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Sämtliche allgemeinen Beiträge.

Leon Levy Dead Sea Scrolls Digital Library

Bildschirmfoto 2012-12-18 um 16.36.25Freunde alter Handschriften dürften ihre Freude mit der Internetseite www.deadseascrolls.org.il haben.

Shuka Dorfman schreibt über das Projekt:

The Israel Antiquities Authority (IAA) is very proud to present the Leon Levy Dead Sea Scrolls Digital Library, a free online digitized virtual library of the Dead Sea Scrolls. Hundreds of manuscripts made up of thousands of fragments – discovered from 1947 and until the early 1960’s in the Judean Desert along the western shore of the Dead Sea – are now available to the public online. The high resolution images are extremely detailed and can be accessed through various search options on the site.

With the generous lead support of the Leon Levy Foundation and additional generous support of the Arcadia Fund, the Israel Antiquities Authority and Google joined forces to develop the most advanced imaging and web technologies to bring to the web hundreds of Dead Sea Scrolls images as well as specially developed supporting resources in a user-friendly platform intended for the public, students and scholars alike.

The launch of the Leon Levy Dead Sea Scrolls Digital Library comes some 11 years after the completion of the publication of the Dead Sea Scrolls, initiated and sponsored by the IAA, and 65 years after the first scrolls were unearthed in the Caves of Qumran.

VD: AS

Was mich nicht zum Atheisten macht

Zur Adventszeit fragen sich viele Menschen, wie sie es eigentlich mit der Religion halten. Welche Werte verbergen sich hinter dem Glauben und welche hinter einem atheistischen Weltbild? Die Religionswissenschaftlerin Esther Maria Magnis hat Antworten gesucht – und gefunden.

Es lohnt sich, mal reinzuhören, wenn Esther Maria Magnis für die DLF-Hörer erklärt, weshalb sie wieder an Gott glaubt:

Studienzentrum in München eröffnet

Am Samstag, den 17. November 2012, hat das Martin Bucer Seminar in der Landeshauptstadt München ein neues Studienzentrum eröffnet. 

Der Start dieser Einrichtung in Bayern stößt auf große Resonanz. Grußworte kamen aus aller Welt, so von den internationalen Studienzentren aus der Schweiz, Österreich, Brasilien und der Türkei. Auch Prof. Ken Gnanakan vom International Council of Higher Education (Indien) begrüßte die Eröffnung. Der bekannte Apologet John Prof. Warwick Montgomery betonte in einem Schreiben, dass es „in unserem Zeitalter des Säkularismus“ von entscheidender Wichtigkeit sei, ein „verantwortungsbewusstes akademisches Studium, das auf die Wahrheit des historischen Christentums und seiner Bekenntnisse ausgerichtet ist“, verfügbar zu machen. Der Bischof der Reformierten Episkopalkirche, Gerhard Meyer, lobte das Martin Bucer Seminar für seine Bekenntnistreue und die gleichzeitig gelingende „Zusammenarbeit bekennender Christen unterschiedlichster Kirchenzugehörigkeit“.

Etliche Grußworte gingen als Videobotschaft ein. So freut sich Dr. Mark Dever, Pastor der Capitol Hill Baptist Church in Washington, D.C. (USA) und Präsident von 9Marks, über die Eröffnung des Studienzentrums und betonte, wie wichtig es sei, junge Menschen zu lehren, das Wort Gottes besser zu verstehen und es treu zu predigen. Dr. Peter Jensen, der anglikanische Erzbischof von Sydney (Australien), unterstrich, dass heute nichts wichtiger sei, als eine gute theologische Ausbildung. Phillip Jensen, Dekan der St. Andrew Kathedrale in Sydney (Australien) und Gründer des christlichen Verlags „Matthias Media“, lud junge Menschen dazu auf, ihre materialistischen Ambitionen aufzugeben und sich für die solide theologische Ausbildung sowie den geistlichen Dienst zu entscheiden. Der bekannte Neutestamentler Prof. Peter T. O’Brien ist dankbar dafür, dass sich das Studienzentrum einer christozentrischen Ausrichtung verpflichtet hat und den wichtigen Stellenwert der „biblischen Theologie“ anerkennt.

Im Mittelpunkt der Eröffnungsveranstaltung stand ein Festvortrag von Professor Dr. Thomas Schirrmacher. Der Rektor des Seminars betonte in seiner Ansprache „Bucer damals – Bucer heute – Ganzheitliche Bildung in der Theologie“, dass Bucer bereits in der Reformationszeit in seinem Buch „Von der wahren Seelsorge“ betont habe, dass Seelsorger zunächst selbst Seelsorge erfahren müssten und die Ausbildung geistlicher Leiter sowohl auf höchstem inhaltlichen Niveau, als auch in der Gemeindepraxis und persönlichen Betreuung erfolgen müsse.

