Der endzeitliche Skopus von Luthers Rechtfertigungslehre

Albrecht Peters schreibt in seinem Buch Rechtfertigung über den oft ausgeblendeten eschatologischen Skopus der Rechtfertigungslehre Luthers (Rechtfertigung, 1984, S. 33–34):

Entscheidend für den reformatorischen Ansatz ist nun freilich, daß die streng eschatologische Orientierung der Rechtfertigung auf ein letztgültiges Offenbarwerden aller Menschen vor dem Schöpfer- und Richtergott nicht verschleiert wird. Die Beichtpraxis des Mittelalters hatte gerade den schlichten Gemeindegliedern unmißverständlich eingehämmert: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“ (2 Kor 5,10).

Die tägliche Bereitung auf dieses Treten vor Gottes Angesicht konzentrierte sich in der solennen Ohrenbeichte, im gottesdienstlichen Schuldbekenntnis sowie in der Zurüstung zum Sterben. Die Reformation hat diese streng endzeitliche Ausrichtung des Lebens nicht entschärft, sondern eher noch verschärft. Gegen Gerhard Ebelings Interpretation der Initia Lutheri hat Albert Brandenburg gezeigt, welches Gewicht das Wörtlein „ludicium“ in Luthers erster Psalmenvorlesung hat. Die Trostschriften von 1518 bis 1520 sowie die ersten Vaterunser-Auslegungen orientieren sich daran, daß wir mit unserem Sterben unmittelbar in Gottes Gericht hineinfallen. Sie flehen deshalb: „Erlöse uns, o Vater, von deinem ewigen Zorn und der höllischen Pein. Erlöse uns von deinem gestrengen Urteil im Tod und am Jüngsten Tage“ (WA 7,229,10). Seit 1520 findet sich in Luthers sittlich-seelsorgerlichen Schriften zumeist im Eingang wie zum Beschluß ein Hinweis auf Gottes Urteil. Als ein öffentlicher Lehrer der Heiligen Schrift weiß er sich wie Hesekiel (Ez 3,16–21; 33,7–9) und Paulus (bes. Apg 20,17–35) zum Wächter bestellt. Alle Menschen sind mit ihren Taten, Worten und Gedanken schon jetzt offenbar im unerträglichen Lichtglanz des heiligen Gottes. Der Reformator will mit seinem Verkündigen und Schreiben den wenigen Menschen, die noch nach dem ewigen Herrn und Richter fragen, dessen Weisungen und Tröstungen vor Augen stellen, damit sie sich nicht in Schuld verstricken oder ohne Hilfe bleiben. Wie ein Kehrreim tauchen deshalb die Wendungen auf: Ich habe gewarnt, rein bin ich von eurem Blute und vom Blute der durch euch mit ins Verderben Gerissenen! Unter den neueren Dogmatikern hat fast nur Werner Elert hierauf den Finger gelegt; nach ihm soll Luther die gesamte „Predigt des Gesetzes“ auf diesen einen Punkt nicht nur konzentriert, sondern „reduziert“ haben: „Er hat der Obrigkeit, den Untertanen, dem Hausvater, seinen Kindern und Knechten, dem Kaufmann und dem Kriegsmann eins eingehämmert: daß sie sich vor Gott zu rechtfertigen haben.“

Um diesen endzeitlichen Skopus der Rechtfertigung plastisch werden zu lassen, seien lediglich zwei Texte zitiert. Die „Predigt, daß man Kinder zur Schule halten soll“ (1530) setzt ein mit den drastischen Worten: »Hab ich mir vurgenommen, diese Vermahnung an euch zu tun, ob vielleicht noch etliche Leute wären, die noch ein wenig gläubten, daß ein Gott im Himmel und eine Helle für die Ungläubigen bereit sei. Denn es stellet sich schier alle Welt, als wäre weder Gott im Himmel noch Teufel in der Helle« (WA 30 II, 526,27). An die auf dem Reichstag zu Augsburg versammelten „katholischen“ geistlichen wie weltlichen Herren schreibt er: „Euer Blut sei auf eurem Kopf; wir sind und wollen unschuldig sein an eurem Blut und Verdammnis, als die wir euch euer Missetat gnugsam angezeigt, treulich vermahnet zur Buße, herzlich gebeten und zu allem, das zum Frieden dienet, aufs höhest erboten und nichts anders gesucht noch begehrt denn den einigen Trost unser Seelen, das freie, reine Euangelion, also daß wir mit gutem Gewissen rühmen mügen, der Mangel sei an uns nicht gewesen“ (WA 30 II,355,29).

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8 Kommentare
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JoMa
1 Monat zuvor

Danke für das lesenswerte Zitat!

Ich meine, er heißt Albrecht Peters – zumindest, wenn du den Heidelberger Systematiker meinst und zitierst.

