Ideologisierung des Sexuellen

Die Grünen, lesen wir, seien mit der Baden-Württemberg-Wahl in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Partie propagiert jedoch im Namen falsch verstandener Gleichberechtigung auch Lebensstile und Weltanschauungen kleiner gesellschaftlicher Gruppen. Besonders in den Schulen wollen die Grünen in Zukunft neue Schwerpunkte setzen. Die Basisschule soll sich zu einem »Ort der gelebten Demokratie entwickeln«, in der Oberstufe soll die Individualisierung vorangetrieben werden, gemäß der sich die Schulen »den Neigungen und Leistungen der SchülerInnen« weiter anzupassen haben. Natürlich werden auch moderne (vornehmlich französische) Gendertheorien zentral platziert. Alexander Kissler hat das Wahlprogramm der Grünen in Baden-Württemberg gelesen und dabei entdeckt, dass in Zukunft in allen Unterrichtsfächern vermittelt werden soll, dass »unterschiedliche sexuelle Identitäten als etwas Selbstverständliches« anzusehen seien. Im Wahlprogramm heißt es dazu:

Ein vielfältiges und respektvolles Miteinander muss bereits in den Bildungseinrichtungen des Landes seinen Platz haben. Baden-württembergische Schulen sind angehalten, unterschiedliche sexuelle Identitäten als etwas Selbstverständliches zu vermitteln und wertneutral zu behandeln. Diese Aufgabe muss in den Bildungsstandards sowie in der Lehrerbildung verbindlich verankert werden. Dabei denken wir nicht nur an den Aufklärungsunterricht im Fach Biologie, sondern an alle Unterrichtsfächer. In diesem Zusammenhang sollten im Fach Gemeinschaftskunde z.B. soziologische Fragen thematisiert werden, in den Fächern Religion und Ethik Aspekte der Lebensgestaltung, und in Sprach- und Mathematiklehrbüchern ist der Alltag verschiedener Familienformen (also auch von Regenbogenfamilien) abzubilden.

Kissler sieht darin – zurecht – den Versuch, den Staat als pansexuellen Wächterrat zu inthronisieren. Hier sein Kommentar: www.theeuropean.de.

Kommentare

  1. Hm, ich habe gerade einmal das Programm überflogen und ich bin mir nicht sicher, ob der Autor des European-Artikels das gleiche gelesen hat. Von 234 Seiten sind drei (!) Seiten über die Formen der Sexualität. Da von „pansexuellem Wächterrat“ zu sprechen halte ich für leicht übertrieben. Dem Wahlprogramm nach liegt der Focus der Partei, auch bei der Bildung, aktuell bei ganz anderen Themen.
    Die übrigen Seiten befassen sich nicht mit Sexualität, oder, sofern sie es tuen, demokratisch-ideologisch im Sinne der Rechte des Einzelnen mit der Maxime Diskriminierung möglichst zu reduzieren.
    So hetzerisch wie der Autor vorgeht, kommt mir da eher der Verdacht, dass er selber eine Sexualideologie hat, die selbst eine Minderheitenmeinung nicht tolerieren kann und auch keinen Wert auf Schutz von Minderheiten legt. Das soll dann demokratischer sein?

  2. @Johannes: Die Aussage “pansexueller Wächterrat” bezieht sich nicht auf die Seitenzahl im Programm, sondern auf das Anliegen, in Zukunft in allen Fächern (!) das Thema „sexuelle Identität“ zu platzieren.

    Der Vorwurf, der Autor sei intolerant, kommt für mich nicht überraschend. Es ist ein sehr beliebter Mechanismus, jemanden als intolerant zu bezeichnen, der sich dagegen wehrt, dass in der Schule ideologisch aufgeladene Theorien des Geschlechtlichen aufgezwängt werden. Es funktioniert, offensichtlich. Irgendwann sind das Mehrheitspositionen.

