Gesellschaft

Türkei: Mordangeklagte von Malatya auf freiem Fuß

Nachfolgend gebe ich eine Presseerklärung der Vereinigung Protestantischer Kirchen (Türkei) vom 08. 03. 2014 zum Malatya-Mord-Prozess wieder (Türkisches Original: haber.sat7turk.com):

Der 18. April 2007 ist für die in der Türkei lebenden protestantischen Christen ein sehr schwerer Tag gewesen. An jenem Tag wurden die Mitarbeiter des Zirve-Verlags Necati Aydin und Ugur Yüksel sowie der Deutsche Tilman Geske, nur weil sie Christen waren, von fünf jungen Männern unter schwerer Folter und letztlich durch Aufschneiden der Halsschlagadern grausam ermordet.

Die gesetzliche Neuregelung in Bezug auf die Freilassung von Angeklagten, deren Haftzeit fünf Jahre überschreitet, ist zur Ursache einer fürchterlichen Ungerechtigkeit geworden. Die nach dem Massaker im Zirve-Verlag vom 18. April 2007 seit 7 Jahren inhaftierten und vor Gericht stehenden fünf des Mordes angeklagten Män ner, wurden aufgrund dieser Neuregelung gestern Nacht freigelassen. Im bei der letzten Verhandlung vom Staatsanwalt vorgetragenen Plädoyer hatte er für die Mordangeklagten vier mal erschwerte lebenslängliche Haft gefordert. Die jetzt freigelassenen Mordangeklagten hatten während des Prozessverlaufs mehrfach die Familien der Toten, Aktivisten von Menschenrechtsorganisationen, Pressevertreter und Anwälte in schwerster Form bedroht. Dadurch sind die Bedrohten nun in großer Spannung.

Die Freilassungen haben bei den Christen zu großem Bedauern und zum Verlust des Glaubens an die staatliche Gerechtigkeit geführt.

Seit 7 Jahren hat nicht nur die türkische Öffentlichkeit, sondern die Weltöffentlichkeit den Abschluss dieses Prozesses mit großer Geduld erwartet. Die Bemühungen der Anwälte, die sich seit Beginn des Prozesses mit großer Opferbereitschaft für die Gerechtigkeit eingesetzt haben, und der Menschenrechtsorganisationen sind mit einem Schlag zunichtegemacht worden. Durch diese Freilassungen hat der Prozess einen schrecklichen Rückschlag erlitten. Nicht nur die Christen, sondern alle Türken, die auf ihr Gewissen hören, haben erwartet, dass in diesem Prozess Gerechtigkeit geübt wird. Daher hat nun das Gewissen der Türkei Schaden erlitten. Die Mordverdächtigen können sich plötzlich ungehindert in der Gesellschaft bewegen. Wer wird die moralische Verantwortung für diese entsetzliche Entscheidung tragen? Was noch wichtiger ist: Wer wird den hohen Preis für die sehr wahrscheinlichen neuen Taten der Mordverdächtigen zahlen?

Als Christen der Türkei haben wir die Entscheidung für die Freilassung mit großem Schmerz wahrgenommen. Man kann es vielleicht ertragen, dass die Gerechtigkeit seit 7 Jahren verzögert wurde, aber welches Gewissen kann es ertragen, dass die Gerechtigkeit vernichtet wird? Als christliche Staatsbürger sind unsere Sicherheit und die Sicherheit unserer Familie in großer Gefahr. Wir verfolgen die weiteren Entwicklungen mit großem Entsetzen.

Wir rufen die Regierung der Türkischen Republik, den Staat und alle Rechtsorgane angesichts dieser Bedrohung und Gefahr dazu auf, umgehend ihre Pflicht zu tun. Wir erwarten, dass sie gegen diese unsensible und ungerechte Entscheidung umgehend einschreiten.

Während dieser in unserem Land sehr bedrängenden Tage ist es unser flehender Ruf, dass die Gerechtigkeit zum Zuge kommen möge. Wir erklären hiermit vor der Presse und der Öffentlichkeit, dass wir uns unermüdlich weiter dafür einsetzen werden, dass die Gerechtigkeit zum Zuge kommt.

