Meinungsfreiheit

Eine Höhlenwanderung: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie man ihn kennt (und fürchtet)

ARD, ZDF und Deutschlandradio nahmen im Jahr 2024 insgesamt 10,4 Milliarden Euro ein. Eine solche Summe erreicht kein anderes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem (ÖRR) weltweit (siehe hier). Da könnte man meinen, dass der ÖRR sehr viel Wert auf Sorgfalt und journalistische Standards legt. Wer jedoch selbst einmal in einer Reportage des ÖRR aufgetreten ist, hat möglicherweise die Erfahrung gemacht, dass die Darstellungen stark interessengeleitet sind. Besonders viel Spaß scheinen einige Redakteure daran zu haben, fromme Christen als weltabgewandte und durchgeknallte Hinterwäldler darzustellen.

Romy W. (Klarname ist mir bekannt) hat im letzten Jahr einige solcher Dokumentationen gesehen. Da es zwischen dem ÖRR und dem gewöhnlichen Gebührenzahler ein übergroßes Machtgefälle gibt, kommt man mit Richtigstellungen meist nicht sehr weit. Aber man kann auch anders an die Sache herangehen und die Eindrücke in einen bissigen und humorigen Text „hineinlegen“. Genau das hat Romy W. mit „Eine Höhlenwanderung“ gemacht.

Gern gebe ich den Beitrag nachfolgend wieder:

Eine Höhlenwanderung

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wie man ihn kennt (und fürchtet)

Die Redakteure des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) haben wieder einmal tief und genussvoll in den verbürgten Topf der Rundfunkgebühren (früher GEZ) gegriffen. Sie haben es sich so richtig gegönnt. Das ist das Großartige an ihrem nie versiegenden Jungbrunnen: Er fließt und fließt in Strömen. Deswegen muss man sich auch nicht die Mühe machen, sorgfältige journalistische Arbeit zu leisten. Wer braucht schon Qualität, wenn die Kohle auch so stimmt?

Warum es sich also nicht gönnen? Warum, wenn die Ideen für bereichernde und kluge Berichterstattungen allmählich ausgehen, nicht am reichhaltigen Buffet eines Lieblingsthemas bedienen: Den dummen, zurückge-bliebenen und zugleich hochgefährlich digitalisierten, moralisch verdrehten, autoritären, gesellschafts- und kulturfeindlichen Christen?

Dieses Jahr haben wir bereits einige mit Herzblut recherchierte Dokumentationen über diese höchst manipulative Bewegung zu sehen bekommen. Wir durften lernen, wie bedrohlich öffentliche Glaubensbekenntnisse christlicher Profifußballer sind. Wir wurden aufgeklärt über mysteriöse Zusammenkünfte von Demokratiefeinden im „hippen“ Charismatiker-Gewand. Wir wurden „wohlgeframed“ über die ideologisch verblendeten freikirchlichen „Systeme“ informiert, die eigentlich nur dazu dienen, einer auserwählten Heiligenschar zu Reichtum zu verhelfen. Wir hörten von aus politisch-rechtem Gedankengut gespeisten, rappenden Chart-Erschleichern. Glücklicherweise ist die Gemeinde Jesu Christi nicht tot. Glücklicherweise lässt sich hinter jeder Biegung eine weitere Schreckensmeldung finden, die sich bildreich vermarkten lässt. Jüngst haben sich unsere Qualitätsjournalisten die katholisch-charismatische Bewegung, insbesondere Johannes Hartl, vorgeknöpft.

Es ist einfach viel zu reizvoll, um nicht kreativ mit diesem Rohmaterial zu arbeiten. Deswegen sei auf der Hut, Deutschland! Wir helfen dir beim Anlegen der Höhlenausrüstung. Wir schalten die Stirnlampe für dich ein. Wir nehmen deine Hand und führen dich. Bleib uns dicht auf den Fersen, denn nun steigen wir hinab in die rutschigen Tropfsteinhöhlen der Verblendung. In die verschlingende Finsternis des christlichen Glaubens. Fürchte dich nicht, denn wir erleuchten die Höhle für dich. Wir zeigen dir, dass diese Welt nur aus Schatten besteht.