1 Monat zuvor

Wir werden durch unseren Glauben an Jesus Christus und Seine Gnade gerecht von Verfehlungen, ohne dass wir dafür eine Leistung erbringen müssen (Römer 3, 22-24; Epheser 2, 8-10). Aber zwischen gerecht werden (aus Gnade) und gerecht bleiben (durch Taten) besteht ein großer Unterschied! Bitte lesen Sie dazu die folgenden Bibelaussagen: – laue Christen wird Jesus aus seinem Mund ausspucken (Offenbarung 3, 14-22) und – wer keine reiche Frucht bringt, wird von Jesus getrennt (Johannes 15,1-8) und damit Faulpelze und Taugenichtse (Matthäus 25,14-30). Bitte lesen Sie auch Jakobus 2,24; Matthäus 6,19 + 20 und Matthäus 19,30. Wie können Sie sich also tatkräftig für Jesus Christus engagieren? Gott hat alles, was wir tun sollen, vorbereitet; an uns ist es nun, das Vorbereitete auszuführen (Epheser 2,10). Bitten Sie IHN um Erkenntnis (Jakobus 1,5-8). Jesus spricht in Matthäus 25,31-46 „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr für mich getan“ und erläutert das. Und ER will, dass alle Menschen die Wahrheit erkennen… Weiterlesen »

Ernst
1 Monat zuvor

Ich dachte immer, der Christ komme nicht ins Gericht.
Ich dachte immer, er sei vor Gott je und je schon offenbar.
Vielleicht wird er vor sich selbst offenbar?
Und spricht Paulus an dieser Stelle nicht von sich und seinen Mitarbeitern? Der Kontext scheint das nahezulegen, denn vorher macht er ja den Unterschied zwischen „uns“ und „euch“, und danach auch wieder.

Stephan
1 Monat zuvor

@Ernst: Es müßte zunächst geklärt werden, wer oder was ein Christ ist. Ich denke da an Mt7,21. Und an mein eigenes Leben: In den ersten 35 Jahren meines Lebens hätte ich die meiste Zeit nicht geleugnet, dass es einen Gott gibt, und einen gewissen Jesus, ich war auch in der Kirche aktiv. Nur: ich weiß heute, dass mein Bild von Gott und Jesus ein selbstgemachtes Bild war. Ich habe z.B. mein Gerechtigkeitsempfinden zum Maß der Dinge gemacht. Ich habe selbst definiert, was richtig und was falsch ist. Aus formaler Sicht war ich getauft und Kirchensteuerzahler, und habe mich als Christ gesehen. Aber der Gott der Bibel ist ein deutlich anderer, als ich ihn mir damals definiert habe. Und der damalige „Glaube“ hatte keine Auswirkungen auf meine Lebensführung. Nun hatte ich die später die Gnade eines Bekehrungserlebnisses, und in der Folge habe ich die Bibel gelesen und vieles dort endlich verstanden (das Wirken des Heiligen Geistes …). Mein damaliges Ich wäre… Weiterlesen »

Ernst
1 Monat zuvor

@Stephan Erlösung durch eigenes Tun, wenn auch geschickt getarnt. Wir werden erlöst durch die Gnade Jesu Christi. Nicht durch den richtigen Lebenswandel. Hast Du vorher an Jesus Christus geglaubt? Ja oder nein! Wenn ja, dann wärest Du nicht ins Gericht gekommen, stimmst Du zu? Ja, das tust Du, oder Du wärest Synergist. Es gibt kein „Preisgericht“, das ist eine pietistische Erfindung. Sie war nötig, weil man aus futuristischer Sicht nicht wußte, was man mit 2Kor 5,10 tun sollte. Jesus sagt, wer an ihn glaube, kommt *nicht* ins Gericht. Paulus sagte: Wir müssen *alle* ins Gericht vor Jesus. Der Logiker sagt: Widerspruch. Der Fromme sagt: Zwei Aussagelinien. Doch nein, der Reihe nach: Paulus und seine Mitarbeiter, also die Apostel, das waren jene, auf denen die Kirche ursprünglich gebaut worden ist. Sie waren das Fundament. Sie mußten vor dem Richterstuhl Christi erscheinen. Im 3. Kap. des 1. Korintherbriefs dasselbe Phänomen: Gegenüberstellung von Mitarbeitern (Silber Gold Edle Steine) und „Fußvolk“, von „wir“ und… Weiterlesen »

Schandor
1 Monat zuvor

orientieren sich daran, daß wir mit unserem Sterben unmittelbar in Gottes Gericht hineinfallen.“

Die Angst davor ist doch verständlich. Wer hält sich schon für würdig genug, Gott begegnen zu können?

Aber nimmt man denn da nicht Jesu Wort nicht ernst: Wer an mich glaubt, kommt NICHT ins Gericht? Die Angst vor der Begegnung mit Gott ist größer als der Glaube an das Jesuswort? Das erscheint mir immerhin bedenkenswert.

Stephan
1 Monat zuvor

@Ernst:
Erlösung durch eigenes Tun, wenn auch geschickt getarnt.“
Genau das habe ich nicht geschrieben, wie sich auch Ihre anderen Anmerkungen erledigen würden, wenn Sie meinen Text so lesen würden, dass Sie nicht genau das herauslesen, was Sie lesen wollen.

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