Fünf Einsichten aus der AOK-Familienstudie 2014

Job und Kinder unter einen Hut zu bekommen, belastet Eltern und ihre Kinder. Ein glückliches und ritualisiertes Familienleben kann Eltern und Kinder stärken. Hier ein paar Einsichten aus der AOK-Familienstudie 2014:

1. Der Zeitdruck macht den Familien sehr zu schaffen. Hier wird sich auswirken, dass der „Doppelverdienerhaushalt“ zum Normalfall geworden ist:

Analog zur Studie 2010 wurden die Eltern gefragt, inwieweit sie sich als Mutter oder Vater belastet fühlen: zeitlich, finanziell, psychisch, körperlich, partnerschaftlich. Dabei zeigt sich: Eltern leiden vor allem unter Zeitknappheit. Fast die Hälfte der Eltern klagt über starken oder sehr starken Zeitstress, etwa ein Viertel über finanzielle und psychische Belastungen, ein Fünftel über starke körperliche Anstrengung und ein Siebtel über eine partnerschaftliche Belastung. Das unterschiedliche Gewicht der verschiedenen Belastungsfaktoren hat sich bereits in der Vorgängerstudie ergeben. (S. 13)

Der Hauptunterschied zu 2010 ist, dass die Eltern sich heute in den meisten Bereichen (d.h. finanziell, körperlich, psychisch und partnerschaftlich) insgesamt weniger belastet sehen. Gegenläufig dazu hat aber der Zeitdruck im Elternalltag seit 2010 zugenommen: Heute fühlen sich 46% zeitlich stark bis sehr stark belastet, 2010 waren es nur 41%. Ursache dafür könnten die Bildungsanstrengungen vieler (Mittelschicht-) Eltern sein, ihren Kindern durch außerschulische Aktivitäten (Nachhilfe, Sport, Kunst, Musik etc.), die in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben, eine bessere Wettbewerbsposition zu verschaffen. (S. 16)

2. Kinder, die sich täglich gemeinsam mit ihren Eltern bewegen, haben weniger gesundheitliche Probleme:

In der aktuellen Familienstudie zeigt sich nun: Kinder, deren Eltern sich jeden Tag mindestens einmal Zeit nehmen, um sich gemeinsam mit ihnen zu bewegen (z.B. Rad fahren oder spazieren gehen), leiden weniger unter gesundheitlichen Beschwerden. Entsprechend haben Kinder, deren Eltern sich nur selten (einmal im Monat) zusammen mit ihnen bewegen, häufiger gesundheitliche Probleme. Das Bewegungsverhalten hat auch Auswirkungen auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität. Kinder von Eltern, die sich mehrmals täglich mit ihnen zusammen bewegen, haben eine höhere gesundheitliche Lebensqualität im Vergleich zu Kindern, deren Eltern sich maximal nur ein paar Mal im Monat mit ihnen bewegen. Eltern sollten sich daher öfters die Zeit nehmen, um sich mit ihren Kindern zu bewegen. So kann mit relativ einfachen Mitteln wie beispielsweise durch einen gemeinsamen Spaziergang oder einer gemeinsamen Fahrradtour die Gesundheit des Kindes gestärkt und seine gesundheitsbezogene Lebensqualität verbessert werden. (S. 73)

3. Eine gute Qualität des Familienlebens wirkt sich positiv auf die Gesundheit der Kinder aus:

Eltern sind mit ihrem Familienleben und mit ihrer Partnerschaft zufriedener, wenn es den Kindern gut geht. Ebenso plausibel ist der umgekehrte Zusammenhang: Zufriedene Eltern haben gesündere Kinder. (S. 76)

4. Freunde, Nachbarn und Verwandte stärken die Familie:

Zu den familiären Ressourcen, die ein gesundes Aufwachsen der Kinder begünstigen, gehört nicht nur frei verfügbare Zeit, sondern auch ein möglichst breites Unterstützungsnetzwerk. 19% der Familien, in denen das Kind keine gesundheitlichen Beschwerden hat, haben Freunde, Verwandte und Nachbarn, die helfen. In Familien mit Kindern, die gesundheitliche Beschwerden haben, sind es nur 12%. Ein ähnlicher Unterschied lässt sich feststellen in Bezug auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Kinder. (S. 82)

