Erfreulicherweise hat die SMD anlässlich ihres 60. Geburtstages im Jahr 2009 John Stotts wichtigstes Buch in deutscher Sprache bei der Francke-Buchhandlung publiziert. Das von Christian Rendel hervorragend übersetzte Werk:
John Stott: Das Kreuz: Zentrum des christlichen Glaubens, Francke-Buchhandlung, 2009, 528 S., 14,95 Euro
kann ich allen TheoBlog-Lesern (also nicht nur den theologisch versierten) von Herzen empfehlen. Eine Kostprobe:
Die Vision
… von Gottes heiliger Liebe wird uns davor bewahren, ihn in karikierter Form zu sehen. Wir dürfen uns ihn weder als einen nachsichtigen Gott vorstellen, der seine Heiligkeit kompromittiert, um uns zu verschonen und zu verwöhnen, noch als einen harten, rachsüchtigen Gott der seine Liebe unterdrückt, um uns zu zermalmen und zu vernichten. Wie aber kann Gott seine Heiligkeit ausdrücken, ohne uns zu verzehren, und seine Liebe, ohne unsere Sünden zu dulden? Wie kann Gott seiner heiligen Liebe Genüge tun? Wie kann er gleichzeitig uns retten und sich Genugtuung geben? Wir antworten an dieser Stelle nur, dass er, um sich Genugtuung zu geben, sich selbst für uns opferte – ja an unsere Stelle trat.
Gregory Beale gehört zu den renommiertesten Exegeten der Gegenwart. Nachdem er für viele Jahre als Professor für Neues Testament am Wheaton College (USA) unterrichtet hat, lehrt er seit 2011 Biblische Theologie am Westminster Theological Seminary in Philadelphia (USA). Sein Kommentar zum Buch der Offenbarung ist ein bedeutender Beitrag zur Exegese der Apokalypse. So freue ich mich, dass nun ein Werk von Beale in deutscher Sprache erschienen ist. Das Buch:
Gregory Beale: Der Tempel aller Zeiten: Die Wohnung Gottes und der Auftrag der Gemeinde – eine biblisch-heilsgeschichtliche Studie, Bethanien Verlag, 2011, 492 S., 21,90 Euro
untersucht das Thema »Tempel« entlang der gesamten Heiligen Schrift. Der Tempel steht in der Bibel für Gottes Ziel mit seinem Volk: In Ihrer Mitte zu thronen und zu wohnen, um als Schöpfer und Erlöser angebetet zu werden und seine Herrlichkeit in die ganze Schöpfung hinausstrahlen zu lassen.
Beale treibt jedoch nicht nur Exegese zum »Tempelthema« auf hohem Niveau, er schafft es immer wieder, Brücken hin zu unserem Leben zu bauen. Auf diese Weise wird deutlich, wie groß die Berufung der Gemeinde ist. »Unsere Aufgabe als Gemeinde, als Bundesvolk Gottes, besteht darin, als Gottes Tempel so von seiner herrlichen Gegenwart erfüllt zu sein, dass wir uns ausbreiten und die ganze Erde mit seiner Gegenwart ausfüllen …« (S. 449). Nur als wahrhafte Anbeter Gottes können wir diesen wunderbaren Auftrage umsetzen.
Donald Carson schreibt in seinem Vorwort:
Gregory Beale verfolgt im vorliegenden Band das Thema der Wohnung Gottes und des Tempels durch die ganze biblische Heilsgeschichte und beleuchtet dazu viele Texte aus dem AT und NT. Doch er zeigt auch, dass die Bedeutung und die Symbolik des Tempels eng mit den antiken Kulturen verbunden sind, und so gründet sich seine theologische Arbeit nicht nur auf die Auslegung der Schrift, sondern berücksichtigt auch sehr gründlich die Geschichte. Außerdem stellt er einige bahnbrechende Thesen über die Bedeutung des Tempels im AT und NT auf, die den aufmerksamen Leser befähigen, sich ganz neue Zusammenhänge in der Bibel zu erschließen.
