Worthaus

Worthaus ist unter Evangelikalen in den letzten Jahren recht populär geworden. Gerade neugierige und aufgeweckte junge Leute fühlen sich von den Worthaus-Vorträgen angezogen, verstanden und gut informiert. Es werden viele Themen angesprochen, die in ihren Gemeinden oder Hauskreisen unterbelichtet bleiben. Markus Till hat sich viele Vorträge angehört und schreibt in seiner hilfreichen Analyse: „Die evangelikale Bewegung steht vor einer grundlegenden Entscheidung, wenn sie nicht in den Abwärtsstrudel der liberalen Kirchen mit hineingezogen werden möchte.“

Er schreibt weiter:

Worthaus ist kein einheitlicher Block mit einheitlicher Theologie. Jedoch gibt es eine klare gemeinsame Prägung (weshalb in diesem Artikel meist vereinfachend von Worthaus als Ganzem gesprochen wird). Worthaus bekennt sich klar zur historisch-kritischen universitären Theologie, will aber gleichzeitig bibeltreu sein – sogar wesentlich bibeltreuer als konservative Christen. Durch die Berücksichtigung moderner bibelwissenschaftlicher Erkenntnisse soll ein „unverstellter Blick“ auf die Bibel gewonnen werden. Biblische Textgattungen sollen sauber unterschieden werden und das historisch-kulturelle Umfeld sowie die Entstehungsgeschichte der biblischen Texte berücksichtigt werden, um viel fundierter beleuchten zu können, was die biblischen Texte ursprünglich wirklich sagen wollten (z.B. ob die Geschichten historisch gemeint waren oder nicht). Entsprechend lautet die Vision von Worthaus: „Alles auf Null“. Das will sagen: Wir stellen vorurteilsfrei noch einmal alles in Frage, um zu gut begründeten Überzeugungen zu gelangen. Das klingt auch für viele konservative Zuhörer gut, die ja zuallermeist längst nicht so wissenschaftsfeindlich sind, wie das von Worthaus oft behauptet wird.

Auf dem Blog Aufatmen in Gottes Gegenwart kann der Beitrag auch als PDF-Datei heruntergeladen werden: blog.aigg.de.

Kommentare

  1. florian meint:

    Vielen Dank für diesen Artikel, Ron!

    „Denn man darf nicht verdrängen, dass der Worthaus-Cocktail zwar verführerisch schmeckt, aber trotzdem vergiftet ist.“ – so ist auch mein Eindruck, nachdem ich anfangs begeistert doch später ernüchtert den Worthaus-channel bei youtube durchstöbert habe. Einen besonderen Reiz übten auf mich existenzphilosophisch angehauchte Vorträge aus wie „Kriterien einer gesunden Entwicklung der Persönlichkeit“ oder „Entwicklung der Persönlichkeit: Das Leben als Exodus“, da sie mir als eine Gegenposition zur oberflächlichen Selbstannahme-Theologie á la „Du musst dich selbst lieben“ erschienen. Betrübt haben mich dabei allerdings eingestreute abfällige Kommentare über die „denkfaulen Evangelikalen“, „die sich in ihren Hauskreisen abkapseln“ und „sich nicht weiterentwickeln“, sondern „ungesund feststecken“…etc. Und in späteren Beiträgen fielen mir dann auch immer mehr lieberale Positionen zu Bibelverständnis und Sexualität auf, so dass ich Worthaus nicht uneingeschränkt weiterempfehlen konnte. Leider.

  2. Sergio Castelberg meint:

    Besteht durch die historisch-kritische Methode nicht die Gefahr, dass die Bibel den „einfachen“ Gläubigen entrissen wird und zum Monopol der Gelehrten wird? Am Ende ist man über alles am diskutieren, kommt zu keinem Schluss und hat somit keine Gewissheit mehr.

  3. Hallo Sergio, genau das sehe ich so auch. In meiner Besprechung von S. Zimmers Buch „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben“ bin ich u.a. zum Schluss gekommen:

    „Bei Zimmer findet sich übrigens eine ähnliche Entwicklung wie in der katholischen Kirche des Mittelalters: Um die Bibel richtig zu verstehen, bedarf es des Lehramts der historisch-kritischen Theologie. Kein Wunder, dass Zimmer und die übrigen Redner von Worthaus zu einer Art Papst für progressive Evangelikale werden. Das neue „Anathema“ heißt nun einfach „fundamentalistisch“ und „granatendoof“.“

    Mehr: https://jonaserne.blogspot.de/2016/08/selbstgezimmerte-geschichte.html

  4. Schandor meint:

    Und, so wird man fragen dürfen: Wussten die Autoren der Heiligen Schrift damals auch schon Bescheid über die Wirkung und Intention ihrer Texte, nein, Textgattungen?