5. Die Reglementierung des Medienkonsums wirkt sich positiv auf die Kindergesundheit aus:

Kinder von Eltern, die die Fernsehzeit ihrer Kinder reglementieren, haben in der Tendenz weniger häufig gesundheitliche Beschwerden als Kinder, deren Nutzungsdauer nicht beschränkt ist (20% vs. 23%). Ein vergleichbarer Unterschied zeigt sich bei der Computernutzung. Kinder, deren Zeit vor dem Computer nicht begrenzt wird, haben 1,25 mal so häufig gesundheitliche Beschwerden wie Kinder ohne Nutzungsbeschränkung (25% vs. 20%) … Neben der reinen Nutzungsdauer ist bei Medien wie Fernseher, Computer, Spielkonsole oder Smartphone auch von Bedeutung, ob sie vom Kind allein genutzt werden, oder ob die Eltern an der Nutzung partizipieren und das Kind dabei begleiten. Die Untersuchungsbefunde zeigen nämlich, dass es Kindern, die elektronische Medien eher alleine nutzen, tendenziell gesundheitlich schlechter geht. (S. 83f.)

Die Ergebnisse der Studie können hier heruntergeladen werden: aok_familienstudie_2014_gesamtbericht_band_1.pdf.

Der Bildungsplan 2015 und seine Ideologen

Bettina Röhl schreibt über den vermeintlichen Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg:

Aus dem Abkürzungsverzeichnis des von wenig Bildung, aber viel Ideologie strotzenden Bildungsplans ergibt sich, dass hinter der Formulierung der „LSBTTI-Menschen“ „die Gruppe von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgender und intersexuellen Menschen“ steht. Dieser Minderheit von Menschen wollen die Bildungsplaner das Leben versüßen, erleichtern oder sonst in einer sehr undefinierten Form verbessern. Zu diesem Zwecke soll die heterosexuelle Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in den Genuss von Selbsterfahrungsunterricht kommen. Unterricht von Lehrern, die weder zu diesem Zwecke ausgebildet sind, noch eine moralische, geschweige denn verfassungsrangige Berechtigung besitzen.

Man muss die Dinge im großen Kontext der Bildungspolitik sehen und die derzeit noch regionalen, unterschiedlichen Schwerpunkte zu dem gewollten Ganzen zusammen setzen. Kleine Kinder sollen wie, siehe Berlin, in Rollenspielen „erlernen“, was lesbisch, schwul oder transgender ist. Sie sollen aber auch lernen, wie es ist, ein „Coming-Out“ zu haben, was ein „Darkroom“ ist, was „Selbstbefriedigung“ ist oder was es für Sexualpraktiken gibt. Und Jungs sollen lernen, wie es sich anfühlt Mädchen zu sein und Mädchen sollen lernen, wie es sich anfühlt ein Junge zu sein.

Dieser höchst aggressive und alle Menschen unter Generalverdacht stellende, gequirlte Irrsinn steckt auch hinter dem derzeit diskutierten sogenannten Bildungsplan 2015 in Baden-Württemberg. Und, wie immer, wenn Ideologen, die, wie schon in der Kolumne „Winfried Kretschmann und der Bildungsplan 2015“ ausgeführt, an der Macht sind, sehen sich diejenigen, die dem hoheitlichen Bildungstreiben ablehnend gegenüber stehen, in der Rolle der Idioten, der dümmlichen Nicht-Versteher, der ewig Gestrigen, der Vorurteilsbehafteten, der Anti-Demokraten und, wie es heute gern heißt, der Schwulenhasser.

Mehr: www.wiwo.de.

Die EKD-Orientierungshilfe: Ein linkes Parteiprogramm?

Die Orientierungshilfe der EKD erinnere an ein linkes Parteiprogramm, schreiben Schirrmacher und sein Kollege Titus Vogt in ihrer „soziologischen und theologischen Kritik des Familienpapiers“. Schon die Zusammensetzung der zuständigen Kommission ließe eine bürgerliche Stimme vermissen. Entsprechend fielen auch die Forderungen des Papiers aus. Sie seien „praktisch identisch“ mit dem Parteiprogramm von Bündnis 90/Die Grünen, stimmten zum Teil aber auch mit dem der Linken überein. In Fragen der Familienpolitik sei auch eine Nähe zur SPD gegeben, „auch wenn man dort in Bezug auf die völlige Entthronung der Ehe viel zurückhaltender formuliert“, schreiben die Autoren.

Eine Zusammenfassung des Gutachtens ist im Magazin des Evangelischen Arbeitskreises der Union „Evangelische Verantwortung“ erschienen und kann hier heruntergeladen werden: 10_2_2014-15_18_07-ev_1+2_14_web.pdf. Das vollständige Gutachten gibt es hier: EKD_Familie_2013__Gutachten_TS_TV_.pdf.