Das Martin Bucer Seminar versuche wie schon sein Namensträger das scheinbar Unmögliche möglich zu machen. Es gäbe nämlich vier mögliche Ziele geistlicher Ausbildung: 1. Geistliche Entwicklung und Charakterbildung der Studierenden und Lehrenden, 2. Praktische Fähigkeiten und Erfahrungen, 3. Theologisches, tradiertes und selbst erarbeitetes Wissen und 4. Forschung auf hohem Niveau. Die meisten theologischen Ausbildungsstätten stellten ein oder zwei dieser Ziele in den Vordergrund. Das Martin Bucer Seminar wolle allen gleichermaßen gerecht werden, so herausfordernd das für die Strukturen auch sei. Das sei auch der Grund, warum man dezentral arbeite und den Studenten und Studentinnen die Möglichkeit böte, in ihrem angestammten Wirkungsfeld weiter zu arbeiten.

Schirrmacher begrüßte auch, dass das neue Studienzentrum das Ergebnis einer intensiven Zusammenarbeit protestantischer Konfessionen sei. Die Unterstützung von den Anglikanern bis zu unabhängigen Gemeinden hätte Bucers Herz erfreut, so Schirrmacher, da Bucer bei aller Eindeutigkeit in der Lehre immer betont habe, dass die Einheit durch die Schrift und die Letztinstanzlichkeit der Schriftauslegung (Exegese) gegenüber allen konfessionellen Besonderheiten unaufgebbar seien.

Der reguläre Studienbetrieb beginnt im Januar 2013 in den Räumen der Lukas-Hauptschule. Ich wurde als Studienleiter berufen. Vor Ort wird die Arbeit durch ein wunderbares Team geleitet.  Dazu gehören der in Australien gebürtige Neutestamentler Dr. Michael Clark sowie die Münchner Pastoren und studierten Theologen Klaus Giebel und Matthias Lohmann, dem Leiter des reformatorischen Netzwerkes Evangelium21.

Nachfolgend einige Grußworte und Videobotschaften. Weitere Videos sowie Hinweise für Bewerber können eingesehen werden unter: www.bucer.de/muenchen.html.

 

Dr. Mark Dever:

 

 

Phillip Jensen:

 

 

Dr. Peter T. O’Brien:

Lennox in München

Johannes G. hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass bereits ein Ausschnitt aus dem Vortrag im Internet vorliegt:


Francis Schaeffer, der demütige Prominente

Tim Challies hat kürzlich in seinem Blog eine wunderbare ihm zugetragene Episode aus dem Leben von Francis Schaeffer veröffentlicht. Sie passt so sehr zu Schaeffer, dass es mir eine Freude ist, sie hier anlässlich seines 100. Geburtsjahres wiederzugeben. Freundlicherweise gab Tim mir die Erlaubnis, die anrührende Geschichte hier in deutscher Sprache zu publizieren. Kathrin B. danke ich für die schnelle Übersetzung.

Hier also die Kurzgeschichte:

– – –

francisSchaeffer.jpgDoug Nichols ist einer meiner Internet-Freunde. Er ist der Gründer und Direktor von „Action International Ministries“, und in dieser Rolle reist er durch die ganze Welt und wirbt um Missionsarbeit und Evangelisation. Er mailt mir oft und aus aller Welt und schickt ermutigende Worte. Beinahe jeder elektronische Brief endet mit: „Lass mich Dich mit dem folgenden ermutigen“ und dann teilt er eine Bibelstelle mit mir. Ich liebe es.

Es war schon lange her, im Sommer 1966, als Doug für „Operation Mobilization“ gearbeitet hat. Während ihrer großen Jahreskonferenz war er in London stationiert. Er war der Putzgruppe zugeteilt worden. Eines Nachts um 0.30 Uhr fegte er die Treppe im Konferenzzentrum, als ein älterer Herr zu ihm kam und ihn fragte, ob dies der Ort sei, an dem die Konferenz stattfände. Dough bejahte dies und erklärte, dass so gut wie jeder schon zu Bett gegangen sei. Dieser Mann war sehr einfach gekleidet und hatte nur eine kleine Tasche bei sich. Er sagte, dass er die Konferenz besuche. Doug antwortete, dass er versuchen würde, ihm einen Platz zum Schlafen zu finden und führte ihn zu einem Raum, in dem ungefähr 50 Menschen auf dem Boden schliefen. Der ältere Herr hatte nichts, worauf er schlafen konnte, also legte Doug eine Unterlage und eine Decke hin und bot ihm ein Handtuch als Kopfkissen an. Der Mann sagte, dass dies gerade gut genug sei und er es sehr schätzte.