    Was, wenn die einfach meinten, was sie schrieben, und wenn die damals noch gar nichts von Textgattungen oder von der Ansicht wussten, wonach erst der Leser dem Text dessen Deutung verleiht? Was, wenn Paulus & Co. noch nichts vom Strukturalismus wussten? Nicht auszudenken – Worthaus würde zum Wortkartenhaus.

  5. Ich habe das mitverlinke PDF-Dokument gelesen. Anfangs dachte ich, so schlimm wird es schon nicht werden; doch nach wenigen Sätzen wußte ich, es ist sogar schlimmer.

    „Alles auf Null“ – Allein dieser scheinbar fromme Wunsch läßt mich ratlos zurück. Es hat nur eine einzige Stunde Null gegeben: das war die Geburt Jesu Christi (auch wenn seine Geburt einige Jahre vor Null geschah). Seine Geburt ist der Dreh- und Angelpunkt der Weltgeschichte. Alle späteren Versuche, zu einer herbeigefieberten Stunde Null zurückzukehren, oder für sich eine Stunde Null zu reklamieren, sind ideologische Verrenkungen, die sowohl lächerlich als auch gefährlich (und bisweilen mörderisch) endeten. Z.B. ‚Back to Nature‘, ‚Paleoernährung‘ oder ‚Germanenkult in der NS-Zeit‘. In den Bestrebungen, mit dem christlichen Glauben nochmals ganz von vorne anzufangen, drückt sich zweierlei aus: einerseits eine Überheblichkeit gegenüber biblischen Autoren (zB Paulus), allen früheren Theologen, Kirchenvätern und nicht zuletzt auch den Gläubigen; andererseits die Gewißheit, ab jetzt alles richtig zu machen, ohne dabei selbstkritisch zu hinterfragen, was einen eigentlich qualitativ den aufgezählten Gruppen gegenüber überlegen macht. Es zerpflückt die Bibel und führt zu einer rosinenpickenden Leseweise und Verständnis der Bibel, weil verschiedene Passagen der Bibel nun gegeneinander ausgespielt werden können. Ich frage mich, was können diese heutigen Theologen besser? Welche erweiterte Einsicht in die Wahrheit und Weisheit Gottes haben sie heute? Da halte ich es lieber mit der Sentenz von Charles Spurgeon : „If your creed and Scripture do not agree, cut your creed to pieces, but make it agree with this book.“

    Ein weiterer Punkt, der mich fassungslos macht, ist das unumwundene Leugnen des Sühneopfers Christi. Wenn behauptet wird, Jesus sei nicht als Sühneopfer für die Sünden der Gläubigen stellvertretend gestorben, dann ist allein die Beschäftigung mit Jesus irgendwie zynisch. Erlösung wäre undenkbar. Das Inabredestellen seines dargebrachten Opfers konterkariert desweiteren seine unverbrüchliche Einheit mit Gott dem Vater, der ihn gesandt hat und zeichnet Jesu Tod am Kreuz als einen bedauerlichen Irrtum der römischen Justiz. Welchen Sinn hätte vor so einem Hintergrund die Aussage Johannes‘: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt“ (Joh 1,29). An einen Gott, dem seine Souveränität entglitten ist oder diese nie hatte, könnte ich nicht glauben.

  6. Stephan meint:

    Ich bin dankbar, dass es in den letzten Jahrhunderten bessere Textversteher als mich, in den Ursprachen bewanderte Theologen und gläubigere Gelehrte gab. Da gibt es nun Dogmen wie die Jungfrauengeburt, Trinität, Stellvertretertot, …, lauter Dinge, von denen ich nachlesen und anhand der Schrift nachprüfen kann, ob sie stimmen. Ich könnte aus dem Kopf heraus nicht die Trinität erklären, aber habe anhand von Auslegern und auch Gegnern feststellen können: ja, die Lehre ist korrekt. Die Jungfrauengeburt war ein „Muß“, der Stellvertretertod war schon bei Adam und Eva eingeführt worden und fand mit Jesus seinen Höhepunkt. Usw. usf. bis hin zur Sexualethik.
    Wer all diese Erkenntnisse und Dogmen beiseite wischen möchte, hat nie ernsthaft die Schrift studiert oder glaubt ihr nicht. Es ist die Krankheit unserer Zeit, dass in den Gemeinden und allein zu Hause keine Bibelarbeit mehr gemacht wird, das Urteilsvermögen / Scheiden der Geister nicht mehr vorhanden ist, und alles, was Autoritäten festgelegt haben, nunmehr in Frage gestellt wird.