Ich danke dem Verlag und den vielen Leuten, die an diesem umfangreichen Projekt mitgearbeitet haben, für ihren Einsatz. Wir haben ein neues Buch aus dem Bereich der biblischen Theologie, das hoffentlich die Aufmerksamkeit vieler bindet.
Folgt man dem Alltagsgeschwätz, verbreiteten Lehrbüchern der Philosophie oder der Demagogie des »Neuen Atheismus«, sind seit Immanuel Kant die theoretischen Gottesbeweise erledigt. Kant hatte Gottesbeweise als ehrsüchtige Absichten eingestuft und in den Bereich der über die Grenzen aller Erfahrung hinausgehenden spekulativen Vernunft verwiesen (I. Kant, Kant-W., Bd. 4, S. 693). Niemand, so der akademische Standpunkt mit und nach Kant, würde sich mehr »rühmen können: er wisse, dass ein Gott« sei ( I. Kant, Kant-W, Bd. 4, S. 693.). »Wer die Theologie, sowohl diejenige des christlichen Glaubens als auch diejenige der Philosophie, aus gewachsener Herkunft erfahren hat, zieht es heute vor, im Bereich des Denkens von Gott zu schweigen«, hat uns Martin Heidegger gesagt (zitiert nach Wilhelm Weischedel, Der Gott der Philosophen, Bd. 2, S. 280). Selbst der durchaus »offene« Logiker Franz von Kutschera kommt nach ausführlicher Analyse der bekannten Gottesbeweise zu dem Resümee: »Es gibt zumindest gegenwärtig keinen brauchbaren rationalen Gottesbeweis« (Franz von Kutschera, Vernunft und Glaube, Berlin; New York: de Gruyter, 1991, S. 41).
Hinter den Kulissen steigt allerdings das Interesse an der Gottesfrage (vgl. auch hier). Zwei Beispiele: Erst kürzlich veranstaltete die Universität Tübingen eine Tagung zum Thema »Gottesbeweise als Herausforderung für die moderne Vernunft« mit sehr honorigen Referenten wie Peter van Inwagen, Armin Kreiner, Richard Swinburne oder Robert Spaemann (hier das Programm). Außerdem ist kürzlich eine umfängliche Darstellung der Gottesbeweise von Joachim Bromand und Guido Kreis beim Suhrkamp Verlag herausgegeben worden. Das Buch:
Joachim Bromand und Guido Kreis (Hg.): Gottesbeweise von Anselm bis Gödel, Berlin: Suhrkamp Verlag 2011, 20 Euro
versammelt die großen Gottesbeweise des Mittelalters und der Neuzeit ebenso wie die klassischen Einwände von Hume und Kant. Einleitende Essays führen in die Problematik ein und bieten gut verständliche Rekonstruktionen der jeweiligen Argumentationen. Auch die sprachanalytische Debatte wird ausführlich dokumentiert. Dem Mathematiker Kurt Gödel, dessen ontologischer Gottesbeweis bis heute nicht überzeugend widerlegt worden ist (vgl. dazu auch hier), wurde ein ausführliches Kapitel gewidmet (S. 381–487). Sogar der Kalām-Beweis von William L. Craig wird eingehend behandelt (S. 564–598). Im Vorwort schreiben die Bonner Autoren:
Hatte Adorno in der Negativen Dialektik noch generalisierend vermutet, daß »übrigens wohl eine jede [Philosophie] um den ontologischen Gottesbeweis [kreist]«, so scheint sich demgegenüber im nachmetaphysischen Zeitalter jeder ernsthafte Versuch eines Gottesbeweises von selbst zu verbieten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die philosophische Debatte über Gott ist seit einigen Jahren wiedereröffnet und aktueller denn je. Einer der Hauptbeiträge der Philosophie zu dieser Debatte liegt im Projekt der Gottesbeweise. In der sprachanalytischen Metaphysik und Logik werden sie seit Jahrzehnten ausführlich diskutiert. Es ist an der Zeit, die entscheidenden Fragen erneut zu stellen: Was sind eigentlich Gottesbeweise, und wozu sollen sie gut sein?
