volk Gottes braucht eine Vision, eine Vision für die theologische Bildung! Hat es sich nicht auch bewegen lassen, verschiedene Missionen zu unterstützen? Wollten die Gemeinden zu Bildungseinrichtungen werden, die dem Geist meines „Vorschlags“ folgen, so dürfte man gewiss damit rechnen.

– – –

John Frame ist Professor für systematische Theologie u. Philosophie am Reformed Theological Seminary (Orlando, Florida, USA). Er hat bisher 15 Bücher veröffentlicht, zu seinen Hauptwerken zählen: The Doctrine of the Knowledge of God (1987), The Doctrine of God (2002), The Doctrine of the Christian Life (2008) und The Doctrine of the Word of God (2010).

Erschienen ist die deutsche Ausgabe zuerst in Glauben & Denken heute 1/2015, Nr. 15, S. 13–19. Wiedergabe des Textes mit freundlicher Genehmigung. Übersetzung von Ivo Carobbio.

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Ein Gott, der wirklich da ist

Francis Schaeffer schreibt in Kirche am Ende des 20. Jahrhunderts (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1971, S. 49–50):

Der Theologe, der sagt, man solle Gott lieben, der aber nicht genau weiß, welche Beziehung zwischen seinem Wort »Gott« und dem Gott, der wirklich da ist, besteht, redet Unsinn. Es ist lächerlich, von der Liebe zu einem Gott zu reden, der gar nicht da ist. Betrachten Sie z. B. den modernen Theologen, der behauptet, das Gebet habe keine reale Grundlage. Das sagt Robinson in seinem Buch Gott ist anders eindeutig, indem er behauptct, es gebe keine wirkliche vertikale Beziehung zu Gott. Ein solches vertikales Verhältnis zu Gott ist einfach deshalb unmöglich, weil Gott — für Robinson — nicht ein solcher Gott ist, der einer vertikalen Beziehung einen Sinn verleihen könnte. Aber Gott ist ein persönlicher Gott, und deshalb ist die Aufforderung, ihn zu lieben, kein Unsinn.

Oder betrachten Sie andererseits den Humanisten, der den Menschen für eine Maschine hält. Wenn ich eine Maschine bin, chemisch oder psychologisch determiniert, dann ist mein Versuch der Liebe zu Gott bedeutungslos. Weiter: wenn Gott jenes große philosophische »Andere«, das unpersönliche All, ein panthcistisches »Etwas« ist, dann ist die Aufforderung, Gott zu lieben, entweder eine Illusion oder ein grausamer Schwindel.

Das gesamte Christentum steht und fällt mit der Existenz und dem Wesen Gottes und der Existenz und der Natur des Menschen — der Existenz und Natur des »Ich«. Aus diesem Grunde ist die einzige hinreichende Basis für das christliche Leben des einzelnen und der Gemeinde eine persönliche Beziehung zu dem Gott, der da ist und der persönlich ist.

Darüber hinaus müssen wir aber durch unser Leben zeigen, daß wir wissen: Gott ist wirklich da. Wir sagen allzu oft, Gott existiere, und bleiben dann in einer scholastischen, theoretischen Orthodoxie stecken. Allzu oft bekommt die Welt den Eindruck, daß wir unser ganzes organisatorisches Programm aufstellen, als existiere Gott gar nicht und als ob wir alles selbst auf der Grundlage moderner Reklametheorien machen müßten.

Stellen wir uns einmal vor, wir wachten morgen früh auf, öffneten die Bibel und stellten fest, daß zwei Dinge herausgenommen worden seien, nicht wie die Liberalen sie herausstreichen, sondern wirklich herausgenommen. Stellen wir uns vor, Gott hätte sie entfernt. Der erste fehlende Punkt sei die wirkliche Kraft des Heiligen Geistes und der zweite Punkt die Realität des Gebets. Folglich würden wir weiter den Befehlen der Schrift gehorchen und auf der Basis dieser neuen Bibel zu leben beginnen, die nichts über die Kraft des Heiligen Geistes und nichts über die Kraft des Gebets aussagte. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen: Würde sich dadurch morgen unser Leben wirklich von dem Leben unterscheiden, das wir gestern noch geführt haben? Glauben wir wirklich, daß Gott lebt? Wenn wir es tun, dann leben wir anders.

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