Risiken der Frühkollektivierung

Frau Dr. A.O. schreibt heute in der FAZ (10.12.11, Nr. 288, S. 19):

Die CDU-Frauen, die das Betreuungsgeld „leidenschaftlich ablehnen“ (F.A.Z. vom 15. November), wissen vermutlich nicht, dass durch zu frühe Fremdbetreuung von Kleinstkindern die Risiken für antisoziales Verhalten bis hin zur Aggressivität, für resignierte Antriebsschwäche bis hin zur Depression, für Angststörungen, für Süchte aller Art umso mehr ansteigen, je früher und je länger die Fremdbetreuung stattfindet. Ein Medikament mit solchen Risiken wäre längst vom Markt genommen. Kita-Begeisterung wird jedoch mit Milliardensubventionen weiter verordnet.“

Kommentare

  1. Die Dame übertreibt alles. Ich war von klein auf „kollektivistisch“ erzogen, das hindert jedoch nicht, daß ich eine eigene Persönlichkeit und einen eigenständigen Charakter entwickelt habe.

    Diese Zuschreiberin soll zunächst eine empirische Untersuchung machen, bevor sie aus ihrem Bauchgefühl ihre eigenen Ängste und Vorurteile als „Wahrheiten“ verbreiten.

  2. @Teresa: Das ist kein Bauchgefühl, das Frau A.O. zur Sprache bringt. Ich kann nicht sagen, ob sie selbst Untersuchungen angestellt hat. Aber die Bindungsforschung liefert zu dem Thema belastbare Befunde.

    Liebe Grüße, Ron

  3. Die Studie (oder auch Studien) möchte ich sehen die aufzeigt das eine frühkindliche Fremdbetreuung das Risiko steigert für Aggressivität, resignierte Antriebsschwäche bis hin zur Depression, Angststörungen, Süchte aller Art. Und dann am Besten noch dass das Risiko mehr ansteigt, je früher und je länger die Fremdbetreuung stattfindet. Kann mir vorstellen dass da wenig belastbares gibt was wirklich alle diese Faktoren in einen Zusammenhang bringt mit frühkindlicher Fremdbetreuung.

  4. @nik: Zum Einstieg geeignet:

    Bindung als sichere Basis: Grundlagen und Anwendung der Bindungstheorie

    Klappentext:

    Wie wächst ein Kind zu einem gesunden, ausgeglichenen und selbstsicheren Menschen heran? Die sichere Bindung an die Eltern ist die Basis, von der aus Kinder die Welt erkunden und sich entwickeln. Misslingt sie, können sich Eifersucht, Angst, Wut, Kummer oder Niedergeschlagenheit festigen und Menschen ein Leben lang belasten. John Bowlby schildert Anfänge, Grundkonzepte und empirische Prüfung der Bindungstheorie. Er zeigt, wie sich seine Erkenntnisse in der Psychotherapie anwenden lassen: Die Aufarbeitung früher Bindungserfahrungen im Erwachsenenalter hilft bei der Bewältigung schwieriger Lebenssituationen und psychischer Probleme. Der Psychotherapeut übernimmt dann die Rolle der verlässlichen Basis für die Erkundung früherer Erfahrungen und Gefühle. Eltern erkennen, wie ihre eigene Bindungsgeschichte ihr Erziehungsverhalten gegenüber ihren Kindern prägt – damit leidvolle Bindungsbeziehungen nicht über Generationen weitergegeben werden

    Liebe Grüße, Ron

  5. Weil ich gerade feststelle, dass der Link von Ron auf ein Buch hinweist.
    Der Rezension entnehme ich, dass es eine Zusammenstellung von Referaten ist aus den Jahren 1980 – 1986.

    Es gibt auch frei verfügbare Ressourcen, z. B. hier:

    http://paedagogik.sos-kinderdorf.at/?Forschungsabteilung_SPI:Publikationen_und_Downloads
    (runterrollen unter 2008 zu finden: Veith Cornelia/Zoller-Mathies Susanne:
    Die Bindungstheorie. Überblick und neuere Forschungsansätze)

    verschafft einen kleinen Überblick und es gibt hier auch ein Kapitel (5) mit dem Namen: „Kritik an der Bindungstheorie“.

