Gesellschaft

Die Intoleranz der Toleranz

201204170354.jpgMollie Ziegler Hemingway hat für Christianity Today das neue Buch Die Intoleranz der Toleranz gelesen:

  • D.A. Carson: The Intolerance of Tolerance, Eerdman, 2012, 186 S., ca. 17,00 Euro

Hemingway schreibt über das Buch von Carson, der übrigens auf der E21-Konferenz im Mai als Referent eingeladen ist:

Carson shows the structural flaws and inconsistency of modern tolerance and its fixation on opposing traditional Christianity. By tracing its path through civic institutions, public discourse, academia, the government, and finally the church, Carson demonstrates „how controlling the discussions of tolerance and intolerance can be, precisely because there are no other widely agreed categories for right and wrong.“

The Intolerance of Tolerance is not a political jeremiad so much as a call for Christians to fight for the value of truth. He shows how Christianity doesn’t fit into the world of new tolerance and, when it tries, ends up paying too high a price. The result is a dumbed-down, diluted, and minimized gospel.

Mehr: www.christianitytoday.com.

 

Prozess in Malatya steht vor dem Abschluss

Die ARD-Tagesthemen haben gestern über das absehbare Ende des Malatya-Prozesses in der Türkei berichtet. Wie mehrfach erörtert (z.B. hier), wurden 2007 drei christliche Missionare auf brutalste Art und Weise ermordet. Unter den Opfern war auch ein Student des Seminars, an dem ich tätig bin.

Hier der Link zum Bericht der Tagesthemen, in dem auch Susanne Geske, die Witwe von Tilman Geske, zu Wort kommt: www.tagesschau.de.

Advokaten einer „Institutionenkindheit“

Regierung und Opposition, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, Medien und „Wirtschaftsweise“ sind sich einig: Mütter sollen weniger Zeit in die Erziehung ihrer Kinder investieren, stattdessen erwerbstätig sein und ihre Kinder in „professionelle“ Hände geben. Der Abschied vom „Maternalismus“ sei eine Voraussetzung für den „gesunden“ Sozialstaat.

Überzeugte Advokaten einer „Institutionenkindheit“ können diese Skepsis nur als Ausdruck eines überholten „patriarchalischen“ Familienverständnisses abtun. Empirische Analysen zeigen indes, dass die „Rollenverteilung“ der Geschlechter für religiöse Menschen eher sekundär ist. Wichtiger ist ihnen, dass ein Elternteil – Mutter oder Vater – Zeit hat, sich um das Kind zu kümmern. Sie bewegt die Sorge um das Kindeswohl, die auch jene Kinderärzte umtreibt, die vor den Risiken früher Fremdbetreuung warnen. In der Politik und den „Leitmedien“ stoßen sie mit ihren Bedenken aber auf taube Ohren; deren Meinungsführer haben sich entschlossen, einschlägige Erkenntnisse der Gehirn- und Hormonforschung und der Kinderpsychologie schlicht zu ignorieren. Dafür verkünden sie mit Inbrunst ihr Credo der „frühen Förderung“, um die einseitige Subvention von Krippen zu rechtfertigen. Zugleich bekämpfen sie ein bescheidenes „Betreuungsgeld“ für Eltern mit allen Mitteln der „Kommunikationspolitik“ – „Propaganda“ könnte man das wohlwollend auch nennen, bei weniger Wohlwollen wäre es „Manipulation“.

Hier der vollständige DAF-Beitrag über „Kinderbetreuung in Europa“: www.i-daf.org.