    Volker Beck sagte 2009 in Das Parlament:

    „Ich bin Parlamentarier, weil das Parlament der Ort ist, an dem man gesellschaftliche Anliegen durchsetzen kann, und wenn die Zeit noch nicht reif ist, sie solange auf die Tagesordnung setzen kann, bis man Gehört findet.“

    Umso früher man anfängt, seine Anliegen durchzusetzen, um so schneller werden sie auch in den Parlamenten Gehör finden. Da ist es gut, in den Schulen anzufangen (und dabei andere Theorien des Geschlechtlichen, zum Beispiel christliche, aus dem Diskurs auszuschließen oder gezielt zu bekämpfen).

    Liebe Grüße, Ron

  3. Was mich störte ist der Vorwurf, es handele sich um „ideologisch aufgeladene Theorien“, wo doch sehr deutlich ist, dass die Position des Autors genauso ideologisch aufgeladen ist. Dieser Vorwurf ist genau so platt, wie jemanden der Intoleranz zu bezichtigen. Im Gegenteil erscheint mir gerade die ideologische Aufladung als positiv. Es gibt nur wenig Theorien, die man nicht als ideologisch aufgeladen bezeichnen kann. Deswegen empfinde ich es als wenig tragisch, in der Schule die sexuelle Identität zu reflektieren. Ob das nun in allen Fächern sein muss, weiß ich nicht, aber es kann in unserer tendenziell trieblich-sexuellen Gesellschaft, die wenig über Sexualität und Selbst-bewusstsein reflektiert doch durchaus eine sinnvolle Bereicherung sein. Gerade bei Teenagern [,die sich über so etwas vermutlich deutlich lieber unterhalten als über „das dritte Reich“, das aktuell noch ständig in allen Fächern dominant ist.].
    Dabei von „Durchsetzung von Anliegen“ zu sprechen, halte ich für übertrieben. Denn das schließe ja ein, dass alle Lehrer konform eine Meinung vertreten und die Schüler nicht zu eigener Meinungsbildung anregen. Das wiederum widerspräche absolut dem Bildungsideal und -programm der Grünen, das in dem Parteiprogramm einen großen Schwerpunkt bildet.

    Viele Grüße,
    Johannes

  4. @Johannes: Es ist eine bestimmte Theorie der Geschlechtlichkeit, die in der Schule vermittelt werden soll. Diese Theorie ist keinesfalls plausibel. Sie setzt voraus, dass zwischen gender und sex zu unterscheiden sei. Der Begriff „Gender“ stammt aus der Sexualpsychologie. Er entsprang dem Anliegen, sprachlich mit der Transsexualität umzugehen: das ist die leidvollen Selbstwahrnehmung mancher Menschen, dem anderen Geschlecht anzugehören, in einem falschen Körper zu stecken. Daraus entwickelte sich die Behauptung eines vom biologischen Geschlecht (sex) abgelösten sozial konstruierten Geschlechts (gender). Dahinter steckt die Grundannahme, dass Menschen bei der Geburt einfach ein (!) Geschlecht aufgrund von biologischen Merkmalen sprachlich zugewiesen wird. Gender entwickelte sich zur Sammelbezeichnung für das „soziale Geschlecht“. Geschlecht ist somit ideologische Hypothese und gesellschaftspolitische Konstruktion. Konsequent weitergedacht bedeutet das, dass wir Menschen zwischen unsereren Genderidentitäten losgelöst vom biologischen Geschlecht „hin und herspringen“ können, also latent bisexexuell oder multisexuell sind. Die Einschränkung auf ein vorgegebenes biologisches Geschlecht entspricht einer Einfaltung unserer Idendität, also einer Form der Unterdrückung ( „Zwangsheterosexualität“). Ein Mensch kann, unabhängig vom biologischen Geschlecht, sein soziales Geschlecht frei wählen. Die Gesellschaft wird darauf verpflichtet, diese individuelle Wahl anzuerkennen und zu fördern.