Grün-rote Gesinnungspädagogik

Heike Schmoll zeigt in ihrem Beitrag, wie die Grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg versucht, in den Schulen eine neue Wählergeneration zu erziehen. Nicht mehr Leistungen, sondern Einstellungen oder „Gesinnungen“ sollen geprüft werden.

Der gesamte Entwurf für den Bildungsplan atmet den Geist eines affirmativen Erziehungsverständnisses, das zum Glück als längst überholt gilt. Er entwirft das Bild eines neuen Menschen nach dem Bild der grün-roten Landesregierung in Stuttgart und deren Landesinstitut für Schulentwicklung. Das ist deshalb so gefährlich, weil Bildungsprozesse auf diese Weise zu einer einzigen Indoktrination werden können, weil die Beschreibung von Einstellungen und Haltungen schlimmstenfalls in schulische Gesinnungsprüfungen ausarten könnten, die es in beiden deutschen Diktaturen schon einmal gab …

Wer das liest, wird sich des Eindrucks kaum erwehren können, dass es sich eher um ein in den Lehrplan umgewandeltes Parteiprogramm handelt als um Bildungsziele. Doch an den Leitprinzipien will die Amtsspitze des Kultusministeriums nicht mehr rütteln lassen. Wenn sie wenigstens in der endgültigen Fassung des Lehrplans nicht mehr in Einstellungen und Haltungen ihren Niederschlag fänden, wäre viel gewonnen. Denn die Einstellungen der Schüler müssen auch in Baden-Württemberg unverfügbar bleiben.

Hier: www.faz.net.

Was ist der Republik die Ehe wert?

Die Diskussion über Homosexualität beherrscht alle Kanäle. Doch weitaus gravierendere und dringlichere Probleme für Staat und Gesellschaft stehen nicht auf der Tages- und Bildungsordnung. „Die Politik steht in der Pflicht. Wann gehen ihr die Augen auf, wann wird sie wach, wann erkennt sie es?“

Johannes Röser hat für CHRIST IN DER GEGENWART die aktuelle Debatte so gut kommentiert, dass seine Beobachtungen und Forderungen herzlichst empfohlen seien:

Solidarität und Toleranz geht in erster Linie von treuer ehelicher Partnerschaft aus, von einer entsprechenden Erziehung der Söhne und Töchter durch Vater und Mutter, die diese Aufgabe gemeinsam wahrnehmen und ernstnehmen, in guten wie in schlechten Tagen. Die Eltern sind die ersten Lehrer und Vorbilder ihrer Kinder und damit die Ur-Vorbilder für Geisteskultur. Diese Erst-Verantwortung lässt sich nicht delegieren, nicht auf andere Instanzen abwälzen, auch nicht auf die Schule. Aber die Schule soll in subsidiärer Verantwortung die Erziehungsberechtigten und zur Erziehung Verpflichteten – die Eltern – in ihrer großen Aufgabe und Leistung ­unterstützen. Ehe und Familie gegen die modische Diffusion und Verflachung aufzuwerten, junge Leute in schwierigen Ehezeiten zur Ehe zu ermutigen, gehört zu den vornehmsten Aufgaben des Staatswesens heute. Sein Verfassungsauftrag zum besonderen Schutz von Ehe und Familie ist nicht etwas bloß rückwärtsgewandt verteidigend Statisches, sondern etwas zukunftsorientiert progressiv Dynamisches, zum eigenen Schutz. Die Politik steht in der Pflicht. Wann gehen ihr die Augen auf, wann wird sie wach, wann erkennt sie es?

