Klima der Intoleranz
Bundeskanzlerin Merkel sieht keine Bedrohungen für die Meinungsfreiheit in Deutschland. 150 Intellektuelle und Prominente sehen hingegeben Indizien für einen Verlust der Redefreiheit in der westlichen Welt, zu der – hoffe ich – Deutschland immer noch gehört. Sie schreiben in einem Offenen Brief:
Unsere Kulturinstitutionen stehen vor einem Moment der Prüfung. Mächtige Proteste für rassistische und soziale Gerechtigkeit führen zu überfälligen Forderungen nach Polizeireformen sowie zu umfassenderen Forderungen nach mehr Gleichheit und Inklusion in unserer Gesellschaft, nicht zuletzt in den Bereichen Hochschulbildung, Journalismus, Philanthropie und Kunst. Diese notwendige Abgrenzung hat aber auch eine Reihe neuer moralischer Einstellungen und politischer Verpflichtungen verstärkt, die dazu neigen, unsere Werte der offenen Debatte und der Duldung von Unterschieden zugunsten der ideologischen Konformität zu schwächen.
Die Welt schreibt dazu:
Die Unterzeichner kritisieren: „Redakteure werden entlassen, weil sie umstrittene Texte veröffentlicht haben; Bücher werden wegen angeblicher Inauthentizität zurückgezogen; Journalisten dürfen nicht über bestimmte Themen schreiben; gegen Professoren wird ermittelt, weil sie im Unterricht literarische Werke zitiert haben.“
Damit wollen sich die Verfasser gegen ein Phänomen wehren, das in den USA „cancel culture“ genannt wird. Gemeint ist, Personengruppen, mit denen eine andere Gruppe nicht einverstanden ist, zu „canceln“, also Termine mit ihnen abzusagen oder ihre Entlassung zu fordern.
Der Appell der Unterzeichner ist eine offene Kritik der neuen Toleranz, die nicht wirklich tolerant ist, sondern Andersdenkende einschüchtert und sogar kriminalisiert. Wir brauchen ehrliche und friedliche Debatten, keine politische Korrektheit!
Mehr: www.welt.de.
Der Buchhinweis erschien zuerst in Glauben und Denken heute (1/2020, S. 83):