Die dunkle Seite der Kindheit

Der Kinder- und Jugendarzt Rainer Böhm hat heute einen ausgezeichneten und kämpferischen Artikel in der FAZ publiziert. Tenor: Die Familienpolitik wird mit ihrer Krippenoffensive den Kindern nicht gerecht. Gewissenhafte und umfängliche Studien belegen, dass Kleinkinder in den Krippen enormem Stress ausgesetzt sind (der sich am Cortisol-Spiegel ablesen lässt). Die Folgen für die Kinder sind kaum zu unterschätzen:

Am beunruhigendsten war indes der Befund, dass Krippenbetreuung sich unabhängig von sämtlichen anderen Messfaktoren negativ auf die sozioemotionale Kompetenz der Kinder auswirkt. Je mehr Zeit kumulativ Kinder in einer Einrichtung verbrachten, desto stärker zeigten sie später dissoziales Verhalten wie Streiten, Kämpfen, Sachbeschädigungen, Prahlen, Lügen, Schikanieren, Gemeinheiten begehen, Grausamkeit, Ungehorsam oder häufiges Schreien. Unter den ganztags betreuten Kindern zeigte ein Viertel im Alter von vier Jahren ein Problemverhalten, das dem klinischen Risikobereich zugeordnet werden muss. Später konnten bei den inzwischen 15 Jahre alten Jugendlichen signifikante Auffälligkeiten festgestellt werden, unter anderem Tabak und Alkoholkonsum, Rauschgiftgebrauch, Diebstahl und Vandalismus. Noch ein weiteres, ebenfalls unerwartetes Ergebnis kristallisierte sich heraus: Die Verhaltensauffälligkeiten waren weitgehend unabhängig von der Qualität der Betreuung. Kinder, die sehr gute Einrichtungen besuchten, verhielten sich fast ebenso auffällig wie Kinder, die in Einrichtungen minderer Qualität betreut wurden. Grundsätzlich zeigte sich aber, dass das Erziehungsverhalten der Eltern einen deutlich stärkeren Einfluss auf die Entwicklung ausübt als die Betreuungseinrichtungen.

Fazit des FAZ-Artikels (vom 04.04.2012, Nr 81, S. 7):

Chronische Stressbelastung ist im Kindesalter die biologische Signatur der Misshandlung. Kleinkinder dauerhaftem Stress auszusetzen, ist unethisch, verstößt gegen Menschenrecht, macht akut und chronisch krank. Ein freiheitlicher Staat, der frühkindliche Betreuung in großem Umfang fördert, ist verpflichtet nachzuweisen, dass Kleinkinder keine chronische Stressbelastung erleiden. Das staatliche Wächteramt gebietet, eine Gefährdung des Kindeswohls gerade in öffentlichen Institutionen auszuschließen. Der Gesetzgeber sollte daher von seinen derzeitigen Planungen Abstand nehmen, ein Recht auf außerfamiliäre Betreuung ab dem ersten Geburtstag einzuführen.

Es lohnt sich heute, die Druckausgabe zu kaufen.

Kinderkult: Wider die Tyrannei der Intimität

Wenn Kinder groß werden, kämpfen Eltern meist mit Trennungsschmerzen. Die Buchautorinnen Eva Gerberding und Evelyn Holst raten aber zur Gelassenheit und warnen vor einem zu großen Kinderkult:

Auch der Psychologe Oskar Holzberg forderte in einem Interview für „Brigitte woman“, dass Eltern mit dieser „Tyrannei der Intimität“ aufhören müssen. „Diesen viel zu großen Kinderkult, die oft panische Überbewertung jeder Eigenbewegung, die daraus resultiert, dass fatalerweise nur eine enge Beziehung zu unseren Kindern als gut gelebtes, verwirklichtes Leben gilt.“ Genau so verhalten wir uns nämlich. Wir schämen uns, wenn die Beziehung zu unseren Kindern nicht so eng ist, wie wir es gern hätten. Wir beneiden Freunde und Verwandte, bei denen es anscheinend anders ist.

Stopp! Schluss mit dem Selbstmitleid! Wir müssen endlich aufhören, unsere Kinder als allein selig machende Glücksgaranten zu sehen.

Quelle: www.welt.de.

Satan kam doch nicht bis Washington

Jan-Werner Müller lehrt Politische Theorie und Ideengeschichte in Princeton. In einem Beitrag für die SZ befasst er sich mit der Vermischung von Kanzel und Politik in der USA:

Die Sozialwissenschaftler Robert Putnam und David Campbell haben kürzlich plausibel erklärt, die Verquickung von Religion und Politik in den vergangenen dreißig Jahren stelle eine Anomalie in der Geschichte der USA dar – die vielen Amerikanern ganz und gar nicht gefällt. Eine überwältigende Mehrheit wünscht, dass Predigten nicht für politische Messages missbraucht werden.

