Theologiegeschichte

Horton: Missionale Gemeinde oder neues Mönchtum? (Teil 1)

Michael S. Horton, J. Cresham Machen Professor für Theologie und Apologetik am Westminster Seminar in California (Escondido), hat in der aktuellen Ausgabe von Modern Reformation einen Aufsatz über das »Neue Mönchtum« veröffentlicht. Die Zeitschrift hat freundlicherweise erlaubt, den Beitrag in deutscher Sprache im Theoblog zu veröffentlichen. Ivo Carobbio hat, wieder einmal, den Aufsatz übersetzt.

Ich werde:

  • Michael S. Horton: »Missional Church or New Monasticism«, Modern Reformation, Vol. 20, No. 2, March/April 2011, S. 14–21

in vier Teilen ohne Quellenangaben publizieren. Nach Veröffentlichung des letzten Teils werde ich auch eine PDF-Datei mit dem gesamten Text und den Literaturangaben anbieten. Ich bedanke mich bei Michael S. Horton, Modern Reformation und Ivo Carobbio!

 

Das neue Mönchtum

Einige von uns erinnern sich an den Song von Tears for Fears: »Everybody Wants to Rule the World« [zu deutsch: »Jeder will die Welt beherrschen«]. Heute heißt das Mantra eher »Veränderung«, nicht »Herrschaft«. Viele jüngere Christen haben genug vom geistlichen Konsumismus und von Evangelisationseinsätzen mit dem Aufruf: »Lass Jesus in dein Herz, damit du nach dem Tod in den Himmel kommst.« Das Christentum muss doch mehr sein als nur »Seelenheil«, oder? Was verbirgt sich denn hinter der Phrase »Auferstehung des Leibes und ewiges Leben«? Geht es da nicht um eine neue Schöpfung? Singen wir nicht: »Joy to the World«, ja, erwarten wir nicht, dass sich das Reich Christi erstreckt, »so weit der Fluch reicht«?

Man wird dennoch fragen dürfen: »Ist dieses neuentdeckte Interesse an einer erlösten Schöpfung nicht von einem Paradigma motiviert, das sich eher dem Mönchtum verdankt als der weltbejahenden Frömmigkeit der Reformationszeit?

Das mittelalterliche Mönchtum war geteilt: Da waren jene, die das kontemplative Leben schätzten (spiritueller Aufstieg zum Himmel durch meditative Übungen). Dann waren da noch die anderen, die dem aktiven Leben den Vorzug gaben (spiritueller Aufstieg durch gute Werke, insbesondere für die Armen). Franz von Assisi – und später der nach ihm benannte Orden – betonte die »vita activa«.

Wir erleben heute erstens eine Wiedergeburt der kontemplativen Spiritualität. Traditionell evangelikal, legt sie die Betonung auf die »persönliche Frömmigkeit«: Jüngerschaft als innere Veränderung durch geistliche Übung. Richard Fosters »Nachfolge feiern – Geistliche Übungen neu entdeckt« (1979) hat vielen Christen die mittelalterliche Mystik und einige Schriftsteller der »vita contemplativa« zugänglich gemacht. Dallas Willard hat den Aufruf zur Jüngerschaft in seinen beiden Büchern The Divine Conspiracy (1998) und The Great Omission: Reclaiming Jesus‘ Essential Teachings on Discipleship (2006) wiederholt: Es geht um die innere Veränderung durch geistliche Übung.

Willard fordert Pastoren auf, sich zu fragen: »Besteht mein wichtigstes Ziel wirklich darin, Jünger zu machen? Oder sorge ich bloß für eine ‚reibungslosen Ablauf‘?« Kenntnisreich urteilt Willard, die Jüngerschaft habe ihre spezifische Prägung:

Die theologische Rechte sieht in der Jüngerschaft die Vorbereitung zur Rettung von Menschenseelen. Diese Vorbereitung steht heute allerdings eher unter der Leitung parakirchlicher Bestrebungen, da die örtlichen Gemeinden sich nicht wirklich darum gekümmert haben. Die Linken sehen in der Jüngerschaft eher so etwas wie soziales Engagement, von der Ausspeisung sozial Benachteiligter bis hin zu politischen Protesten oder ähnlichen Tätigkeiten. Was solide psychologische oder biblische Inhalte betrifft, hat der Begriff »Jüngerschaft« alle Bedeutung verloren.

