Und wir schufen uns Gott nach unserem Bilde

Der Lutheraner Jack Kilcrease hat auf den wahrscheinlich schlimmsten Satz in Rob Bells Das letzte Wort hat die Liebe hingewiesen. Auf Seite 182 der amerikanischen Ausgabe ist zu lesen:

Das ist für unseren Frieden entscheidend, nämlich dass wir unseren Gott formen und dann unser Gott uns gestaltet.

Hier mehr: jackkilcrease.blogspot.com.

VD: BH

Kommentare

  1. Wolfgang meint:

    Hmm, ich habe das Zitat nachgeschlagen. Ich glaube nicht, dass es fair ist, es aus dem Zusammenhang zu reißen. Bell beschreibt davor ein Gottesbild, das davon ausgeht, dass Jesus uns vor Gott retten muss. Er schreibt dann weiter, dass wir nicht vor Gott gerettet werden müssen, denn Gott ist es, der uns rettet (vom Tod, vor der Sünde, vor der Zerstörung). Gott ist der Retter.
    Diese Einsicht, so Bell, ist ausschlaggebend, um in Frieden leben zu können. Wenn wir ‚unseren Gott‘, also unsere Vorstellung von Gott falsch gestalten, dann formt dieses falsche Gottesbild uns (unser Leben, unsere Taten, Ziele…) in eine falsche Richtung.
    In der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Vorstellung von Gott sehe ich eine Grundvoraussetzung reflektierten Glaubens. Es geht doch nicht darum Gott zu ‚verbessern‘. Ich sehe Bells Aussage als Mahnung zur Vorsicht. Gott lässt sich nicht so einfach in ein handliches, gut zu beschreibendes Bild packen. In meinem AT und NT finde ich eine Fülle ganz unterschiedlicher Gottesbegegnungen und -erfahrungen beschrieben. Und das empfinde ich als gut. Wie will ich als begrenzter Mensch denn die unermessliche Fülle Gottes begreifen? Das geht doch nur vorsichtig und tastend.

  2. @Wolfgang: Woher weiß denn Rob (for sure?), dass Gott nicht straft? Die Bibel stellt uns doch sehr wohl einen Gott vor, der strafend auftritt und sogar selbst gegen sein eigenes Volk kämpfte? Ich denke da z.B. an Jer 21,5–6:

    Und ich selbst [also JAHWE, der Gott Israels, vgl. V. 4] werde euch bekämpfen mit ausgestreckter Hand und starkem Arm und voller Grimm und Wut und grossem Zorn. Und die Bewohner dieser Stadt werde ich schlagen, Mensch und Tier; an einer schrecklichen Pest werden sie sterben.

    Wer hat den Sodom und Gomorra verdorben? Es war nach 1Mo 13,10 JAHWE, der Sodom und Gomorra zerstörte. Rob wird nun wahrscheinlich einwenden: „Ah, das ist der Gott des Alten Testaments. Dieser strafende Gott hat wenig mit dem Gott der Liebe, nichts mit Jesus zu tun.“ Der neutestamentliche 2. Petrusbrief verknüpft das Gericht über Sodom und Gomorra mit dem kommenden göttlichen Strafgericht.

    Denn wenn Gott die Engel, die sich versündigten, nicht verschont, sondern den Höhlen der Finsternis im Tartarus übergeben hat, um sie auf das Gericht hin in Gewahrsam zu halten, und wenn er die alte Welt nicht verschont, sondern mit Noah, dem Künder der Gerechtigkeit, nur acht Menschen bewahrt hat, als er die grosse Flut über die Welt der Gottlosen kommen liess, und wenn er Sodom und Gomorra eingeäschert und zum Untergang verurteilt hat, um den Gottlosen eine Ahnung zu geben von dem, was kommen wird, und nur den gerechten Lot, der unter dem zügellosen Treiben der Frevler zu leiden hatte, errettet hat — denn sehen und hören musste der Gerechte, der unter ihnen wohnte, Tag für Tag all das gesetzeswidrige Treiben und seine gerechte Seele dieser Peinigung aussetzen —, dann weiss der Herr, wie er die Frommen aus der Prüfung retten, die Ungerechten aber auf den Tag des Gerichts hin in Gewahrsam halten wird, um sie dann zu züchtigen.

    Und Jesus? Jesus spricht über die Städte und Dörfer, die seinen Jüngern das Gastrecht verweigern:

    Amen, ich sage euch: Dem Land Sodom und Gomorra wird es am Tag des Gerichts besser ergehen als jener Stadt.