Doug fragte den Mann, ob er die Möglichkeit gehabt hatte, zu Abend zu essen. Es stellte sich heraus, dass er nichts gegessen hatte, da er den ganzen Tag gereist war. Dough nahm ihn mit zum Speisezimmer, das allerdings abgeschlossen war. Nachdem er die Tür aufgebrochen hatte, fand er Cornflakes, Milch, Brot und Marmelade. Als der Mann aß, begannen sich die beiden zu unterhalten. Der Mann sagte, dass er und seine Frau viele Jahre in der Schweiz gearbeitet hätten, wo er einen kleinen Dienst hatte, der Hippies und Herumfahrenden half. Er sprach über seine Arbeit und über einige der Menschen, die sich zu Christus bekannten. Als er mit dem Essen fertig war, gingen beide Männer zum Schlafen.

Doug wachte am nächsten Morgen auf und stellte fest, dass er in großen Schwierigkeiten steckte. Die Konferenzleiter kamen zu ihm und sagten: „Weißt du nicht, wer es war, den du gestern Nacht auf den Boden gelegt hast? Es ist Francis Schaeffer! Er ist der Referent für diese Konferenz! Wir hatten einen ganzen Raum für ihn reserviert!“

Doug hatte keine Ahnung, dass er neben einer berühmten Persönlichkeit auf dem Boden übernachtet und er einen Mann gebeten hatte, auf dem Boden zu schlafen, der einen zutiefst wichtigen Dienst ausübte. Er hatte keine Ahnung, dass dieser Mann dabei geholfen hatte, die christliche Kirche der damaligen Zeit wie auch die Kirche unserer Tage zu prägen. Und Schaeffer hat sich nichts anmerken lassen. In Demut hat er sein „Schicksal“ angenommen und war dankbar dafür.

Dies ist nur ein kleiner Einblick in das Leben eines Mannes. Francis Schaeffer lebte 72 Jahre lang und diese kleine Episode verbrauchte weniger als die Hälfte eines der 26.000 Tage seines Lebens. Aber sie zeigt einem viel über diesen Mann. Ich denke, sie zeigt uns genauso viel von dem Mann, wie es sein öffentlicher Dienst tut. Ein Buch kann verkünden, dass er brillant ist, aber eine Geschichte wie diese zeigt, das er demütig ist. Eine Rede vor Tausenden von Menschen kann zeigen, dass er ein großer Denker ist, aber diese Geschichte zeigt uns, dass er gottesfürchtig und fromm ist. Es gibt so viel, was wir über einen Menschen von diesen ansonsten vergessenen Momenten lernen können. Es sind nicht nur die großen Dinge, die jemand tut, die eine Person ausmachen, sondern die kleinen.

Wenn Doug diese Geschichte erzählt, bietet er eine Anwendung an, die ihm geholfen hat. Nicht viele von uns haben den Intellekt eines Francis Schaeffer; nicht viele von uns werden jemals seine Fähigkeiten oder seine Weisheit haben. Aber was wir tun können, ist, uns nach anderen auszustrecken, um sie zu erreichen und ihnen mit gottesfürchtiger Demut zu dienen.

– – –

Wer mehr über das Leben und Werk von Francis Schaeffer lernen möchte, sollte sich diese Buch zum Einstieg besorgen:

  • Ron Kubsch (Hg.): Wahrheit und Liebe: was wir von Francis Schaeffer für die Gegenwart lernen können, Bonn: VKW, 2007

 

 

Weihnachtsaktion 2012

Ich möchte mich auch in diesem Jahr bei allen Lesern des Theoblog herzlich für das Interesse an den Beträgen und Disputen bedanken! 

Etliche Leute haben 2012 wieder Bücher, DVD’s oder Elektroartikel über TheoBlog bei Amazon bestellt (mehr dazu hier) oder über den Buchladen geordert. Zudem sind einige Spenden zugunsten der Arbeit eingegangen. Vielen herzlichen Dank dafür!

Wie üblich will ich mich durch eine kleine Aufmerksamkeit erkenntlich zeigen. Jeder Blog-Leser hat die Chance, in der Weihnachtszeit ein Päckchen mit drei Büchern zu empfangen. Das Päckchen enthält:

  • C.S:  Pardon ich bin Christ, Brunnen Verlag
  • Louis Berkof: Grundriss der biblischen Lehre, 3L Verlag
  • Jonathan Edwards: Sind religiöse Gefühle zuverlässige Anzeichen für wahren Glauben, 3L Verlag
 
Das Buch von Edwards erscheint im Dezember 2012 erstmals auf Deutsch. Der 3L Verlag, dem ich dazu gratuliere,  schreibt darüber:
 
Dieses Buch mit dem englischen Titel Religious Affections von Jonathan Edwards ist ein Klassiker, der weltweit seit Jahrhunderten gelesen und geschätzt wird und trotzdem für unseren Kulturkreis geschrieben sein könnte. Zu seiner Zeit breitete sich die „Große Erweckung“ aus und damit traten viele Fälschungen der echten Erweckung auf. Deshalb war Edwards darauf bedacht, die Unrichtigkeit einer Religiosität zu entlarven, die im Grunde in Selbstliebe wurzelte und damit „fleischlich“ war und sah sie als Exzesse einer extremen Gefühlsbetontheit an.
 
Andererseits gibt es eine Art von äußerlicher Praxis ohne inneres Erleben, welches aus der Sicht Gottes keinen Wert hat. Es ist für nichts gut. Das Evangelium muss sich durch Veränderungen in unserem Charakter zeigen, die sich durch selbstlosen Dienst in einer Kultur zeigen, die das ICH verherrlicht. Wenn wir unseren Glauben nicht ernst nehmen und wenn wir unseren Willen und unsere Neigungen nicht intensiv ausüben, hilft uns das nicht. Religiöses Leben besteht aus zu großen Dingen, als dass wir lau sein könnten. Echte Religiosität ist immer eine dynamische Sache. Empfindungen sind die treibende Kraft menschlicher Handlungen. Der Schöpfer des menschlichen Wesens stattete den Menschen nicht nur mit Empfindungen aus, sondern er machte sie zur Grundlage menschlichen Handelns.
 
In der Schrift wird heiliges Verlangen oft als wichtiger Teil echter Religiosität erwähnt, welches sich in Sehnsucht und Hungern und Dürsten nach Gott ausdrückt: „Auf deinen Namen und dein Gedenken war das Verlangen der Seele gerichtet“ (Jes 26,8). 

Um Empfänger dieser Bücher werden zu können, sind folgende drei Punkte zu beachten:

  1. Sie müssen TheoBlog regelmäßig lesen (Vertrauenssache).
  2. Sie müssen mir über das Kontaktformular Ihre E-Mail-Adresse mitteilen (und dabei das Stichwort: „Weihnachtspäckchen“ in der Mitteilung erwähnen).
  3. Am 20. Dezember werde ich von meinen Kindern unter allen übersandten Adressen einen Empfänger über ein Losverfahren auswählen lassen und die gewählte Person kontaktieren (Vertrauenssache). Nach Übersendung der Postanschrift schicke ich das Päckchen an den Gewinner.

Vielen Dank fürs Mitmachen!

John Lennox: Warum der neue Atheismus nicht trifft

Wenn man Richard Dawkins und anderen glauben soll, dann hat die moderne Wissenschaft Gott in die Ecke gestellt, »umgebracht« und schließlich begraben. Der Atheismus sei die einzig legitime Denkposition und die Vorstellungen von einem Schöpfer- und Erhaltergott eine verzichtbare Hypothese, die die Wissenschaft nur behindert. In seinen Vorträgen lädt der bekannte Mathematiker John Lennox ein, solche Thesen ernsthaft zu überdenken. Gott passt viel besser in die moderne Wissenschaft, als es sich manche Ideologen träumen lassen.

Professor Lennox ist wirklich ein kluger Kopf und angenehmer Mensch. Er wird – vermute ich – die Vorträge sogar in deutscher Sprache halten. Wer in der Nähe von München wohnt, sollte sich das nicht entgehen lassen.

Mittwoch, 5. Dezember 2012, 19.30 Uhr
St. Matthäus-Kirche (U-Bahn Sendlinger Tor) Nußbaumstraße 1
80336 München

 

John Lennox VS.jpg

Abraham Kuyper (Schluß)

 

Abraham Kuyper: Der reformierte Denker 

Denkerischer Ausgangspunkt für Kuyper ist das Bekenntnis zur absoluten Souveränität Gottes. Dieser Glaube an die allumfassende Königsherrschaft von Jesus Christus (engl. Lordship Principle) bedeutete ihm, dass der Calvinismus als eine Lebensanschauung (engl. Life-System) anzusehen ist, die jeden Bereich der Wirklichkeit berührt. Die Herrschaft von Jesus Christus über die gesamte Wirklichkeit konkretisiert sich in drei Ordnungen, die jeweils unmittelbar Gott unterstellt sind, nämlich Staat, Gesellschaft und Kirche (Abraham Kuyper, Lectures on Calvinism, Grand Rapids, MI: Erdmans, Reprint 2002, S. 79). 
 
Einerseits verteidigte Kuyper große (Wieder-)Entdeckungen der Reformatoren wie die tiefe Sündhaftigkeit aller Menschen, die Glaubensgerechtigkeit oder die Erwählung, andererseits gab er dem Calvinismus ein aufgeschlossenes und der Welt zugewandtes Gesicht. Gelingen konnte ihm das durch die gleichzeitige Betonung von Antithese und allgemeiner Gnade.
 
Mit der Antithese hebt Kuyper den Gegensatz von Kirche und Welt heraus. Die Kinder Gottes leben versöhnt nach dem Glauben zur Ehre Gottes. Die Kinder der Welt richten sich nach ihrem eigenen verdorbenen Herzen und rebellieren gegen Gott. Diese vorausgesetzte Antithese führt allerdings nicht in den Kulturpessimismus, dem Kuyper die „allgemeine Gnade“ gegenüberstellt. 
 
Während die spezielle Gnade die erwählten Menschen erleuchtet und mit Gott versöhnt, schenkt uns die allgemeine Gnade, was wir zum Leben benötigen und begrenzt die sündhaften und destruktiven Mächte dieser gefallenen Welt. Von der allgemeinen Gnade profitieren also alle Menschen. Gott versprach im Noahbund, die Erde trotz der Bosheit der Menschen zu erhalten (vgl. Gen 8,21). „Solange die Erde währt, sollen nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ Gen 8,22). Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt 5,45). Die allgemeine Gnade gibt den Ebenbildern Gottes das Mandat für die Erforschung und Gestaltung dieser Welt. Für die Christen heißt das, dass sie zusammen mit den Heiden kulturschaffend tätig sind. Sie arbeiten, sie engagieren sich für Gerechtigkeit und Wohlfahrt, sie sind künstlerisch tätig oder treiben Sport. All das verbindet sie nicht nur mit den Christen, sondern auch mit ihren ungläubigen Freunden und Nachbarn, deren Leistungen sie wertschätzen. Eine besondere Stellung räumte Kuyper übrigens der Wissenschaft ein, indem er sie in der Schöpfung ansiedelte. „Ohne Sünde“, schrieb Kuyper, „gäbe es weder einen Staat noch die christliche Kirche, aber die Wissenschaft“ (Wisdom & Wonder, Grand Rapids, Michigan, 2011, S. 35). 
 
Im niederländischen Protestantismus erntete der Neo-Calvinismus mitunter scharfe Kritik. Kuyper wurde und wird vorgeworfen, er habe das reformierte Christentum von der überlieferten reformierten Theologie entfremdet. Tatsächlich veränderte sich unter ihm das „reformierte Selbstverständnis“. 
 
Kuyper verlor beispielsweise vertraute Mitstreiter, als er eine Korrektur des Niederländischen Glaubensbekenntnisses (lat. Confessio Belgica) einforderte. Er störte sich am Artikel 36, wo zur Bestimmung des Staates gesagt wird, dass dieser nicht nur für die bürgerliche Verfassung zu sorgen hat, sondern auch darum bemüht sein soll, „dass der Gottesdienst erhalten werde, aller Götzendienst und falscher Gottesdienst entfernt werde, das Reich des Antichrists zerstört, Christi Reich aber ausgebreitet werde. Endlich ist es ihres Amtes zu bewirken, dass das heilige Wort des Evangeliums überall gepredigt werde und dass jeder Gott auf reine Weise nach Vorschrift seines Wortes frei verehren und anbeten könne“. Kuyper sah hier eine unzulässige Verknüpfung von Staat und Kirche und deshalb eine Verletzung der „Souveränität im eigenen Kreis“. Er war überzeugt, dass Familie, Staat und Kirche jeweils eigene Domänen sind, die sich gegenseitig nicht „hineinregieren“ sollten. R. S. de Bruïne (1869–1941) hat diese kuypersche „Sphärensouveränität“ einmal markant formuliert: „Es ist unsere Überzeugung, dass es nicht zur Berufung des Staates gehört, das soziale Leben von oben zu kontrollieren und es in vorgefertigte Bahnen zu pressen … Wir unterscheiden mehrere Kreise: den Staat, die Gesellschaft, die Kirche und die Familie, um nur einige zu nennen. Diese haben alle ihre eigene Natur, ihre eigene Autorität und Verantwortung. (zitiert nach: Joop M. Roebroek, The Imprisoned State, 1993, S. 55). Für Kuyper war es unerträglich, wenn der Staat kirchliche Aufgaben übernahm oder die Institution Kirche versuchte, Politik zu machen. Seine Bemühungen, die Korrektur des Artikels durchzusetzen, traf auf harten Widerstand (vgl. dazu: Peter Heslam, Creating a Christian Worldview: Abraham Kuyper‘s Lectures on Calvanism, 1998, S. 162–164). Schlussendlich wurde die Passage 1905 von den Reformierten Kirchen aber aus dem Bekenntnis gestrichen (Dirk van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 356). 
 