Die Republikaner sind in der Tat zur Partei der Evangelikalen geworden (deren Zahl seit den frühen neunziger Jahren stetig sinkt) – was allerdings auch bewirkt, dass sich vor allem immer mehr junge Bürger von allen Glaubensgemeinschaften abwenden. Die Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen, so Putnam und Campbell, sei toleranter und setze inzwischen Religion als solche mit Bigotterie – vor allem Homophobie – und Fanatismus gleich. Die beiden Sozialwissenschaftler meinen somit nicht nur, dass eine Vermischung von Politik und Kirche der Religion schade, sondern dass politische Präferenzen religiöse Einstellungen entscheidend beeinflussten: nicht Atheisten wählen Demokraten, sondern Linksliberale haben irgendwann alles Religiöse satt.

Mehr: www.sueddeutsche.de.

Klarheit, Ironie, Verweigerung und Hartnäckigkeit

Albert Camus

In meiner Jugend habe ich Albert Camus’ Mythos des Sisyphos regelrecht „verschlungen“. Neben der kierkegaardschen Schwere („Es gibt nur ein philosophisches Problem, den Selbstmord.“) erspürte ich im Mythos Aufrichtigkeit und Gerechtigkeitsliebe. Camus stand für etwas ein. Er zählt zu denen, die Nazis und Kommunisten schnell durchschauten. Der aus Algerien stammende Philosoph demaskierte Despoten und leistete Widerstand.

Als ich vor einigen Jahren von John Warwick Montgomery erfuhr, dass Camus am Ende seines Lebens einige Leute neugierig zum christlichen Glauben befragte und vor seinem tragischen Unfalltod die Taufe erbat (die ihm allerdings verwehrt wurde, siehe dazu hier), hat mich das sehr gefreut. Wer weiß, vielleicht hat Camus am Ende seines kurzen Lebens seine Zweifel und Fragen noch in ernstgemeinte Gebet gepackt und die Gnade Gottes verstehen können.

Nun begegnet mir Camus nochmals, in einem ganz anderen Zusammenhang. Die FAZ berichtete am 20. März (Nr. 68, S. 25) über einen wiedergefundenen Leitartikel, den der Schriftsteller 1939 für die kleine Tageszeitung Le Soir républicain verfasst hatte. Der Artikel ist als Antwort auf die Zensur konzipiert, die damals auch ihn traf. „Es ist schwierig, heute über die Freiheit der Presse zu schreiben, ohne gleich als Mata-Hari angeklagt zu werden“, schreibt Camus. Und er verteidigt die Pressefreiheit. Zitat aus der FAZ:

Die Pressefreiheit sei nur ein Aspekt der Freiheit schlechthin. Aber es gehe darum, sie mit aller Hartnäckigkeit zu verteidigen, weil es keine andere Möglichkeit gebe, „den Krieg wirklich zu gewinnen“. Allerdings hielt er diesen Kampf für verloren: „Die Frage lautet nicht mehr, wie man die Pressefreiheiten erhalten kann.“ Sondern nur noch: „Wie ein Journalist, wenn diese Freiheiten aufgehoben sind, frei bleiben kann. Das Problem beschäftigt die Gemeinschaft nicht mehr. Es betrifft das Individuum.“

Er glaubt an die Möglichkeit, im „Krieg und in der Knechtschaft die Freiheit nicht nur zu erhalten, sondern zu manifestieren“. Vier Bedingungen zählt er auf: „Klarheit, Verweigerung, Ironie und Hartnäckigkeit“. Klarsichtig sei nur, wer sich dem Hass und der Lüge entziehe.

Die Vorzeichen heute sind andere als 1939. Trotzdem sollte ein Freund der Freiheit auf Camus’ Fingerzeig achten: Klarheit, Verweigerung, Ironie und Hartnäckigkeit. Der freie Schreiber bleibt standhaft. Er kämpft für das, was er als wahr erkannt hat, veröffentlicht nichts, was unüberlegt Hass schüren oder die Verzweiflung fördern könnte.

