Rezensionen

Atheistische Tempel

Uwe Justus Wenzel stellt für die NZZ zwei Werke aus dem Lager des Neuen Atheismus vor. Die Sachbücher:

und:

sind allerdings deutlich weniger aggressiv und erheblich unterhaltsamer als die Werke der „militanten Atheisten“. Wenzel schreibt über Botten:

Besonders beeindruckt ist Botton von dem gewissermassen ganzheitlichen Ansatz der Religionen, für sämtliche Departemente des Daseins, von der Erziehung und der Politik über Alltagsriten und Festkalender bis zu Kunst und Architektur «Konzepte» in petto zu haben. Daraus pickt er sich die Rosinen heraus, die auch Ungläubigen mutmasslich munden.

Von ihren Gegnern lernen hin und wieder übrigens auch schon Dawkins und Co. Sie modeln aus den modernen Naturwissenschaften ein «naturalistisches» Weltbild, das in allen Lebenslagen Orientierung geben soll, und sie organisieren sich in Weltanschauungsgemeinschaften wie der der «Brights». Der deutsche Ableger dieser «hellen Köpfe» hat im «Darwin-Jahr» 2009 sogar dafür geworben, Christi Himmelfahrt als Feiertag zu streichen und stattdessen alljährlich einen «Evolutionstag» zu begehen. (Freilich wird der Auffahrtstag in deutschen Landen ohnehin seit langem bereits als «Vatertag» für Herrenpartien genutzt.)

Hier: www.nzz.ch.

VD: ML

Origenes: Aufforderung zum Martyrium

9783110205053.gifRezension zum Buch:

  • Maria-Barbara von Stritzky, Origenes: Aufforderung zum Martyrium, Origenes Werke mit deutscher Übersetzung, Band 22, Berlin: Walter De Gruyter / Freiburg: Herder, 2010, ISBN-13: 978-3451329487, 130 S., € 59,95

Weil sich die ersten Christen dem Kaiserkult verweigerten, waren sie mitunter schweren Verfolgungen ausgesetzt. Einige Kirchenväter haben das Problem der Verfolgungen literarisch verarbeitet. Die Schrift Aufforderung zum Martyrium (lat. Exhortatio ad martyrium) des alexandrinischen Kirchenvaters Origenes (185–253 o. 254) gehört zu den theologischen Traktaten, in denen Christen auf Prüfungen vorbereitet und zur Standhaftigkeit im Glauben bis hin zum Martyrium aufgefordert werden.

Die Schrift wurde von Maria-Barbara von Stritzky aus dem Griechischem neu übersetzt und erschien 2010 bei Herder und De Gruyter in der zweisprachigen Werkausgabe als Band 22. Wie alle Schriften in dieser hochwertigen Reihe enthält auch die Exhortatio eine ausführliche Einleitung und ist mit hilfreichen Erläuterungen zum Text versehen. Der Buchsatz ist sehr übersichtlich gestaltet. Im Anhang findet sich neben der Bibliographie ein Bibel- und Origenesstellenregister sowie ein Namens- und Sachverzeichnis.

Die Exhortatio bezeugt durchgehend, dass Origenes beim Schreiben von einer bevorstehenden Verfolgung ausging. Wahrscheinlicher Abfassungsort ist Caesarea Maritima in Palästina, wo sich Origenes nach seiner Exkommunikation aus der Gemeinde in Alexandria um 230 ständig aufhielt. Ob die von ihm befürchtete Verfolgung tatsächlich eintrat, ist unklar.

Maria-Barbara von Stritzky skizziert in ihrer Einleitung fünf Elemente der Martyriumstheologie des Origenes. Das Martyrium ist a) in erster Linie ein Geschenk der Gnade Gottes sowie „eine Berufung, der der Christ gehorchen muss“ (13). Origenes unterscheidet b) zwischen zwei Arten des Martyriums. Beim Martyrium in der Öffentlichkeit steht der Zeugnischarakter im Fokus, das Martyrium im Verborgenen ist dagegen nur Gott bekannt. Der Autor thematisiert c) zudem den Kampf gegen dämonische Mächte. „Origenes weiß um die Versuchungen, von denen die Märtyrer heimgesucht werden, denn der Dämon wendet alle ihm zur Vertilgung stehenden Waffen an, um den Christen zum Abfall vom Glauben zu bewegen. Dazu gehören Täuschung und List ebenso wie der Zweifel hinsichtlich der Notwendigkeit, den Forderungen der staatlichen Behörden zu widerstehen. Diese versuchen teils durch Drohung mit Folter und Schwert die Christen gefügig zu machen, sie teils auch durch Überredung, Verlockung und scheinbar überzeugende Gründe zu bewegen, zur ererbten Religion zurückzukehren“ (18). Das Martyrium ist d) ein Ausdruck der Liebe zu Gott und Nachfolge Christi. „Im Einklang mit der Frühen Kirche betrachtet Origenes das Martyrium als Vollendung des christlichen Lebens. Es ist die dankende und liebende Antwort des Christen auf die Liebe Gottes zu ihm, die in seiner besonderen Berufung besteht und ihn ganz erfüllt“ (20). Das Martyrium wird e) ferner als zweite Taufe zur Vergebung der Sünden interpretiert. Da Christen auch nach der Taufe sündigen können und die Wiedertaufe abgelehnt wird, breitete sich seit dem 3. Jh. die merkwürdige Vorstellung von sündenvergebenden Kraft des Martyriums aus. So spricht Origenes von der Taufe des Martyriums, die den Christen gegeben worden sei (vgl. Exhortatio, 30). Er schreibt der „Bluttaufe“ sühnende Wirkung zu, die denen, die darum bitten, „Vergebung der Sünden“ vermittelt (Exhortatio, 30). Schließlich beschreibt Origenes f) den Lohn, der auf diejenigen wartet, die ihr Leben für Christus hingegeben haben. Märtyrer erlangen das wahre und ewige Heil allerdings nicht aufgrund eigener Leistung, denn Heilsmittler bleibt Jesus Christus. Der „Lohn ist kein irdischer Besitz, sondern die Teilhabe an der eschatologischen Herrschaft Christi, die aus dem Trinken des Leidenskelches resultiert“ (23–24).

Origenes betont in Übereinstimmung mit der platonischen Philosophie die Kostbarkeit der Seele. Die Seele ist zu Schau Gottes geschaffen. Da der Körper die „Seele an der beseligenden Erkenntnis Gottes hindert“, kann er dem Glaubenstod durchaus etwas Gutes abgewinnen. Es gilt, durch das Martyrium die Fessel des Körpers abzulegen, „um in der Gemeinschaft mit Jesus Christus die Ruhe der Seligkeit zu genießen“ (24).