    Lutz

  6. Hallo Ron und Lutz: danke für die Literatur. Ich möchte nicht bezweifeln das eine sichere Bindung zu Eltern wichtig ist für die Entwicklung von Menschen. Allerdings stellt sich mir die Frage ob man so einfach den Schluss ziehen kann: Frühkindliche Frembetreuung = unsicheres Bindungsverhalten = Entwicklung von asozialen Verhaltensmustern bis hin zu Pathologien wie Depressionen und Angststörungen.
    Ich postuliere mal dass auch ein Kind welches früh in die Kita kommt eine sichere Bindung zu ihren Elternteilen (insbesondere auch der Mutter) entwickeln kann. Im Literaturvorschlag von Lutz steht z.B. unter Punkt 3.1 dass neben Zeit auch ein Faktor die Qualität der Zuwendung etc. ist. Ich denke dass Eltern ihrem Kind qualitative gute Zuwendung zukommen lassen können auch wenn es früh fremdbetreut wird.
    Die These von Dr. A.O. in der FAZ ist ja schon ziemlich steil. Und wahrscheinlich gibt es Studien die sowohl das Eine als auch das Andere in der Thematik behaupten. Ich glaube aber es gibt aktuell keine harte Evidenz die die Thesen von Dr. A.O. belegen sondern eher Evidenz dass ihre Aussage wissenschaftlicher Nonsens ist. Eine Metaanalyse die 69 Studien der letzten 50 Jahre betrachtet hat kommt zu dem Schluss das Kinder, deren Mütter schon vor dem dritten Lebensjahr an den Arbeitsplatz zurückkehren, später nicht häufiger Schul- oder Verhaltensprobleme haben als Kinder, deren Mütter zu Hause bleiben.
    Hier ein Artikel zu der Studie:
    http://www.sueddeutsche.de/wissen/mutter-und-kind-krippen-schaden-nicht-1.1025088
    Hier ein Abstract der Studie:
    http://www.apa.org/news/press/releases/2010/10/working-mothers.aspx
    Hier die ganze Studie:
    http://www.apa.org/pubs/journals/releases/bul-136-6-915.pdf
    Mit besten Grüßen

  7. bin selber in einem „kollektivistischen erziehungssystem“ aufgewachsen. und ich muss sagen, dass ich die symptome die Frau dr. a.o. aufzählt doch in meinem umfeld häufiger antreffe, als in anderen Gegenden deutschlands. auch wenn es keine kausalität nahelegt, sondern erst einmal nur korrelativ zu beobachten ist, aber es wird nicht schwerfallen in den neuen bundesländern empirische daten dafür zu finden. im bereich suchterkrankungen, psychosomatische und psychiatrische erkrankungen, beziehungsdauer, scheidungszahlen und geburtenstatistiken sprechen da meines erachtens eine sehr deutliche sprache.

    @theresa: spricht Frau dr. a.o. an, dass man deshalb keine „eigene Persönlichkeit und einen eigenständigen Charakter “ hat? ich lese eher heraus das man weniger beziehungsfähig und sozialkompetent wird. und auch das nur statistisch – es betrifft ja nicht immer jeden.

  8. @nik: Diesen Schluss zieht ja Frau A.O. nicht. Sie spricht von steigenden Risiken. Wahrscheinlich lassen sich Fremdbetreuung und Eigenbetreuung vereinbaren, wenn auf bestimmte Dinge geachtet wird. Heute wird aber in der Öffentlichkeit eine andere Wahrnehmung erzeugt: Wer seine Kinder selbst betreut, schadet dem Kind und sich selbst und zahlt keine Steuern.

    Liebe Grüße, Ron

  9. @nik: Anders gefragt: Muttermilch oder Babynahrung?
    Liebe Grüße, Ron

  10. @nik
    Danke für die Links, den der Süddeutschen habe ich mir mal durchgelesen (englisch ist auf die Schnelle nicht so mein Ding …).
    Was du über Studien sagst, teile ich. Soll heißen – ich bin vorsichtig geworden und möchte dies auch bleiben, selbst wenn Studien meine Überzeugung bestätigen sollten. Mir ist es zu oft so gegangen, wenn ich mich mit einer Studie genau befasse, dann kommt das „unangenehme“ Erwachen spätestens dann, wenn einem die Prämissen (Paradigmen) bewusst werden, von denen ausgegangen wird.
    Das menschliche Leben (Entwicklung eingeschlossen) ist so komplex, dass es in jedem Fall schwierig ist hier von einer statistischen Größe zu sprechen.

    Nun zu der Süddeutschen:
    Es geht um Kinder bis 3 Jahre.
    Natürlich stelle ich mir die Frage, welche sozialen Kontakte ein Säugling wirklich braucht – eine „altersgleiche Gruppe“ vielleicht? Halte ich für unwahrscheinlich.
    Die Beziehung der Mutter zum Kind ist in der Regel spezifisch und intensiv. Eine Mutter erkennt „Missempfindung“ des Kindes hier bereits dann, wenn es selbst noch nicht in der Lage ist zu artikulieren. Hier sehe ich eigentlich die größte Gefährdung für das Kind. Wer sich selbst nicht sprachlich mitteilen kann, ist besonders hilflos ausgeliefert ….
    (Keine wissenschaftliche Studie jetzt, einfach normale Überlegung gepaart mit viel Erfahrung im Umfeld sowohl im positiven wie im negativen Bereich …)
    Ein Kind mit mangelnder Sprachkompetenz ist immer darauf angewiesen, dass seine „nonverbalen“ Signale adäquat verstanden werden … Wer kann das besser als eine Mutter?
    Selbst wenn das Ganze keine relevante Langzeitauswirkung hätte, eigentlich kenne ich keine Mutter, die hier nicht Sorge hat …

