Sexueller Missbrauch und Heuchelei
C.S. Lewis hat in seiner Autobiografie Überrascht von Freude (Brockhaus 1982) die organisierte Päderastie in seinem Jungeninternat ausführlich beschrieben. Die jungen, hübschen und feminineren Jungs mussten oft in die Rolle einer Hausdirne schlüpfen, um einem oder mehreren der älteren Jungs als Lustknabe zu dienen (vgl. S. 74–76). Das war damals der Schulbetrieb.
Für Lewis ist klar, dass bei diesem Thema viel geheuchelt wird (S. 93). Ich vermute, er hat Recht. Drei aktuelle Beispiele:
(1) Kaum jemand spricht in diesen Tagen darüber, dass wahrscheinlich mehr als zwei Drittel aller Missbrauchsfälle innerhalb der Familien vorkommen. Besonders Patchwork-Familien begünstigen den Missbrauch (Quelle mit weiteren Hinweisen):
In seiner Studie »Die dunkle Seite der Kindheit« belegt der Autor [Dirk Bange], daß Religionszugehörigkeit keinen Einfluß auf die Mißbrauchs-Häufigkeit hat: sexueller Mißbrauch kommt in katholischen, evangelischen oder konfessionslosen Familien im wesentlichen im gleichen Ausmaß vor. Dasselbe schreibt Clara Wildschütte in ihrer Studie »Psychodynamik einer Mißbrauchsfamilie«. Von großer Bedeutung für die Häufigkeit sexuellen Mißbrauchs ist jedoch die Frage, ob der Täter ein biologischer oder »sozialer« Vater (neuer Liebhaber der Mutter, Stiefvater, Pflegevater) ist.
(2) Während wir einerseits eine Welle medialer Empörung erleben, scheint fast unter zu gehen, dass Roman Polanski wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung einer Minderjährigen viele Sympathien erhalten hat. Das Erste berichtete:
»Das ist lächerlich«, sagt Claudine Wilde. »Das ist einfach nur schlimm.« Auch Peter Lohmeyer hat kein Verständnis. »Arme Sau, mit über 70 noch dahin transportiert zu werden«, sagt er. »Ich denke, Guido Westerwelle sollte mal Obama anrufen. Das ist seine Aufgabe. Er hat seine Schuld eingestanden, mehrmals.« Auch international bildet sich eine breite Unterstützerfront für Polanski. Auf dem Filmfest in Zürich gab es großen Protest gegen seine Verhaftung. Mehr als 100 prominente Weggefährten haben eine Erklärung unterschrieben, auf der sie die sofortige Freilassung Polanskis fordern, darunter auch Kult-Regisseur Woody Allen, die deutschen Regisseure Wim Wenders und Tom Tykwer sowie die Schauspielerin Tilda Swinton. Sie alle nehmen den großen Künstler Polanski in Schutz und vergessen nach Meinung von Medienexperte Jo Groebel, dass der Mensch Polanski immerhin wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen verhaftet wurde.
(3) Als Heuchelei empfinde ich es auch, dass in unserer postmodernen Lebenskultur übersehen wird, dass etliche Väter der Postmoderne die »Grenzüberschreitung« erkenntnistheoretisch begründet haben. Verweisen ließe sich hier z.B. auf Marquis de Sade, Georges Bataille oder manche Prominente der 68er-Generation (siehe auch hier). Zitieren möchte ich Michel Foucault, der sich als Übervater der Postmoderne-Debatte theoretisch und praktisch für eine Sexualität »ohne Gesetz« stark machte. In einem späten Gespräch mit Edmund White sagte Foucault (Interview mit Edmund White , 12. Mai 1990, in: James Miller, Die Leidenschaft des Michel Foucault, Kiepenheuer und Witsch 1995, S. 81):
In einem gewissen Sinne habe ich während meines gesamten Lebens versucht, intellektuelle Dinge zu tun, um schöne Knaben anzuziehen.
Der Protest gegen den Missbrauch von Kindern stützt sich auf ein christliches Menschenbild, nach dem die Würde jedes Menschen nicht durch eines sozialen Konsens erzeugt wird. Durch die Ebenbildlichkeit wird im jüdisch-chrisltichen Kontext dem Menschen eine ihm eigene Würde zuerkannt. Diese Würde ist unveräusserlich und unbedingt zu schützen.
Foucault bezeichnete solche Vorstellungen als humanistisch und falsch und plädierte für ein Denken, dass sich von den abendländischen Strukturen löst. Er wollte die Destruktion des Subjekts, »d.h. eine ›kulturelle‹ Attacke: Aufhebung der sexuellen Tabus, Einschränkungen und Aufteilungen; Praxis des gemeinschaftlichen Lebens; Aufhebung des Drogenverbots; Aufbrechung aller Verbote und Einschließungen, durch die sich die normative Individualität konstituiert und sichert. Ich denke da an alle Erfahrungen, die unsere Zivilisation verworfen hat oder nur in der Literatur zuläßt« (Michael Foucault, »Gespräch zwischen Michel Foucault und Studenten« in: Michel Foucault, Von der Subversion des Wissens, Fischer Wissenschaft, 1987, S. 95).
Der Protest gegen den Missbrauch von Kindern atmet die Asche des Abendlandes, nicht die der Verheißungen poststrukturalistischer Theorien.
Ihre ständige wechselnden Images, ihre Kostüme, Frisuren und Make-Up, manchmal sogar Masken, sind Maskeraden, sind nicht einfach Kleidung, sondern Teil der Performance Art. Damit perfektioniert Gaga ein Spiel mit den Geschlechtern und Identität, das in den 80ern Annie Lennox und Madonna in unterschiedlicher Ausprägung ins Pop-Geschäft eingebracht haben und das vor allem bei Annie Lennox zu ähnlichen Hermaphroditen-Vorwürfen führte wie bei Lady Gaga. Dass Lady Gaga jedoch ein eigenes Video nutzt, um das Gerücht erneut zu thematisieren (und es damit vor dem Vergessen zu bewahren) und es einerseits aus der Welt zu schaffen („Told you she didn’t have a dick“), andererseits aber ihr Bedauern über diesen Umstand auszudrücken („Too bad“), ist neu und für einen einfachen Marketing-Gag mehr als ungewöhnlich. Darüber hinaus inszeniert sie sich sowohl als Sex-Babe (etwa in der Cage-Dancing-Szene), dessen Darstellung jedoch von Bildern als Mord-Opfer unterbrochen wird, als auch als Drag-Queen-Version der amerikanischen Hausfrau. Darüber hinaus gibt es Lady Gaga in der bereits erwähnten Myra-Breckinridge-Ausführung (eine MTF-Transgender aus einem Camp-Klassiker, die sich anschickt die Weltordnung umzustürzen), als hosenloses Biker-Chick und als Shania-Twain-Country-Inkarnation. Falls „sexy“ also überhaupt das richtige Wort zur Beschreibung ihrer Wirkung ist, gilt dies wohl vor allem für ein queeres Verständnis von Sex-Appeal. „Verstörend“ trifft die Ästhetik ihrer Performance und Sexualität jedoch in den meisten Fällen deutlich besser.
Wer sich mit dem Phänomen der »Postdemokratie« beschäftigen möchte, ohne gleich das Buch:
Am 22. Oktober kam es zu einem Zusammentreffen von Judith Butler, Charles Taylor, Cornel West und Jürgen Habermas. Das Symposium »Rethinking Secularism: the Power of Religion in the Public Sphere« bot folgende Vorträge an: