Allgemein

Sämtliche allgemeinen Beiträge.

Calvin: Gott erkennen

Johannes Calvin wurde am 10. Juli vor 510 Jahren geboren. Es lohnt sich, sein Hauptwerk dreimal zu lesen. Hier ein Zitat aus der Institutio I,2,1:

Erkenntnis Gottes ist nun für mein Verständnis nicht allein darin beschlossen, daß wir wissen: es ist ein Gott. Wir sollen auch festhalten, was uns von ihm zu wissen nottut, was zu seiner Ehre dient, was uns zuträglich ist. Denn es kann von einem eigentlichen Erkennen Gottes keine Rede sein, wo Ehrfurcht (religio) und Fröm­migkeit fehlt. Und dabei denke ich noch nicht einmal an jene Weise der Erkenntnis Gottes, durch welche in sich verlorene und verdammte Menschen in Christus, dem Mittler, Gott als Erlöser ergreifen. Hier ist bloß von jener ursprünglichen und einfachen Erkenntnisweise die Rede, zu welcher schon die Ordnung der Natur führen würde, wenn Adam nicht gefallen wäre. Es kann zwar gewiß in dieser Verderbnis der Menschheit kein Mensch Gott als den Vater, den Urheber seines Heils, noch irgendwie als den gnädigen Gott erkennen, ehe denn Christus ins Mittel tritt, um uns den Frieden mit Gott zu erringen. Gleichwohl ist es etwas anderes, Gott zu erkennen als den Schöpfer, der uns mit seiner Macht trägt, mit seiner Vorsehung leitet, seiner Güte pflegt, mit der Fülle seiner Segnungen begleitet, und wiederum etwas anderes, die Gnade der Versöhnung zu ergreifen, die uns in Christus zukommt. Weil uns nun der Herr erstlich einfach als der Schöpfer entgegentritt — in seinem Werke, der Welt, wie auch der allgemeinen Lehre der Schrift — und dann fernerhin im Angesicht Christi als der Erlöser, so ergibt sich eine zwiefache Erkenntnis Gottes.

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Die Aufgabe der Theologen

Es lohnt sich, mal zu vergleichen, wie ein Reformator die Aufgabe eines Theologen gesehen hat und wie heute viele Theologen ihren Arbeitsauftrag beschreiben.

Philipp Melanchthon in seinen Loci praecipui theologici (2018, Bd. 1, S. 3):
Ich gebäre nicht neue Meinungen und ich fühle, dass es kein größeres Verbrechen in der Kirche Gottes gibt, als mit neuen Meinungen, die erfunden werden müssen, zu spielen und von den Schriften der Propheten und Apostel und vom wahren Zeugnis der Kirche abzuweichen.

Miroslav Volf u. Matthew Coasmun in ihrem Manifest Für das Leben der Welt (2019, S. 128):
Die Aufgabe der christlichen Theologinnen und Theologen entspricht der der Evangelisten und Apostel von damals: Aufbauend auf ihrer „Aufführung“ und innerhalb des von Christus geöffneten und strukturierten Raumes improvisieren wir eine universale Vision des erfüllten Lebens für eine ganz bestimmte Zeit und einen spezifischen Ort. So etwa können wir uns die Arbeit von Leuten wie Augustinus, Maximos dem Bekenner und Luther oder, zeitlich näher zu uns, C.S. Lewis, Howard Thurman, Jürgen Moltmann, Gustavo Gutierrez oder Kathryn Tanner vorstellen. Ja, so können wir uns das Leben jedes einzelnen Christen vorstellen – improvisiert entweder aus der direkten Lektüre der Evangelisten und Apostel oder vermittelt durch das Werk eines späteren Theologen bzw. einer Theologin.

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Der synoptische und paulinische Christus

Bonhoeffer (Nachfolge, S. 219):

Wer sagt uns, daß wir die Gegenwart Christi, wie sie Paulus verkündigt, noch heute haben? Wer anders sagt es uns, als die Schrift selbst? Oder sollte eben hier von einer freien, nicht ans Wort gebundenen Erfahrung der Christusgegenwart und -wirklichkeit geredet werden? Ist es aber allein die Schrift, die uns die Gegenwart Christi bezeugt, so tut sie es | eben als ganze, und also zugleich als solche, die uns die Gegenwart des synoptischen Jesus Christus bezeugt. Der synoptische Christus ist uns nicht ferner und nicht näher als der paulinische Christus. Gegenwärtig ist uns der Christus, den uns die ganze Schrift bezeugt. Er ist der Menschgewordene, Gekreuzigte, Auferstandene und Verklärte, er begegnet uns in seinem Wort.

Ist die evangelische Kirche tot?

Gottesdienste können weg, ein Reformator, eine Reformatorin muss her! Das fordert der katholische Buchautor Erik Flügge. Ein Streitgespräch zwischen ihm und Reinhard Mawick zeigt, wie tief der Protestantismus in der Krise steckt. Sowohl Reinhard Mawick als auch Erik Flügge können nicht heraushelfen, denn sie sitzen im Gefängnis des Anthropozentrismus. Ihre schlichte Botschaft: „Weiterglauben“:

Na, also dem würde ich stark widersprechen. Also zunächst mal über Zahlen kann man natürlich immer reden, aber Gottesdienst feiern hat für mich eine Dimension, die über die reine quantitative Betrachtung hinausgehen muss. Ich glaube zutiefst daran, dass Gottesdienst ein Wert an sich ist und auch die, die nicht kommen und zum Glück bei uns Evangelischen nicht kommen müssen, – deswegen kommen sie auch nicht, wir haben keine Messpflicht –, dass das für die wichtig ist, dass wir Gottesdienst feiert. Evangelische Spiritualität ist weit gefächert, Protestantismus ist auch nicht nur Kirchlichkeit. Aber der Gottesdienst ist ein wesentliches Kennzeichen der evangelischen Kirche, weil da nämlich das geschicht, was Sie auch fordern. In Ihrem Buch habe ich den Eindruck, dass Ihnen das wichtig ist, dass wir weiterdenken. Sie fordern, man solle die Bibel weiterschreiben. Im Idealfall passiert so etwas in einer Predigt,  im gemeinsamen Nachdenken über einen Bibeltext, dass man zu neuen Formulierungen kommt. Dafür ist der Gottesdienst wichtig.

Was mir wichtig ist: Das ist überhaupt nichts Neues, dass die Evangelischen nicht zur Kirche gehen, denn sie müssen es nicht und ich finde das gut und einen Freiheitsgewinn, jeder kann seine Neo-Distanz da selber bestimmen. Denn, was im eigenen Seelenkämmerlein geschieht, das ist auch Spekulation. Denn es wäre ja schön, wenn alle eine Million Kirchenmitglieder ein reiches geistiges Leben auch ohne Kirche hätten. Ich glaube, dass das nicht der Fall ist. Ich glaube, dass der Gottesdienst, neben den Vielen, die es wirklich genießen, auch einen stellvertretenden Anspruch und Charakter hat und dass es absurd wäre, wenn die evangelische Kirche ihre Gottesdienste ausdünnen oder gar abschaffen würde.


Die Bibel als Seelsorgerin

Nach fast neun Jahren ist es geschafft. Annette Hesmert hat die Bibel in Luthers revidierter Fassung vollständig abgeschrieben. Wort für Wort. Damit möchte sie keine Rekorde einheimsen, sondern Menschen ermutigen, die Bibel wieder selbst in die Hand zu nehmen. Das finde ich klasse!

Tiefe Spuren hinterließen bei Hesmert auch die Psalmen. Vielleicht, weil die Verfasser genau ihre Fragen stellten: „Und wir dürfen sie auch stellen“, sagt sie. Gemeinsam mit Zachäus erlebte sie, dass sie auch alle Belastungen bei Jesus abladen kann und dieser jedem Menschen Vergebung schenkt, der sich auf ihn einlässt. An manchen Passagen biss sie sich die Zähne aus und verstand sie nicht. Aber auch aus den trockenen Geburtsregistern konnte sie etwas mitnehmen. „Kein Volk der Erde hat eine so detaillierte Beschreibung seiner Historie wie Israel.“ In den Schreibphasen konnte Hesmert zur Ruhe kommen, auch wenn es manchmal recht monoton war: „Gerade in Krisenzeiten war der Schreibtisch mein Zufluchtsort.“

Hier mehr: www.pro-medienmagazin.de.

zweifeln & glauben

Herzliche Einladung zur E21-Regionalkonferenz in München 2019: zweifeln & glauben von 31. Mai bis 1. Juni 2019 in München!

Für viele Menschen ist der Zweifel heute Manifest und Programm. Sie suchen, weil sie nicht finden wollen. Wenn jedoch die Skepsis alles ist, was wir haben, wenn die Zweifel uns im Innern spalten, ist die Zeit gekommen, auch den Zweifel in Zweifel zu ziehen. Deshalb setzen wir uns während dieser E21-Regionalkonferenz ausführlich mit dem Zweifel auseinander und legen dar, dass es gute Gründe dafür gibt, dem Evangelium von Jesus Christus zu vertrauen und es mutig in der Gemeinde und der Gesellschaft zu bezeugen.

Unser Hauptreferent Vaughan Roberts wird in drei Vorträgen das Buch Habakuk auslegen. Der Prophet rang intensiv mit Fragen und Zweifeln im Blick auf Gottes Gerechtigkeit und Herrschaft. Matthias Lohmann, Alexander Reindl und Ron Kubsch werden in ihren Vorträgen ebenfalls das Thema Zweifel aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.

Studenten, Pastoren, Gemeindemitarbeiter und andere Neugierige sind herzlich eingeladen, bei dieser Konferenz gemeinsam mit anderen zu fragen, zu vertrauen und zu loben.

Hier findest du mehr Informationen und hier geht es zur Anmeldung.

Kultur des Todes (9): „Vom Glück der Abtreibung“

Die Gender Studies sind für skurrile Thesen bekannt. Eine Gender-Expertin, Erica Millar, versucht derzeit zu vermitteln, dass Trauer und Scham, die Mütter empfinden, nachdem sie ihre Kinder abgetrieben haben, sozial konstruiert sind. Die schlechten Gefühle werden den Frauen nur zugeschrieben. Eigentlich machen – so ihre These – Abtreibungen (viele Frauen) glücklich. Wenn wir eine Kultur schaffen, die Abtreibungen als gewinnbringende Erfahrung einstuft, also Trauer, Schuld, Scham und Trauma dekonstruieren, können Frauen das Glück, das mit Abtreibungen einhergeht, leichter verspüren. Ihr Buch heißt entsprechend: Happy Abortions.

Der Verlag schreibt dazu:

In ihrer sorgfältig recherchierten Studie stellt Erica Millar heraus, wie die gängige Rhetorik auch in vermeintlich liberalen Ländern mit festgelegten Stereotypen arbeitet: Mutterschaft ist gut, Abtreibung böse, Ersteres bringt Glück, Letzteres Unglück. Jahrelang hat Millar Parlamentsdebatten verfolgt und Medien analysiert, um die erste weltweite Studie zu den emotionalen Zuschreibungen rund um Abtreibungen zu verfassen. Die australische Forscherin zeigt, dass der überwältigende Teil der Frauen nach der Abtreibung große Erleichterung und Dankbarkeit empfindet und nicht wie so oft unterstellt traumatisiert ist.

Im SPIEGEL erklärt Erica Miller:

Wenn wir über Abtreibungen reden, dann nur darüber, wie schwierig das für Frauen ist. Und, dass ein Abbruch Traumata, Reue, Trauer und Scham produziert. Merkwürdigerweise nehmen wir dabei an, dass alle Frauen gleich reagieren, und zwar nur mit negativen Emotionen. Dabei haben sozialwissenschaftliche Befragungen das Gegenteil gezeigt: Frauen fühlen nicht die ganze Zeit Trauer und Scham, wenn sie ungewollt schwanger sind und die Chance zur Abtreibung haben. Sehr viele fühlen sich erleichtert und nehmen Abtreibung als gewinnbringende Erfahrung wahr.

Scham ist ohne Kultur nicht möglich. Man schämt sich, weil man an gesellschaftlichen Erwartungen, Normen und Werten gescheitert ist. Auch die Trauer nach einer Abtreibung, die quasi vorausgesetzt wird, ist ein Produkt unserer Kultur: In den vergangenen Jahrzehnten konnte man beobachten, wie der Abtreibungsdiskurs sich auf die leidende Frau verschob. Statt eine Abtreibung als selbstgewähltes Ende einer ungewollten Schwangerschaft zu betrachten, wird sie häufig als Tötung eines autonomen Wesens bewertet – die emotionalen Schäden nach einer Abtreibung für die Frau müssen also gravierend sein. Abtreibungsgegner nutzen das als Warnung: Wer abtreibt, wird unweigerlich trauern.

Mehr hier: www.spiegel.de.

Ich empfehle die Ausführungen von R.C. Sproul zur Sklaverei und zur Abtreibung:

VD: GS

Schleiermacher oder Barth? Entspannte Pluralität!

Schleiermacher oder Barth? Seit 100 Jahren spaltet dieser theologische Streit den deutschen Protestantismus. Der EKD-Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen hat sich in einem DLF-Gespräch auf die Seite Schleiermachers gestellt. Der DLF schreibt:

An Schleiermacher fasziniere ihn der Versuch, so Claussen, sich den Glauben über das individuelle religiöse Leben zu erschließen. Was ihm an Schleiermacher missfalle? „Gar nichts. Reine Liebe und Bewunderung.“

Zugleich sagte Claussen, er sei froh darüber, dass es in der evangelischen Kirche heute kein so starkes Lager- und Frontendenken mehr gebe wie früher, sondern eine „entspannte Pluralität.“ Dennoch betonte er mit Blick auf die evangelische Theologie: „Streiten ist unser Kerngeschäft.“

Weder Schleiermacher, noch Barth, hätten sich, da bin ich mir sicher, über eine „entspannte Pluralität“ gefreut. Aber so ist das eben noch: „Alles ist möglich!“

Hier das Gespräch:

 

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