Die Erfindung der „Geschlechtsidentität“ und ihre zerstörerischen Folgen

Jakob Hayner stellt für die Welt zwei neue Bücher vor, die sich mit der „Geschlechtsidentität“ beschäftigen. Das erste Buch, Geschlechtsidentität: Die Karriere einer Kategorie (#ad), stammt von dem renommierten Soziologen Rogers Brubaker. Dazu heißt es: 

Noch vor wenigen Jahren hätte man bei der Frage, was eine Geschlechtsidentität sei, wohl in viele fragende Gesichter geschaut. Geschlecht? Das kann man bekanntlich anatomisch, genetisch oder hormonell fassen, was in der Geschlechterforschung als biologisches Geschlecht („sex“) gilt. Oder als erlernte Rollen, als soziales Geschlecht („gender“). Aber Geschlechtsidentität? Das „tief empfundene innere und persönliche Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht“, wie das „LSBTIQ-Lexikon“ verrät, ist etwas völlig Neues. Doch spätestens mit dem Selbstbestimmungsgesetz hat die Geschlechtsidentität die alte Vorstellung vom Geschlecht abgelöst. Wie es zu diesem rasanten Aufstieg kommen konnte und warum der Schlüsselbegriff des Transgender-Aktivismus heftige Kulturkämpfe auslöst, hat der renommierte Soziologe Rogers Brubaker untersucht. Für den US-Professor hat das nichts mit dem Rechts-Links-Schema, aber viel mit der „stillen Revolution“ eines fragwürdigen Imperativs zu tun. Der Begriff der Geschlechtsidentität kommt, wie Brubaker schreibt, eigentlich aus der medizinischen Diagnostik und bezeichnete eine Störung. Indem sich der Transgender-Aktivismus den Begriff aneignete und umwertete, konnte er seinerseits die Medizin vor sich hertreiben, wie bei der Begründung „geschlechtsangleichender Maßnahmen“. Die Pointe dabei ist, dass nun das gefühlte Geschlecht („gender“) als angeboren, während das biologische Geschlecht („sex“) als beliebig anpassbar gilt – eine völlige Verkehrung der alten Gender-Theorie. Brubaker zeichnet detailliert nach, wie diese Idee der Geschlechtsidentität in Medizin, Statistik, Recht und Pädagogik institutionalisiert und mit „symbolischer Macht“ ausgestattet wurde. Geschlechtsidentität wurde zur herrschenden Norm, die für alle gilt, egal ob man persönlich an die Existenz dieser Identität glaubt. Ein „Prinzip der sozialen Klassifizierung“, dem man sich nicht entziehen kann. Man ist aufgefordert, so zu handeln, als ob man eine Geschlechtsidentität hätte.

Und wichtig: „Brubaker hat das vor allem für die USA und Großbritannien untersucht und kommt zu dem Schluss, dass der Siegeszug der Geschlechtsidentität nicht das Ergebnis einer großen öffentlichen Debatte war, sondern eines ‚Insider-Aktivismus‘, der gezielt auf die Bürokratie von Staat und Partei Einfluss genommen hat: eine ‚stille Revolution‘ durch die Hintertür.“

Über das andere Buch von Gerhard Schweppenhäuser, Mitherausgeber und Redaktionsmitglied der Zeitschrift für kritische Theorie, schreibt Hayner: 

Was Brubaker als Kampf „zwischen dem, was gegeben ist, und dem, was gewählt werden kann, zwischen Natur und Kultur“ beschreibt, ist für Gerhard Schweppenhäuser die Verschiebung des Wunschs nach Selbstbestimmung auf das Feld des Körpers und des Geschlechts. Wie der Philosoph in seinem Buch „Das konstruktivistische ‚Interesse am Körper‘ – Geschlecht, Identität und der Naturbegriff der Kritischen Theorie“ ([#ad] Verlag Felix Meiner, 212 Seiten, 25 Euro) schreibt, ist die Geschlechtsidentität eine Wiederauflage der alten Irrlehre vom „geistigen Geschlecht“, die Fiktion radikaler Verfügbarkeit als innerer Kehrseite des entfesselten Kapitalismus. Der Körper wird nicht mehr nur zum Anhängsel der Maschinerie, sondern zum Anhängsel des Diskurses, so Schweppenhäuser.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

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Kommentator
2 Minuten vor

Das erste Buch, Geschlechtsidentität: Die Karriere einer Kategorie (#ad), stammt von dem renommierten Soziologen Rogers Brubaker.

„Renommee“ ist etwas, das man auch verlieren kann. Mit ihrem Geschlechterkampf hat sich die emporgekommene bürgerliche Elitenklasse der WEIRD-Länder auf der Weltbühne komplett lächerlich gemacht (und nicht nur beim eigenen Fußvolk vollständig diskreditiert).

Das hat natürlich Konsequenzen. Erst einmal geht damit der Verlust sämtlicher Privilegien einher. Gerade gehörte man noch mit Stock und Zylinderhut zum internationalen Luftschiff-Jetset, nun steht man auf einer Stufe mit lustigen Figuren in aus der Zeit gefallenen bunten Uniformen unter Bananenstauden.

Und wer noch glaubt, dass es wichtig sei, zu welcher Fraktion eines internen Kulturkampfes jemand gehört. Das ist einem Taiwan-Chinesen schlichtweg völlig egal. Dein Alphabet hat 26 Buchstaben? Dann gehörst auf Lebenszeit zu den Kaspern mit den 26 Geschlechtern von A-Z. Das macht ihr nie wieder rückgängig, liebe Soziologen. Der Drops ist gelutscht.

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