Origenes ermahnt die Gläubigen, unanstößig und friedliebend zu sein (Exhortatio, 42). Nachfolger Jesu ertragen ungerechte Verfolgungen duldsam. „Als Söhne des langmütigen Gottes und Brüder des langmütigen Christus wollen wir Langmut zeigen bei allem, was uns widerfährt“, schreibt der Kirchenvater (Exhortatio, 43). Sie wehren sich mit geistlichen Waffen der Gerechtigkeit und ertragen, was immer auf sie zukommt. Es wäre ein Perversion – bemerkt Jan-Heiner Tück in seiner Buchbesprechung (NZZ vom 22.01.11) – wollte man, wie beispielsweise Jan Assmann, die christliche Märtyrertheologie „mit einem militanten Gotteskriegertum gleichsetzen, das anderen im Namen der Wahrheit Gewalt antut“. Die christliche Antwort auf die Gewalt der Peiniger ist Gewaltlosigkeit. „Der Zeuge Christi, der sich in diesem Kampf bewährt, erduldet Gewalt, aber er übt sie nicht.“

Ron Kubsch

Vom Nutzen der »Transformativen Theologie«

863.936_evangelium.jpgGreg Gilbert setzt sich in seinem Buch Was ist das Evangelium? – der Titel lässt es vermuten –, mit der guten Nachricht von Jesus Christus auseinander. Geschrieben hat er darüber, weil unter Christen oft nicht ganz klar ist, worum es beim Evangelium geht. Einerseits fühlen sich viele überfordert, wenn sie zustimmend sagen sollen, was sie unter »Evangelium« verstehen. Andererseits gibt es heute allerlei Leute, die das Evangelium – meist sendungsbewusst auftretend – neu deuten. Für D.A. Carson ist diese Entwicklung »alarmierend, weil es um ein grundlegend wichtiges Thema geht. Wenn Evangelikale derart unvereinbare Ansichten darüber haben, »was das ›Evangelium‹ eigentlich ist, muss man die Schlussfolgerung ziehen, dass die evangelikale Bewegung ein facettenreiches Phänomen ist, ohne übereinstimmendes Evangelium«, schreibt er in seinem Vorwort.

Im hinteren Teil seines Buch befasst sich Gilbert mit einigen problematischen Interpretationen des Evangeliums. Er spricht dabei auch das Konzept der »Gesellschaftlichen Transformation« an, das sich heute großer Beliebtheit erfreut.

Mir selbst waren besonders Anfang der 90er Jahre, inspiriert von Abraham Kuyper, »Kulturrelevanz« und »Gesellschaftstransformation« sehr wichtig. Ich hatte große Bauchschmerzen im Blick auf die unter Evangelikalen verbreitete Rückzugsmentalität. Es erschien mir als unverantwortliche Verkürzung, Evangelium auf die Frage des Heils zu reduzieren. Und ich bedauerte die Neigung, alles »Nichtfromme« anderen zu überlassen.

Viel Verständnis habe ich damals (in Deutschland) nicht geerntet. Derzeit läge ich allerdings ganz im Trend, »Gesellschaftstransformation« ist der große Renner. Obwohl ich meine Position nicht grundsätzlich geändert habe, trete ich im Blick auf eine anzustrebende Transformation der Gesellschaft heute deutlich bescheidener auf als vor 20 Jahren. Oft ist die »Transformative Theologie« auf ein naïves Kulturkonzept und eine gute Portion Populismus angewiesen (siehe auch das Interview mit J.D. Hunter). Und: Ich habe in den vergangenen 20 Jahren etliche Christen, Familien und Gemeinden »von Innen« kennenlernen dürfen (mich selbst eingeschlossen). Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob wir der Welt viel schenken können. Vor den Evangelikalen braucht man keine Angst haben, zuviel erwarten sollte die Welt von ihnen aber auch nicht. Kurz: Mir ist inzwischen das Christuszeugnis wichtiger geworden. Das, was wir der Welt zu geben haben, bleibt – sagen wir – übersichtlich. Deshalb sollten Christen der Welt nicht zu viel versprechen, sondern Zeugnis ablegen von einem andern: »Denn nicht uns selbst verkündigen wir, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns selbst aber als eure Knechte, um Jesu willen« (2Kor 4,5).

Gilberts Erörterung der Transformativen Theologie finde ich fair und angemessen. Hier der entscheidende Abschnitt (136–138):

Der Gedanke, die Gesellschaft müsse durch die Arbeit von Christen sichtbar verändert werden, scheint in letzter Zeit von vielen Evangelikalen Besitz ergriffen zu haben. Ich halte das für ein lobenswertes Ziel und ich glaube auch, dass die Bemühung, sich dem – persönlichen oder system-immanenten – Bösen in der Gesellschaft entgegenzustellen, biblisch ist. Paulus sagt uns, wir sollen allen Menschen Gutes tun, »besonders aber … den Hausgenossen des Glaubens« (Gal 6,10). Jesus trägt uns auf, für unseren Nächsten zu sorgen, wozu auch Außenstehende gehören (s. Lk 10,25–37). Und er sagt ebenfalls: »So soll euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen« (Mt 5,16).

Viele »Transformationalisten«‚ gehen aber noch weiter und behaupten, der Auftrag, »die Gesellschaft zu erlösen«, sei tief in die Aussagen der Bibel eingewoben. Wenn Gott tatsächlich die Welt neu erschaffen will, argumentieren sie, dann liegt es in unserer Verantwortung, uns an dieser Arbeit zu beteiligen. Wir sollten »Baumaterial« für das Königreich sammeln und deutliche Schritte auf die Aufrichtung von Gottes Herrschaft in unserer Nachbarschaft, in unseren Städten und Ländern und in unserer Welt hin tun. »Wir müssen tun, was wir Gott tun sehen«, sagen sie.

Darf ich ganz offen sagen, was ich darüber denke? Ich habe ernste biblische und theologische Vorbehalte gegenüber dem Transformations-Paradigma. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die Heilige Schrift den Bemühungen um gesellschaftliche Veränderung den gleichen Stellenwert beimisst, den viele »Transformationalisten« fordern. Das hat mehrere Gründe. Einerseits denke ich nicht, dass das kulturell-gesellschaftliche Mandat im Buch Genesis dem Volk Gottes als solches gegeben ist; ich meine, es ist der ganzen Menschheit gegeben. Zweitens denke ich nicht, dass die menschliche Gesellschaft – weder in der Bibel noch in der Geschichte – sich generell auf Gott zubewegt. Ich bin vielmehr der Ansicht, die menschliche Kultur bzw. Gesellschaft als Ganzes (wenn auch nicht in jedem Einzelfall) bewegt sich auf das Gericht zu (s. Offb 17–19). Daher halte ich den Optimismus vieler »Transformationalisten«, sie könnten »die Welt verändern«, für irreführend und somit letztendlich entmutigend.

Hinter all dem steckt allerdings eine enorme biblisch-theologische Diskussion, die hier nicht mein Hauptanliegen ist. Ich bin der Ansicht, es ist möglich, ein engagierter »Transformationalist« zu sein und trotzdem gleichzeitig das Kreuz von Jesus im Mittelpunkt der biblischen Geschichte und der guten Nachricht zu halten. Schließlich ist es das schuldbefreite und erlöste Volk Gottes, das er zur Schaffung dieser Veränderung einsetzt, und Vergebung und Erlösung kommen nur durch das Kreuz zustande.

Ich kann das Buch sehr empfehlen. Hier eine Leseprobe: Leseprobe_evangelium.pdf.

 

Drawn into Controversie

drawn.jpgBeim Verlag Vandenhoeck & Ruprecht ist kürzlich das bemerkenswerte Buch:

  • Mark Jones u. Michael A. G. Haykin (Hg.): Drawn into Controversie: Reformed Theological Diversity and Debates Within Seventeenth-Century British Puritanism, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, 336 S., 84,95 €

erschienen.

Nachfolgende eine Rezension zum Buch. Ich danke an dieser Stelle Ivo sehr herzlich für die Übersetzung der Zitate.

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Rezension: Drawn into Controversie

Der 17. Band der von Herman J. Selderhuis verantworteten Reihe Reformed Historical Theology vereint zwölf Aufsätze über theologische Debatten unter den englischen Puritanern in der Zeit des 17. Jahrhunderts. Die Herausgeber Michael Haykin und Mark Jones konnten für diese Untersuchung namhafte Fachleute auf dem Gebiet der reformierten Orthodoxie gewinnen.

Im einleitenden Kapitel hebt Richard A. Muller, Herausgeber des viel beachteten vierbändigen Werkes Post-Reformation Reformed Dogmatics (2. Aufl., Grand Rapids, MA: Baker, 2003) hervor, dass die reformierte Tradition, die nicht auf Calvin oder Musculus, sondern auf Bucer, Zwingli, Capito und Oecolampadius zurückgeht, keine durchweg homogene Theologie überliefert hat. Bisher nehmen innerreformierte Meinungsverschiedenheiten in den diversen theologischen Untersuchungen verhältnismäßig wenig Raum ein. Die hier publizierten Aufsätze erörtern einige der Kontroversen und korrigieren die prominente »Calvin gegen die Calvinisten«-Lesart. Johannes Calvin war eben nicht Gründer und alleinige Norm der reformierten Theologie. Die Behauptung, dass sich nach dem Tod des Genfer Reformators unter dem Einfluss scholastischer Theologen eine erstarrte reformierte Orthodoxie entwickelte, die gegen den »humanistischen Christozentrismus« Calvins auszuspielen sei, wird – so Muller – dem komplexen Entwicklungsprozess der reformierten Theologie nicht gerecht (S. 12).

Alan S. Strange untersucht nachfolgend die Thematik der »Anrechnung des aktiven Gehorsams von Jesus Christus« bei der puritanisch-presbyterianischen Synode von Westminster (S. 31–51). Während das Westminster Bekenntnis die Anrechnung des aktiven Gehorsams mit Rücksicht auf die Rechtfertigungslehre bestätigt (vgl. Artikel 11.1), wurde das Thema außerhalb der Synode vor und nach 1643 kontrovers diskutiert. Die meisten Gelehrten bekräftigten freilich die Lehre von der »Imputation« (S. 50).

Bei den sogenannten »Unabhängigen Brüdern« handelt es sich um eine kleine Gruppe englischer Theologen, die entschieden für die Selbstverwaltung der lokalen Gemeinden eingetreten ist. Diese Puritaner um Thomas Goodwin gingen 1630 in das holländische Exil und publizierten zur Zeit der Westminstersynode das berühmt gewordene Traktat Apologeticall Narration. Während die meisten Historiker der Synode davon überzeugt waren, dass allein der »Presbyterianismus« eine stabile englische Kirchenpolitik sichern könne, plädierten die »Unabhängigen« für die Autonomie der einzelnen Gemeinden (Kongregationalismus) und gerieten damit unter den Verdacht des Separatismus. Hunter Powell untersucht den Fall in seinem Aufsatz »October 1643: The Dissenting Brethren and the Proton Dektikon« (S. 52–82).

Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts haben die reformierten Kirchen Europas den Glauben an ein irdisches Tausendjähriges Reich einheitlich abgelehnt. Nach dem Wegfall der Zensur wurde jedoch der Konsens von millennialistisch ausgerichteten Publikationen in Frage gestellt. So brach Thomas Brightmann (1562–1607) in seinem Kommentar zu Offb 20,1–10 mit der augustinisch-reformatorischen Auslegungstradition und wagte zu behaupten, dieser Text beziehe sich auf zwei Zeitabschnitte zu jeweils eintausend Jahren, von denen der erste schon vergangen sei. »Also begannen die ersten tausend Jahre (Offb 20,1–3) ca. um 304 n.Chr. und endeten um 1300 n.Chr., nachdem die Freilassung Satans durch die islamische Invasion Europas offenkundig geworden war« (S. 85). Die zweiten tausend Jahre (Offb 20,4–10) begannen mit der Wiederbelebung der wahren Theologie zur Reformationszeit – eine Erweckung, die Brightmann sogar mit der »ersten Auferstehung« identifizierte. »Der Anfang der Herrschaft der Heiligen mit Christus sollte – so glaubte er – in ein ›weltweites presbyterianisches Utopia‹ münden« (S. 85). Crawford Gribbens anregende Untersuchung zum »Millennialismus« (S. 83–98) legt dar, dass ab Mitte des 17. Jahrhunderts »millennialistische Eschatologien« im europäischen und nordamerikanischen Protestantismus mehr Einfluss gewannen und mit immer größerem Ernst auf eine irdische »Millenniumshoffnung gesetzt« wurde.

J.V. Fesco widmet dem Disput über Supra- bzw. Infralapsarismus auf der Synode von Dordrecht seinen Aufsatz (S. 99–123). Die dogmatische Auseinandersetzung über die richtige Interpretation der göttlichen Dekrete hinsichtlich der Bestimmung des Menschen spielte in Dordrecht eine zentrale Rolle. Die Supralapsarier verorten die Prädestination vor der Erschaffung des Menschen, die Infralapsarier lassen die erwählenden Beschlüsse Gottes dem zugelassenen Fall folgen. Die Dordrechter Synode bekannte sich zur infralapsarischen Sichtsweise, verurteilte die supralapsarische Position indessen aber nicht. Die komplexe Frage wurde in »den Bereich der Privatauffassungen« verwiesen (S. 123). In der abschließenden Lehrregel und bei der Definition der Verwerfung achtete man sorgfältig darauf, Gott nicht zum Urheber der Sünde werden zu lassen. Lehren, die aus Gott einen Ungerechten, Tyrannen oder Heuchler machten, seien nichts anderes als »verfälschter Stoizismus, Manichäismus, Libertinismus« (S. 122). Im Schlusskommentar spielt die Lehrregel vage auf die Debatte zum Thema Infralapsarismus contra Supralapsarismus an: »Zuletzt ermahnt diese Synode alle Mitpriester im Evangelium Christi, bei Durchnahme dieser Lehre in Schulen und Kirchen fromm und gottesfürchtig zu Werke zu gehen, sie sowohl mündlich als auch schriftlich zum Ruhm des göttlichen Namens, zur Heiligkeit des Lebens und zum Trost niedergeschlagener Gemüter anzuwenden, mit der Schrift nach der Gleichmäßigkeit des Glaubens nicht nur zu denken, sondern auch zu sprechen und sich endlich aller der Ausdrücke zu enthalten, welche die uns vorgeschriebenen Grenzen des richtigen Sinnes der heiligen Schriften überschreiten und den nichtswürdigen Sophisten eine gute Gelegenheit bieten könnten, die Lehre der reformierten Kirche zu verhöhnen oder zu verleumden« (S. 122–123). Das Fazit J.V. Fescos lautet: »Für manche steht die Synode von Dordrecht für alles Rückständige und Starre innerhalb der reformierten Orthodoxie. Zugegeben: Sie schob jeglichem arminianischen Heilsverständnis einen Riegel vor. Wenn man den verschiedenen Ansichten der einzelnen Delegationen jedoch gehörige Aufmerksamkeit schenkt, wird man leicht erkennen: Die Synode bewies einen starken Grad an Flexibilität, selbst in Bezug auf Themen, die intensiv diskutiert wurden. Innerhalb der Grenzen der konfessionellen Orthodoxie ermöglichte Dordrecht einen gewissen Grad von Individualität und eine behutsam eingerichtete Ebene der Zusammenarbeit. Dieser Geist der dynamischen Orthodoxie ließ die Koexistenz von Supra- und Infralapsarismus in Dordrecht zu und sorgte für einen Geist der Vielfalt, wie er sich im Übrigen in späteren reformierten Bekenntnissen findet« (S. 123).

Jonathan D. Moore beschäftigt sich im Beitrag »The Extent of the Atonement« mit dem »hypothetischen Universalismus«. England erlebte bis in die 1640er Jahre keine bedeutende öffentliche Debatte über den Umfang der Sühne von Jesus Christus. Zwar herrschte kein breiter Konsens zugunsten der »begrenzten Sühne«, aber es bestand eine eher kirchenpolitische Übereinkunft: »Würde die vorherrschende, ›schwerere‹ Theologie zu schnell und zu öffentlich ›aufgeweicht‹, hätte das angesichts der wachsenden anti-reformierten Bedrängung die Stabilität des gesamten Bollwerks der reformierten Orthodoxie ins Wanken bringen können« (S. 157). Moore deutet die Entwicklung im England von Maria Stuart (1542–1587) als sanfte Aufweichung der reformierten Theologie, bei der unter anderem Richard Baxter eine bedeutende Rolle spielte. »Wir finden in ihm, der nach eigenem offenen Zugeständnis seine ursprünglich partikularistische Sichtweise zum Heil gemildert hatte, einen leitenden Förderer des hypothetischen Universalismus. Baxter schreibt, er habe sich ursprünglich ›gegen die universelle Sühne‹ starkgemacht, sei in seiner Ansicht jedoch aufgerüttelt worden, als er mit den Arminianern Tristram Diamond und Samuel Cradock zusammentraf. Schließlich gab er sein ›Vorurteil‹ auf, lehnte den eigentlichen Arminianismus jedoch weiterhin ab. Er räumte ein, dass ›Christus für alle gestorben ist, um Rechtfertigung und Heil zu erkaufen, das er jedem gibt, der glaubt‹« (S. 160). Der Trend zum behutsamen aber selbstbewussten »Abmildern älterer Formen reformierter Theologie kann in England unter den führenden Theologen durch das 17. Jahrhundert durchgängig nachgewiesen werden« (S. 160).

Das Westminster Glaubensbekenntnis von 1647 spricht in Artikel 7.2 von einem »Bund der Werke“, innerhalb dessen Adam und seinen Nachkommen »das Leben verheißen wurde« (vgl. auch im Großen u. Kleinen Westminster Katechismus Frage 20 bzw. 12). Aber was genau für ein Leben war Adam verheißen? Galt ihm die Verheißung eines ewigen und himmlischen Lebens, vorausgesetzt, er hätte Gottes Gebot erfüllt? Das war die Auffassung von Francis Turrentin und zahlreichen reformierten Theologen der damaligen Zeit. Andere Geistliche wie John Gill (1697–1771) oder Jonathan Edwards (1703–1758) deuteten die Verheißung irdisch. Mark A. Herzer zeichnet in seinem Aufsatz »Adam‘s Reward: Heaven or Earth« verschiedene Positionen über den Adam verheißenen Lohn nach. Einerseits gab es unterschiedliche Meinungen zum »Bund der Werke“, andererseits wurde nicht sonderlich »erhitzt« darüber debattiert. Die schließlich im Westminster Glaubensbekenntnis aufgenommene offene Formulierung ist eine Kompromisslösung, der alle Geistlichen der reformierten Orthodoxie zustimmen konnten.

Die reformierten Theologen Britanniens waren sich im 17. Jahrhundert uneins darin, wie der Alten Bund mit dem Gnadenbund in Beziehung zu setzen sei. Mit unterschiedlichen Sichtweisen zum Verhältnis von Gesetz und Evangelium beschäftigt sich Mark Jones (S. 183–203). Er kommt zu folgendem Ergebnis: »Versteht man den Gegensatz zwischen Gesetz und Evangelium als heilsgeschichtlichen Gegensatz zwischen dem Alten Bund (Gesetz) und dem Neuen Bund (Evangelium), dann nähern wir uns auch einem Verständnis der Diskussion zum Sinai. Die meisten reformierten Theologen (oft Presbyterianer) hoben die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Bündnissen hervor, doch einige bedeutende puritanische Denker (oft Kongregationalisten) wiesen rasch auf die Unterschiede hin. Für Männer wie Owen und Goodwin führte der Neue Bund zu einer großen, heilsgeschichtlichen Veränderung in der Art, wie Gott mit seinem Volk handelt. Dadurch wurde auch der Gegensatz zwischen Gesetz und Evangelium (AT/NT) deutlicher. Weitere Untersuchungen könnten zeigen, dass es in dieser Diskussion nicht nur um die Soteriologie geht, sondern auch um die Ekklesiologie, genauer: um die Art des Gottesdienstes im Neuen Bund im Gegensatz zur Praxis unter dem Alten Bund. Aus diesem Grund sollte der Gegensatz von Gesetz und Evangelium nicht primär unter soteriologischen Gesichtspunkten, sondern auch in ekklesiologischer Hinsicht untersucht werden. Diese Auseinandersetzung wird nicht alle Fragen beantworten, sollte jedoch in Betracht gezogen werden, wollen wir verstehen, weshalb die puritanischen Theologen über das exakte Verhältnis zwischen Altem und Neuem Bund uneins waren« (S. 202–203).

Carl Trueman geht in »The Necessity of the Atonement« (S. 204–222) der auch heute angesagten Frage nach: Musste Jesus Christus den Sühnetod sterben oder hätte Gott in einem Akt der Gnade den Menschen ihre Sünde einfach vergeben können? Konkret will der Kirchenhistoriker skizzieren, wie John Owen diese Fragestellung verarbeitet hat. Bei dem Puritaner ist eine Entwicklung nachweisbar. 1652 kam er zu der Überzeugung, dass ein »Verständnis der Sühne, das nicht auf der absoluten Notwendigkeit des Todes von Jesus Christus insistiert«, die Tür für Sichtweisen öffnet, »die dem Evangelium abträglich sind« (S. 204). Sünde müsse eher »von einem theozentrischen als einem anthropozentrischen Blickwinkel her verstanden werden« (S. 220). »Die Notwendigkeit des Opfers Christi beteuernd, präsentierte Owen eine reformierte Theologie, die die historische Person des Mittlers nicht aus dem Zentrum des Heilsdramas verdrängte. Es kann keine ewige Rechtfertigung geben, die einzig auf einem Beschluss beruht. Das Heil gründet genauso in der Geschichte wie in der Ewigkeit. Wer die Notwendigkeit der Fleischwerdung und der Sühne einzig auf dem göttlichen Ratschluss beruhen lassen wolle, läuft Gefahr, die historische Person Christi an den Rand zu drängen und die Wichtigkeit der Heilsgeschichte zu unterhöhlen« (S. 222).

Trueman plädiert in seinem bemerkenswerten Aufsatz außerdem dafür, den gern behaupteten Gegensatz von christozentrischer Theologie und reformierter Orthodoxie zu hinterfragen. »Während die ganze Einschätzung der reformierten Scholastik anhand theologischer Kriterien des 20. Jahrhunderts – seien sie neo-orthodox oder konservativ calvinistisch – höchst fragwürdig bleibt, so zeigt eine geschichtliche Analyse der relevanten Schriften: Viele der bevorzugten historiografischen Schibboleths der Neo-orthodoxie sind im Lichte der offenkundigen Beleglage unhaltbar. Owens Behandlung der göttlichen Gerechtigkeit ist ein gutes Beispiel. Hier macht sich ein Theologe der schlimmsten Sünden schuldig: positiver Gebrauch aristotelischer Kategorien, eine Neigung zu scholastischen Unterscheidungen und Argumentationsmethoden und – besonders schlimm – die Anlehnung an eine ›Entsprechung des Seins‹ [lat. analogia entis], für Barth ein Zeichen des Antichristen. Der herkömmlichen Überzeugung nach sollte das zu einer Theologie führen, die das christologische Herzstück des Christentums unterminiert und es mit einer menschenzentrierten Karikatur ersetzt. Tatsächlich entsteht dabei eine Theologie, die wenigstens in dieser Hinsicht wohl nicht weniger, sondern stärker christozentrisch ist, als die der Gegner Owens, einschließlich Calvin« (S. 221–222).

Richard J. McKelvey widmet seinen Aufsatz der Kontroverse um die sogenannte »ewige Rechtfertigung« (S. 223–262). Unter »ewiger Rechtfertigung« ist nach Francis Turrentin Justifikation als ein »in Gott selbst in Ewigkeit ausgeführter Akt« zu verstehen (S. 224). Gegner der »ewigen Rechtfertigung« meinen, Gott rechtfertige uns Menschen nicht vor, sondern in der Zeit. Während der Reformationszeit stand die Rechtfertigungslehre in voller Blüte. Bei dem damaligen Wandel verlagerte sich der Schwerpunkt der Rechtfertigung weg von der semi-pelagianischen Betonung des menschlichen Willens als eigentlichem Initiator. Das ermöglichte »das Aufkommen der Bündnistheologie; sie betonte das christozentrische und bündnishafte Wesen der Rechtfertigung. Der Akzent auf der absoluten Rechtfertigung aus freier Gnade beleuchtete auch die Wichtigkeit folgender Frage: Wie passt das Handeln des Menschen ins Schema? Eine Überbetonung des göttlichen Willens und der freien Gnade wirkte andererseits als Katalysator für den Antinomismus. Das Ungleichgewicht in Richtung Bedingtheit der Erlösung begünstigte den Arminianismus. Im nachreformatorischen England bekämpfte das Westminsterbekenntnis diese Gefahren und formulierte eine Theologie, die sowohl das göttliche wie auch das menschliche Handeln im Rahmen von Bündnissen betonte« (S. 259). McKelvey untersucht insbesondere, inwiefern die Rechtfertigung vor aller Zeit den Antinomismus stärken konnte. »Die Antinomisten machten sich die Sichtweise bereitwillig zu eigen, passte sie doch exakt zu ihrem Anliegen, jeglichen Gedanken menschlichen Zutuns zur Rechtfertigung auszulöschen. Gleichzeitig gehörte diese Lehre weder zu den Voraussetzungen des Antinomismus, noch war sie selbst spezifisch antinomistisch« (S. 262).

Joel R. Beeke erörtert im Beitrag »The Assurance Debate« (S. 263–283) die Behandlung der »Heilsgewissheit« bei den Puritanern. »Manche Puritaner verglichen die Heilsgewissheit mit der Meeresbrise, die gewöhnlich weht, wenn sie auch manchmal nur als schwaches Säuseln hörbar ist. Andere sprechen von der Heilsgewissheit als von einem mächtigen Wind, der ein schwer beladenes Segelschiff antreibt. Beide Seiten waren sich eins, dass der Geist weht, wo er will; wir können ihn weder begreifen noch fassen (Joh 3,8)« (S. 283). Jenseits der Unterschiede, die es bei den Puritanern in dieser Frage gab, finden sie in ihrer Hinwendung zu den Verheißungen der Schrift zusammen. Die Puritaner setzten in Bezug auf die Heilsgewissheit ganz auf das Vertrauen in das Wort und den Geist.

Der Baptismus spaltete sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in die sogenannten »General« und »Particular Baptists«. Während sich die »General Baptists« an einer arminianistischen Soteriologie orientierten, lehrten die anderen unter calvinistischem Einfluss, dass das Opfer Jesu Christi nur für die Erwählten gelte. Im letzten Aufsatz des Bandes erörtern Michael A.G. Haykin und C. Jeffrey Robinson die Diskussionen um das Abendmahl und die Kirchenlieder unter den »Particular Baptists« (S. 284–308). Besonders am Beispiel der Kirchenmusik wird deutlich, wie engstirnig manche Debatten vormals geführt wurden. Gestritten wurde nicht nur über die Rolle der Psalmen. Für Isaac Marlow war der gemeinsame Gesang insgesamt nicht schriftgemäß. Es solle, so Marlow, nur eine Stimme geben, kein gemeinsames Singen in der Versammlung (S. 300). Die Baptisten, die den gemeinsamen geistlichen Gesang praktizierten, setzten sich allerdings mittelfristig eindeutig durch. Ende des 17. Jahrhunderts wurde das Singen geistlicher Lieder unter den »Particular Baptists« zum allgemein anerkannten Teil des öffentlichen Gottesdienstes.

Drawn into Controversie bezeugt nüchtern, dass die puritanische Theologie des 17. Jahrhunderts viele Debatten und Spannungen auszuhalten hatte. Der Vorwurf, reformierte Theologie sei im 16. und 17. Jahrhundert überaus rigide aufgetreten, wird so eindrucksvoll relativiert. Gleichzeitig fällt auf, dass die Puritaner fortlaufend um theologische Einheit auf der Grundlage der Schrift gerungen haben und diese in den großen Bekenntnissen wie in dem von Westminster auch erlangt wurde. Herausgebern, Autoren und dem Verlag ist für die Veröffentlichung dieses ausgezeichneten Bandes zu danken.

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Neben einem Inhaltsverzeichnis mit Einleitung gibt es hier die Rezension als PDF-Datei und eine Bestellmöglichkeit:

 

Heilige Scheiße

heilige_scheisse.jpgIm Winter 2010 saß ich knapp zwei Stunden mit Anne Weiss im Café einer Berliner Jugendherberge, um über den christlichen Glauben zu sprechen. Gemeinsam mit Stefan Bonner stecke die Journalistin damals in den Vorarbeiten für ein neues Buch zum Thema »Wären wir ohne Religion besser dran?«. Das Gespräch war offen und nett, so wie auch der anschließende Austausch mit einigen Seminarteilnehmern beim Mittagessen. Der religionskritische Geist schwebte allerdings schon damals durch die Räume (vgl. die Mitteilung des Humanistischen Pressedienstes hier).

Inzwischen ist das Buch:

  • Stefan Bonner u. Anne Weiss: Heilige Scheiße: Wären wir ohne Religion wirklich besser dran?, Bastei Lübbe: Köln, 2011.

erschienen. Im Interview stellen die Autoren ihr Werk vor:

 

Daniel Dangendorf hat das Buch gelesen und eine Rezension verfasst, die ich freundlicherweise hier einstellen darf:

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„Wenn Gott uns liebt, warum gibt es dann die Flippers?“

Fragen wie diese bewegen die Bestsellerautoren Stefan Bonner und Anne Weiss (Generation Doof) in ihrem neuen Bestseller Heilige Scheiße – Wären wir ohne Religion wirklich besser dran?. Das Werk schaffte es auf Anhieb in die Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste in der Kategorie Sachbuch. Es will „Ahnungslose und Erleuchtete unter die Lupe nehmen“ und erklärt: „Immer mehr Menschen finden, dass sie auch als Heidenkinder einen Heidenspaß haben können“. Wozu brauchen wir die Kirche noch? Was treibt Menschen an, zur Kirche zu gehen? Und warum brauchen viele Menschen die Kirche anscheinend nicht mehr?

Die Autoren fangen das kirchenkritische Klima in Deutschland vorzüglich ein. Vieles stinkt zum Himmel. Was den Kirchen vorgeworfen werden kann, kommt zur Sprache: die mangelnder moralischer Integrität, die die Menschen eher „einem Kachel- als einem Kirchenmann zutrauen“ (S. 130) bis hin zum empörenden Ausruf „Kinderficker!“ einer Gottesdienststörerin (S. 45). Weltjugendtagsbesucher werden zitiert, die eigentlich nicht wegen des Papstes, sondern zum Saufen und Partymachen gepilgert sind. Die Mitgliedschaft vieler Menschen in den Großkirchen wird mit einer ADAC-Mitgliedschaft verglichen, die man in Anspruch nimmt, wenn sie für eine romantische Hochzeit oder die traditionelle Taufe benötigt wird. Besonders heftig trifft es die Katholiken. Verhältnismäßig gut kommen die Jesus-Freaks davon, obwohl bei White-Metal à la „Jesus Skins“ die Autoren dann auch skeptisch werden.

Stellenweise vermittelt das Buch den Eindruck, nur durch Dummheit gewönne man Zugang zum Glauben. Gilt also die alte Maxime: „credo quia absurdum“ , d. h. ich glaube, weil es unvernünftig ist? Als Illustration dient den Autoren der Kreationismus, der „wie die Sintflut“ von Amerika nach Deutschland schwappt und Europa gefährdet und durch „Wort und Wissen“ oder Schulen wie das „Martin Bucer Seminar“ (MBS) verbreitet wird. Der Kreationismus sei eine amerikanische Erfindung und hierzulande verbreiteten nun Einrichtungen wie das MBS ein so gefährliches Schöpfungsmodell. Letzteres nur, weil Ron Kubsch „gegenüber einigen Ansprüchen der Evolutionstheorie skeptisch“ bleibt und ich darauf bestehe, dass das Bekenntnis zum Schöpfer für alle christlichen Konfessionen unverzichtbar ist. Wer die Kreationismusdebatte kennt, weiß, dass beide Aussagen waschecht zum christlichen Glauben gehören. Vertreter einer theistischen Evolution, wie der katholische Experte Kardinal Schönborn, kommen freilich nicht besser weg. Dass man sich in einem Theologiestudium mit den Quellentexten von Evolutionsbiologen oder -philosophen und von Kreationisten auseinandersetzt, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Den Buchautoren ist das suspekt.

Der Bibel wird unter der fachmännischen Unterstützung von den Herren Finkelstein, Langbein und Deschner Vernunft und Wahrheitsgehalt abgesprochen. Sie ist „das schönste Märchenbuch der Welt“. Dass alle drei Referenzen mit einer am Ideal der Objektivität ausgerichteten Wissenschaft „wenig am Hut haben“, wird den Lesern vorenthalten. Finkelstein ist ein zum Minimalismus neigender Archäologe, Langbein Autor des „Lexikons der biblischen Irrtümer“ und Deschner Herausgeber der „Kriminalgeschichte des Christentums“. Wer herausfinden will, ob „Apollo 11“ 1969 tatsächlich auf dem Mond gelandet ist, sollte nicht nur Verschwörungstheoretiker befragen. Die Expertenauswahl in Sachen Bibel zeigt, dass die Autoren eben auch zu dem Volk gehören, dem sie attestieren: absolute Unkenntnis in religiösen Fragen. „Colgate“ wird mit „Golgata“ verwechselt.

Menschen brauchen keine Religion, um ethisch verantwortlich handeln zu können. Als Gewährsmann für diese Überzeugung dient Michael Schmidt-Salomon und sein „Manifest des evolutionären Humanismus“. Schmidt-Salomon ersetzt die Zehn Gebote durch Angebote wie „fair zu anderen zu sein, nicht zu lügen und zu betrügen, offen für Kritik zu sein, die Dinge zu ergründen, bevor man sie verurteilt, das Leben zu genießen und es in den Dienst einer größeren Sache zu stellen, um die Erde zu einem lebenswerteren Ort zu machen“. Das klingt schon fast wieder religiös oder christlich. Setzen nicht auch solche Angebote etwas voraus, was über den Menschen hinausweist, also zum Beispiel den Glauben an Wahrheit oder Liebe? Überhaupt läge es nah, auch den Glauben anderer wenigstens andeutungsweise unter die Lupe zu nehmen. Glaube an einen allmächtigen Gott ist gerade noch tolerierbar, insofern dieser Glaube reines Privatvergnügen bleibt. Ein Gottesglaube, der über das Hobby hinausgeht, – so muss man Bonner und Weiss verstehen –, geht zu weit (S. 244 – 245). Anders ist es mit dem Glauben von Roger Willemsen. Der Journalist glaubt nicht an einen Sinn des Lebens, sondern daran, dass sich jeder selbst seinen Sinn setzen kann. Soweit so gut. Aber das Zitat geht weiter: „Das kann ein humanitärer sein, dass kann ein Aufklärungsgedanke sein“ (S. 244). Warum, frage ich mich, darf ein existenzialistischer Glaube aufklären und der Gesellschaft dabei helfen, humaner zu werden, der Glaube an Gott indes nicht?

Historische Errungenschaften des Christentums blenden die Autoren aus. Sie sägen damit den Ast ab, auf dem sie sitzen. Dass die Abschaffung der Sklaverei kein Produkt säkularer Aufklärung, sondern dem entschiedenen und unermüdlichen Engagement ernsthafter Christen zu verdanken ist, wird ebenso verschwiegen wie die Tatsache, dass die Idee der Menschenwürde gesellschaftlich ohne das Christentum keinen Eingang gefunden hätte. So ist z. B. die neutestamentliche Idee einer universalen Kirche von Juden und Heiden aller Völker in der ganzen antiken Welt ein Novum. So eine Idee steht einer Diskriminierung aufgrund von Rasse und Geschlecht grundsätzlich entgegen. So etwas liest man freilich nicht in Deschners Kriminalgeschichte, sondern z. B. im sogar von Kritikern hochgelobten Buch Toleranz und Gewalt des katholischen Theologen Arnold Angenendt. Angenendt kann trotz selbstkritischer Vorgehensweise trendige Vorwürfe gegen das Christentum entkräften. Derartige Forschungsarbeiten bedienen allerdings das Erkenntnisinteresse der Autoren weniger.

Es spricht Bände, dass meine eigene Position gekürzt zitiert wird. Für den Stil ihres Buches ist mein Standpunkt schlichtweg zu komplex. Mit differenzierten Botschaften lässt sich Geld schwer verdienen. Die „Generation Doof“ muss mit plakativen Parolen leben. Schade! Für ein friedliches und tolerantes Miteinander könnte es ein Vorteil sein, wenigstens zu versuchen, andersdenkende Menschen nuanciert wahrzunehmen. Die Autoren haben es versucht, sind jedoch auf halbem Weg stehen geblieben. Sie machen in weiten Teilen ihren persönlichen Vorurteilen Luft. Dabei ist die „Generation Doof“ gar nicht zu dumm, wie es die Autoren ihr unterstellen. Sie wird eher durch die Knebelung der Wahrheit „dumm gehalten“. Mögen die Leser gründlich lesen und sich dabei grob an Kant orientieren: „Habt den Mut, euch eures eigenen Verstandes zu bedienen! Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner medienstimulierten Unmündigkeit.“

Wir dürfen den Kopf schütteln über die Fehler und so manche erschütternde Eskapaden der Kirche. Über kirchliches Kanaanäisch und die hilflos wirkenden Anläufe vieler Christen, die um jeden Preis „hip“ und modern wirken wollen, sollten wir schmunzeln. Das Buch animiert dazu streckenweise auf amüsante Weise. Eins haben die Autoren allerdings übersehen: Christen glauben nicht an sich selbst, sondern an Christus. Sie setzen ihr Vertrauen nicht auf die Kirche, sondern auf Gott. Auch Christen bauen eine Menge „Scheiße“. Auf Gott ist trotzdem Verlass. Wie sagte Jesus einmal? „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Mk 2,17). Wer zu seinem Unvermögen steht, auf Gott hört und ihm vertraut, wird das erfahren und dabei hoffentlich sehen, dass er beim Gang zur Kirche seinen Verstand nicht an der Garderobe abgeben muss. Gottes Liebe steht dem, der glaubt, offen. Sie befreit, wo sie Menschen verändert, zur Nächstenliebe und Toleranz. Warum gibt es die Flippers? Weil Gott viel Geduld mit uns hat!

Daniel Dangendorf

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Die Rezension gibt es hier als PDF-Datei mit Anmerkungen: RezensionHS.pdf.

Jesus war kein Vegetarier?

51sOCLdhamL._SL500_AA300_.jpgDie evangelische Theologie will vor allem politisch korrekt sein. Der Glaube stört da nur, behauptet der Nachwuchswissenschaftler Sebastian Moll in seiner Streitschrift:

Christ & Welt hat mit dem Autor gesprochen. Herausgekommen ist ein provokantes Interview. Hier ein Auszug:

C & W: Wer verzerrt die Bibel?

Moll: Im Moment tun sich da die protestantischen Theologen und Vertreter der evangelischen Kirche besonders hervor. George Orwell schreibt in „1984“: „Freiheit ist die Freiheit zu sagen, dass zwei plus zwei vier ist. Wenn das gewährt ist, folgt alles Weitere.“ Ich erlebe zunehmend, dass wir uns zu einer Gesellschaft hinbewegen, in der man nicht mehr sagen darf, dass zwei plus zwei vier ist.

C & W: Um es konkret zu machen: Ist es tatsächlich verboten, die Frauenordination zu kritisieren?

Moll: Verboten ist es nicht, aber es ist schwierig. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich habe gar kein Problem damit, dass in der evangelischen Kirche Frauen geweiht werden. Mich stört aber, wenn man die Fakten der Schrift dahingehend verdreht, dass sich Christus und Paulus bewusst für die Belange der Frauenbewegung eingesetzt hätten, wie das heute in Positionspapieren der EKD geschieht. Man kann doch nicht behaupten, dass Christus und Paulus Männer und Frauen gleich behandelt haben. Sie hatten damals ganz andere Probleme als die Gleichstellung der Geschlechter.

C & W: Und was folgt daraus?

Moll: Man muss den Mut haben zu entscheiden: Will ich die Tradition anerkennen oder nicht? Die evangelische Kirche muss klar sagen: Gilt die Schrift noch oder nicht? Aber man kann doch nicht so tun, als halte man an der Bibel fest und bricht zugleich in allen praktischen Fragen mit der Schrift. Diese Heuchelei wird die evangelische Kirche nicht überleben.

C & W: Was ist das Wesentliche?

Moll: Die Botschaft der Erlösung, der Triumph des Lebens über den Tod, die Vergebung der Sünden. Das weiterzutragen ist die Aufgabe jedes Christen, aber erst recht jedes Predigers. Wenn das die Hauptbotschaft bleibt, kann ich mich auch um Vegetarismus oder Frauenfragen kümmern. Aber ich kann diese zentrale Botschaft nicht mehr erkennen. In theologischen Vorlesungen müssen sich Studenten stundenlang anhören, welche Briefe nun von Paulus sind und welche nicht. Der nächste Schritt wäre doch, mit den Erkenntnissen produktiv umzugehen. Aber dieser Schritt bleibt aus. Früher gab es drei produktive Wissenschaften: Die Jurisprudenz diente der Gerechtigkeit, die Medizin der Gesundheit, die Theologie dem Glauben. Daran sollte sich die Theologie erinnern, sie kann nicht nur die Schrift dekonstruieren.

Mehr hier: www.christundwelt.de.

VD: EP

Gott 9.0

Wer neugierig in der Literatur der emergenten Christenheit stöbert, wird früher oder später darauf stoßen, dass Clare W. Graves und Ken Wilber zu den einflussreichen Impulsgebern der Emerging Church-Bewegung gehören (siehe a. hier). Jüngst haben Tilmann Haberer sowie Marion und Tiki Küstenmacher (beide sind Herausgeber des Beratungsdienstes »simplify your life«) in ihrem Buch Gott 9.0 versucht, die Entwicklungstheorien dieser Autoren mit der christlichen Tradition zu verbinden.

Viele Menschen sind begeistert von Gott 9.0. Auf www.evangelisch.de ist zu lesen: »Seit langem hat mich kein Buch mehr so fasziniert wie dieses … Am liebsten würde ich dieses Buch zur Pflichtlektüre machen für alle, die sich in irgend einer Weise mit Glauben beschäftigen. Prädikat: Unbedingt lesen!« Jesus.de empfiehlt das Buch mit der Note 1.5: »Dieses Buch empfehle ich allen, die sich um ihre Zukunft sorgen und die an einem guten Verhältnis zum lieben Gott interessiert sind.«

Mehr noch: Wer den Autoren von Gott 9.0 folgt, ist »religiös aufgeklärt dank Stufen [und] spirituell erfahren dank Zuständen. So könnte man ein Ziel unseres Buches beschreiben. Wer die Bewusstseinsstufen kennt, hat damit Kriterien an der Hand, um sich mit den inhaltlichen Aussagen seiner spirituellen Lehrer, Theologen oder Gurus kritisch auseinanderzusetzen und hier die Spreu vom Weizen zu trennen. Es geht darum, beide Stränge, die historische Bewusstseinsevolution und die kontemplative Tradition gleichzeitig zusammenzuhalten und unterscheiden zu können« (S. 238). Das Modell vermittelt nicht weniger als den Gottesstandpunkt: »Der Mensch wird Gottes Augenblick … indem er das sich stufenweise entwickelnde gesellschaftliche Bewusstsein wahrnimmt und anfängt, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Gott wohnt in unserem Menschsein – in allen seinen evolutionären Entfaltungen« (S. 294). »Marion, Tiki und Tilmann zeigen und in diesem Buch«, schreibt Richard Rohr im Vorwort, »wie wir wachsen: in Richtung Mitgefühl, Inklusivität, Weisheit, Geduld, Nondualität. Wir werden immer weniger Antworten brauchen und immer weniger Kontrolle. So entfaltet sich die Seele stufenweise auf ihrem Weg. So werden wir erwachsener« (S. 11).

Wirklich? Falko Hornschuch hat Gott 9.0 studiert und freundlicherweise TheoBlog.de erlaubt, seine Eindrücke zu publizieren. Vielen Dank!

Wer lesen möchte, wie sehr sich das emergente Denken in den evolutionären Panentheismus verstrickt hat und wie zurückgeblieben sein Erkenntnisstand ist, falls er noch an einen personalen Gott glaubt, sollte sich diese hilfreiche Buchbesprechung zu Gemüte führen.

Hier: Gott9.0_Buch.pdf.

F.F Bruce A Life

ffbruce.jpgF.F. Bruce gilt als einer der einflussreichsten Neutestamentler in der britischen Theologie des 20. Jahrhunderts (siehe dazu auch den Brief vom Kümmel an Bruce). Der aus der Brüderbewegung stammende Theologe verband auf vorbildliche Weise höchst anspruchsvolle Forschungsarbeit mit einem lebendigen Glauben an Jesus Christus. Im Frühling 2011 ist ein Buch über sein Leben erschienen. Der Verlag schreibt über:

  • Tim Grass: F.F Bruce A Life, Paternoster, 2011, 276 S.

Evangelicals have often wrestled with two problems: the relation between academic theology and church life, and the quest for recognition of their status as credible interpreters of the Bible. Frederick Fyvie Bruce (1910–1990) was one of the most influential British biblical scholars of the twentieth century, and his career offers valuable insights into these issues, as well as shedding light on the ways in which Evangelicalism was changing from the 1950s onwards. This biography integrates discussion of his family life, his activity as a member of the Open Brethren, and his academic career. Tim Grass argues that Bruce, like his father, was always something of an evangelist at heart.

 

Philip Eaton: Die Zukunft der christlichen Hochschulen

Hunter Baker hat sich mit Philip Eaton über sein neues Buch Engaging the Culture, Changing the World: The Christian University in a Post-Christian World und die Zukunft der christlichen Hochschulen unterhalten.

The university must be seen as a path toward productive lives. The Christian university must master, at the highest levels of excellence, the ability to equip our graduates with skills that matter in the world, abilities that allow them to contribute to society. At the same time, we want to equip them for both productive and meaningful lives. We want to provide them with a vision of human flourishing for their lives and for the world.

Mehr: www.christianitytoday.com.

Lexikon für Theologie und Kirche

201108151638.jpgDas Nachschlagewerk Lexikon für Theologie und Kirche ist ein wichtiges Referenzwerk in Fragen der katholischen Theologie.

Das »Lexikon für Theologie und Kirche« – als »LThK« zum Markenzeichen für theologische und auch historische Kompetenz geworden – gehört in seiner 3. Auflage (1993–2001) zu den großen, international anerkannten Standardwerken, die sowohl für die theologische Wissenschaft als auch für die kirchliche Praxis unentbehrlich sind. Das »LThK« ist ein deutschsprachiges katholisches Lexikon mit weltkirchlicher und ökumenischer Offenheit. Schwerpunkte der Darstellung sind die katholische Theologie und die katholisch-kirchlichen Verhältnisse im deutschsprachigen Raum. Einbezogen sind der europäischnordamerikanische Raum, die Kirche in der sogenannten Dritten Welt sowie die evangelische und orthodoxe Theologie. Das elfbändige Lexikon bietet 25.000 Stichworteinträge auf über 16.000 Textspalten, die von mehr als 4.500 Autoren verfasst wurden. Jeder Artikel schließt mit einer Übersicht über die wichtigste Literatur, zudem werden Quellen- und Werkausgaben genannt. Das ausführliche Gesamtregister in Band 11 erlaubt den raschen Zugriff auf die im Lexikon enthaltenen Wissensschätze.

Das Lexikon mit 8292 Seiten wird derzeit von einigen Händlern für 79,90 anstelle von 248, Euro abgegeben. Siehe hier (z.B.: bei dem Händler book-service).



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