Historische Theologie

Was ist evangelikaler Fundamentalismus?

Was ist Fundamentalismus? Und inwiefern kann man diesen Begriff auf konservative Christen anwenden? Gleich zwei Bücher sind vor kurzem zu diesem Thema erschienen. Der Theologe und Religionssoziologe Thomas Schirrmacher erklärt in seinem Buch, wie man sich selbst vor Fundamentalismus schützen kann. In der Broschüre des Theologen Reinhard Hempelmann (EZW-Texte 206) werden Herkunft und verschiedene Strömungen des Evangelikalismus analysiert. Beide Materialien stellt das Christliche Medienmagazin pro hier kurz vor: www.pro-medienmagazin.de.

Ich habe bisher nur das EZW-Heft von Dr. Hempelmann überfliegen können. Den historischen Teil finde ich, soweit gelesen, informativ und sachlich. Gern lass ich mir natürlich sagen (S. 35):

Im christlichen Fundamentalismus kommen Aspekte zum Tragen, die den Protestantismus von Anfang an bestimmt haben: die Orientierung am Wort Gottes (sola scriptura), die Konzentration auf das Elementare und Fundamentale, das unbedingte Vertrauen auf den einen Gott, der sich in Christus den Menschen zuwendet.

Dass das Zitieren von Bibelsprüchen »nicht selten zum Ersatz für das eigene Nachdenken« geworden ist, mag sein (S. 38). Leider finde ich neben vielen zutreffenden Beobachtungen auch theologische Vorurteile, wie zum Beispiel (S. 35):

Falsch an ihm [dem christlichen Fundamentalismus] ist, dass er die Vielfalt des biblischen Zeugnisses nicht hinreichend wahrnimmt, dass er die christliche Freiheit leugnet, dass er Stilfragen zu Grundsatzfragen macht. Falsch an ihm ist, dass er die Verbindung von Glaube und Vernunft nicht ausreichend berücksichtigt.

Auch der angeboten »Fundamentalismusbegriff« überzeugt mich nicht (S. 31):

Ein Grundprinzip fundamentalistischer Strömungen ist das Prinzip der Übertreibung. Einsichten des Glaubens werden so übertrieben, dass sie das christliche Zeugnis verdunkeln, ja verkehren. Dies bezieht sich zwar zuerst auf das gesteigerte Schriftprinzip – verbunden mit einem Verbalinspirationsdogma –, darüber hinaus aber auch auf andere Ausdrucksformen und Motive der Frömmigkeit.

Überraschend schwach finde ich folgenden Vorschlag (S. 38):

Um einen Wort- oder auch Geistfundamentalismus aufzubrechen und zu öffnen, bedürfte es einer tieferen Wahrnehmung des Verhältnisses von Wort und Geist. Der »Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig« (2. Kor 3,6), meinte Paulus. Fundamentalistische Strömungen sind blind für diese Unterscheidung zwischen Buchstabe und Geist, mit der Folge, dass die christliche Freiheit verdrängt, eingeschränkt und geleugnet wird.

War das das Anliegen von Paulus? War dieser »Aufbruch« die Errungenschaft des Protestantismus. Stellvertretend für andere zitiere ich hierzu Calvin (Institutio I, 9):