Obwohl die Verfasser sehr viel wert auf Verständlichkeit legen, ist das Buch keine Profanlektüre, teilweise werden Grundkenntnisse der formalen Logik vorausgesetzt. Aber für Philosophen, Theologen und interessierte Laien ist Gottesbeweise von nun an ein unentbehrliches Nachschlagewerk.
Unsere Welt ist eine Götzenfabrik. Die Götzen verzaubern unsere Sinne und unseren Verstand. Wir dienen ihnen gern. Ergeben opfern wir ihnen unser Leben.
In seinem neuen Buch Es ist nicht alles Gott, was glänzt horcht der amerikanische Theologe und Pastor Tim Keller die Götzen aus. Er hört genau hin und erspürt, dass sich unsere Welt im Blick auf die Götzenverehrung nicht wesentlich von der Antike unterscheidet. Jede Zeit hat ihre eigenen Götzen. Im alten Griechenland wurden der Göttervater Zeus oder die Liebesgöttin Aphrodite verehrt. Heute heißen unsere Götter Schönheit, Macht, Geld oder Erfolg. In der Antike waren die Götzenwohnungen Tempel, heute sind es hochgeschossene Bankgebäude, Fitnesscenter oder Stadien.
Götzendienst ist für Keller kein überkommener Aberglaube. Wir müssen nicht alte Bücher lesen oder weite Reisen unternehmen, um Götzen zu finden. Die Heimat der Götzen ist unser Herz. Alles kann nämlich zum Götzen werden. Alles, was uns wichtiger ist als Gott, alles, von dem wir uns das versprechen, was allein er geben kann, ist ein Götze. Also können auch gute Dinge zum Götzen werden: erfüllte Sexualität, Reichtum, beruflicher Erfolg oder politische Macht erobern im menschlichen Herzen schnell den Platz, der nur Gott gehört.
Mächtiger als persönliche Götzen sind für Tim Keller solche, die unsere Kultur oder die Religion beherrschen. Kulturellen Götzen kommen wir nur schwer auf die Spur, weil sie fast unmerklich unser Denken und Empfinden systemisch prägen und positiv in die Gesellschaft integriert sind. In den westlichen Kulturen wird heute besonders die individuelle Freiheit angebetet, was zum Zerbruch der Familien, zu zügellosem Materialismus, Karrieresucht und der Verherrlichung von Sex, Schönheit und Profit führt (vgl. S. 168). Fast noch verführerischer sind religiöse Götzen, die sogar inmitten lebendiger Gemeinden beheimatet sein können. Geistliche Gaben oder Erfolg im Dienst werden gelegentlich mit Gott selbst verwechselt. Auch hinter geistlichem Perfektionismus oder Moralismus verbirgt sich ein religiöser Götzendienst. »Der Mensch neigt dazu, dass er immer versucht, Gott und andere durch sein untadeliges Verhalten und seine Perfektion zu beeindrucken und zu manipulieren … Wir mögen zwar mit Worten bekennen, dass Jesus unser Vorbild und unsere Inspiration sei, aber dennoch erwarten wir die Erlösung als Lohn für unser moralisch einwandfreies Leben« (S. 170).
Götzendienst ist aus der Sicht der Zehn Gebote Sünde (vgl. 2Mose 20,4–5). Aber wir können diese Götzen nicht so einfach rauswerfen. Es genügt nicht, wenn wir uns von falschen Göttern trennen. Keller zeigt, und hier sehe ich eine Stärke des Buches, wie sich tiefer liegende Götzen schnell einen Weg bahnen, um dann unerfüllte Sehnsüchte zu stillen. »Appelle wie ›Ich will mich nicht mehr vom Geld beherrschen lassen‹, werden wenig bringen, wenn wir keine vollständige ›Herz-OP‹ bekommen. Und das ist möglich, wenn wir unser Vertrauen auf Gott setzen« (S. 99).