    Es ist eine Form der Hybris, sich Gott so zu denken, wie man sich ihn denken will. Gott richtet sich nicht nach unseren Bildern. Wir sind gut beraten, wenn wir uns nach dem richten, was Gott uns über sich offenbart hat.

    Liebe Grüße, Ron

    P.S. Wir hatten eine ähnliche Diskussion hier schon mal im Beitrag Jesus, ich vergebe dir.

  3. Abgesehen von der theologischen Frage muss man doch Wolfgang erstmal Recht geben. Das Zitat lautet: „Dies ist entscheidend für unseren Frieden, denn: Wir formen ein Gottesbild und dann formt unser Gottesbild uns.“
    Hier ist letztlich erstmal gar nichts anderes gesagt, als was Luther im Großen Katechismus, 1. Gebot, auch sagt: Was wir zu unserem Gott machen, das prägt unser Leben. Ob der wahre Gott dann auch ein strafender sein könnte, das ist dann die Diskussion. Der zitierte Satz ist so jedenfalls nicht mehr Feuerbach als Luther aus.
    Ich fände es deshalb angemessen, die Darstellung des Satzes im Post zu korrigieren.

  4. @Alex: Zitierst Du die offizielle dt. Übersetzung? Die liegt mir nicht vor. Ich habe nur die amerikanische Ausgabe. Dort ist von „Gott“ die Rede. Aber „Gottesbild“ trifft es möglicherweise besser.

    Der Kontext ist klar. Es geht um die Frage: Wer ist Gott? Es gibt die einen, ich fühle mich angesprochen, die gehört haben, Gott muss Sünder strafen, weil er heilig ist. Jesus kam, um für unsere Sünden zu bezahlen, damit wir Leben haben. Rob sagt dann: „However true or untrue that is technically or theologically, what it can do is subtly teach people that Jesus rescues us from God.“ Für Rob ist dieses Bekenntnis, auch wenn er sich um eine klare Aussage drückt, falsch. Hier wird nämlich vorausgesetzt, dass Jesus uns vor Gott retten muss. Dann kommt der Absatz:

    Let’s be very clear, then: we do not need to be rescued from God. God is the one who rescues us from death, sin, and destruction. God is the rescuer. This is crucial for our peace, because we shape our God, and then our God shapes us.

    Gott befreit uns von uns, nicht von seinem Zorn, einer drohenden Strafe usw. Menschen werden gewalttätig, weil sie an einen Gott glauben, der straft und Gewalt ausübt (people become violent, it is because they have been shaped by their God, who is violent).

    Wenn Du auf Luther verweist, sprichst Du mir aus dem Herzen. Ich wollte selbst ursprünglich Luthers Auslegung des ersten Gebotes zitieren. Luther sagt:

    Das ist: du sollst mich allein für deinen Gott halten. Was ist das gesagt, und wie versteht mans? Was heißt, einen Gott haben, oder was ist Gott? Antwort: ein Gott heißt das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten; also dass einen Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und glauben; wie ich oft gesagt habe, dass allein das Trauen und Glauben des Herzens beide macht, Gott und Abgott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch dein Gott recht; und wiederum, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zu Haufe, Glaube und Gott. Worauf du nun (sage ich) dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.

    Darum ist nun die Meinung dieses Gebots, dass es fordert rechten Glauben und Zuversicht des Herzens, welche den rechten einigen Gott treffe und an ihm allein hange. Und will so viel gesagt haben: siehe zu und lasse mich allein deinen Gott sein und suche ja keinen andern; das ist was dir mangelt an Gutem, des versieh dich zu mir und suche es bei mir, und wo du Unglück und Not leidest, kriech und halte dich zu mir. Ich, ich will dir genug geben und aus aller Not helfen, lass nur dein Herz an keinem andern hangen noch ruhen.

    Luther unterscheidet zwischen dem einen rechten Gott und den selbstgemachten (projizierten) Göttern. Es scheint für ihn geradezu die Ursünde zu sein, selbstgemachte Götter zu verehren. „Es machte sich jedermann das zum Gott, dazu ihn sein Herz trug.“ Diesem falschen Gottesdienst, also der Abgötterei, stellt Luther den rechten Gottesdienst gegenüber.

    Siehe, da hast du nun, was die rechte Ehre und Gottesdienst ist, so Gott gefällt, welchen er auch gebeut bei ewigem Zorn, nämlich dass das Herz keinen andern Trost noch Zuversicht wisse denn zu ihm, lasse sich auch nicht davon reißen, sondern darüber wage und hintenansetze alles, was auf Erden ist.