Wer die Schrift verwirft und sich dann irgendeinen Weg erträumt, um zu Gott zu kommen, der ist nicht eigentlich dem Irrtum, sondern der Raserei verfallen. So sind neuerdings einige Schwindelköpfe aufgetreten, die sich hochmütig für geisterfüllte Lehrer ausgeben — aber sie verachten alles Lesen der Schrift und machen sich über die Einfalt derer lustig, die nach ihrer Meinung an toten und tötenden Buchstaben hangen. Ich möchte nur fragen, was das denn für ein Geist sei, durch dessen Wehen sie so hoch daherfahren, daß sie die Lehre der Schrift als kindisch und unwesentlich zu verachten sich erkühnen! Sollten sie antworten, das sei Christi Geist, so ist das lächerliche Verblendung. Denn sie werden ja dann doch wohl zugeben, daß die Apostel Christi und die anderen Gläubigen in der Urkirche von keinem anderen Geiste erleuchtet gewesen sind. Aber dieser Geist hat keinen von ihnen die Verachtung des Wortes Gottes gelehrt, sondern sie haben nur größere Verehrung gelernt, wie ihre Schriften deutlichst bezeugen. So war es schon vom Propheten Jesaja vorhergesagt. Wenn er nämlich ausspricht: »Mein Geist, der in dir ist, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, sollen nicht von deinem Munde weichen noch von dem Mund deines Samens ewiglich« (Jes. 59,21), so bindet er das Volk des Alten Bundes nicht an eine äußerliche Lehre, als ob es noch in den Anfangsgründen steckte, nein, er lehrt, das werde das rechte und volle Heil der neuen Gemeinde unter der Herrschaft Christi sein, daß sie nicht weniger durch das Wort Gottes als durch den Geist regiert würde! Hier wird deutlich, daß jene Windbeutel in schändlichem Frevel auseinanderreißen, was der Prophet zu unverletzlicher Einheit verbunden hat. Man muß hierzu noch beachten, daß Paulus, der doch bis in den dritten Himmel entzückt worden ist, nicht aufhörte, in der Lehre des Gesetzes und der Propheten fortzu schreiten, wie er denn auch den Timotheus, einen Lehrer von so einzigartiger Vor bildlichkeit, zum Festhalten am Lesen der Schrift ermahnt (1Tim. 4,13). Und wie denkwürdig ist das Lob, das er der Schrift darbringt, wenn er sagt, sie sei »nützlich zur Lehre, zur Ermahnung, zur Besserung, daß ein Knecht Gottes vollkommen sei …« (2Tim. 3,16)! Was ist es doch für ein teuflischer Wahn, von einer bloß zeitlichen und vorübergehenden Geltung der Schrift zu phantasieren – wo sie doch die Kinder Gottes bis zum äußersten Ziele führt! Auch sollten doch jene Schwärmer angeben, ob sie eigentlich einen anderen Geist empfangen haben als den, den der Herr seinen Jüngern verheißen hat. Ich glaube zwar, daß sie vom tollsten Wahn gequält sind – aber das in Anspruch zu nehmen, so toll werden sie doch nicht sein! … Das Amt des Geistes, der uns verheißen ist, besteht also nicht darin, neue und unerhörte Offenbarungen zu erdichten oder eine neue Lehre aufzubringen, durch die wir von der überlieferten Lehre des Evangeliums abkommen müßten – sondern sein Amt ist eben, die Lehre in uns zu versiegeln, die uns im Evangelium ans Herz gelegt wird!

Gründergestalt des Pietismus: Philipp Jacob Spener

Der Deutschlandfunk hat am 26. Januar 2010 in der Sendung »Tag für Tag« einen hervorragenden Beitrag über Philipp Jacob Spener publiziert. Spener (1635–1705) hat als lutherischer Theologe den Pietismus zentral geprägt. 1694 wirkte er mit an der Gründung der Reformuniversität Halle an der Saale, wo seinem Schüler August Hermann Francke eine ebenfalls herausragende Rolle zukam.

Die Datei kann als Podcast hier herunter geladen werden: dlf_20100126_0941_5f5f0654.mp3.

Auf den das Los fällt

Der neue serbische Patriarch Irinej hat Kosovo zum »heiligen Land« seiner Kirche erklärt. Er gilt als gemässigt. Das Losglück hätte auch einen nationalistischen Scharfmacher an die Spitze der serbisch-orthodoxen Kirche bringen können.

Hier der informative Artikel von Elena Panagiotidis: www.nzz.ch.

Wie sieht die Zukunft der Evangelikalen aus?