In einem Nachwort erklärt Keller auf der Grundlage von Römer 1,21–25, wie wir Götzen aufspüren und dem Glauben an den lebendigen Gott Raum geben können. Zurecht verweist er auf Martin Luther, der in seinem »Großen Katechismus« (1529) und in seiner Abhandlung »Von den Guten Werken« (1520) die Frage der Abgötterei sehr eingängig behandelt. Warum beginnen die Zehn Gebote mit einem Verbot des Götzendienstes? »Weil die grundsätzliche Ursache hinter jeder Sünde Götzendienst ist. Wann immer wir eines der Gebote brechen, haben wir zuvor schon das erste Gebot gebrochen« (S. 208). Wesentlich am Götzendienst ist, dass wir Gott nicht Gott sein lassen, also unser Herz für etwas mehr schlägt als für Gott. Deshalb schreibt Keller: »Paulus gibt uns zwei Empfehlungen, wie wir die Götzen loswerden können: ›Wir sollen uns nach oben orientieren‹ und: ›unser Leben ist mit Christus bei Gott verborgen‹ (Kolosser 3,1–3). Das heißt, wir sollen das, was Jesus für uns getan hat, wertschätzen, uns darüber freuen und darin ruhen. So entsteht fröhlicher Lobpreis, und wir nehmen die Gegenwart Gottes wahr, wenn wir beten« (S. 214).
Es ist nicht alles Gott, was glänzt, ist ein goldig gestaltetes und leicht zu lesendes Buch. Der Autor illustriert seine Botschaft immer wieder anhand von eingängigen Anekdoten oder greift auf biblische Geschichten zurück. Der theologisch versierte Leser wird an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Tiefgang erwarten. Aber das Buch ist nicht für Theologen geschrieben. Es wurde für verunsicherte Christen und suchende Menschen verfasst. Es ist ein seelsorgerliches Buch. Keller erreicht die Tiefenschichten des Herzens und macht auf einfühlsame Weise Mut, die löchernen Zisternen zu verlassen und zur Quelle des Lebens zu gehen (vgl. Jeremia 2,13).
Timothy Keller: Es ist nicht alles Gott, was glänzt: Was im Leben wirklich trägt, Asslar: Gerth Medien, 2011, ISBN: 3865915892, 14,99 €.
Im Juli 2011 erscheint die ESV Student Study Bible, eine abgespeckte Version der ESV Study Bibel. In der nachfolgenden Tabelle werden beide Versionen miteinander verglichen. Einen Auszug mit dem Markusevangelium gibt es hier: student-study-bible-sampler-download.pdf.
Jeder Bibelschüler oder Theologiestudent muss eine Fülle von wissenschaftlichen Ausarbeitungen verfassen. Dabei soll er unter Beweis stellen, dass er sich in das zu behandelnde Thema eingearbeitet hat und die wichtigsten Techniken wissenschaftlichen Arbeitens beherrscht.
Das Erstellen akademischer Texte erfordert nicht nur Kreativität und Eigenständigkeit, sondern auch Sorgfalt im Umgang mit den verarbeiteten Quellen. Fremder Stoff, der in einer eigenen Arbeit referiert und ausgewertet wird, muss gewissenhaft zitiert und belegt werden. Für Theologen ist das eine oft sehr mühevolle Arbeit, da bereits bei kleineren Hausarbeiten eine Fülle von Quellen zu kennzeichnen sind. Biblische Bücher, außerkanonische Schriften, jüdisches Schrifttum, antike Schriftsteller, Lexika und Wörterbücher und natürlich zahlreiche Fachzeitschriften sind zu benennen.
Damit der wissenschaftliche Apparat nicht zu umfangreich ausfällt, greifen Theologen gern auf Abkürzungen zurück. Das funktioniert allerdings nur, wenn nicht jeder Autor seine eigenen Abkürzungen erfindet. Also haben sich Verzeichnisse etabliert, die das Abkürzen von Titeln vereinheitlichen.