Noch ein Beispiel: Vor Kuyper bestritten die Reformierten zwar nicht, dass Christen den Auftrag haben, Gesellschaft zu gestalten. Betont wurde aber vor allem die Erlösung von Sündern. Die Predigten befasste sich meist mit den großen biblischen Themen wie Buße, Glaube, Wiedergeburt, Rechtfertigung, Heiligung usw. Durch Kuyper verschob sich der Schwerpunkt hin zur Weltverantwortung. Die Frage, was der Heilige Geist in den Herzen der Sünder durch das Wort wirkt, wurde zwar nicht ausgeblendet, aber oft von dem überlagert, was Christen tun sollten, um Gesellschaft und Kultur zu prägen (vgl. Cornelius Pronk, „Neo-Calvinism“, S. 49). 
 
Gern wird Kuyper deshalb heute für die sogenannte „transformative Kulturauffassung“ oder „Gesellschaftstransformation“ in Anspruch genommen. Demnach sind Christen dazu beauftragt, sich in gesellschaftliche Prozesse einzumischen und diese auf Mikro-, Meso- und Makroebene zu verändern. Ist diese Vereinnahmung von Kuyper berechtigt? Ja und nein. Tatsächlich wollte Kuyper den Protestantismus entprivatisieren und entwickelte eine „öffentliche Theologie“, die viele neue Anstöße für die parteiische Einmischung und Weltverantwortung lieferte. 
 
Damit überwand er die von Immanuel Kant (1724–1804) angestoßene und noch heute gefragte Aufspaltung der Vernunft in einen öffentlichen und einen privaten Gebrauch. Es bedürfe der Freiheit, „von seiner eigenen Vernunft in allen Stücken öffentlich Gebrauch zu machen“, sagte Kant (Kant, „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, 1974, S. 11). Er kontrastiert den öffentlichen Gebrauch der Vernunft mit dem privaten. Unter öffentlichem Gebrauch versteht er „denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht“ (Ibid., S. 9). Der Privatgebrauch der Vernunft könne dagegen eingeschränkt sein (Ibid., S. 11). Kuyper holte den Glauben, der sich auf Offenbarung berief, wieder
in den öffentlichen Diskurs zurück. Sein Ansatz hob dabei entschieden vom liberalen Kulturprotestantismus ab, der Evangelium und Kultur durchmischte. Zugleich unterschied er – wie oben bereits angesprochen –, scharf zwischen allgemeiner und rettender Gnade. Um es anders auszudrücken: Kuyper verwechselte die Erhaltungsethik nicht mit dem Aufbau von Gottes Reich. Darum wissend, dass das geistliche Reich nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), schrieb er (A. Kuyper, „Common Crace“ zitiert aus: David VanDrunen, Natural Law and The Two Kingdoms, 2010, S. 295):
 
Wir müssen zwischen zwei Dimensionen dieser Manifestation der Gnade unterscheiden. 1.a. eine rettende Gnade, die am Ende Sünde abschafft und ihre Folgen vollständig rückgängig macht; und 2. eine zeitliche zurückhaltende Gnade, die die Wirkung der Sünde abmildert und aufhält. Die erste … ist ihrer Natur nach eine besondere und auf die Auserwählten Gottes begrenzt. Die zweite … erstreckt sich auf das gesamte menschliche Leben.
 
Die Frucht der besonderen Gnade, die Menschen mit Gott durch Jesus Christus versöhnt, war eindeutig das Herzensanliegen von Kuyper (vgl. S.U. Zuidema, Common Grace und Christian Action in Abraham Kuyper, S. 6). Die Kirche als Institution sollte deshalb treu das Evangelium verkündigen. Kulturpräsenz wird erreicht, da die Kirche als Organismus in der Welt wohnt.
 