    Bei Luther begegnet uns im ersten Gebot Gesetz und Evangelium. Das Gesetz begegnet uns in Form einer Drohung:

    Derhalben, auf dass man sehe, dass Gott solches nicht will in Wind geschlagen haben, sondern ernstlich darüber halten, hat er bei diesem Gebot zum ersten eine schreckliche Drohung, darnach eine schöne, tröstliche Verheißung gesetzt, welche man auch wohl treiben soll und dem jungen Volk einbläuen, dass sie es zu Sinne nehmen und behalten: Denn ich bin der HERR, dein Gott, ein starker Eiferer, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied, die mich hassen. Und tue Barmherzigkeit an viel tausend, die mich lieb haben und meine Gebote halten. Wiewohl aber diese Worte auf alle Gebote gehen (wie wir hernach hören werden), so sind sie doch eben zu diesem Hauptgebot gesetzt, darum dass daran am meisten liegt, dass ein Mensch ein rechtes Haupt habe; denn wo das Haupt recht geht, da muss auch das ganze Leben recht gehen, und wiederum. So lerne nun aus diesen Worten, wie zornig Gott ist über die, so sich auf irgend etwas außer ihm verlassen; wiederum, wie gütig und gnädig er ist denen, die ihm allein von ganzem Herzen trauen und glauben. Also dass der Zorn nicht ablässt bis ins vierte Geschlecht oder Glied, dagegen die Wohltat oder Güte geht über viel tausend. Auf dass man nicht so sicher hingehe und sich in die Schanze schlage, wie die rohen Herzen denken, es liege nicht große Macht daran. Er ist ein solcher Gott, der es nicht ungerochen lässt, dass man sich von ihm wendet, und nicht aufhört zu zürnen bis ins vierte Glied, so lange, bis sie durch und durch ausgerottet werden. Darum will er gefürchtet und nicht verachtet sein. Das hat er auch bewiesen in allen Historien und Geschichten, wie uns die Schrift reichlich anzeigt und noch tägliche Erfahrung wohl lehren kann.

    Evangelium kann für Luther nur verstehen, wer auch verstanden hat, dass Gott heilig und gerecht ist. Wir haben Gottes Zorn verdient, weil wir uns immer wieder auf uns selbst oder unsere kleinen Götter verlassen. Indem wir erkennen, dass wir Gott nicht Gott sein lassen wollen, also den Anspruch Gottes nicht erfüllen, begegnet uns der Zuspruch Gottes (das Evangelium).

    Verstehe ich Rob richtig, muss der Gott Luthers uns Menschen zur Gewaltätigkeit treiben oder/und seelisch krank machen. Dieser Gott ist ein Sklaventreiber. Robs Gott ist Liebe, Punkt. Wir müssen an einen Gott glauben, der uns liebt und nichts anderes als liebt. Tun wir das, haben wir unseren inneren Frieden. Also formen wir uns einen Gott der Liebe. Für Luther muss unser Glauben den Gott treffen, der sich offenbart hat. Aus der Sicht Luthers, so vermute ich, ist der Gott von Rob Bell ein „Apfelgott“.

    Liebe Grüße, Ron

  5. David meint:

    Es bleibt dabei…“We must take refuge from God in God“ (A.W. Tozer)

  6. Wenn ich die Passage aus Rob Bells Buch richtig verstehe, antwortet er nicht nur auf Luther, sondern auch auf Religionskritik des Schlages Feuerbach. Das finde ich, könnte man würdigen. Zumal ungewöhnliche Antworten gegenüber altabgedroschenen vielleicht eher zum Aufhorchen verleiten. Die Gegenüberstellung von zornigem und liebenden Gott in Verbindung mit AT und NT ist nun ja aus reformierter Sicht auch nicht so unorthodox, zu solchen Aussagen ließ sich schon Calvin verleiten (Institutio, II, 7, 8).

  7. @Johannes: Calvin spielt nicht den Gott des AT gegen den des NT aus, sondern sagt an der angeführten Stelle das, was Ron hier auch schon deutlich gemacht hat: Jesus Christus rettet uns vor dem Gott, der über unsere Bosheit und Ungerechtigkeit zürnt. Außerdem stellt Calvin Gesetz und Evangelium einander gegenüber, nicht AT und NT.

    Noch eine Anmerkung zum Gottesbild: Ein solches zu konstruieren oder zu haben, verbietet Gott aus Liebe im zweiten Gebot. Wer mit einem Gottesbild lebt, lebt bestenfalls mit einer einengenden Momentaufnahme von Gott (schlimmstenfalls mit einem Götzen), aber nicht in einer wirklichen, befreienden Beziehung mit dem lebendigen Gott. Viele Grüße!