Das bekannteste Verzeichnis ist das Internationales Abkürzungsverzeichnis für Theologie und Grenzgebiete (IATG). Das von Siegfried Schwertner herausgegeben Werk macht schon in der ersten Ausgabe von 1974 für 7500 Titel von Zeitschriften, Serien, Lexika und Quellenverweisen normative Abkürzungsvorschläge. In der zweiten Auflage von 1992 werden noch mehr Werke berücksichtigt. Besitzt jemand dieses Register, kann er z. B. bei Zitaten aus Zeitschriften komfortabel auf entsprechende Abkürzungen zurückgreifen. Für die Zeitschrift für Kulturgeschichte wäre das beispielsweise das Sigel ZKuG. Natürlich wird in dem Verzeichnis auch umgekehrt jede Abkürzung mit dem vollen Titel aufgelöst.
Das ITAG kostet jedoch stolze 129,95 Euro. Bevor sich ein Student das Verzeichnis zulegt, wird er wahrscheinlich lieber »nur« 99,00 Euro ausgeben und dafür das neun Bände umfassende Handwörterbuch Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG4) in vierter Auflage erwerben (siehe dazu hier).
Erfreulicherweise hat die Redaktion des RGG4 2006 ein separates Abkürzungsverzeichnis vorgelegt. Bei der Festlegung der Siglen wurde in den meisten Fällen auf das IATG zurückgegriffen. Für Abkürzungen, die dort nicht zu finden sind, wurden die Verzeichnisse des Der neue Pauly (DNP) und des Lexikon für Theologie und Kirche (LThK) eingearbeitet. Die Redaktion von Abkürzungen Theologie und Religionswissenschaften nach RGG schreibt im Vorwort:
Für die biblischen Bücher, die außerkanonischen Schriften, die Handschriften aus Qumran, die rabbinischen Schriften und diejenigen aus Nag Hammadi bietet dieses Verzeichnis einen weitgehend vollständigen Überblick über das vorhandene Schrifttum. Die Abkürzungen der Lexika, Quellenwerke, Serien und Zeitschriften sind sukzessive aus den in der RGG verwendeten Abkürzungen entstanden und wurden Band für Band ergänzt. Dieser Entstehungsprozeß bedingt, daß sie nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben können. Wenn auch keine anderweitigen Quellen zur Ergänzung ausgewertet wurden, so umfaßt das Verzeichnis doch einen Großteil der heute in der Theologie verwendeten Literatur dieser Gattungen.
Ich kann das handliche Buch für 12,90 Euro wärmstens empfehlen. Das Schreiben von Arbeiten macht damit gleich mehr Spass.
Glenn Penner: Im Schatten des Kreuzes: Verfolgung und Christusnachfolge – eine biblische Theologie, Brockhaus Verlag, 2011, 432 S., 16,95 Euro
ist inzwischen beim Brockhaus Verlag in deutscher Sprache erschienen. Der Verlag schreibt dazu:
Glenn M. Penner widmet sich in seiner umfassenden Studie einem oft verdrängten Thema: dem Verhältnis von Verfolgung, Leid und echter Christusnachfolge. Hierfür untersucht er ausgewählte Texte der gesamten Bibel – von den fünf Büchern Mose bis zur Offenbarung des Johannes. Außerdem zeigt er, dass es bereits in der Bibel viele verfolgte Menschen gab und dass Gott selbst ein leidender Gott ist. Doch Leid und Verfolgung haben nicht das letzte Wort, sondern Christen dürfen auf ein besseres Leben hoffen, auf die Ewigkeit.
Glenn ist inzwischen selbst bei seinem Herrn. Sein Buch ist ein Vermächtnis. Ich empfehle es.