Da wir eine äußerst hochwertige Ausrüstung tragen, sind wir nicht auf plausible Argumente angewiesen. Wie die gegnerische Seite bedienen wir uns einer wunderbaren postmodernen Errungenschaft: Der Postfaktizität.

Uns reicht es, wenn wir genügend versprengte Einzelstimmen aus dem letzten Jahrzehnt zusammenkratzen. Wir benötigen keinen rechtlichen Fehltritt. Keine verfassungsfeindlichen Zitate. Wir brauchen keine nachgewiesene Veruntreuung. Noch nicht einmal auf einen dramatischen Missbrauchsskandal sind wir angewiesen. Pornokritische Zitate reichen völlig aus. Wie, ihr habt Studien gelesen, in denen die neurologischen Auswirkungen und die sozialen Gefahren von Pornokonsum beleuchtet werden? Das kann nicht sein! Wir leben in einer postfaktischen Zeit. Es lässt sich leicht lösen. Wir wählen dramatische Musik. Wir entscheiden uns für einen mitleidigen Tonfall. Wir rühren kräftig um. Und wie schön: Es funktioniert. Seht ihr, wie die bunten Emotionen die Fakten übermalen?

So können wir uns gemeinsam in der Drohkulisse sonnen: Der Drohkulisse gesunder Ehen, verkörperter Sexualität anstelle von losgelöstem Digitalkonsum, und vertrauensbasierter Beziehungen. Aber bevor du angesichts dieses Schreckensszenarios in die Hosen machst: Fürchte dich nicht. Die ARD ist bei dir! Gemeinsam werden wir das Tal der Rückwärtsgewandtheit erfolgreich durchwandern. Mehr noch: Schon bald werden wir wieder in aufgeklärte Sphären aufsteigen. Dorthin, wo das freie Individuum als Mittelpunkt der Realität für Recht und Ordnung sorgt. Fürchte dich nicht! Dieser graue Kollektivismus, dieses Untergraben der radikalen Selbstverwirklichung auf Kosten aller, ist bloß ein Hirngespinst. Der aufgeklärte Mensch ist sich selbst genug. Die Eingliederung in eine Gruppe ist höchstgefährlich für die Selbstentfaltung.

(Außer natürlich in die Demokratie.)
(Und natürlich in den herrschenden Zeitgeist.)
(Und natürlich in den Cancel-Mob gegen Andersdenkende.)
(Bei Shitstorms hat man sich bitte schön dem Kollektiv unterzuordnen. Hexenjagden sind schließlich die letzten kommunalen Rituale unserer säkularen Gesellschaft.)
(Wenn wir einander schon gewohnheitsmäßig die menschliche Würde absprechen, lasst uns bitte gleich zusammen als Tierherde agieren.)

Vielleicht reden wir am Thema vorbei. Vielleicht haben wir den Kern der Sache nicht verstanden. Vielleicht geht es hier nicht um Macht, und vielleicht ist in dieser Sphäre nichts politisch. Vielleicht geht es hier um etwas ganz anderes.

Das interessiert uns wenig. Wir sind das Licht. Unsere Stirnlampe bleibt fokussiert. Wir vertrauen ihr und fordern Vertrauen ein – postfaktisch.
Wir beherrschen unser Geschäft, und der Erfolg wird uns recht geben. Wenn wir unseren Brei weich genug vorkauen, können wir Deutschland damit füttern. Denn Brei sättigt. Und wer satt ist und gut unterhalten wird, braucht nicht eigenständig denken.

Wir haben hervorragende Techniken: Aus Meinungen und Gefühlen erschaffen wir scheinbar aufklärende Dialoge. Wir schneiden an geeigneten Stellen Witzfiguren hinein. Närrische Tänzer, Händeheber oder Verliebt-in-Jesus-Leute eignen sich gut für unsere Dokumentationen. Es macht Spaß, die geistlich Armen vorzuführen.

Und jetzt, husch, husch, zurück an die Frischluft. Verweilt nicht zu lang in dem Zwielicht dieser Höhle. Sonst findet ihr noch Gefallen an ihr. Die Gefahr ist real: Uns ist zu Ohren gekommen, dass immer mehr Menschen sie ohne unsere erleuchtende Begleitung betreten. Sie bleiben dort hängen – ohne dass wir ihnen erklären können, wie verhängnisvoll das ist. Gruselige Geschichten haben wir gehört. Immer mehr Junge und Alte sollen erkannt haben, dass dieser Jesus tatsächlich vom Tode auferstanden ist und Menschen aus ihrer Verlorenheit und Zerrissenheit rettet.