    Ich habe nichts dagegen, über diese Theorie zu diskutieren. Aber sie als quasi Standard hinzustellen und in diesem Sinne Schüler zu „erziehen“, halte ich für problematisch, wenn es an einer öffentlichen Schule geschieht. Der Staat hat nicht den Auftrag, uns eine bestimmte Theorie der Idendität anzuerziehen. Wenn das an einer privaten, z.B. femministischen Schule geschähe, wäre das etwas anderes.

    arte hat übrigens kürzlich eine Dokumentation ausgestrahlt, welche dieses Konzept vorstellt (Frei bist Du erst dann, wenn Du erkennst, dass Du bisexuell bist und zwischen Geschlechtern springst). Diese Dokumentation kann man wahrscheinlich noch für einige Tage anschauen. Hier der Link zur Doku „Die bisexuelle Revolution“:

    arte Video

    Liebe Grüße, Ron

  5. Schandor meint:

    @Johannes

    „Dieser Vorwurf ist genau so platt, wie jemanden der Intoleranz zu bezichtigen.“

    Ich finde, Du kannst gut argumentieren. Wenn Du allerdings latent aggressive Sätze bringst, verrätst Du da nicht am Ende, dass Du irgendwie befangen wirkst? Für mich liest sich das so, als wolltest Du gerne in diese Richtung gehen, als wolltest Du eine Art Mittelstellung einnehmen, „neutral“ sein oder so. Das ist freilich überhaupt keine Position. Oder irre ich mich da?

    Ich finde Rons Argumente überzeugend. Die Pansexualisierung unserer Gesellschaft stößt auch so manchen Nichtchristen schon ziemlich übel auf. Egal, worum es sich handelt: Hauptsache es wird über „die eine Sache“ geredet. Die Jugendlichen müssen im 21. Jahrhundert genau Bescheid wissen, auf was sie von Natur aus festgelegt sind. Das ideologische Knistern ist nicht zu überhören, gar nicht. Geht’s noch?

  6. @Ron: Danke für die Ausführungen. Eine absolute Durchsetzung dieser Theorie im Lehrplan wäre allerdings fragwürdig und würde auch die Kompetenz der Lehrer in Frage stellen, für deren eigene Meinung auch bei Lehre nach Plan Raum sein sollte. Allerdings wäre ich weniger optimistisch, was die Neutralität des Staates oder der Schule angeht. Ein Lehrplan (erst recht in nicht-naturwissenschaftlichen Bereichen) kann nicht ideologiefrei sein. Wenn die Grünen also sonst gute Politik machen, muss man ihnen das Einbringen dieser Splittermeinung in die Bildung nicht übel nehmen. Es mag manchen Horizont erweitern. Ein Absolutheitsanspruch dieser Meinung wäre aber, wie oben angedeutet, zu dem sonstigen Parteiprogramm ohnehin widersprüchlich.

    @Schandor: Ich bitte um Entschuldigung, falls ich aggressiv klang. Es war lediglich provokativ gemeint. Danke auch für das Kompliment. Wie du merkst, habe ich mit dem von dir zitierten Satz auch mich selbst gemeint. Das Augenzwinkern hätte ich vielleicht hinzufügen sollen. 😉

    Zur „Pansexualisierung“: Ich glaube, dass es kein Vorgang, sondern in unserer Gesellschaft bereits ein gewisser Zustand ist. Darauf deutet auch hin, dass sich der Kommentator des European bei den vielen Punkten des Parteiprogramms, die man hätte diskutieren können, ausgerechnet diesen einen herausgreift. Das hat m.E. wenig mit ordentlicher Recherche oder gutem Journalismus zu tun, sondern ist vor allem Populismus.
    Außerdem ist mir noch nicht klar, was an „ideologischem Knistern“ schlecht sein soll. Auch „die Ehe als Ort der Sexualität“ ist eine starke Ideologie. Ich habe dieser, zugegeben etwas fragwürdigen, Meinung der Grünen also versucht das Positive abzugewinnen. Nämlich dass sie eine Reflektion über das menschliche Selbstverständnis, besonders das der Sexualität, anstoßen wollen. Das muss nicht schlecht sein. Eine starke christliche Meinung braucht sich davor nicht zu verstecken oder zu fürchten.

  7. Schandor meint:

    @Johannes
    Jaso…
    Ja, da hab ich Dich nicht ganz richtig verstanden, sorry!