In seinem Buch Das glücklichste Volk beschreibt der Linguist Daniel Everett, wie er auszog, im brasilianischen Urwald das Volk der Pirahã zum Christentum zu bekehren (München: DVA, 2010). Fast alles kam anders als erwartet. Die Eingebohrenen wollten seinen Jesus nicht. »Die Ablehnung des Evangeliums durch die Pirahã führte« sogar dazu, dass »ich selbst meinen Glauben infrage stellte«, schreibt Everett (S. 395). Am Ende verlor er nicht nur seinen christlichen Glauben, sondern auch seine Familie.
Bevor Everett als Bibelübersetzer und Missionar zu arbeiten begann, ließ er sich am Moody Bible Institut und auf der Biola University ausbilden. Als Jahresbester sammelte der Student nicht nur Erfahrungen bei Evangelisationsveranstaltungen, er belegte auch das Fach Apologetik. Gelernt hatte er dort allerdings eine Glaubensverteidigung, die vor allem aus dem Reichtum der eigenen Erfahrung schöpfte. Diese Apologetik blieb bei den Pirahã ohne den erwünschte Erfolg, wie Everett selbst eindrücklich beschreibt: »Für das, was ich sagte, konnte ich nur subjektive Begründungen anführen, nämlich meine eigenen Gefühle« (S. 396). Warum sollte er ihnen überhaupt von Jesus erzählen? »Mein Problem war: Warum sollte ich sie von Gott überzeugen? Damit sie ein besseren Leben hätten?« (siehe den nachfolgenden Filmbeitrag).
Warum hat Everett sich »entkehrt«?. Er glaubte an einen Jesus, den er selbst noch nicht gesehen hatte. Aus der Sicht der Pirahã einfach lächerlich. »Wie ich heute weiß« schreibt Everett, »liegt das daran, »dass die Pirahã nur glauben, was sie sehen. Manchmal glauben sie auch Dinge, die ein anderer ihnen erzählt hat, vorausgesetzt, diese Person war tatsächlich Zeuge der geschilderten Ereignisse« (S. 389). Everett war es also, der mit einer Wahnvorstellung lebte, nämlich »der Illusion der Wahrheit« (398). Die Pirahã sind so glücklich wie sie sind, weil sie ohne Wahrheit leben. »Sie kennen nicht das Streben nach Wahrheit als transzendenter Realität. Schon dieses Konzept hat in ihrem Wertesystem keinen Platz« (400).
Nun, das Buch enthält viele Beispiele dafür, dass auch die Pirahã ohne ein »Konzept von Wahrheit« nicht leben können. So sagen sie beispielsweise, es sei falsch, an jemand zu glauben, den man nicht gesehen hat. Es sei auch falsch, Jesus zu vertrauen oder nur eine Frau zu lieben (S. 386). Everett selbst zeigt in seinem Buch, wie hilfreich die Unterscheidung von Wahrheit und Einbildung sein kann. Er lehnt z.B. inzwischen das Evangelium ab, weil es aus seiner Sicht ein falscher Wahn ist. Oder: Als eines Tages ein Pirahã aufgeregt erzählte, dass letzte Nacht Jesus in ihr Dorf kam und Sex mit den Frauen haben wollte, war Everett sich sicher, dass der Indianer sich das weder ausgedacht hatte, noch es tatsächlich Jesus war, der versucht hatte, die Frauen zu vergewaltigen. Solche Unterscheidungen zwischen Trug und Wirklichkeit können in der Tat sehr hilfreich sein. Gelegentlich können sie Leben retten.