Jemand hat uns sogar erzählt, diese Sehnsucht nach der Gemeinschaft mit Gott sei unausrottbar. Gott habe seinen Geschöpfen die Ewigkeit ins Herz gelegt. Die Leute kämen nicht davon los. Seit tausenden Jahren nicht. Ihre Bibel habe Dekonstruktion um Dekonstruktion überlebt.

Das klingt beinahe unmenschlich. Es weckt Ängste.

Denn was, wenn es vielleicht anders ist, als wir denken? Was, wenn sie im Licht tanzen und wir uns an die Dunkelheit klammern?

Romy W.

Säkularisierung und Toleranzschwund

Christen erleben in Deutschland zunehmend Feindseligkeiten. Die Menschenrechtsorganisation ADF International hat die Gründe analysiert. Hier ein Auszug aus einem IDEA-Beitrag dazu:

Die Ursachen sind vielfältig. Die fortschreitende Säkularisierung entzieht christlichen Werten Rückhalt; zugleich wächst die Intoleranz gegenüber Überzeugungen, die von der Mehrheitsmeinung abweichen. Christlich basierte Positionen zu Lebensschutz oder Sexualethik werden heute oft als Provokation empfunden. Dabei vertreten Christen diese Werte bereits seit 2.000 Jahren.

Politik und Medien reagieren häufig zurückhaltend, wenn Christen zur Zielscheibe von Angriffen oder Ausgrenzung werden. Religiöse Anliegen gelten in einem säkular geprägten Umfeld schnell als rückständig. Das erzeugt ein Klima stiller Duldung. Die Folge: Täter fühlen sich bestätigt und bleiben meist unbehelligt. Ähnliche Muster gibt es auch gegenüber anderen Religionen, besonders dem Judentum und teils dem Islam – jedoch trifft die geringe gesellschaftliche Sensibilität vor allem das Christentum.

Ob „normale“ Bürger oder prominente christliche Fußballer und Rapper: Glaubensbasierte Äußerungen werden zunehmend als „Belästigung“ gewertet. Schnell folgt der Vorwurf, „rechts“ oder „radikal“ zu sein – und damit per se gefährlich. Wichtige Debatten werden so von vornherein tabuisiert.

Auch Gesetze gegen sogenannte „Hassrede“ schränken die offene Diskussion oder Meinungsäußerung ein. Aus menschenrechtlicher Sicht ist das höchst problematisch. ADF International stand in den letzten Jahren wiederholt Christen in Deutschland juristisch zur Seite, die aufgrund zunehmender Anfeindungen rechtliche Herausforderungen meistern mussten.

Clara Ott, Vorsitzende der Gruppe „ProLife Europe“ an der Universität Regensburg, kennt diese Dynamik: Seit 2021 verweigerte die Bildungseinrichtung ihrer Gruppe mehrfach die Akkreditierung. Sie sei „allgemein schädlich“, so die Begründung. Tatsächlich setzt sich die Gruppe für eine wertschätzende Kultur ungeborenen und geborenen Lebens ein.

Ohne die Zulassung kann ProLife Europe weder Broschüren an der Universität auslegen noch deren Räume nutzen. Erst eine Klage und ein folgender Vergleich 2024 erlaubte den Lebensrechtlern die Teilnahme am Campusleben. Eine offizielle Entschuldigung oder Kostenübernahme blieb aus. Heidelberger Lebensschützer mit ähnlichen Problemen hoffen auf eine Signalwirkung durch den Fall.

Mehr: www.idea.de.