Sei es nun in Form soteriologischer Bestrebungen oder in Form sozialen Engagements – die Christen seien zu »aktivistisch«. Was sie wirklich bräuchten, sei innere Veränderung durch geistliche Übungen, besonders durch »Abgeschiedenheit, Schweigen und Fasten«. Das, so Willard, seien die »Schlüssel des Reiches Gottes«. Er schreibt: »Ich habe noch niemanden getroffen, der regelmäßig Gebrauch dieser geistlichen Übungen macht – wie sie übrigens jeder kennt, der mit dem Inhalt des Neuen Testaments vertraut ist – und dabei geistlich abgekühlt, ratlos, bekümmert oder gescheitert wäre.«

Nach der Disziplin gefragt, die derzeit am stärksten geübt werden sollte, lautet Fosters Antwort: »Die Abgeschiedenheit«:

Die Abgeschiedenheit verkörpert die grundlegendste Disziplin des Verzichts – die »via negativa«. Das christliche Bestreben nach Engagement in der Welt ist löblich, aber wie Thomas von Kempten sagt: Sicher reist nur, wer auch zu Hause bleiben kann. Und Pascal sagte, wir könnten die Probleme der Welt nur lösen, wenn wir gelernt hätten, allein zu bleiben. Abgeschiedenheit ist für ein rechtes Engagement unabdingbar.

Zweitens ist innerhalb der Christenheit heute eine stärkere Betonung auf das »franziskanische Moment« (vita activa) echter Jüngerschaft als gesellschaftlicher Wandlung spürbar, insbesondere da, wo man sich um die Benachteiligten kümmert. Zwar werden geistliche Übung und innere Veränderungen nicht völlig ignoriert; viele Verfechter dieser Lebensart – ganz besonders in der Emerging Church-Bewegung – anerkennen den Ein­fluss von Autoren wie Foster und Willard. Doch die Gebets­labyrinthe, Gesänge, Kelten­kreuze, Kerzen und »Aufzeichnungen« dienen letztlich allesamt mehr der Schaffung von Gemeinschaft, als dass sie die Abgeschiedenheit förderten; sie drängen die Gemeinschaft zum Zeugnis durch den Dienst. Die Leiter dieser Richtung zitieren gerne jenen Satz, der Franz von Assisi zugeschrieben wird: »Predige stets das Evangelium; wenn nötig, auch mit Worten.«

In diesen zwei Formen der mönchischen Frömmigkeit sind bei aller Verschiedenheit die Gemeinsamkeiten heute genauso erkennbar wie einst.

– – –

Nachtrag vom 24.03.2011: Ursprünglich lautete der Titel dieser Reihe »Missionarische Gemeinde oder neues Mönchtum«. Nach einer kleinen Diskussion über den Begriff »missional« habe ich mich entschieden, den Titel leicht zu ändern. Der Begriff »missional« soll ein Missionsverständnis etablieren, das sich nicht nur darauf konzentriert, »Menschen für den Himmel« zu gewinnen und in Gemeinden zu sammeln, sondern Christen ganzheitlich für Teilhabe und Mitgestaltung dieser Welt zurüstet. Eine missionale Gemeinde bestärkt Christen, in Familie, Berufswelt und Freizeit eine »natürliche« missionarische und prägende Ausstrahlung zu entwickeln.

Velvet Elvis

Gestern lag wieder Werbung für den Jugendplus-Kongress 2011 mit Rob Bell im Briefkasten (Willow Creek Deutschland). In einer Rezension über Bells Velvet Elvis schreibt Greg Gilbert (9Marks):

For example, take Bell’s reconception of the idea of doctrine. Bell argues that the doctrines of Christianity should be thought of as the „springs“ that hold up the trampoline on which we jump and live in Christ. The springs are not the main point; they merely facilitate the greater goal of „us finding our lives in God“ (25). Now that analogy has some truth to it. But it’s also more dangerous than it might first appear. Conceiving of Christian doctrines as springs allows Bell to say that getting the doctrines right is not really that important. If you don’t like one or two of the springs, you can just take them out of the trampoline and keep on jumping.