Everett glaubt nicht mehr an Jesus, weil er ihn nicht gesehen hat. Es scheint an dieser Stelle wichtig zu sein, dass bereits den Autoren der neutestamentlichen Schriften dieses Problem bekannt war. Schon damals gab es Zeugen aus erster Hand und ganz viele andere Jünger, die das Evangelium nur vom Hörensagen kannten. Deshalb stellten die Autoren des Neuen Testamentes heraus, dass es sich bei der Nachricht von Jesus Christus nicht um eine erfundene Geschichte oder eine esoterische (im Sinne von rein innerliche) Erfahrung handelt. Denken wir an den Prolog des Lukasevangeliums. Wir lesen dort (1,1–4): »Schon viele haben es unternommen, über das, was unter uns geschehen und in Erfüllung gegangen ist, einen Bericht abzufassen nach der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. So beschloss auch ich, nachdem ich allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen war, es der Reihe nach für dich aufzuschreiben, verehrter Theophilus, damit du die Zuverlässigkeit der Lehren erkennst, in denen du unterrichtet wurdest.« Im Zweiten Petrusbrief lesen wir (1,16): »Denn nicht weil wir klug ausgedachten Mythen gefolgt sind, haben wir euch die Macht und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, sondern weil wir Augenzeugen seines majestätischen Wesens geworden sind.« Und auch Johannes betont, um eine letzte Stelle zu nennen, dass die Apostel zuverlässige Zeugen des Christusgeschehens sind (1Joh 1,1–4): »Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir geschaut und was unsere Hände berührt haben, das Wort des Lebens — das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist —, was wir nun gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft habt mit uns. Die Gemeinschaft mit uns aber ist Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.« Die Autoren legten also viel Wert auf gründliche Arbeit und Authentizität in der Berichterstattung.
Jedenfalls haben sie das von sich behauptet. Nun, ich höre schon den Einwand von Everett und vielen anderen: »Ach, das ist zweitausend Jahre lang her und wer sagt uns denn, dass diese Zeugenberichte tatsächlich verlässlich sind? Nur was ich aus erster Hand erfahre, kann ich glauben! Vielleicht haben sie das alles nur erfunden, um sich Geltung zu verschaffen?«
Wäre diese Rückfrage ein ernstzunehmender Einwand, hätte Daniel Everett sein Buch über die Lebensphilosophie der Pirahã besser nicht geschrieben. Was ich über die Indianer weiß, stammt aus seinem Buch. Ich muss mich darauf verlassen, dass seine Eindrücke und Erfahrungen den Tatsachen entsprechen, er sich also weder getäuscht hat, noch mich belügt. Zudem muss davon ausgehen, dass ich seine »Sprachspiele« akkurat verstehen kann. Viel mehr Gründe gibt es, die Berichte der Apostel ernst zu nehmen. Sie haben, anders als Everett mit seinem Buch, mit ihren Evangelien, Berichten und Briefen kein Geld verdient (also vordergründig die Lebensqualität gesteigert). Das Leben dieser Apostel wurde durch ihre Begegnung mit Jesus Christus völlig auf den Kopf gestellt (vgl. z.B. 2Kor 11,23ff). Viele von ihnen sind als Märtyrer gestorben. Was, wenn nicht die Echtheit ihrer schriftlich niedergelegten Erfahrungen, soll sie bewegt haben, diesen für sie so entbehrungsvollen Weg zu gehen?
Für Everett ist es eine reizvolle Vision, ohne absolute Werte, ohne Rechtschaffenheit, Heiligkeit oder ein Konzept von Sünde und Schuld zu leben (S. 399). Jedenfalls vermittelt er uns den Eindruck, als sei das das höchste zu erstrebende Glück. Der aufmerksame Leser seines Buches wird freilich schnell bemerken, dass es auch unter den Pirahã jede Menge von Schulderfahrungen gibt. Nicht nur Diebstal, auch brutaler und hinterlistiger Mord gehören zur Wahrheit des glücklichsten Volkes. Das Schuldproblem wird, so beschreibt es Everett eindrücklich, durch Ächtung oder durch Schweigen gelöst. So hat man dann eben Freunde, die man besser nicht auf ihre Morde anspricht (vgl. S. 222–223). Eine überzeugende Vision für ein Leben, dass von Vertrauen und Glück geprägt ist?