Noch etwas. Camus sagt: „Eine in dogmatischem Ton vorgebrachte Wahrheit wird in neun von zehn Fällen zensuriert. Wird die gleiche Wahrheit witzig formuliert, entgeht sie in fünf von zehn Fällen der Zensur.“

Das gute Recht jeder Religion

Andreas Püttmann hat vor einiger Zeit in der FAS zur Kritik der Religionsfreiheit Stellung bezogen:

Paulus ermahnt die Christen, „freundlich und gütig zu allen Menschen“ zu sein. Er bekennt: „Auch wir waren früher unverständig, lebten in Bosheit und Neid, waren verhasst und hassten einander. Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien“, seien die Jünger Jesu durch „das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist“ befähigt worden, „das Gute zu tun und für alle Menschen nützlich“ zu sein (Tit 3).

Es muss Christen daher ins Mark treffen, wenn sie als anfällig für „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ bezeichnet werden. Unter der Überschrift „Studie einer Psychologieprofessorin: Mit der Religion kommen die Vorurteile“ („Die Welt“, 14. November 2011) verbreitete Beate Küpper ihre bereits vor Jahren publizierte These, sehr religiöse Menschen seien anfällig für abwertende Haltungen gegenüber Minderheiten; dies zeige sich besonders in den Bereichen Sexismus, Homophobie und Rassismus. Letzterem neigten vor allem Protestanten zu, speziell solche aus den östlichen Bundesländern.

Wer Küppers Befund bereits aus Wilhelm Heitmeyers Sammelband „Deutsche Zustände. Folge 4“ (2006) kennt, ist allerdings durch einige ideologisch gefärbte Indikatoraussagen gewarnt: Als „rassistisch“ gilt hier bereits die Meinung „Aussiedler sollten bessergestellt werden als Ausländer, da sie deutscher Abstammung sind“, als „sexistisch“ die Auffassung „Frauen sollen sich wieder mehr auf die Rolle der Ehefrau und Mutter besinnen“ – was auch bloß als Plädoyer für ein Gleichgewicht von beruflicher und familiärer Rolle gemeint sein kann. Sind da schon „Abwertung“ und „Menschenfeindlichkeit“ am Werk? Die Redakteure hievten die aufgewärmte Neuigkeit aber auf ihre Seite eins und gaben Küppers Rat gleich mit: „Die Kirche muss sich endlich fragen, was da schiefläuft.“

Mehr: http://de.dwg-radio.net.

China und die Religionsfreiheit

Forum 18 hat einen interessanten Bericht zum Status der Religionsfreiheit in China veröffentlicht. Da der Arbeitskreis ÖEA freundlicherweise eine Übersetzung besorgt hat, kann ich die Meldung hier in deutscher Sprache wiedergeben:

China: Ein post-kommunistischer Obrigkeitsstaat und die Religionsfreiheit

Verletzungen der Religionsfreiheit haben in China eine lange und grausame Geschichte. Berichte über Zwischenfälle, die in der jüngsten Vergangenheit um die Welt gegangen sind, haben dieses Bild von der mangelnden Freiheit verstärkt.  Dennoch  wachsen die verschiedensten Religionsgemeinschaften mit ungebrochener Geschwindigkeit. Eine Antwort auf dieses scheinbare Rätsel liegt in der Tatsache, dass die Einstellung der Kommunistischen Partei Chinas zur Religion – und damit auch gegenüber dem grundlegenden Menschenrecht auf Religions- bzw. Glaubensfreiheit – weitgehend die Ansicht der modernen chinesischen Eliten und bereits der Vorgänger der kommunistischen Machthaber reflektiert, dass religiöse Überzeugungen ein Hindernis auf dem Weg zur Modernisierung sind. Dies hat zu einer politischen Einstellung geführt, die man so charakterisieren könnte, dass sich die Politiker als Manager des Staates sehen und der Staat somit den Willen und die Macht zur Kontrolle der Religionsgemeinschaften behält.