Stellen wir uns nur einmal vor, im Bildungsplan-Entwurf würde zum Beispiel unter dem Punkt „Berufliche Orientierung“ formuliert: „Zusätzlich zu berücksichtigen unter dem Gesichtspunkt der Förderung von Ehe und Familie: Schülerinnen und Schüler setzen sich mit der eigenen Sehnsucht nach stabilen, treuen partnerschaft­lichen Beziehungen und den heutigen Schwierigkeiten, diese zu leben, auseinander, mit dem Ziel, in der Berufsfindung auch Fragen der Familiengründung zu bedenken …“ Oder bei „nachhaltiger Entwicklung“: „Schülerinnen und Schüler kennen treue eheliche Beziehungen und reflektieren deren Bedeutung für Staat und Gesellschaft in einer mobilen, globalen Welt.“ Oder bei „Medienbildung“: „Schülerinnen und Schüler nehmen die Dauer-Präsentation kaputter Ehe- und Familienverhältnisse in Fernsehen, Film und sonstigen Medien als Verletzung der Menschenrechte wahr und erkennen, dass der Einsatz für ein gelingendes Ehe- und Familienleben auch in digitalen Medien ein wesentlicher Bestandteil von Zivilcourage in einer pluralen Gesellschaft ist.“ Solche Bildungsplan-Vorschläge sind vermutlich unvorstellbar. Ein Aufschrei kollektiver – medialer – Entrüstung ginge durch das Land. Unvorstellbar? Denken wir nochmal darüber nach.

Hier geht es zum Kommentar: www.christ-in-der-gegenwart.de.

VD: BH

Evangelisation und Transformation

41JZNsBTfpLVom  4. bis 5. Januar 2013 fand in Herrenberg bei Stuttgart eine AfeM-Tagung zur „Transformationstheologie“ statt. Das Buch mit den Referaten und einigen Mitschriften aus den Gesprächsrunden ist inzwischen erschienen als:

  • Robert Badenberg u. Friedemann Knödler (Hrsg.): Evangelisation und Transformation – „Zwei Münzen oder eine Münze mit zwei Seiten?“, Referate der Jahrestagung 2013 des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie (AfeM), Nürnberg: VTR, 2013, 155 S.

Der Inhalt:

  • Vorwort (Robert Badenberg und Friedemann Knödler)
  • Grußwort im Auftrag der Deutschen Evangelischen Allianz (Michael Diener)
  • Einführung in die Diskussion (Thomas Schirrmacher)
  • Wir werden missional  und streichen evangelistische Dienste!? (Ulrich Parzany)
  • Dein Reich komme – Gesellschaftstransformation verstehen (Tobias Faix)
  • Die transformatorische Theologie im Licht des Neuen Testaments (Volker Gäckle)
  • Wofür ist die Kirche da? (Ron Kubsch)
  • Evangelisation – Grund, Motiv und Ziel (Johannes Reimer)
  • Das biblische Mandat, die Welt zu retten – innerlich wie äußerlich – ganz privat und ganz global (Thomas Schirrmacher)
  • Verhaltenskodex für christliche Entwicklungshilfe – Eine Initiative der Schweizerischen Evangelischen Allianz (Marc Jost)
  • Biblical Stewardship – Biblische Haushalterschaft (Manfred W. Kohl)
  • Schlusswort (Michael Diener)

Leuten, die sich für das Thema „Gesellschaftstransformation“ und die damit  verbundene Debatte in Deutschland interessieren, sei das Buch zur Lektüre empfohlen.

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Familien benötigen Schutz vor Sozialingenieuren

Dorothea Siems liegt völlig richtig, wenn sie davor warnt, dass der Staat noch stärker in die Familien hinein regiert:

Volkswirtschaftlich betrachtet, mag es Verschwendung sein, dass gut ausgebildete Frauen im Regelfall nicht schon wenige Monate nach der Geburt eines Kindes zurück ins Büro oder ans Fließband wollen, sondern sich eine längere berufliche Auszeit gönnen. Auch verkürzen die meisten Mütter ihre Arbeitszeit viele Jahre lang.

Doch der Staat stellt es bislang den Eheleuten frei, wie sie ihr Familienleben gestalten, wer von beiden wie viel Zeit im Beruf, mit Hausarbeit oder den Kindern verbringt. Das Splitting garantiert diese staatliche Neutralität.

Gleichstellungspolitiker und Arbeitgeber drängen indes immer stärker darauf, die Erwerbstätigkeit der Mütter zu steigern. Der Staat soll für ausreichend Ganztagsbetreuung sorgen und traditionelle Ehe finanziell so stark belasten, dass sich die Mittelschicht-Mutter Teilzeit schlicht nicht mehr leisten kann.

Hier: www.welt.de.

