Rechter Glaube

Im Landkreis Lippe sorgt eine Promotion für Aufregung, die im Herbst 2025 von der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn unter dem Titel „Bible Belts in Deutschland. Eine Studie zum Verhältnis von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und (rechts-)konservativem Christentum in Lippe“ zur Erlangung des akademischen Grades Doktor der Philosophie angenommen worden ist. Der Autor Jan Christian Pinsch hat sie unter dem Titel „Rechter Glaube. Netzwerke und Narrative bibelfundamentalistischer Christen in Lippe” im Bielefelder transcript Verlag veröffentlicht, wo sie frei heruntergeladen werden kann.

Ich habe sie vor einigen Tagen überflogen und mich dabei gefragt, wie eine solche Arbeit als Dissertation akzeptiert werden konnte. Das eigene Narrativ wird einfach vorausgesetzt, aber weder transparent entfaltet noch verteidigt. Theologisch konservative Christen aus dem Kreis Lippe fühlen sich durch das Buch zurecht unter Generalverdacht gestellt.

David Wengenroth von IDEA schreibt: 

Eines muss man Pinsch lassen: Er ist bienenfleißig gewesen. Allein das Quellen- und Literaturverzeichnis seiner Arbeit ist über 30 eng beschriebene Seiten lang. Das Spektrum der Veröffentlichungen, die er gesichtet hat, reicht von wissenschaftlichen Studien und populären Debattenbüchern über kirchliche Verlautbarungen und Positionspapiere bis hin zu Zeitungsartikeln und Internetdiskussionen. Wenn man sich für die theologisch konservative Szene im Landkreis Lippe interessiert, kann man seine Doktorarbeit streckenweise durchaus mit Gewinn lesen.

Was diese „Studie“ aber zu einem Ärgernis macht, ist der penetrante Mief des Generalverdachts, der durch ihre rund 300 Seiten wabert. Man muss fürwahr keine Sympathien für den Rechtspopulismus haben, um sein Konzept von vornherein absurd und willkürlich zu finden. Wenn man nur will, kann man bei fast jedem Menschen „mehr oder weniger inhaltliche und personelle Nähe zur politischen Rechten“ konstruieren. Da hilft es auch nicht, dass Pinsch seinem Rundumschlag mit dem umstrittenen Konzept der „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ ein wissenschaftliches Mäntelchen umhängen will. Im Gegenteil: Es erlaubt ihm, unterschiedliche und zum Teil tief zerstrittene Akteure in dieselbe Schublade zu packen. Die „Differenzierungen“ zwischen den untersuchten Gruppen, Personen und Einrichtungen, die er vorzunehmen behauptet, bleiben ein Alibi. Am Ende stellt Pinsch alle „untersuchten Akteure“ unter den Verdacht, Menschenverächter und Demokratiefeinde zu sein.

Mehr: app.idea.de.

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9 Kommentare
Markus Jesgarz
18 Tage vor

Die Broschüre „Rechte ChristInnen oder (r)echter Glaube?“ des Gemeindehilfsbundes spricht ein Thema an, das in der heutigen kirchlichen Debatte dringend diskutiert werden muss: https://www.gemeindehilfsbund.de/index.php?id=77&tt_products%5BbackPID%5D=133&tt_products%5Bproduct%5D=253&cHash=6df77d0bd00d55f6c12bf194a510aaea Gerade die Dissertation von Jan-Christian Pinsch „Rechter Glaube. Netzwerke und Narrative bibelfundamentalistischer Christen in Lippe“ zeigt, warum diese Diskussion notwendig ist. Wissenschaftliche Forschung darf selbstverständlich kritisch untersuchen. Aber sie muss auch sorgfältig unterscheiden zwischen echtem Extremismus und konservativ-bibeltreuen Christen, die aus ihrem Glaubensverständnis heraus bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen kritisch beurteilen. Die große Gefahr besteht darin, dass Christen mit klassischen biblischen Überzeugungen zunehmend unter einen Generalverdacht gestellt werden: Wer nicht die politischen und theologischen Positionen der modernen, vielfach links geprägten evangelischen Mehrheitsströmungen übernimmt, wird schnell als „rechts“ eingeordnet. Dadurch werden konservative Christen nicht nur kritisiert, sondern gesellschaftlich und kirchlich an den Rand gedrängt. Genau hier setzt Stefan Felber mit seinem Nachdenken über den Begriff der „Zivilreligion“ an. Seine Warnung lautet: Wenn politische Vorstellungen einen quasi-religiösen Anspruch bekommen und nicht mehr hinterfragt werden dürfen, entsteht eine neue Form von… Weiterlesen »