    In meinem konkreten Umfeld sind es eigentlich nicht die Mütter, die ihre Kinder früh in Fremdbetreuung abgegeben, die unter „Rechtfertigungsdruck“ geraten – sondern eben die, die zu Hause bleiben. Irgendwie gesteht man ihnen dieses „Lebensmodell“ nicht recht zu.

    Also ich möchte nicht missverstanden werden, ich denke nicht, dass man per Gesetz „Mutterliebe in bestimmter Form“ verordnen kann. Das halte ich für Nonsens. Auch bin ich nicht blind für Notsituationen, die Methoden verlangen, die man selber vielleicht niemals als wünschenswert erachtet – aber gehen muss, zwangsweise.

    Mir ist bewusst, dass man mit der Aufzählung von Risiken (d. h. sie können kommen, müssen aber nicht zwangsläufig so kommen) eine Angst schüren kann. Ich denke, in dem Fall ist die Angst nicht gänzlich unbegründet und „Beruhigungspillen“ egal welcher Art sind nicht die beste Lösung. Eine Einheitslösung nach dem Motto: „Mütter müssen ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr komplett zu Hause selbst betreuen, sonst …“, die dann besonders fruchtbringend wäre, favorisiere ich hingegen nicht.

    Lutz

    PS: Momentan treibt mich eigentlich eine andere Angst als die zu frühe frühkindliche Fremdbetreuung. Mir scheint es so, dass Alles in Richtung verordnete „Mussfremdbetreuung“ läuft. Vom obligatorischen Kindergarten über die obligatorische Ganztagsschule zum letztlich obligatorischen Internat … Kinder gänzlich aus ihrem familiären Umfeld lösen …. Die Frage ist hier: Wozu? und vor allem Wem nützt es eigentlich? …

  11. @ron: aber auch die These mit den steigenden Risiken für Verhaltensauffälligkeiten ist meiner Meinung nach nicht haltbar, siehe dazu die Studie die ich zitiert habe.
    Muttermilch finde ich übrigens super für Kinder, aber manchmal braucht manchmal braucht man auch Babynahrung. Ich weiss nicht ob ich die Frage richtig verstanden hatte.

    @lutz: ich stimme Ihnen zu dass das menschliche Leben und die Entwicklung des Menschen so komplex ist, dass es schwierig ist hier von einer statistischen Größe zu sprechen. Trotzdem finde ich solche Studien manchmal deutlich objektiver als solche Aussagen von Fr. Dr. A.O., die Ideeen bestimmter Theorien oder auch als eigene Erfahrungen und Empfindungen dem Thema gegenüber.
    Auch ich habe ein Problem damit wenn Mütter, die sich entscheiden ihr Kind daheim zu betreuen, komisch angeschaut werde. Ich denke es sollten durchaus beide Konzepte und die Stufen zwischendrin gleichwertig angesehen sein in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig habe ich auch die Erfahrung gemacht dass in manchen christlichen Kreisen Mütter die sich für ein frühkindliche Fremdbetreuung entscheiden (oft auch nur eine teilweise) genauso komisch angeschaut werden und gleichzeitig noch solche Bedenken geäußert werden die die von Fr. Dr. A.O..
    Die Gefahr die manche Christen sehen, dass uns der Staat quasi dazu drängen will das wir alle unsere Kinder in frühkindliche Fremdbetreuung stecken teile ich nicht ganz. Objektiv werden derzeit in Deutschland etwa 23% der Kinder unter drei in einer Kita betreut. In westdeutschen Bundesländern sind das etwa 17% und in ostdeutschen Bundesländern etwa 48%. Ich schätze dass das Angebot an Plätzen selber nicht viel höher liegt. Das finde ich zeigt ja so ein bißchen dass aktuell garnicht alle Kinder unter drei in Deutschland fremdbetreut werden können. Die Betreuung daheim ist also weiterhin wichtig. Meiner Meinung nach sollte einfach das für jede Familie individuelle Konzept möglich und anerkannt sein. Und dazu gehören für mich halt auch Kitaplätze für manche Kinder.
    Das Thema welches du äußerst bezüglich der „verordneten Mussfremdbetreuung“ in allen Bereichen finde ich auch durchaus wichtig und diskussionwürdig. Ich werde aber jetzt diese Fass hier nicht mehr aufmachen.
    Mit Besten Grüßen

Deine Meinung ist uns wichtig

*