Das göttliche Ich

Michael Schumacher, Thomas Hitzlsperger, Christian Wulff: Das ganz Private der Promis ist maximal öffentlich geworden, Millionen nehmen Anteil daran. Das Internet ist die Vollendung des Menschenkults. Mathias Müller von Blumencron hat für die FAZ den mediengestützten Narzissmus, der zum Götzendienst werden kann, und das Phänomen der geliehenen Identitäten, treffend auf’s Korn genommen:

Das Privatfernsehen schuf neue Formen der irdischen Anbetung. Wie eine Prominentenmanufaktur machte es Menschen einfach nur deshalb berühmt, weil sie von den TV-Machern dazu erkoren wurden, berühmt zu werden. Einer ganzen Generation wurde vorgegaukelt, dass das Sosein genüge, um berühmt zu werden.

Nichts allerdings hat die Vergötterung des Ichs so befördert wie das Internet. Plötzlich hatte jeder Mensch ein multimediales Werkzeug an der Hand, das nicht etwa die Verbindung zur Transzendenz erleichtert, sondern eine fast göttliche Aura verschafft, wenn man nur die richtige Melodie trifft. Das Netz ist die Vollendung des Menschenkults, irdisch in seinen Schwächen, aber fast überirdisch kraftvoll. Das griechische Universum ist endgültig auf der Erde angekommen.

Interessant finde ich die Leserfrage von W. Klein:

Diese Art von Religion bewegt sich auf niederstem geistigen Niveau, weil es hier noch nicht einmal um metaphysische Fragestellungen geht sondern nur noch um primitive Projektionen der eigenen Psyche (möchte sein, möchte haben). Warum befasst sich die Kirche nicht mal mit dieser Art modernen Heidentums und arbeitet sich stattdessen am Kapitalismus ab?

Mehr: www.faz.net.

VD: RN

Leitkultur des Regenbogens

Der gestrige Tag hatte viel zu bieten. Wer sich dem Informationssturm der Medien nicht völlig entziehen konnte, wurde eindrucksvoll mit dem kulturellen Wandel konfrontiert, der unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten erfasst hat.

Was ist passiert?

Da spricht ein Sportler über seine sexuellen Präferenzen und erntet dafür den Respekt der Bundesregierung sowie eine mediale Aufmerksamkeit, von der ein Olympiasieger sein Leben lang nur träumen kann. Als ich heute Morgen bei Spiegel.de vorbeischaute, zelebrierten die ersten fünf Meldungen das „Coming-out“ eines Fußballspielers. Es ist, so wurde mir bekundet, „mutig, überfällig, wunderbar“. Wer das anders sieht, bekommt gleich eine Form der Angststörung unterstellt. Na gut.

Gleichzeitig rücken Politiker und die Presse den Initiator der Online-Petition „Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens“ derart ins Zwielicht, dass man den Eindruck bekommt, hier habe sich jemand strafbar gemacht, indem er als Bürger seine Meinungsfreiheit und das Mitspracherecht in Anspruch genommen hat. Die Grünen erkennen in der Petition „ein erschütterndes Maß an Homo- und Transphobie“. „Gegen den Initiator, einen Realschullehrer, gebe es inzwischen eine Strafanzeige und eine Dienstaufsichtsbeschwerde, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums“, schreibt die ZEIT. Die Petition, so der bildungspolitische Sprecher der SPD-Landesfraktion „birgt den Geist massiver Intoleranz und ist pädagogisch wie politisch unterste Schublade“.  „Lehrer hetzt gegen sexuelle Toleranz“, titelt der SPIEGEL.

Ach so? Heftige Vorwürfe stimulieren Neugier. Ich habe mir also die Petition gleich mal angeschaut. Und siehe da: Der Initiator grenzt sich eindeutig und glaubwürdig gegen die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung ab. Wörtlich heißt es:

Wir unterstützen das Anliegen, Homosexuelle, Bisexuelle, Transgender, Transsexuelle und Intersexuelle nicht zu diskriminieren. Bestehende Diskriminierung soll im Unterricht thematisiert werden. Die „Verankerung der Leitprinzipien“ und der Aktionsplan „Für sexuelle Akzeptanz & gleiche Rechte Baden-Württemberg“ (2) schießen jedoch über das Ziel der Verhinderung von Diskriminierung hinaus. Das vorliegende Papier „Verankerung der Leitprinzipien“ und die Ankündigung die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ in ähnlicher Weise in den Bildungsstandards der einzelnen Fächer zu verankern, zielt für uns auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen.