Dieser Managementansatz, den man in China beobachten kann, ist pragmatischer und flexibler als ein ideologisch orientierter Ansatz in dem Sinn, dass der Staat die Ausrottung der Religion nicht mehr als letztes politisches Ziel betrachtet. Das lässt den Religionsgemeinschaften eine gewisse Bewegungsfreiheit und sogar Raum zum Wachstum. In dieser Hinsicht ist die Zukunft der Religionsfreiheit nicht nur pessimistisch zu sehen.

Ein Bild der Kontraste

Am 9. Februar 2012 wurden in der Provinz Sichuan zwei tibetische buddhistische Mönche wegen ihrer Teilnahme an einem Protest gegen die chinesische Herrschaft über Tibet von chinesischen Sicherheitskräften getötet. Dies berichtete Radio Free Asia. Hunderte Tibeter wurden im Januar bei ihrer Rückkehr von einer religiösen Veranstaltung in Indien in Lhasa verhaftet und festgehalten. Im Januar hat laut Berichten von Human Rights Watch die chinesische Regierung ihre Führungspolitik gegenüber den buddhistischen Klöstern in Tibet geändert. Anstatt „loyale“ tibetische Mönche mit der Führung der Klöster zu betrauen, ist der Staat dazu übergegangen, Beamte als Leiter dieser Klöster einzusetzen.

Zur gleichen Zeit, als die tibetischen Buddhisten mit diesen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, sahen sich chinesische Protestanten mit ihren eigenen Herausforderungen konfrontiert. Aufgrund des Eingreifens der Regierung hat die Shouwang Gemeinde in Beijing weiterhin keinen Zugang zu einer permanenten Versammlungsstätte. Mitglieder der Gemeinde wurden verhaftet und waren anderen Formen der Belästigung ausgesetzt, als sie versuchten, sich im Freien zum Gottesdienst zu versammeln. Selbst ausländische Christen konnten den Unterdrückungsmaßnahmen der Regierung nicht entgehen. Wie die China Aid Association berichtet, wurde eine chinesische Christin im Januar 2012 von chinesischen Sicherheitskräften entführt und musste zwei Tage ohne Nahrung und Wasser verbringen, nachdem sie den Leiter der Shouwang Gemeinde und eine Hauskirche in der Provinz Shanxi besucht hatte.

Den meisten Berichten zufolge hat sich die Haltung der kommunistischen Partei zur Religionsfreiheit in den letzten Jahren nicht geändert. Neben anderen Menschenrechtsverletzungen ist es immer wieder zu Verletzungen der Religionsfreiheit gekommen. Amnesty International schrieb z.B. in ihrem Jahresbericht 2011: „Die chinesische Regierung reagierte auf eine zunehmend wachsende Zivilgesellschaft mit der Inhaftierung und Strafverfolgung von Menschen, die in friedlicher Weise ihre Meinung zum Ausdruck brachten, vom Staat nicht zugelassenen Religionsgemeinschaften angehörten, für demokratische Reformen und Menschenrechte eintraten oder die Rechte ihrer Mitbürger verteidigen wollten.“ In ähnlicher Weise äußerte sich Human Rights Watch in ihrem Jahresbericht 2011: „China ist nach wie vor ein autoritärer Einparteienstaat, der die Meinungs-, Versammlungs- und Religionsfreiheit massiv einschränkt.“

Während die chinesische Regierung und ihre Vertreter diese Verletzungen der Religionsfreiheit begehen, erleben die Religionsgemeinschaften in China ein Wachstum und eine Vitalität, wie man sie seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Abgesehen von dem außergewöhnlichen zahlenmäßigen Wachstum der Gläubigen sind religiöse Stätten und Aktivitäten äußerst sichtbar.