Andrew Lowenthal: „Deutschland hat Zensurkomplex“

Es ist ein beunruhigender Befund: Der Australier Andrew Lowenthal hat in den USA ein Netzwerk aus NGOs, Geheimdiensten, Regierungsstellen und Tech-Plattformen erforscht, das seiner Meinung nach die öffentliche Debatte mitsteuert. Nun hat er sich die Lage in Deutschland angeschaut und kommt zu dem Ergebnis, dass die Situation hier nicht besser ist. Hier gibt es einen Zensur-Industrie-Komplex aus NGOs, Universitätszentren, Faktencheck-Programmen, Thinktanks, Stiftungen und Regierungsabteilungen, die gemeinsam Online-Inhalte entfernen – in der Regel unter dem Vorwand, gegen „Desinformation“ oder „Hassrede“ vorzugehen.

Zitat: 

Ein besonders drastisches Beispiel ist das Bundesprogramm „Demokratie leben!“, das nach unseren Daten der größte staatliche Geldgeber für Anti-Hassrede- und Anti-Desinformations-Projekte ist und de facto zu den größten staatlichen Finanzierungsmaschinen für Inhalts- und Narrativkontrolle gehört. Das Programm, betrieben vom Bundesfamilienministerium, bewegt jährlich nahezu 200 Millionen Euro und verteilt diese Mittel auf Dutzende Organisationen und über 170 Projekte. Viele davon arbeiten direkt an der Regulierung vermeintlicher Desinformation, Hassrede oder anderer politisch definierter Ausdrucksformen. Ein illustrativer Fall ist HateAid: Die Organisation hat über die Jahre fortlaufende staatliche Förderung erhalten – insgesamt mehr als 2,39 Millionen Euro aus Mitteln des Familienministeriums und des Justizministeriums – und fungiert zugleich als „Trusted Flagger“ im Sinne des „Digital Services Act“ der EU, mit der Befugnis, Inhalte zur beschleunigten Prüfung zu markieren, was in der Praxis häufig zu schnellen Löschungen führt. Durch diese Förderstrukturen entsteht ein staatlich finanziertes Netzwerk, das nicht nur klassische Bildungsarbeit leistet, sondern direkt in die Bewertung, Einstufung und Eskalation von Online-Äußerungen eingreift.

Und noch ein Zitat:

In Deutschland gelten bestimmte Positionen nicht als politische Haltungen, sondern als bürgerliche Pflicht. So werden Debatten verengt. Maßnahmen werden als ethisch notwendig dargestellt – nicht als politische Entscheidung. Doch was als unzulässige Rede gilt, ist immer selbst politisch.

Ich befürchte, dass die Debatte, die durch solch einen Befund angeleiert werden müssten, zumindest im ÖRR nicht stattfinden wird. 

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Themelios 50 (3/2025)

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Die theologische Zeitschrift Themelio 50 (3/2025) ist erschien und enthält wieder viele hilfreiche Aufsätze und Rezensionen. Besonders empfehlen möchte ich „From Logizomai to Luther: The Great Exchange and the Development of the Imputed Righteousness“ von Bradley Gray und „The Unchained Word: A Public Theology of Free Speech“ von Andrew T. Walker und Kristen Waggoner. 

Hier die Zusammenfassung (Abstract) des Aufsatzes „The Unchained Word: A Public Theology of Free Speech“:

Dieser Aufsatz entwickelt eine eindeutig christliche Theologie der Redefreiheit als Antwort auf die zunehmende Gefahr der Zensur in westlichen Gesellschaften. Wir argumentieren, dass Redefreiheit nicht nur ein politisches Zugeständnis liberaler Demokratien ist, sondern aus der Natur des Menschen als vernunftbegabtes Wesen hervorgeht, das nach dem Bild Gottes geschaffen wurde, um nach der Wahrheit zu suchen und sie zu verkünden. Die Sprache ist sowohl ein konstitutives Merkmal der menschlichen Selbstheit als auch ein instrumentelles Gut, durch das Individuen und Gemeinschaften moralische Güter und das Gemeinwohl anstreben. Nach einer Untersuchung der biblischen Zwecke der Sprache, der Grenzen der Autorität der Zivilregierung und der moralischen Logik der Menschenrechte vertreten wir die Auffassung, dass eine christliche Auffassung von Redefreiheit eine doppelte Bestätigung erfordert: positiv, dass Individuen die Pflicht haben, wahrheitsgemäß zu sprechen, und negativ, dass Regierungen eine schwere Beweislast tragen, bevor sie die Meinungsäußerung einschränken. Die freie Meinungsäußerung dient somit als Schutzschild gegen staatliche Übergriffe, als Schutz für die Fehlbarkeit des Menschen und als unverzichtbare Voraussetzung für die Suche nach Wahrheit in einer pluralistischen Welt. Auch wenn sie nicht absolut ist, muss die freie Meinungsäußerung eine Vermutung der Freiheit genießen, wenn Gesellschaften sich auf die Wahrheit ausrichten und der ständigen Versuchung der Tyrannei widerstehen wollen.