  7. Alexander meint:

    @Schandor
    Naja, Textgattungen konnten die biblischen Autoren sicher und müssen auch wir heute unterscheiden. Sie müssen auch unterschiedlich interpretiert werden. An *der* Stelle ist Markus Tills Text nicht ganz glücklich. Um nur ein Beispiel zu nennen: Deskriptiv ≠ präskriptiv gilt vielfach in narrativen Texten, hingegen kaum in den Episteln.
    Ansonsten stimmt die Kritik an Worthaus natürlich.

  8. Schandor meint:

    @Alexander

    Ja, das stimmt sicher. Nur glaub ich eben nicht, und das gilt insbesondere für die abenteuerlichen Interpretationen der liberalen Theologie, dass die Autoren ihre Texte absichtlich verschlüsselt haben, bis gelehrte Experten kommen, um uns nach 2000 Jahren zu erklären, was sie „eigentlich“ bedeuten. An sowas dachten antike Autoren nicht.

  9. Stephan meint:

    @Schandor:
    „Du aber, Daniel, verschließe diese Worte … bis zur Zeit des Endes! Viele werden darin forschen, und die Erkenntnis zunehmen …“ Dan 12,4
    Es gibt m.E. erst seit ca. 200 Jahren gute Auslegungen zu den Offenbarungen und der Endzeit. Es ist wohl so, dass einige Texte tatsächlich „verschlüsselt“ bzw. verschlossen sind, und Gott diese erst zu gegebener Zeit „freigibt“. Allerdings basieren diese Auslegungen jeweils auf Arbeiten der Vorgänger, schreiben diese fort oder korrigieren sie – Worthaus will dagegen die Uhren auf Null stellen.

  10. Schandor meint:

    @Stephan

    Zeit des Endes ist hier nicht in unserer, sondern in Daniels Zukunft. Gemeint ist der Untergang Israels bzw. des Tempels, nicht der Untergang der Welt.

    Ein paar Jahrhunderte sagt der Geist zu Johannes: Versiegle die Worte der Weissagung dieses Buches nicht; denn die Zeit ist nahe! (Offb 22,10; vgl. Offb 1,3).

    Du schreibst, es „ist wohl so“ — wohl, das ist Vermutung. Ich glaube nicht, dass Gott diese Texte tausende Jahre „verschlüsselt“ hat. Klingt mir sehr nach apokalyptisch-futuristischer Eschatologie Deinerseits. Kann das sein?

    Aber davon abgesehen: Worthaus kann gar nichts, und schon gar nichts „auf Null“ stellen 😉

  11. Stephan meint:

    „Du schreibst, es „ist wohl so“ — wohl, das ist Vermutung. “
    Ja. Aber auch Beobachtung, was z.B. stimmige Auslegungen von Offenbarungen und Daniel angeht. Von daher bin ich der Auffassung, dass in den letzten ca. 200 Jahren die Erkenntnis bzgl. der Auslegung dieser Texte zugenommen hat.

    „Ich glaube nicht, dass Gott diese Texte tausende Jahre „verschlüsselt“ hat. Klingt mir sehr nach apokalyptisch-futuristischer Eschatologie Deinerseits. Kann das sein?“
    Ja, das ist so. Verschlüsselt ist auch vielleicht der falsche Begriff. Ich denke, Gott offenbart zu gegebener Zeit ein paar Dinge mehr, aber das ist immer nur als Entfaltung / Offenlegung / Klarstellung zu verstehen = vermehrte Hinwegnahme eines Grauschleiers (ich weiß nicht, ob ich hier eine nachvollziehbare Formulierung gewählt habe, daher die Wortwahl bitte nicht auf die Goldwaage legen). Sollte jedoch jemand neue Lehren kreieren, wäre das m.E. schriftwidrig und Irrlehre.

    Aber: ich werde da nicht behaupten, dass meine Auffassung die richtigere ist. Das ist für mich im Moment die schlüssigste Betrachtungsweise nach diversem Literaturstudium „für und wider“. Ich denke aber, wir dürfen beide weiterhin Heilsgewißheit haben, auch wenn wir da unterschiedliche Meinungen haben sollten 😉

  12. Schandor meint:

    @Stephan

    Klar; zukünftige Dinge sind zukünftig, und Leute, die meinen, diese Dinge lägen noch in der Zukunft, können am allerwenigsten etwas darüber sagen, was ja in der Natur der Sache liegt. Meine Heilsgewissheit hat damit übrigens nichts zu tun, meine Meinung wahrscheinlich auch nicht. Wir wissen’s halt einfach nicht.

    Zum Futurismus ein Zitat aus Chiltons „Days of Vengeance“:

    (It is interesting – but not surprising – that those who interpret the book “futuristically” always seem to focus on their own era as the subject of the prophecies. Convinced of their own importance, they are unable to think of themselves as living at any other time than the climax of history.)

    Aber wir entfernen uns vom Thema 🙂

    Zimmer hat Charisma, und das ist auch schon sein ganzer Zauber.

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