Protestantische Kirchen in ganz China sind regelmäßig überfüllt. Die riesige staatlich zugelassene christliche Kirche in Beijing Haidian ist jeden Sonntag zum Bersten voll. Mitarbeiter des Nachrichtendienstes Forum 18 haben selbst gesehen, wie ein Mitglied der Kirche Flugzettel über die Gottesdienste an die Fußgänger in einer belebten Einkaufsstraße in der Nähe der Kirche verteilte. Die unter Ausländern als Community Church bekannte Kirche in Schanghai zieht Sonntag für Sonntag große Zahlen an Gläubigen an. Viele müssen im Hof sitzen, da  keine Sitzplätze im inneren des Kirchengebäudes frei sind. Auch die inoffiziellen Kirchen und Hausgemeinden sind voll.

Doch die Christen sind nicht die einzige Religionsgemeinschaft, die ein spektakuläres Wachstum zu verzeichnen hat. Auch buddhistische Tempel ziehen große Menschenmassen an, die dort beten und den Rat von Mönchen suchen.

Die Selbstverbrennungen tibetischer Mönche und anderer Tibeter und die Schwierigkeiten der christlichen Shouwang Gemeinde zeigen die nach wie vor bestehenden Grenzen der Religionsfreiheit in China auf, bei gleichzeitigem Wachstum lebendiger Religionsgemeinschaften. Da der Großteil der Verletzungen der Religionsfreiheit in China vom Staat und seinen Organen ausgeht, verlangt diese widersprüchliche Situation nach einem tieferen Verständnis des kommunistischen Staates und seiner Haltung gegenüber der Religion.

Ein Staat geführt von Managern

Wenn man die Entwicklung der Religionspolitik des kommunistischen China verstehen will muss man erkennen, dass seine Haltung zur Religion weitgehend die Ansichten der modernen chinesischen Elite und bereits die der Vorgänger der kommunistischen Machthaber reflektiert. Einfach gesagt, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Haltung chinesischer Denker und Mitglieder der politischen Elite geprägt von Geringschätzung für  Religion und religiöse Menschen. Die Elite sieht Religion bzw. „Aberglauben“, wie sie religiöse Überzeugungen nennt, schon lange als Hindernis für die Modernisierung Chinas. Die ersten kommunistischen Führer Chinas waren direkte ideologische Nachfahren der nicht kommunistischen Verfechter der Modernisierung Chinas im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Für die kommunistischen Eliten Chinas, einschließlich Mao Tse-Tungs, war die Modernisierung Chinas oberste Priorität, um China zu einem fortgeschrittenen Staat zu machen, der im Konkurrenzkampf mit dem Westen erfolgreich bestehen kann. Auch die politische Unabhängigkeit vom Ausland, insbesondere von westlichen Staaten, wurde als hohe Priorität gesehen. Alles, was diesen Zielen im Weg stand, galt es zu eliminieren.

Diese Perspektive führte zu einem – nach dem Verständnis der Elite – pragmatischen Verhalten gegenüber Religionsgemeinschaften und Gläubigen. Man praktizierte eine systematische Unterdrückung der Religion und der Gläubigen. Bald nach der Gründung der Volksrepublik im Jahr 1949 begann der Staat eine systematische Ausrottungspolitik gegenüber einheimischen spirituellen Überzeugungen, die man als Teil der lokalen Traditionen sah, die bisher Fortschritt und Entwicklung behindert hatten. Gleichermaßen unterdrückte der Staat ausländische Religionen und insbesondere das Christentum systematisch in dem Versuch, alle Kanäle zu eliminieren, durch die feindliche ausländische Mächte das neu errichtete kommunistische Regime und das von diesem angestrebte Sozial- und Wirtschaftssystem beseitigen könnten. Die Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 bildete den Höhepunkt des ideologischen Wütens im kommunistischen China. Während dieser Phase wurden die Religionsgemeinschaften und ihre Anhänger in den Untergrund gedrängt. Doch die Kulturrevolution war nur ein zeitlich beschränktes Kapitel in der Geschichte des Kommunismus in China.

Mit der Reformära kehrte der Pragmatismus zurück, als die politischen Führer Chinas sich bewusst dafür entschieden, ideologische Überlegungen hintan zu stellen und zur Aufgabe der Modernisierung des Landes zurückzukehren. Seit dem Beginn des 21. Jahrhundert ist  „soziales Management“ zu einem wesentlichen politischen Ziel geworden. Die politische Führung betont die Bedeutung der sozialen Stabilität, selbst wenn dies auf Kosten der Modernisierung gehen könnte.