Here is Bell’s take on the doctrine of the Trinity, for instance: „It is a spring, and people jumped for thousands of years without it. It was added later. We can take it out and examine it. Discuss it, probe it, question it. It flexes, and it stretches“ (22). And what about Christ’s birth to a virgin? Bell asks, „What if that spring was seriously questioned? Could a person keep jumping? Could a person still love God? Could you still be a Christian?“ (26).

Bell affirms his belief in both the Trinity and the Virgin Birth, but he also says he wants to carve out some room to „question“ those doctrines.

But what does he mean by that? Is he saying that one can study them, ask questions of them, learn from them? I wish he was. Yet why does Bell even pose the question? Why does he ask, „Could a person keep jumping?“ and then not answer it? I can only conclude that Bell is saying that it wouldn’t matter very much if someone stopped affirming them. „Yes, of course you can keep jumping, even if you stop believing in the Trinity or the Virgin Birth.“

Hier die vollständige Rezension: www.9marks.org.

J.I. Packer über Francis Schaeffer

Einige Beiträge des Buches Reflections on Francis Schaeffer, herausgegeben von Ronald Ruegsegger, habe ich in Wahrheit und Liebe: Was wir von Francis Schaeffer lernen können, freundlich und klar kritisiert. Viel Lob verdient das Vorwort des Buches, geschrieben von J.I. Packer. Der Beitrag mit dem Titel »No Little Person« wurde inzwischen online veröffentlicht. Hier ein Auszug, den ich im Blog von Justin Taylor gefunden habe.

First, with his flair for didactic communication he coined some new and pointed ways of expressing old thoughts (the “true truth” or revelation, the “mannishness” of human beings, the “upper story” and “lower story” of the divided Western mind, etc.).

Second, with his gift of empathy he listened to and dialogued with the modern secular world as it expressed itself in literature and art, which most evangelicals were too cocooned in their own subculture to do.

Third, he threw light on the things that today’s secularists take for granted by tracing them, however sketchily, to their source in the history of thought, a task for which few evangelicals outside the seminaries had the skill.

Fourth, he cherished a vivid sense of the ongoing historical process of which we are all part, and offered shrewd analysis of the Megatrends-Future Shock type concerning the likely effect of current Christian and secular developments.

Fifth, he felt, focused, and dwelt on the dignity and tragedy of sinful human beings rather than their grossness and nastiness.

Sixth, he linked the passion for orthodoxy with a life of love to others as the necessary expression of gospel truth, and censured the all-too-common unlovingness of front-line fighters for that truth, including the Presbyterian separatists with whom in the thirties he had thrown in his lot.

Seventh, he celebrated the wholeness of created reality under God, and stressed that the Christian life must be a corresponding whole—that is, a life in which truth, goodness, and beauty are valued together and sought with equal zeal. Having these emphases institutionally incarnated at L’Abri, his ministry understandably attracted attention. For it was intrinsically masterful, and it was also badly needed.

So hat Packer den Menschen Schaeffer, »einen der wirklich großartigen Christen seiner Zeit«, beschrieben:

He was physically small, with a bulging forehead, furrowed brow, and goatee beard. Alpine knee-breeches housed his American legs, his head sank into his shoulders, and his face bore a look of bright abstraction. Nothing special there, you would think; a serious, resolute man, no doubt, maybe a bit eccentric, but hardly unique on that account. When he spoke, his English though clear was not elegant, and his voice had no special charm; British ears found it harsh, and if stirred he would screech from the podium in a way that was hard to enjoy. Nevertheless, what he said was arresting, however he might look or sound while saying it. It had firmness, arguing vision; gentleness, arguing strength; simple clarity, arguing mental mastery; and compassion, arguing an honest and good heart. There was no guile in it, no party narrowness, no manipulation, only the passionate persuasiveness of the prophet who hurries in to share with others what he himself sees.