Mehr: www.thegospelcoalition.org.

Hexenjagd

Jakob Hayner hat mit Bernd Stegemann und Angela Richter ein hochinteressantes Interview über die Woke-Kultur in der deutschen Kulturlandschaft geführt. Zum Hintergrund: Im Jahr 2021 klagten 1.500 Theaterleute den Dramaturgen Bernd Stegemann wegen Rassismus an. Zu den Unterzeichnern ihres Offenen Briefs zählte auch die Regisseurin Angela Richter. Im Gespräch mit Stegemann erklärt sie nun, warum sie die Aktion heute bereut und welche Auswirkungen die „Woke“-Bewegung hatte.

Hier einige Auszüge: 

Angela Richter: Ich erlebe einen Verlust an künstlerischer Freiheit. Was ich vor einigen Jahren als frei und offen empfunden habe, ist plötzlich von vielen unausgesprochenen Regeln moralischer und ideologischer Art durchsetzt. Zum Beispiel wollte ich die wahre Geschichte einer Detransition erzählen, also eines rückgängig gemachten Geschlechtswechsels. Ich bin naiv und unvoreingenommen an die Arbeit rangegangen, mich hat das Schicksal dieses Menschen berührt. Ich habe die aufgeladene Debatte über Trans völlig unterschätzt. Bereits nach der Leseprobe wurde ich als „transphob“ gebrandmarkt. Das Stück wurde nicht gespielt. Oder als ich einen Artikel über den Philosophen René Girard veröffentlichte – den frühen Diagnostiker unserer übersteigerten Opfermacht – und erwähnte, dass Peter Thiel und Elon Musk bei ihm studiert haben, ohne das obligatorische Verdammungsmantra abzuspulen: Schon galt ich als „rechts“. Das hat mich schockiert.

Bernd Stegemann: Theater wird eigentlich von Menschen gemacht, die den Mut haben, Geschichten, Gefühle und Widersprüche öffentlich sichtbar zu machen. Heute haben sie den Mut verloren und sind ängstlich darauf bedacht, keine Fehler zu machen. Das falsche Thema, ein falsches Wort, eine falsche Situation, alles kann missverstanden werden und jemand könnte sich gekränkt fühlen. So entsteht eine neue Beklommenheit am Theater. Man will eindeutige Botschaften versenden, die einen moralisch gut aussehen lassen und niemanden irritieren. Früher hätte man das Propagandatheater oder Tendenzdrama genannt. Also das Gegenteil von gutem Theater, das immer mit Widersprüchen zu tun hat. Die Widersprüche zwischen den Figuren und die Widersprüche zwischen der Inszenierung und den Erwartungen des Publikums werden von der tugendhaften Beklommenheit kassiert. Man ist dabei, dem Theater seinen Lebensnerv zu ziehen.

Angela Richter: Ich beobachte einen freiwilligen und vorauseilenden Gehorsam im Theater. Man unterwirft sich fragwürdigen ideologischen Moden. Wer das nicht tut, gilt als zurückgeblieben und gestrig.

Angela Richter: Ich selbst war lange in diesem Mechanismus gefangen. Ein Reflexmilieu wie bei Pawlow: Jemand ruft „rechts“ – und alle bellen, als wäre Denken optional. So habe auch ich mich vor ein paar Jahren an einem offenen Brief gegen Bernd Stegemann beteiligt. Ausgelöst durch Rassismusvorwürfe gegen einen Regisseur, den er in der „FAZ“ verteidigt hatte. Der Brief eskalierte zu einem massiven Shitstorm. Heute würde ich sagen: Wir verloren die Kontrolle, es wurde eine Hexenjagd.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

Sieg der Intoleranz

Thomas Thiel berichtet für die FAZ über die unsägliche Ausladung von Sebastian Ostritsch durch Münchner Hochschule für Philosophie (FAZ, 29.11.25, Nr. 278, S. 13):

Der Philosoph und Publizist Sebastian Ostritsch ist gegen Abtreibung und gegen das Recht auf Suizid. Er hält es für die moralische Pflicht des Staates, Bürger gegenüber negativen Konsequenzen von Einwanderung zu schützen, und sieht Kirchen, die sich mit Regenbogenflaggen schmücken, im Widerspruch zur eigenen Lehre. Dies sind streitbare, für einen gläubigen Katholiken aber keine ungewöhnlichen Ansichten. Man sollte meinen, dass sie an einer katholischen Hochschule kein Ausschlusskriterium sind, zumal Ostritsch sie scharfsinnig begründet.

Man kann sich davon auf seiner Website ein Bild machen, wo Texte, die er als regelmäßiger Autor der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ und anderer Zeitungen schreibt, aufgelistet sind. Neben seiner publizistischen Tätigkeit lehrt Ostritsch Philosophie an der Universität Heidelberg und hat eine preisgekrönte Dissertation sowie eine vielbeachtete Biographie über Hegel verfasst. Am Donnerstag hätte er einen Vortrag mit dem Titel „Ist Gottes Existenz eine Sache der Vernunfterkenntnis?“ an der jesuitischen Münchner Hochschule für Philosophie halten sollen, der den Gottesbeweis von Thomas Aquin gegen Kants Zweifel verteidigt. Auch darüber hat er ein kürzlich bei Matthes & Seitz publiziertes Buch geschrieben. Ostritsch konvertierte vor einigen Jahren zum Katholizismus aus der Einsicht in die Grenzen philosophischer Vernunfterkenntnis.

Zum Vortrag kam es nicht, weil eine kleine Studentengruppe vorher gegen den in ihren Augen „rechtsextremistischen Fundamentalisten“ im Internet getrommelt hatte und die Hochschulleitung dem Druck nicht standhielt.

Sebastian Ostritsch konnte seinen Vortrag übrigens dennoch in München halten. Das Carlsbad Institute for Social Thought organisierte einen alternativen Veranstaltungsraum in einem Münchner Pfarrsaal. Dort konnten die Argumente aus dem Buch Serpentinen: Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung vorgestellt werden. Der Verkauf des Buches läuft hervorragend an – wohl ein Kollateralschaden der studentischen Protestaktion.

Hochschule cancelt Vortrag zur Gottesfrage bei Aquin und Kant

Ein Paukenschlag. Der Philosoph Sebastian Ostritsch sollte morgen Abend an Münchner Jesuitenhochschule für Philosophie einen Vortrag zu dem Thema „Ist Gottes Existenz eine Sache der Vernunfterkenntnis?: Thomas von Aquin versus Immanuel Kant“ halten. Auf Druck von Studenten und der Hochschulleitung hat Professor Patrick Zoll, der Ostritsch als Redner eingeladen hatte, den Vortrag zwei Tage vor der Veranstaltung nun abgesagt.

DIE TAGESPOST, für die Dr. Ostrisch arbeitet, berichtet:

Auf Druck von Studenten und Universitätsleitung hat Professor Patrick Zoll, der Ostritsch als Redner eingeladen hatte, den Vortrag zwei Tage vor der Veranstaltung nun abgesagt. Protestierende Studenten der Universität hatten im Vorfeld die Universitätsleitung bereits dazu gebracht, die öffentlichen Hinweise auf die Veranstaltung von den Plakatwänden und dem Internetauftritt der Universität zu löschen – ohne den eingeladenen Redner zu informieren. Am Dienstagmittag luden Hochschulleitung und Studierendenvertretung zu einem „moderierten Gespräch“ ein, um „bestehende Bedenken in einem sachlichen Rahmen zu besprechen“. In den sozialen Netzwerken kursiert ein Aufruf zu Protesten gegen den angeblich „rechtsextremen Fundamentalisten“ Sebastian Ostritsch. Die Protestler schreiben: „Bitte helft uns, indem ihr zu uns an die Hochschule kommt und Flagge und Gesicht zeigt! Wir schmücken die Hochschule und Aula mit Flaggen und Zitaten Ostritschs und bieten an, über Ostritschs gefährliche politische Agenda zu informieren.“

Hierzulande ist das Feuilleton voll von Meldungen über die schwindende Meinungsfreiheit in den USA. Gleichzeitig wird an einer deutschen Hochschule ein Vortrag über die Gottesfrage bei Thomas von Aquin und Immanuel Kant gecancelt. So weit sind wir inzwischen. Diffamierende Antifa-Aktivisten entscheiden darüber, was an einer katholischen Hochschule gedacht werden darf.