Die neue Ausgabe des 9Marks eJournals setzt sich mit der »Evangelikalen Bewegung« auseinander. Carl Trueman, Professor für Kirchengeschichte am Westminster Theological Seminary in Philadelphia (U.S.A.), macht sich große Sorgen über die Zukunft der Evangelikalen Bewegung:

Finally, too few evangelical academics seem to have much ambition. Perhaps this sounds strange: the desire to hold a tenured university position, to publish with certain presses, to speak at certain scholarly conferences, to be in conversation with the movers and shakers of the guild—these seem like ambitions that are all too common. Yet true ambition, true Christian ambition, is surely based in and directed towards the upbuilding of the church, towards serving the people of God, and this is where evangelical academics often fail so signally. The impact evangelical scholars have had on the academy is, by and large, paltry, and often (as noted) confined to those areas where their contributions have been negligibly evangelical. Had the same time and energy been devoted to the building up of the saints, imagine how the church might have been transformed. This is not to say that high-powered scholarship should be off-limits, nor that the immediate needs of the man or woman in the pew should provide the criteria by which relevance is judged; but it is to say that all theological scholarship should be done with the ultimate goal of building up the saints, confounding the opponents of the gospel, and encouraging the brethren. The highest achievement any evangelical theological scholar can attain is not membership of some elite guild but the knowledge that he or she has done work that strengthened the church and extended the kingdom of God through the local church. The day is coming when the cultural intellectual elites of evangelicalism—the institutions and the individuals—will face a tough decision. I see the crisis coming on two separate but intimately connected fronts. The day is coming, and perhaps has already come, when, first, to believe that the Bible is the Word of God, inspired, authoritative, and utterly truthful, will be seen as a sign at best of intellectual suicide, at worst of mental illness; and, second, to articulate any form of opposition to homosexual practice will be seen as the moral equivalent of advocating white supremacy or child abuse. In such times, the choice will be clear, those who hold the Christian line will be obvious, and those who have spent their lives trying to serve both orthodoxy and the academy will find that no amount of intellectual contortionism will save them. Being associated with B. B. Warfield will be the least of their worries.

Phil Johnson, Director von »Grace to You«, stellt unverblümt fest:

The gospel’s most dangerous earthly adversaries are not raving atheists who stand outside the door shouting threats and insults. They are church leaders who cultivate a gentle, friendly, pious demeanor but hack away at the foundations of faith under the guise of keeping in step with a changing world.

Hier mehr: eJournal201071janfeb.pdf.

Calvin und die Freikirchen

Im Calvin-Jubiläumsjahr hat der Rektor des Martin Bucer Seminars, Thomas Schirrmacher, die deutschen Freikirchen aufgefordert, nicht länger auf die ›schwarzen Legenden‹ Calvins zu hören, sondern sich damit zu beschäftigen, wie groß der Einfluss des reformierten Denkens auf ihre Gründerväter war. In einem Vortrag in der Freien Evangelischen Gemeinde Bonn zum Thema »Calvin und die Freikirchen« schilderte Schirrmacher die ökumenische Bedeutung Calvins.

Weil Calvin als einziger großer Reformator bei Einsetzen der Gegenreformation noch gelebt habe, sei er zum Zentrum der wohl größten Verleumdungskampagne der Kirchengeschichte geworden. Es gebe kaum eine moralische Verfehlung, die ihm nicht angehängt worden sei und die meisten Menschen kennten bis heute über Calvin nur einige »schreckliche« Versatzstücke seiner Theologie, die noch nicht einmal der Beschäftigung wert seien. Diese Verleumdungen seien erst in jüngster Zeit vor allem von katholischen, französischen Historikern aufgedeckt und widerlegt worden.