  8. Ein anderer Johannes meint:

    @ Johannes

    Das Problem ist nicht, etwas zu reflektieren. Ich stimme dir vollkommen zu, dass auch (oder gerade) wir Christen unsere Meinungen und Überzeugungen prüfen (lassen) sollten. „Prüfet alles, das Gute behaltet.“
    Problematisch wird es nur, wenn solche Ansichten (wie die der Grünen) intolerant werden. Es steht zwar überall groß „Toleranz“ drauf, aber das meint nur eine ganz bestimmte Art der Toleranz. Wer anderer Meinung ist wird als „intolerant“ abgestempelt und deshalb nicht toleriert. Klingt doof, ist aber so.
    Ich bin in der Hochschulpolitik aktiv und empfinde dort genau das: Es geht nicht darum Dinge zu reflektieren, sondern man muss bestimmte Meinungen vertreten (z.B. die komplette Gleichsetzung von Mann und Frau incl. dem Glauben, Gender und Geschlecht seien unabhängig; oder auch, dass jede Form von Sexualität gleichwertig und richtig ist). Wer das nicht vertritt hat u.U. einen wirklich schweren Stand. Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel.

    @ Ron
    Ich habe mal in die Doku von Arte reingeschaut, aber spätestens nachdem der Québec-Professor sexuelle und kulinarische Vorlieben gleichgesetzt hat, wurde mir dieser Unfug zuviel… Das ist ja eklig.

  9. @Johannes_B: Es ist erschreckend, was in der Doku als Selbstverständlich hingestellt wird. Reine Promotion, keine kritischen Stimmen kommen zu Wort. Im Ergebnis wird genau das Klima hergestellt, welches Du in Deinem Kommentar beschrieben hast.
    Liebe Grüße, Ron

  10. @Johannes: Meine Hochachtung vor deinem Engagement in der Hochschulpolitik!
    Diese Sache mit der Toleranz… Bei Unfairness und Gewalt ist definitiv eine Grenze erreicht. Grundsätzlich muss man aber vielleicht schon eingestehen, dass nicht alle Grünen (Linken, Ökos, Homosexuellen…) so sind, wie die bisweilen negativ-radikal-auffällige Masse (oder die Journalisten). Genauso wie nicht alle Christen Pfingstler [andere gern Verunglimpfte alternativ hier einsetzen] sind.

    Das ist jetzt etwas idealistisch: Auch wenn sich manche durch ihr Verhalten selbst disqualifizieren, vielleicht gibt es ja doch noch ein paar für die das bessere Argument zählt? Oder andersrum: Man muss ja nicht selbst intolerant sein, nur weil es der Gegner ist?

  11. Ein anderer Johannes meint:

    @ Johannes

    Keine Frage, Ausnahmen gibt es.
    Um es mal an den Grünen festzumachen: Ich habe vor ein paar Wochen auf einer Geburtstagsfeier mit jemandem aus der Grünen Jugend diskutiert. Diese fordern die komplette Abschaffung des Inzestverbots. Derjenige hat zwar auch diese Position vertreten, aber es war ein sehr faires und konstruktives Gespräch.

    Du schreibst: „Man muss ja nicht selbst intolerant sein, nur weil es der Gegner ist?“
    Ich stimme dir voll zu und musste dabei an eine Sache denken: Unser „StudentInnenRat“ fügt auf allen Veranstaltungs-Postern eine kleine Grafik ein auf der steht:
    „RassistInnen und SexistInnen bleiben draußen!“
    Traurig aber wahr.

  12. @Johannes_B: Was Du beschreibt, kenne ich auch. Es wundert mich nicht. Wir brauchen nur die Überväter der 68er studieren. Foucault sprach beispielsweise von einer „Sexualität ohne Gesetz“. Ich habe mich hier unter Punkt 3 mal dazu geäußert. Die Vorstellung, dass wir ethisch nur noch insofern sein können, dass wir Verträge schließen, die Dinge also als solche keinen Wert oder keine Bestimmung mehr haben, wird wohl dazu führen, dass die Grenzen immer mehr verwischen. Das ist eine logische Konsequenz der Abkehr von dem jüdisch-christlichen Bekenntnis, dass wir Geschöpfe eines gütigen Schöpfers sind, der weiß, was gut für uns ist.

    Liebe Grüße, Ron

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