Mehr: www.die-tagespost.de.

Räsänen: „Ich kannte das vorher nur aus der Sowjetunion.“

Die frühere finnische Innenministerin Päivi Räsänen und der lutherische Bischof Juhana Pohjola mussten am 30. Oktober vor dem Obersten Gerichtshof des Landes erneut im gegen sie laufenden Verfahren wegen „Hassrede“ aussagen. Räsänens Anwalt Matti Sankamo rechnet frühestens im Frühjahr 2026 mit einer Entscheidung des Gerichts. IDEA berichtet: 

Zum Hintergrund: Die Staatsanwaltschaft wirft Räsänen „Aufstachelung gegen eine Minderheit“ vor. Konkret geht es um einen Beitrag im Kurznachrichtendienst Twitter (heute X) und bei Facebook aus dem Jahr 2019 mit einem Bibelzitat, in dem sie sich kritisch über die Teilnahme der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands an einer Homosexuellen-Parade geäußert hatte.

Zudem wird ihr die Publikation einer Broschüre im Jahr 2004 vorgeworfen, in der sie praktizierte Homosexualität aus biblischer Sicht als Sünde bezeichnete. Der Bischof ist ebenfalls angeklagt, weil er die Broschüre auf der Internetseite seiner Kirche veröffentlichte.

Bereits zweimal – im März 2022 und im November 2023 – waren Räsänen und Pohjola freigesprochen worden. Die Staatsanwaltschaft legte jedoch mehrfach Revision ein.

Räsänen äußerte sich im Anschluss auf einer Pressekonferenz der christlichen Menschenrechtsorganisation ADF International. Sie habe in der Vergangenheit darüber nachgedacht, die Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands wegen ihrer sehr progressiven Kirchenleitung zu verlassen.

Sie habe sich jedoch schließlich dagegen entschieden. Es gebe in der Kirche nach wie vor konservative Geistliche und Organisationen, die unabhängig agieren könnten. Sie wolle daher weiterhin in ihrer Kirche für die biblische Lehre eintreten.

Der Prozess liege „in Gottes Hand, unabhängig davon, wie er ausgeht“, so Räsänen. Sie berichtete, dass sie zu Beginn des Verfahrens insgesamt 13 Stunden verhört worden sei. Dabei seien ihr theologische Fragen zur Bibel gestellt worden. Die christdemokratische Politikerin zeigte sich schockiert darüber, dass dies in einem Land mit langer christlicher und rechtsstaatlicher Tradition geschehen könne: „Ich kannte das vorher nur aus Berichten aus der Sowjetunion.“

Mehr: www.idea.de.

TU Berlin: Kritik am Islam unerwünscht

Prof. Dr. Geraldine Rauch, Präsidentin der Technischen Universität Berlin, ist für Woke-Mentalität bekannt. Allerdings fördert sie „mit ihrer vermeintlichen Wachsamkeit ein Klima, in dem sich Antisemiten und Demokratiefeinde wohlfühlen. Das zeigt der jüngste Eklat um eine Veranstaltung an der TU, in der es um die Gewalt von Islamisten ging. Auf Einladung des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) stellte die jüdisch-kurdische Frauengruppe Pek Koach am 15. Oktober eine Broschüre mit dem Titel ‚Stimmen gegen Islamismus‘ vor. Darin geht es um die ‚Entrechtung der Frau als islamistisches Kernanliegen‘, die Verfolgung der Assyrer und den ‚langen Arm des türkischen Rechtsextremismus in Deutschland‘. Sollte doch möglich sein, oder? Nicht für Professorin Rauch. Auf diese Weise würden „antimuslimische Ressentiments“ geschürt.