Von Homophobie also keine Spur! Die Petition wendet sich lediglich gegen die Vereinnahmung der Schulkinder durch die einseitig interessengeleitete „Aufklärungsarbeit“. Eine heute nachgeschobene Pressemitteilung macht zudem deutlich, dass die Initiative den pädagogischen Ansatz sehr wohl durchleuchtet hat. Dort ist zu lesen:

Verschiedene Lebensentwürfe sind in einer pluralistischen Gesellschaft selbstverständlich. Es gibt dem, dass diese im Unterricht thematisiert werden, nicht das Geringste entgegenzusetzen. Schon heute ist die Behandlung des Themas Familie & Lebensentwürfe in Fächern wie Biologie, Gemeinschaftskunde oder Ethik Normalität. Nach den Leitprinzipien soll die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ in der Sekundarstufe I vermittelt werden. Die LSBTTIQ- Interessensvertreter wollen „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ weiter gefasst sehen. Diese soll „spiral-curricular“ vermittelt werden, das heißt: von der kleinkindlichen Bildung bis zum Abitur in allen Altersstufen und über alle Fächer hinweg. Das würde einen Paradigmenwechsel in der Sexualerziehung darstellen, der das gute Miteinander von Schule und Elternhaus beendet. Wenn die Leitprinzipien so durchgehen, wie sie geschrieben sind, können die LSBTTIQ-Interessensvertreter ihre Agenda – wie bisher am Beirat vorbei – in allen Kompetenzformulierungen der Fächer unterbringen.

Weiterhin fehlt eine Kompetenzformulierung, wie aufrichtige Toleranz gelehrt wird und was „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ konkret bedeutet. Akzeptanz stellt ein zustimmendes Werturteil dar. Indem jemand etwas akzeptiert, heißt er es für gut, billigt es und geht auf die inhaltlichen Forderungen des Gegenübers ein. Akzeptanz schreibt die inhaltliche Positionierung der Schülerinnen und Schüler fest. Ihnen steht die Wahl eines persönlichen Werturteils nicht offen. Demgegenüber bedeutet Toleranz, dass Menschen mit unterschiedlichen Haltungen, Wertevorstellungen, etc. respektiert werden. In dem Werturteil, das man trifft, kann man inhaltlich aber einen anderen Standpunkt einnehmen. In der Akzeptanzforderung der Leitprinzipien wird die begründete Gefahr deutlich, dass der Bereich der Freiheit hin zur Unfreiheit überschritten wird.

Wenn die Forderungen der Landtagsfraktion der Grünen zum Bildungsplan 2015 durchgesetzt werden, müssen Lehrkräfte zukünftig auch irrationale Gender- Theoriekonstrukte unterrichten. Hier stellt sich die Grundsatzfrage, wie es die Landesregierung mit dem Wissenschaftsprinzip in Schule, Unterricht und Lehrerbildung hält. Zudem sind die Forderung nach „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ auf ihre Übereinstimmung zum Grundgesetz und dem Erziehungsauftrag der baden-württembergischen Landesverfassung zu überprüfen.

Das ist sachlich, nachvollziehbar und verdient Zustimmung!

Um das Jahr 2000 herum gab es in Deutschland eine Debatte um das Thema „Leitkultur“. Der Begriff, der von dem muslimischen Politologen Bassam Tibi in die politikwissenschaftliche Debatte eingeführt wurde, sollte einen gesellschaftlichen Wertekonsens beschreiben. Der Streit um die kulturelle Identität wurde damals reflexartig abgewürgt. Tage wie der 8. Januar 2014 erwecken den Eindruck, dass wir freilich doch eine Leitkultur bekommen. Vor allem diejenigen, die damals vor einer Leitkultur-Diskussion gewarnt hatten, zwingen uns nun intelligent und im Verbund mit mächtigen Medieninstitutionen eine Kultur auf, die von den Interessen einiger elitärer Minderheiten bestimmt ist. Wer anders denkt, wird schnell mal wegen Verunglimpfung einer bestimmten Personengruppe oder wegen Volksverhetzung angezeigt.

Das Verfahren gegen den Initiator wurde – wie die STUTTGARTER ZEITUNG heute meldet (09.01.2014, S. 6) – übrigens eingestellt. Die Prüfung habe ergeben, dass die Äußerungen der Petition durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt seien.

Ich bin für die Aufregung des gestrigen Tages gar nicht so undankbar. Sie gab mir den Anstoß, die Petition „Kein Bildungsplan unter der Ideologie des Regenbogens“ heute zu unterzeichnen.

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