Zuletzt bearbeitet am 18 Tage vor von Markus Jesgarz
18 Tage vor

Ich seh das Ganze in einem endzeitlichen Kontext, wo auch die westliche Christenheit unter Druck kommen wird.Solche Typen wie Jan Christian Pinsch bereiten den Boden vor, vielleicht unbewusst. Die Stigmatisierung der Christen erfolgt genau über diese Schiene, Christen sind extrem rechts, Ausländerdfeindlich, Frauenverachtend und vor allem Homophob. Das genügt um mit dem „Rechtstaat“ zu kollidieren und öffnet die Tür für Verfolgung.Wieviel Zeit haben wir noch um ungehindert das Evangelium zu verkünden?

Ede
18 Tage vor

Welche Uni auch immer diese Arbeit als Doktorarbeit angenommen hat, sollte mal wieder von einer Akkreditierungsgesellschaft besucht bzw. beraten werden. Manipulative Formulierung, Schnittmengen, die ohne übergeordneter und definierter Matrix zu Schlussfolgerungen führen… Note: ungenügend!

18 Tage vor

Ich sehe das Problem an anderer Stelle. Im Raum Lippe handelt es sich zu einem großen Anteil um russlanddeutsche Gemeinden.Aus meiner Sicht werden diese Gemeinden oft von EAD Leuten als Schmuddelkinder angesehen, da sie oft die EAD ablehnen. Selten wird auch deshalb russlanddeutschen von Seiten der EAD beigesprungen, wenn es mal nötig wäre. Und so kann man sich gewiss sein, dass es bei solchen Veröffentlichungen wie auch anderer Medienbeiträge gibt,keinen nennenswerten Widerstand gibt,denn: die EAD hat sich durch ihre in den letzten Jahrzehnten entstandene theologische Breite in Bezug auf klare Stellungnahmen in geistlichen Fragen total verzwergt. Das sieht man zum Beispiel auch beim Marsch für das Leben wozu es kaum Stellungnahmen von der EAD gibt, die immer mehr zum zweiten ACK mutiert. Jetzt wundert man sich, dass Leute übermütig werden, ist aber in der EAD nicht bereit angegriffenen Gemeinden oder Pastoren vereint beizuspringen. Die Evangelikalen haben diesen Geist gegen sie selbst aus der Flasche gelassen

17 Tage vor

Wer auf der „Kampf-gegen-Rechts“ Welle mitschwimmt, kann in diesem Land mit gewissen Vorteilen rechnen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Welle auch in die Theologie hineinschwappt und dort die Opportunisten mitreißt.

17 Tage vor

Achtung: Es gibt unter Christen nicht nur Kampf gegen Rechts sondern auch Kampf gegen Links. Beide Seiten versuchen Chridten zu vereinnahmen. Darum geht es aber sowohl als auch nicht. Wer Glaube als Mäntelchen für die Durchsetzung politischer Interessen nimmt liegt falsch. Das ist übrigens schon lange so und die aktuelle Situation ist nicht die erste und wahrscheinlich nicht die Letzte….

