Gewährte Selbstvergessenheit

Oswald Bayer schreibt in Aus Glauben leben (Stuttgart: Calw Verlag, 1990, S. 34–35)

Der neu Geborene ist nicht mehr in sich selbst verfangen, sondern von der Selbstverfangenheit und unentwegt das Seine suchender Selbstreflexion frei; in diesem Sinn ist Glaube Selbstvergessenheit. Nicht Selbstbetäubung, nicht Flucht vor Besinnung und Verantwortung, aber gewährte Selbstvergessenheit. Das Wort der passiven Gerechtigkeit des Glaubens sagt: Du gehst dich selber gar nichts an! Indem Gott das Entscheidende in dir wirkt, lebst du außerhalb deiner selbst allein in ihm! So bin ich mir selbst verborgen und dem eigenen Urteil sowie dem der anderen über mich, sofern es ein letztes Urteil sein will, entnommen. „Wer bin ich?“ Solche Selbstreflexion kommt nicht in sich zur Ruhe. Sie löst sich vielmehr im Gebet, in das Bonhoeffer sie hineingibt, in dem er sie aufgehoben sein läßt: „Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ Diese neue Grundbefindlichkeit kann sich nicht in sich selbst festigen, so gewiß sie gerade die Befreiung von jedem Versuch einer Selbststabilisierung und Selbstorganisation ist. Können wir doch schon physisch keinen einzigen Augenblick lang aus eigenen Kräften Bestand haben, in uns bestehen, uns Zusammenhalten und nicht in das Nichts auseinanderfallen. Und wie ich physisch nur lebe, wenn mir jeden Augenblick Luft gewährt und nicht entzogen wird, so hat die neue Grundbefindlichkeit ihre Wirklichkeit allein im Atemholen des Gebets. „Bitte Gott, daß er Glauben in dir wecke, sonst bleibst du wohl ewiglich ohne Glauben, du dichtest und tuest, was du willst oder kannst.“ Ein solches Gebet ist uns von dem Lutheraner Tobias Clausnitzer (1618-1684) überliefert:

„Unser Wissen und Verstand
ist mit Finsternis verhüllet,
wo nicht deines Geistes Hand
uns mit hellem Licht erfüllet;
Gutes denken, tun und dichten
mußt du selbst in uns verrichten.“

Kommentare

  1. Theophil Isegrim meint:

    Sehr schön! Dieses Thema ging mir vorhin schon durch den Kopf.

    „… ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir …“ (Galater 2,19.20)

    Ich halte das mit für den größten Schwachpunkt in unserer egomanen Zeit. Es ist ja deutlich zu sehen, wie sehr der Mensch sich selbst zu Gott machen möchte. Selbst sein Geschlecht will er nicht mehr akzeptieren (so einige Schreihälse, die sich als Meinungsführer ansehen). Und das färbt leider auch sehr stark auf uns Christen ab. Wo hört man denn noch, daß man sterben muß? Seinen Egoismus aufgeben. Ich, ich, ich, erst komm ich und dann komm ich, immer denke ich nur an mich. Und die paar guten Werken, das Teilen mit anderen, das Einsetzen für Schwache, naja, manche tun es, um sich damit den Mantel der Gutmenschlichkeit anzuziehen. Sehr raffinierter, verkappter Egoismus.

    Dabei ist es so gut von unserem Egoismus erlöst zu werden. Es ist nur so schwer.

    Prima, Ron, daß Du solche Texte hier immer wieder reinstellst, die uns an das Wesentliche erinnern sollen.

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