Die NZZ kommentiert:

Das Weltbild, das die Mathematikerin in diesem Schreiben offenbart, ist an Universitäten weit verbreitet. Kritik an religiösen Fanatikern, die explizite Genozidabsichten gegen Juden, Jesiden und andere Minderheiten hegen, ist in diesem scheinbar progressiven Weltbild rechts und rassistisch. Das gilt offensichtlich selbst für die Kritik an türkischen Rechtsextremisten.

Bezeichnend für diese Haltung ist auch die Tatsache, dass an der TU Berlin Gruppen wie Not In Our Name ungestört von der Universitätsleitung agitieren dürfen, selbst wenn sie Aufrufe teilen, in denen das Massaker des 7. Oktober als „Leuchtfeuer der revolutionären Hoffnung“ gefeiert wird. Not In Our Name hat auch gegen die Islamismusveranstaltung der Gruppe Pek Koach mobilgemacht – und damit offensichtlich Gehör gefunden bei Geraldine Rauch.

Rauch selber ist wiederholt mit Bekundungen der Sympathie für islamistische und israelfeindliche Propaganda aufgefallen. Unter anderem likte sie Tweets, die, wie sie später in einer Entschuldigung einräumen musste, „antisemitischen Inhalts oder Ursprungs“ waren. Schon damals gab es Kritik und Rücktrittsforderungen, unter anderem aus dem Akademischen Senat. Nach ihrer jüngsten Intervention sieht sich die Präsidentin erneut von allen Seiten mit Rücktrittsforderungen konfrontiert.

Mehr: www.nzz.ch.

Google sperrt katholischen Blog

Seit Samstagmorgen ist das italienische Blog messainlatino.it nicht mehr erreichbar. Die Seite diente Anhängern der überlieferten lateinischen Messe in Italien als Plattform und übte Kritik an einer modernisierten Kirche. Eine öffentliche Begründung liegt bislang nicht vor. Nach Angaben der Betreiber wurde die Seite wegen eines mutmaßlichen Verstoßes gegen die Community-Richtlinien – konkret im Bereich „Hassrede“ – von Google entfernt. Nun darf vermutet werden, dass Google Streitigkeiten um die tridentinischen Messe ziemlich egal sind. Bedeutender dürfte sein, dass sich messainlatino.it auch kritisch zu Neuerungen der katholischen Moraltheolgie geäußert hat, besonders im Blick auf die Sexualethik.

DIE TAGESPOST schreibt: 

Die Redaktion des Blogs, unter der Leitung von Journalist Luigi Casalini, sieht in der Sperrung einen massiven Eingriff in die Meinungsfreiheit. Auf der Plattform X (ehemals Twitter) schrieb er: „Ein immenser Schatz an Informationen und Inhalten ist verloren gegangen, und eine Stimme der öffentlichen Debatte wurde zum Schweigen gebracht“.

Die Redaktion vermutet, dass frühere Auseinandersetzungen mit Google zur Eskalation führten. Beiträge über den US-Bischof Joseph Strickland, der das Frauendiakonat kritisiert hatte, oder Artikel zur Unvereinbarkeit von Freimaurerei und katholischer Lehre waren zuvor bereits zeitweise gelöscht und nach Protesten wiederhergestellt worden. Casalini kündigte an, in den kommenden Tagen rechtliche Schritte einzuleiten – unter Berufung auf Artikel 21 der italienischen Verfassung, der Zensur ausdrücklich verbietet.

Auf der Homepage „Osservatorio internazionale Cardinale Van Thuan“ zur Soziallehre der katholischen Kirche kritisiert Stefano Fontana die Sperrung scharf: „Die Entfernung des Blogs messainlatino.it hat zu Recht für Aufsehen, Empörung und Besorgnis gesorgt. (…) Das ist keine Aussetzung – es ist eine vollständige Löschung.“ Fontana verweist darauf, dass der Blog über Jahre hinweg verlässlich über vatikanische Vorgänge berichtet habe, darunter Enthüllungen zur innerkirchlichen Auseinandersetzung um das päpstliche Schreiben „Traditionis custodes“. „messainlatino.it“ war, so Fontana, eine „maßgebliche Stimme“, selbst unter Andersdenkenden.

Mehr: www.die-tagespost.de.

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