Augustinus: Vater der abendländischen Theologie (Teil 4 – Schluss)

Seit der Zeit des Kaisers Augustus war Rom die ewige Stadt. Als religiöses und politisches Zentrum des Reiches galt Rom als unbesiegbar. Inzwischen war die offizielle Politik im Römischen Reich christlich geprägt und viele Christen glaubten, Rom sei ein bleibende Stadt. Rom war für sie die Stadt mit den Gräbern der Apostel Petrus und Paulus und religiöses Zentrum der Christenheit. Für die christlichen »Reichstheologen« waren das Römische Reich und das Christentum damit zwei Seiten einer Medaille.

Von hier aus wird Unruhe verständlich, die nach dem Fall von Rom auf christlicher Seite aufkam. Musste der Sturz Roms nicht auch den Untergang des Römischen Reiches und zwangsläufig auch das Ende der Reichskirche mit sich bringen? Als Hieronymus und andere Kirchenlehrer jetzt klagten, dass die Welt ihrem Ende zugehe, ergriff Augustinus öffentlich das Wort:

Schaut her, sagen sie, Rom fällt, und es fällt auch das Christentum. Aber bei der christlichen Religion geht es doch nicht um den Zustand einer Stadt. Es geht dabei doch nicht um Steine und Holz oder schöne Gebäude und Mauern. Das, was der Mensch baut, zerstört er auch. Das ist nichts Neues.

Hier der letzte Teil der DLF-Reihe über den Kirchenvater Aurelius Augustinus:

Augustinus: Vater der abendländischen Theologie (Teil 2)

Im Herbst 384 trat Augustinus in Mailand seine Stelle als Rhetoriker an. Er hatte inzwischen seine Lebensgefährtin und seinen Sohn nach Mailand nachkommen lassen, um nun mit ihnen in der neuen Umgebung zusammenzuleben. Allerdings hatte Augustinus die Rechnung ohne seine Mutter Monnica gemacht. Sobald sie von dem Umzug ihres Sohnes erfahren hatte, reiste auch sie ihm von Nordafrika nach Mailand nach. Sie wollte sich nicht damit zufrieden geben, dass Augustinus sich ihrem Einfluss entzogen hatte.

Hier Teil 2 der DLF-Reihe über Augustinus, die seine Karriere am kaiserlichen Hof von Mailand in den Mittelpunkt stellt:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2010/12/28/dlf_20101228_0948_26139f94.mp3[/podcast]

Der zeitlose Kohlbrügge

Der Biograph H.K. Hesse schreibt über Hermann Friedrich Kohlbrügge (Hermann Klugkist Hesse, Hermann Friedrich Kohlbrügge, Barmen 1935, S. 384f., zitiert nach Helmut Thielicke, Der Evangelische Glaube, Bd. 1, S. 20):

Es ist merkwürdig, wie wenig die »Zeit« ihr Echo bei diesem Mann gefunden hat. Welch einen glänzenden Aufschwung nahm in seinen Zeiten die Wirtschaft! Man denke an die umwälzenden Wirkungen des Eisenbahnnetzes in Deutschland, der Dampfschiffahrt …, an den Höhenflug der Naturwissenschaft …, der Technik und ihrer Fortschritte, die unerhörtes Gelingen versprachen. Man erwäge, wie die soziale Bewegung in Kohlbrügges Zeit fiel … Das alles hat ihn kaum berührt. Nicht weil er ein unlebendiger, wenig aufgeschlossener Mensch gewesen wäre, sondern trotzdem er eine Harfe mit vielen Saiten in seinem Herzen trug. Sie kamen nicht in Bewegung. Er … ging in seinen Predigten an der Kultur, auch an der Kultur des Protestantismus, vorüber, als ginge sie ihn nichts an … Er hatte das Wort zu künden.

Ken Wilbers »I’mness«

Ken Wilber ist nicht nur ein großer Guru innerhalb der Szene für Integrale Religiosität, sondern auch Impulsgeber für die Emerging Church-Bewegung. Brian McLaren empfiehlt seine Bücher. Rob Bell, Hauptredner auf dem Willow Creek JUGENDPLUS-KONGRESS im Mai 2011, überschlägt sich mit Lob für Wilbers Buch Eine kurze Geschichte des Kosmos (Velvet Elvis, S. 192, Endnote 143):

For a mind-blowing introduction to emergence theory and divine creativity, set aside three months and read Ken Wilber’s A Brief History of Everything.