Ideologische Rhetorik ist jedoch nicht vollkommen verschwunden und wird auch nicht verschwinden. So erklärte Vizeminister Zhu Weiqun im Dezember 2011, dass Kommunismus und Religion unvereinbar sind und dass Mitglieder der Kommunistischen Partei religiöse Überzeugungen ablehnen müssen. Solche Aussagen sind aus vielen Gründen interessant, unter anderem weil daraus hervorgeht, dass es Parteimitglieder mit religiösen Überzeugungen gibt. Es dringen immer wieder Berichte nach außen, dass protestantische Christen in hohen Positionen der Regierung zu finden sind, hochrangige Mitglieder des Militärs waren angeblich Anhänger der inzwischen verbotenen aber im Untergrund weiterbestehenden Falun Gong Bewegung. Der Gründer von Falun Gong hatte ursprünglich sogar staatliche Unterstützung erhalten und auch vergleichbare philosophische und Gesundheitsbewegungen („Qigong“) wurden durch den kommunistischen Staat gefördert. Es bleibt abzuwarten, wie sich religiöse Überzeugungen in den Reihen von Funktionären und Beamten auf die Ansicht der politischen Eliten Chinas auswirkt, dass Religion „Aberglaube“ und ein Hindernis für die Modernisierung sei. Eine Änderung dieser Ansicht der Elite könnte eine sehr positive Auswirkung auf die Religionsfreiheit in China haben.

Ganz im Gegensatz zu den Aussagen von Zhu Weiqun wurden kürzlich religiöse Gruppen ermutigt, sich für die Notleidenden im Land zu engagieren, Stiftungen und Organisationen zu gründen, um den Nöten der Menschen zu begegnen. Andrerseits wurden die Religionsgemeinschaften davor gewarnt, ihr karitatives Engagement zu nützen, um ihre religiösen Überzeugungen zu verbreiten.

Der kommunistische Staat hat eine wesentliche Rolle bei der wirtschaftlichen Transformation Chinas gespielt und sich dabei nicht von der offiziell proklamierten kommunistischen Ideologie leiten lassen. „Niemand glaubt mehr an den Kommunismus“, diese Aussage hörten die Mitarbeiter von Forum 18 immer wieder bei ihren Gesprächen in China, auch von Regierungsbeamten. Seit der Kulturrevolution hat sich der Staat eines Großteils seines marxistischen ideologischen Gepäcks entledigt. Hauptanliegen ist die Modernisierung des Landes, und vielleicht noch mehr, der Machterhalt. Daher wird es den Religionsgemeinschaften gestattet, zu existieren und sogar zu wachsen, so lang sie das Ziel der Modernisierung des Staates und den Fortbestand der Herrschaft der Kommunistischen Partei nicht gefährden.

Die Leichtfertigkeit der Sterbehelfer

27 Menschen wurden 2011 von der Organisation Sterbehilfe Deutschland bei der Selbsttötung unterstützt. Zahlreiche Betroffene waren nur psychisch krank, andere sogar kerngesund.

Dieser Kult um die Selbstbestimmung dürfte auch dafür verantwortlich sein, dass es unter den 27 Fällen nur fünf gibt, bei denen eine zweifellos unheilbare und in absehbarer Zeit zum Tode führende Krankheit vorlag, ALS oder ein rasch voranschreitender Krebs. Daneben finden sich sieben Fälle mit tatsächlich schlechter Prognose und großen Beschwerden, mit denen die Personen aber in der Zeit der Begutachtung noch recht gut leben konnten.

In der Mehrheit der Fälle jedoch, insgesamt 15, lagen entweder keine Beschwerden vor, oder es handelte sich um psychische Störungen, bei denen eine an Lebensverbesserung orientierte Medizinethik von einer Beihilfe zum Suizid völlig absehen muss.

Mehr: www.welt.de.

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