»Die Grundwahrheiten der reformierten Lehre dürfen nicht in offiziell reformierten Kirchen weggeschlossen werden. Insbesondere taufgesinnte Freikirchen müssen sich daran erinnern, wie stark ihr reformiertes Erbe ursprünglich war«, so Schirrmacher. Dabei gehe es ihm nicht um konfessionelle Streitigkeiten, zumal ja etliche Freikirchen sich dazu lediglich mit der Theologie ihrer Gründer beschäftigen müssten. »Es ist unser Wunsch, dass die Lehre vom Vorrang der Gnade Gottes, die Lehre von Gottes absoluter Souveränität, die sich aber im Eid verbindlich für uns festlegt, die Lehre von der Bedeutung der Gebote für die Ethik und die Wichtigkeit des Einsatzes für Evangelisation, Diakonie und gesellschaftliche Veränderung – um einmal reformierte Grundwahrheiten zu skizzieren – ganz neu in unseren Gemeinde Einzug hält«, so Schirrmacher wörtlich.

Das Martin Bucer Seminar hat zum Calvin-Jubiläum eine deutsche Neuausgabe der ersten Auflage der Institutio, der Hauptschrift Calvins, unter dem Titel Christliche Glaubenslehre veröffentlicht. Soeben erschien zudem ein englischsprachiger Sammelband Calvin and World Mission mit Aufsätzen aus 120 Jahren, die belegen, das Calvin für Weltmission eintrat und erste Missionare aussandte.

Nicht nur Herzen, auch Verstand gewinnen

Jonathan Fitzgerald beschreibt für THE WALL STREET JOURNAL die Evangelikalen in den U.S.A. auf ihrem (nicht ganz einfachen) Weg zu einem intellektuell verantworteten Glauben:

On Dec. 8, some of America’s brightest contemporary intellectuals gathered at the New School to discuss the tenuous relationship between „Evangelicalism and the Contemporary Intellectual.“ Sponsored by Brooklyn-based literary magazine n+1, the panel featured The New Yorker’s Malcolm Gladwell and James Wood and The Nation’s former associate literary editor Christine Smallwood. While these thinkers all grew up in close proximity to evangelicalism, there was one conspicuous absence from the conversation: an intellectual who still professes the Christian faith. The discussion was predictably thoughtful, though evangelical belief was treated as something necessarily dispensed with on the way to becoming a public scholar.

This feeling of intellectual distance from grass-roots Christianity is not new. It’s been almost 30 years since Charles Malik, a former president of the United Nations General Assembly and a devout Christian, gave a speech at Wheaton College called „The Two Tasks.“ To the audience assembled for the dedication of Wheaton’s Billy Graham Center, he said: „The greatest danger besetting American evangelical Christianity is the danger of anti-intellectualism.“ This idea was picked up by historian Mark A. Noll 14 years later in his 1994 book „The Scandal of the Evangelical Mind.“ The „scandal“ of the title, he said, was „that there is not much of an evangelical mind,“ despite what he sees as a biblical mandate to better understand creation. Mr. Noll asserts that this lack is reinforced by the historical experience of evangelicals in America, whose churches and ministries have gained more adherents at the cost of fostering anti-intellectualism and bad theology.

Hier der Artikel: online.wsj.com.

Oral Roberts (1918–2009)

Der Pfingstprediger Oral Roberts ist am 15. Dezember im Alter von 91 Jahren gestorben. The New York Times hat ihm einen langen Beitrag gewidmet und dabei etliche Dinge erwähnt, die ich bisher nicht gehört hatte. Zum Beispiel die Sache mit dem Brief von John Lennon:

Oral Roberts University estimated that Mr. Roberts, its founder and first president, had personally laid his hands on more than 1.5 million people during his career, reached more than 500 million people on television and radio, and received millions of letters and appeals. Among those seeking counsel and prayer were Presidents John F. Kennedy, Richard M. Nixon and Jimmy Carter. John Lennon wrote a letter to Mr. Roberts in 1972 seeking forgiveness for publicly remarking that the Beatles were »more popular than Jesus« and asking him to »explain to me what Christianity can do for me.«

Hier der Artikel: www.nytimes.com.