Kuypers Wirkung ist ambivalent. Er stärkte das nachmoderne Christentum auf dem Weg zu einem kulturpräsenten Christsein und inspirierte herausragene christliche Vordenker, unter ihnen Herman Bavinck (1854–1921), Hermann Dooyeweerd (1894–1977), Hans Rookmaaker (1922–1977) oder Francis Schaeffer (1912–1984). Doch auch Bewegungen wie der „Christian Reconstructionism“ von Rousas J. Rushdoony (1916–2001) und Greg L. Bahnsen (1948–1995) oder der „shalom-Neo-Calvinismus“, wie er von Alvin Plantinga (* 1932) und Nicholas Wolterstorff (* 1932) vertreten wird, sind von Kuyper inspiriert. Interessanterweise ist der „Christian Reconstructionism“ anti-sozialistisch ausgerichtet und hebt die „Antithese“ zwischen christlichem und weltlichem Denken heraus (vgl. dazu: Thomas Schirrmacher, Anfang und Ende von Christian Reconstruction (1959–1995), 2001). Der „shalom-Neo-Calvinismus“ ist demgegenüber sozialistischen Idealen aufgeschlossen und neigt dazu, die Immanenz Gottes und die Kontinuität zwischen der jetzigen und der zukünftigen Welt zu idealisieren (vgl. dazu: Williams Dennison, „Dutch Neo-Calvinism and the Roots for Transformation“, JETS 42 (1999), Nr. 2, S. 271–291). Gelegentlich wird von den „Transformisten“ deshalb eingestanden, dass sie sich mehr mit dem Beispiel als mit den inhaltlichen Anliegen des niederländischen Theologen identifizieren (z.B. Phillip Morgen, „Abraham Kuyper: Christ Transforming Culture, Helwys Society Forum, URL: http://www.helwyssocietyforum.com).
 
Alles in allem leitete Kuyper vor ungefähr einhundert Jahren eine notwendige und begrüßenswerte Renaissance des reformierten Denkens ein. Wir dürfen dankbar sein, dass er die christliche Weltdeutung aus der Defensivhaltung herausführte und zahlreiche Christen ermutigte, den ideologischen Götzendienst des Modernismus zu dekonstruieren und christliches Denken einzuüben. Wer Jesus Christus nachfolgt, sieht die ganze Welt mit anderen Augen. Wir können und sollten viel von ihm lernen.
 

Abraham Kuyper (Teil 3)

 

Abraham Kuyper: Der Wissenschaftler

Zurück in Holland, geht er weder in die Politik noch in den Pfarrdienst, sondern widmet sich zwei anderen immensen Herausforderungen: „Einerseits die Entwicklung des Calvinismus sowohl als Theologie wie als Lebensanschauung in einem System, das in den neuen Kontext des 19. Jahrhunderts paßt, und andererseits die Ausbildung junger Menschen, die dieses Programm theoretisch auszubauen und in die Praxis umzusetzen gewillt sind“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 296). Er sah kaum Chancen, diese ambitionierten Pläne an bestehenden Universitäten umzusetzen, da er sich dort hätte mit dem akademischen Establishment arrangieren müssen. Er griff den bereits 1875 geäußerten Gedanken einer Universitätsgründung wieder auf und beabsichtigte die Bildung einer Lehrstätte auf Grundlage einer reformierten Weltanschauung. Kuyper wollte nicht nur das reformierte Bekenntnis gegenüber Liberalismus, Modernismus und Vermittlungstheologie behaupten, sondern offensiv den „christlichen Glauben für alle Fakultäten fruchtbar machen“ (Johannes Schick, Das Denken des Ganzen: Eine vergleichende Studie zu den Wirklichkeitsanschauungen Karl Heims und Herman Dooyeweerds angesichts der Herausforderungen durch Postmoderne und neue Metaphysik, Göttingen: Vandehoeck & Ruprecht, S. 89). 1880 wurde die Freie Universität Amsterdam (holländ. „Vrije Universiteit Amsterdam“, abgekürzt VU) eröffnet. „Frei“ bedeutet in diesem Fall, dass die Hochschule „frei“ von Kirche und Staat arbeitet und ausschließlich von privaten Trägern finanziert wird. Die Hochschule verfolgte das erklärte Ziel, „die reformierten Studenten zur Übernahme verantwortlicher gesellschaftlicher Positionen vorzubereiten“ (D. van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 34). „Hier kommt das Ideal einer Wissenschaft zum Ausdruck, die ‚souverän im eigenen Bereich‘ bleibt und weder unter der Vormundschaft des Staates noch unter kirchlichem Kuratel sich ihrer eigenen Art entfremdet‘. Im Jahre 1880 hatte sie 5 Studenten, 1885 zählte sie 50 und 1900 126, davon studierten 76 Theologie. Sie hat ihrer Aufgabe jedoch erfüllt, zur Entwicklung einer einheitlichen Geistesart der reformierten Volksschicht beigetragen und die nötigen führenden Köpfe geliefert“ (C. Augustijn, „Abraham Kuyper“, S. 296).