Reinhard Baden
15 Tage vor

Alles zum Thema „Politische Religion“ und die permanente Gefahr der Hybris, in eine solche zu pervertieren (politischer Messianismus , „ZIVILRELIGION“ UND ANDERE SURROGAT-FORMEN des Christentums) sind meines Wissens unübertroffen von Paul Schütz, später von Eric Voegelins und De Lubac aufgewiesen worden bzw. deren unheilvolle Wirkungsgeschichte bis heute diskutiert. . Eine Pflichtlektüre für jeden Theologen (S. Felber hat nochmal den Versuch unternommen, diese unheilvolle , ja sehr blutige Spur, zu aktualisieren.- Die aktuellen Staatsformen des Westens lassen keinen Zweifel daran, daß sie keine Religionsgemeinschaft und deren Glaubenspraxis, tolerieren, die nicht bereit ist, die (parareligiöse ) Dogmatik des säkulare Staatsverständnis zu teilen. Dies im Sinne „Zivilreligionstheoretikers“ A. Comte.- Daß die großen „Volkskirchen“ es nicht wahrhaben wollen und sich der political correctness anbiedern, wundert nicht bzw. gehört eben zu den Kloaken , die den lebendigen Strom der Kirche erneut und nachhaltiger zu verpesten drohen.. Vielleicht erleben wird heute und viel konkreter die Metamorphose einer Religionsform „Christentum“, die Wladimir Solowjew als Vision vor 126… Weiterlesen »

Markus Jesgarz
14 Tage vor

Der eigentliche Schwachpunkt der Dissertation liegt für mich gerade im Abschnitt 6.1.4 „Verbindungen zum Gemeindehilfsbund (Cochlovius/Hesse/Felber)“ (S. 137–141). Jan Christian Pinsch dokumentiert dort zwar zahlreiche Zitate und personelle Verbindungen, bleibt aber eine ernsthafte inhaltliche Auseinandersetzung mit den theologischen Argumenten von Joachim Cochlovius, Johann Hesse und insbesondere Stefan Felber schuldig. Gerade bei Felber wäre zu erwarten gewesen, dass seine Argumentation aus der klassischen reformatorischen Tradition untersucht wird. Seine Berufung auf die Zwei-Reiche-Lehre, auf die Schöpfungsordnung und auf die Autorität der Heiligen Schrift fällt nicht vom Himmel, sondern steht in einer jahrhundertealten theologischen Tradition. Martin Luther, Johannes Calvin, Augustinus mit De civitate Dei sowie die evangelische Orthodoxie des 17. Jahrhunderts hätten in einer wissenschaftlichen Analyse zwingend berücksichtigt werden müssen. Stattdessen werden überwiegend politische Folgerungen diskutiert, während die dogmatischen Grundlagen weitgehend unbeachtet bleiben. Ebenso fehlt eine Auseinandersetzung mit modernen konservativ-evangelikalen Standardwerken und Bekenntnissen, etwa der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Bibel und ihrer hermeneutischen Ergänzung. Auch Theologen wie Norman Geisler, die die Vertrauenswürdigkeit und… Weiterlesen »

Kommentator
11 Tage vor

In der Deutschen Demokratischen Republik waren solche Dissertationen hervorragend geeignet, um bei der Partei Karriere zu machen. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit gegen Russlanddeutsche ist aktuell möglich und karriereförderlich. Aus sozialistischer Sicht stellt sich die natürlich die Frage, warum man sich erst einen Haufen ausländischer Bibelfundamentalisten ins Land holt, um sich anschließend über sie zu beschweren. Den Ostberliner Genossen wäre so etwas nicht passiert. Dort wären diese allesamt in Russland geblieben, schön unter der Knute der KPdSU. Die von Stefan Felber erwähnte „Zivilreligion“ ist eine innovative Deutung einer geschichtlich längst bekannten Sache. Denn letztlich existiert „Zivilreligion“ nicht, alles ist Religion! Menschen sind schlicht nicht fähig, um sich über dieses Stadium hinaus zu entwickeln. Und bei dem was gerade stattfindet, handelt es sich um nichts anderes als um einen weiteren innerdeutschen Religionskrieg: Schwaben gegen Sachsen, und es wird wie beim antiken Israel unweigerlich mit einer Teilung in Nordreich und Südreich enden. Eine geschichtliche Konstante ist auch, dass in Folge solcher Religionskriege immer das Christentum… Weiterlesen »

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