Deep Church

513RwtS66uL._SL160_Jim Belcher sucht nach einem Weg jenseits von Tradtionalismus und Emergenz. Brandon O’Brien von Christianity Today hat sein Buch Deep Church gelesen und kurz rezensiert. Er kommt zu dem Schluss:

In the end, Belcher’s »third way« skews toward traditionalism. But he is as critical of traditionalists as he is of the emerging movement, and his critiques are fair and balanced. Readers who recognize that the traditional church is ripe for reform but are wary of emerging alternatives will find Belcher a careful, sympathetic guide toward a more productive conversation.

Hier die Buchbesprechung: www.christianitytoday.com. Das Buch:

  • Jim Belcher: Deep Church: A Third Way Beyond Emerging and Traditional, Inter Varsity, 2009, 233 S.

kann hier bestellt werden:

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Augustinus hat heute Geburtstag

augustinus.jpgDer Kirchenvater Augustinus wurde am 13. November 354 in Thagaste (im Norden des heutigen Algerien) geboren. Eine gute Gelegenheit, etwas aus seinem Leben zu erzählen. Ich überlasse das Possidius von Calama (ca. 370–437), einem Mönch und Bischof, der als Schüler und Wegbegleiter des Augustinus von Hippo zwischen 431 und 437 einen Lebensbericht über seinen Lehrer geschrieben hat.

Possidius erzählt uns in seiner Vita Augustini (Kap 5), wie sich unter dem Einfluss des Kirchenvater ein Kloster entwickelte:

Bald nach seiner Priesterweihe richtete Augustinus auf dem Kirchengrundstück ein Kloster ein. Hier begann er mit den Dienern Gottes ein gemeinsames Leben nach der Art und Lebensform der heiligen Apostel zu führen (vgl. Apg 2,44; 4,35; 5,4). Besonderer Wert wurde darauf gelegt, daß niemand in dieser Gemeinschaft persönliches Eigentum besitze. Vielmehr sollte allen alles gemeinsam sein und einem jeden sollte nach Bedarf zugeteilt werden. So hatte er selbst schon gelebt, bevor er aus Italien in die Heimat zurückkehrte.

Der heilige Valerius, der ihn geweiht hatte, ein frommer und gottesfürchtiger Mann, freute sich sehr (vgl. Ps 9,3; 149,2; Lk 1,47). Er dankte Gott, daß er seine Bitten erhört habe (vgl. Gen 30,17; Tob 3,24; Jer 14,12). Später erzählte er, er habe sehr oft zu Gott gebetet, daß ihm ein solcher Mann von Gott geschickt werde, der in der Lage sei, die Kirche des Herrn durch Verkündigung des Wortes Gottes (vgl. Mt 16,18; Apg 9,31) und durch heilsame Lehre aufzubauen. Er selbst sehe sich dazu weniger in der Lage, da er, von Herkunft Grieche, die lateinische Sprache weniger gut beherrsche und ebenso in den Wissenschaften nicht ausreichend unterrichtet sei.

Er räumte darum dem Priester Augustin das Recht ein, in seiner Gegenwart in der Kirche über das Evangelium zu predigen und es so kontinuierlich zu erklären (vgl. Mt 4,23; Mk 16,15; 1 Kor 9,18). Das war gegen den üblichen Brauch der afrikanischen Kirchen. Manche Bischöfe erhoben dagegen Einspruch.

Aber jener verehrungswürdige und umsichtige Mann wußte sicher, daß dies in den östlichen Kirchen fester Brauch war. Einzig das Wohl der Kirche im Auge, ließ er sich von den Stimmen der Kritiker nicht beeindrucken. Er hielt nur fest, daß nun von einem Priester das getan wurde, was er, wie er sah, als Bischof zu tun nicht mehr imstande war. So leuchtete Augustinus wie eine brennende Lampe, die auf einen Leuchter gestellt wurde, allen im Hause (vgl. Mt 5,15). Die Angelegenheit sprach sich bald weit herum. Das ihnen präsentierte gute Beispiel ahmte deshalb eine Anzahl von Bischöfen nach und sie erlaubten einigen Priestern, in ihrer Gegenwart dem Volk das Evangelium zu erklären.