Zwei abschließende Bemerkungen:
Zum einen macht das Beispiel von Everett deutlich, wie wichtig für Missionare eine solide theologische Ausbildung ist, in der auch fundamentaltheologische Fragen durchdacht werden. Everett hat sich nach einer Zeit im Exzess und mit Drogen durch die Begegnung mit evangelikalen Christen bekehrt. Der Erfahrung seiner Schuld entsprach der erfahrene Zuspruch der Vergebung. Solche Erlebnisse sind existentiell. Nichts daran ist verwerflich. Allerdings kann aus ihnen ein Frömmigkeitsstil erwachsen, der diese Erfahrung zur Grundlage des Glaubens erklärt. Wird dann irgendwann, z.B. durch einen Kulturwechsel, die Schulderfahrung relativiert, bleibt nicht mehr viel übrig. Everett, ein nachdenklicher Mensch, scheint grundlegende Fragen des christlichen Glaubens nie wirklich durchdacht zu haben und hatte so auf dem Missionsfeld der Mystik des Augenblicks bei den Pirahã nicht mehr viel entgegenzusetzen. Leidenschaft reicht also bei einem Ruf in die Mission nicht aus. Die Klärung wichtiger theologischer Fragen gehört zur Zurüstung hinzu.
Auf Seite 394 seines Buches legt Everett ein erstaunliches Bekenntnis ab: »Hätte ich mir die Zeit genommen und etwas über dieses Volk gelesen, bevor ich es zum ersten Mal besuchte, so hätte ich erfahren, dass Missionare sich schon seit über hundert Jahren um ihre Bekehrung bemüht hatten.« Ich musste den Satz zweimal lesen. Everett hat sich tatsächlich mit seiner damaligen Familie bei einem bis dahin unerreichten Stamm niedergelassen, ohne sich vorher gründlich über die Geschichte dieses Volkes zu informieren (obwohl es Literatur dazu gibt)? Ein guter Missionar kennt seine Bibel und die Zielkultur! Also auch hier: Leidenschaft reicht nicht. Es gehört zur Pflicht eines Missionars, sich so gut als möglich über die Kultur, in der er sich niederlässt, zu informieren.
Der Crossway Verlag hat anlässlich des 65. Geburtstages von D.A. Carson eine Festschrift veröffentlicht. Das Buch Understanding the Times: New Testament Studies in the 21st Century (Essays in Honor of D. A. Carson) wurde von den beiden Neutestamentlern Andreas Köstenberger und Robert Yarbrough herausgegeben und enthält Beiträge von honorigen Autoren wie Eckhard J. Schnabel, Craig L. Blomberg oder Grant Osborne.
Zum Buch gehört auch ein Beitrag von Douglas J. Moo (Autor des berühmten Aufsatzes »›Law‹, ›works of the law‹, and legalism in Paul«, Westminster Theological Journal, vol. 45, no. 1, 1983).
Der Aufsatz »Justification in Galatians« kann zusammen mit der Titelei des Buches hier gratis heruntergeladen werden: understanding-the-times-download.pdf.
Rob Bells Buch Love Wins wird pünktlich zum Jugendplus-Kongress 2011 auf Deutsch beim Brunnen Verlag erscheinen. Schade. Dieses Buch brauchen wir nicht!
Inzwischen hat sich auch die Evangelische Allianz in Großbritannien hinter eine kritische Rezension des Buches gestellt. Derek Tidball schreibt:
Love Wins however only presents half the truth, which is disturbing to those who believe in the other half of the truth. Old Testament verses are strung together which speak of God’s grace triumphing over Israel’s sin and that their punishment will have a ’sale by‘ date. But he never mentions repentance in this connection as the prophets do, nor the fact that it was a remnant restored to the homeland. His teaching on hell ducks some hard issues while firing out a lot of questions of his own. God’s wrath, and his holiness, is touched on only very inadequately and insubstantially. He says the sacrificial understanding of the cross belongs to a primitive cultural world we no longer inhabit, so he sidesteps a key understanding of the cross. He assumes that people will come round to accept God’s love in the end, and doesn’t see why death is the irreversible cut-off point. But why does he think people will ‚repent‘ after death when they haven’t done so before? He uses some parables that appear to fit his argument but ignores others and uses them all in a somewhat interesting way.