Kuyper wird Professor an der VU und lehrt vor allem Dogmatik, Enzyklopädie der Theologie, niederländische Sprachwissenschaft, Linguistik und Ästhetik. In dieser Zeit schreibt er seine größten theologischen Bücher (Eine umfassende Bibliographie ist 2011 erschienen als: Kuipers, Tjitze, Abraham Kuyper: An Annotated Bibliography 1857–2010, Leiden : Brill ; Biggleswade: Extenza Turpin, 2011). Das einzige wissenschaftliche Werk im engeren Sinn bildet seine drei Bände umfassende Enzyklopädie der Theologie. Schon im Vorwort dieser Schrift macht er deutlich, dass er eine Wiederbelebung des reformierten Glaubens beabsichtigt. Kuyper will den kraftlos gewordenen Calvinismus, der teilweise sektiererische Züge mit starken Absonderungstendenzen aufwies, aus seiner Enge herausführen und für einen lebendigen Dialog mit der Gegenwartskultur zurüsten. Er beabsichtigt keine „Repristination des ursprünglichen Calvinismus. Vielmehr gelte es, diesen ‚in Berührung [zu] bringen mit dem menschlichen Bewusstsein, wie sich dieses am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt hat‘“ (D. van Keulen, „Der niederländische Neucalvinismus Abraham Kuypers“, S. 345–346). Zu seinen anderen bedeutenden Werken gehören seine Pneumatologie (3 Bde.), die Erklärungen zum Heidelberger Katechismus (4 Bde.), eine Ausarbeitung zur Allgemeinen Gnade (3 Bde.) sowie eine Veröffentlichung zur reformierten Liturgie. All diese Publikationen sind Sammlungen von Aufsätzen, die ursprünglich in der Wochenzeitschrift „Der Herold“ erschienen sind.

Das ist Gott!

41OxMk+mBZL._SL110_.jpg DIE ZEIT hat einen Auszug aus dem Buch Die Verteidigung des Menschen: Warum Gott gebraucht wird von Jan Roß abgedruckt. Bezeichnenderweise spürt man dem Text ab, dass er nicht von einem Theologen, sondern von einem klassischen Philologen geschrieben wurde. Roß nimmt den „Befund“ und die Radikalität der Kreuzesbotschaft ernst. Für viele Verteidiger des Kruzifixes und Theologen ist das Kreuz dagegen nicht mehr als ein Kultursymbol.

Hier ein Zitat aus dem „Anti-Nietzsche“:

Der gekreuzigte Christus steht für einen Alternativentwurf. Die Gegner des Christentums halten das für eine Perversion. In ihren Augen ist das Kreuz ein Symbol des Masochismus. Die ganze Kritik am Christentum als einer welt- und sinnenfeindlichen Veranstaltung, sexuell verklemmt und in dunklen Katakomben zu Hause, hat ihr Zentrum in der Empörung über das Kreuz. Das Hässliche auf Kosten des Schönen zu verherrlichen, das Schwache lieber als das Starke, das Nein statt des Ja, das hat nur das Christentum gewagt.

Das Kreuz, eine Perversion? Eine Werteumkehr bedeutet es in der Tat. Es stellt die Werte des Erfolgsmenschentums infrage, und wenn solche Werte »natürlich« sind, dann ist das Christentum »unnatürlich«. Nur ist dieses Unnatürliche zugleich das Humane; es ist der diametrale Gegensatz zum Recht des Stärkeren und zur Tyrannei der Normalität. »Was ihr dem geringsten unter meinen Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan«, erklärt Jesus seinen Jüngern, als er ihnen die Idee der Nächstenliebe beibringt. Selbst Kirchenfeinde bestreiten nicht, dass das Christentum eine Geschichte der Güte und Menschlichkeit hat, des Engagements für die Bedürftigen. Man muss sich allerdings klarmachen, dass dahinter mehr als nur eine Moral steht.

Mehr: Gottesbuch-Abdruck.pdf.

VD: CF

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