Quelle: Wilhelm Geerlings (Hg.), Possidius: Vita Augustini, Schöhningh 2005.

Das Leben in zwei Reichen

Die Lehre von den zwei Reichen ist in der Theologie der Gegenwart nicht sonderlich beliebt. »Muss die Vorstellung, dass ein Christ gleichzeitig in zwei Reichen lebt, nicht in eine Form von Schizophrenie führen?«, hört man. Ich glaube das nicht und will mit diesem kleinen Beitrag versuchen, einige Stärken von Luthers Sicht (wahrlich nicht nur Luthers Sicht) herauszustellen.

Der Begriff »Zwei Reiche-Lehre« stammt von Harald Diem (1938). Vorher benutzten bereits dialektische Theologen seit etwa 1920 den Ausdruck »Lehre von den Zwei Reichen«. Nach 1945 wurde im Gefolge von Johannes Heckel bevorzugt von der »Zwei-Regimenten-Lehre« gesprochen. Der deutsche Reformator selbst sprach zunächst von »zwei Regimenten«, später auch von »zwei Reichen«. In seiner Schrift »Von weltlicher Obrigkeit« (Neujahr 1523), die für die Entwicklung der Zwei Reiche-Lehre von besonderer Bedeutung ist, benutzt er beide Begriffe.

Was wollte Luther eigentlich deutlich machen?

Luther behauptet (Althaus, »Luthers Lehre von den beiden Reichen im Feuer der Kritik«, Luther-Jahrbuch, 1957, S. 42):

Gott regiert die Welt auf eine doppelte Weise. Die eine Weise hilft zur Erhaltung dieses leiblichen, irdischen, zeitlichen Lebens, damit zur Erhaltung der Welt. Die andere Weise hilft zum ewigen Leben, das heißt: zur Erlösung der Welt. Das erste Regiment führt Gott mit der linken Hand, das zweite mit der rechten Hand.

Im Reiche Gottes mit der rechten Hand ist Christus König und Herr. Jesus regiert durch das Evangelium, das »dargeboten« ist »in Wort und Sakrament«. Er befreit die »Seinen« vom Zorn Gottes durch die Vergebung der Sünden; er bringt die Freiheit »von dem verklagenden Gesetze«. Das Evangelium wird durch Glauben empfangen und führt zur Liebe, welche im Menschen durch den Heiligen Geist gewirkt wird.

Zwei Reiche Lehre.jpg

Gottes Reich mit der linken Hand dagegen umfasst die weltliche Obrigkeit und alles, was zur Erhaltung und Ordnung dieses zeitlichen Lebens dient, also auch Ehe und Familie, Eigentum, Wirtschaft, Stand und Beruf usw.

Beim Verhältnis der beiden Regimente zueinander betont Luther die tiefe Einheit, da sie beide von dem einen Gott eingesetzt sind. Das weltliche Regiment darf keinesfalls mit dem »Satansreich« verwechselt werden. Auch wenn das »weltliche Regiment um der Sünde willen da ist«, ist es trotzdem göttliche Ordnung. In beiden Regimenten waltet Gottes Liebe und Güte. Selbst der Zorn Gottes steht »im Dienste der Barmherzigkeit«, nämlich um die »Bösen … zu zwingen und zu strafen« und »die Frommen zu schützen«.