  8. Och, komm… Findest du es wirklich lauter, einen Satz aus dem Zusammenhang zu reißen und jemandem daraus einen Strick zu drehen?

  9. @Rolf: Moment mal. Ich reiße einen Satz aus dem Zusammenhang? Na, dann werde bitte konkret! Ich höre.

    Liebe Grüße, Ron

  10. Hier ein Auszug der deutschen Fassung von Rob Bells Buch: LOVE WINS (ohne Gewähr – der Text wurde von einer Texterkennungssoftware eingelesen):

    „Wir wollen an dieser Stelle ganz deutlich sein: Wir müssen nicht vor Gott gerettet werden. Gott ist vielmehr der, der uns vor Tod, Sünde und Vernichtung rettet. Gott ist der Retter.

    Das ist entscheidend im Blick für unseren Frieden. Denn wir formen unsere Götter, und dann formen unsere Götter uns.

    Inquisitionen, Verfolgungen, Prozesse, Bücherverbrennungen, schwarze Listen – wenn religiöse Leute gewalttätig werden, ge¬schieht das, weil sie von ihrem Gott geformt wurden, einem Gott, der gewalttätig ist. Wir sehen diesen zerstörerischen Mechanismus wohlauf und munter am Werk in bestimmten giftigen, bösartigen Diskussionen und Debatten im Internet. Für manchen besteht die höchste Form der Treue zu ihrem Gott darin, diejenigen anzugreifen, zu diffamieren und schlechtzumachen, die Glaubensthemen nicht auf die gleiche Weise formulieren, wie sie das tun.

    Wir formen unsere Götter und dann formen unsere Götter uns.

    Ein verzerrtes Verständnis Gottes,
    an das man sich verkrampft und erbittert klammert,
    kann dazu führen, dass ein Mensch dem Fest fernbleibt,
    wütend über eine Ziege, die man nicht bekommen hat,
    ohne das Leben in Fülle zu genießen,
    von dem Jesus behauptet, dass es jetzt schon da ist,
    überall um uns herum, die ganze Zeit.
    Jesus hat sehr deutlich gemacht, dass dieses zerstörerische, ge¬walttätige Verständnis von Gott sehr leicht zum System werden kann – in Gemeinden, Organisationen und Gedanken. Es ist wich¬tig, dass wir an dieser Stelle ehrlich sind: Es gibt Gemeinden, die kein Leben spenden, sondern Leute aussaugen, bis nur noch sehr wenig Leben vorhanden ist. Dort ist Gott wütend, fordernd und ein Sklaventreiber; und deshalb verkommt die Verehrung dieses Gottes zum Sündenmanagement, in dem man sich ständig abrackert und müht, den ganz sicher kommenden Zorn zu vermeiden, der hinter jeder Ecke, jedem Gedanken und jeder Sünde lauert.

    Wir formen unsere Götter
    und dann formen unsere Götter uns.

    Unsere Glaubensvorstellungen sind entscheidend.
    Sie sind jetzt entscheidend für uns,
    und sie sind dann einmal entscheidend für uns.
    Sie sind jetzt entscheidend für andere,
    und sie sind dann einmal entscheidend für andere.“

    Quelle: Rob Bell, Das letzte Wort hat die Liebe: Himmel und Hölle und das Schicksal jedes Menschen, der je gelebt hat, Brunnen-Verlag, Gießen; Auflage: 1., Aufl. (April 2011), KAPITEL 7 – DIE GUTE NACHRICHT IST BESSER, Seite 182-183.

  11. @Ron: Michaels Textauszug mag als Antwort genügen…

  12. @Rilf: Ich weiß immer noch nicht, wo ich hier etwas aus dem Zusammenhang gerissen haben soll. Das deutsche Zitat (danke Michael!) bestätigt, was ich geschrieben habe. Aber ich kann verstehen, dass meine Kritik an Rob Bell mehr im Sinne einer Selbstoffenbarung gelesen wird: „Oh, Ron ist von einem Gott geformt, der gewalttätig ist. Da kann man nichts anderes erwarten, als bösartige Verzerrungen und eine Inquisition.“ Rob Bell hat Erfolg.

    Seid bitte nicht nur dann ehrlich, wenn es darum geht, Gemeinden zu bewerten, die Leute verheizen. Nehmt bitte auch ehrlich die Heilige Schrift zu Kenntnis. Dabei wird sehr schnell deutlich, dass der Gott von Rob Bell ein erdichteter „Apfelgott“ ist (und für jemand, der an den Gott Luthers glaubt, die Liebe auch das Wichtigste sein kann).

    Liebe Grüße, Ron

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