Auch wenn beide Regimente göttlichen Ursprungs sind, wird Luther nicht müde, vor einer Vermischung der Regimente zu warnen:

Dieser Unterschied zwischen dem weltlichen Regimente, dem Hausstande und der Kirche muß fleißig bewahrt, und ein jeglicher Stand in seinen gehörigen Schranken gehalten werden. Und wiewohl wir aus allen Kräften darauf hingearbeitet haben, so wird doch der Satan nicht aufhören, dieses unter einander zu mischen und zu verwirren, und es wird niemals an Leuten mangeln, die sich nicht in den Schranken ihres Amts halten werden. Die mit falschem Geist erfüllten (spirituosi), schwärmerischen und aufrührerischen Lehrer, mit ihrem Amte nicht zufrieden, reißen auch das weltliche Regiment an sich. Dagegen die weltliche Obrigkeit und die Fürsten senden auch ihre Sichel in eine fremde Ernte, und legen ihre Hände an das Ruder des Kirchenregiments, und nehmen sich auch hier die Herrschaft heraus. So hat der Teufel allezeit seine Werkzeuge, die uns hier Unruhen erregen und die vorgeschriebenen Grenzen ihres Berufs überschreiten. (Luther, Sämtliche Schriften, Bd. 6, Sp. 170)

Mit dieser Unterscheidung untermauert Luther die für das Abendland so bedeutende Unterteilung von Kirche und Staat. Weder darf die Kirche mit staatlichen Mitteln, z. B. mit dem Schwert, geistliche Ziele durchsetzen. Noch darf der Staat sich autoritär in die pastoralen Belange der Kirche einmischen. Durch die Unterscheidung, nicht vollständige Trennung oder Abspaltung, beider göttlicher Regimente, wird also gewährleistet, dass der Staat der Kirche einen eigenen Raum überlässt und die Kirche andersherum nicht den Staat instrumentalisiert. Auch heute sehen wir, welch verhängnisvolle Folgen die Vermischung von Politik und Religion haben kann.

Die Trennung von geistlicher und staatlicher Kompetenz ist nicht etwa eine Erfindung Luthers. Sie zieht sich durch das Neue Testament und wird – entgegen mancher Vorurteile – bereits im Alten Testament gefordert. So finden wir z. B. folgende Unterscheidungen:

  • Könige und Fürsten sowie Priester und Propheten (vgl. z.B. Jer 32,32);
  • Barak als Feldherr und Deborah als Prophetin (vgl. Ri 4,4–9);
  • Nehemia als Statthalter und Esra als Priester: Als der Politiker Nehemia verfolgt wurde, widerstand er der Versuchung, in den Tempel zu flüchten und dort sein Leben zu retten. Es wäre eine Sünde gewesen, seine gesellschaftliche Verantwortung nicht ernst zu nehmen. Gott erwartete von ihm, dass er sich seinem Kompetenzbereich als Statthalter stellt, auch wenn es gefährlich wird (vgl. Neh 6,10–14).

Uns Christen ist es nicht erlaubt, das Reich Gottes mit dem Schwert zu bauen (vgl. Mt 26,52)! Abraham Kuyper (1837–1920), ein bedeutender reformierter Theologe und zeitweilig niederländischer Ministerpräsident, schrieb trotz seines beeindruckenden politischen En­gagements:

In der Regierung des Staates darf die Gemeinde nicht herrschen wollen. Ihr Werkzeug ist das freie Wort, ihre Macht der Einfluss von Mensch auf Mensch in seinem Gewissen, seinem Haus, der Welt sei­nes Denkens, … (Kuyper, Die Kirche Jesu Christi: Worte aus Reden und Schriften, 1926, S. 44)

Anmerkungen:

• Weitere Fragen zur Zwei Reiche-Lehre hat Michael Horton aus reformierter Sicht in einer aktuellen Serie beantwortet, die hier zusammenhängend herunter geladen werden kann. (Leider nur auf Englisch. Will es jemand übersetzen?): www.whitehorseinn.org.

• Empfehlen kann ich ebenfalls das von Thomas Schirrmacher herausgegebene Buch (mit Beiträgen von Titus Vogt und Andreas Peter): Die vier Schöpfungsordnungen Gottes: Kirche, Staat, Wirtschaft und Familie bei Martin Luther und Dietrich Bonhoeffer, Nürnberg, VTR, 2001.

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