Wer gern einen Blick auf Wilbers Theorie des »Ich bin« werfen möchte, kann sich diesen Vortragsmitschnitt anschauen:




Sehr interessant finde ich einen Beitrag von Frank Visser über das Universum von Ken Wilber. Visser steht von der Tradition von Wilber und schrieb sogar eine Biografie über ihn. Der Theosoph hat sich aber inzwischen von Wilber distanziert und vertritt einen selbstkritischeren Ansatz der integralen Spiritualität. Warum? Er erklärt es in diesem Video:

Grenzgänger der Liebe: Karl Barth und Paul Tillich

Dogmatik und Ethik gelten als Geschwister. Wer ein hochgelehrter Theologe ist, muss aber noch lange nicht üblichen Konventionen genügen. Zwei prominente Theologen des 20. Jahrhunderts, Karl Barth und Paul Tillich, waren verheiratet, fühlten sich aber gleichzeitig von anderen anderen Frauen angezogen. Sie lebten mit diesen mehr oder weniger offen auch in Beziehungen. Ein Widerspruch zu ihrem theologischen Leben und Denken? Sie waren bemüht, auch diesen Bereich ihres Lebens theologisch zu begründen.

Hier geht es zu der Bayern 2-Radiosendung »Grenzgänger der Liebe« von Claudia Christophersen:

[podcast]http://cdn-storage.br.de/mir-live/bw1XsLzS/bLQH/bLOliLioMXZhiKT1/MUJIuUOVBwQIb71S/Mw1ls6i6BU1S/_-8c9A4y/uLoXb69zbX06/100815_0830_Evangelische-Perspektiven_Grenzgaenger-der-Liebe-Karl-Barth-und-Paul-.mp3[/podcast]

Das Manuskript zur Sendung gibt es hier: BR-online-Publikation-ab-01-2010–186892-20100813100136.pdf.

VD: HB

Die Bedeutung der Inspiration für die Autorität der Schrift bei Calvin

Shin Hye Yang hat an der Humboldt Universität zu Berlin über das Thema: »Die Bedeutung der Inspiration für die Autorität der Schrift bei Calvin« promoviert (Anlass gaben Kontroversen in der süd-koreanischen presbyterianischen Kirche). Shin Hye Yang widerspricht in seiner Arbeit B.B. Warfield, J.I. Packer, R. Nicole und vielen anderen, die davon ausgehen, dass Calvin an eine wörtliche Inspiration der biblischen Schriften glaubte.

Die Überprüfung der Argumente, die in der Forschung zum Beweis von Calvins Überzeugung von der inspirierten Unfehlbarkeit des Textes der Schrift vorgebracht werden, hat ergeben, dass die Belege, die herangezogen werden, diese Argumente nicht tragen.

1) Calvins Reden vom dictare des Heiligen Geistes und von den biblischen Verfassern als Werkzeugen, Sekretären oder Schreibern dieses Geistes legt den Ton darauf, dass der allem menschlichen Zeugnis vorangehende Gott der Urheber der Schrift ist. Die Autorität der Schrift stammt von ihm, indem er durch seinen Geist Menschen antreibt, seinem Willen entsprechend das von ihm Empfangene aufzuschreiben. Er fordert dabei den Gehorsam von Menschen als von ihm Beauftragten und sorgt durch seine Vorsehung dafür, dass sie seiner Herrschaft und ihrem Ziel dienen. Es ist aber nicht erkennbar, dass Gott im Sinne Calvins damit den Buchstaben und Wörtern, welche diese Beauftragten verwenden, eine ihnen immanente göttliche Qualität verleiht. Auch daraus, dass das dictare die Aufforderung an die biblischen Verfasser impliziert, nichts Eigenes hinzuzufügen, ist nicht mit W. Krusche zu folgern, dass die Inspiration auch die Form der Schrift betrifft.

2) Wie ich unter 3.2. schon summiert habe, leitet die Unterscheidung zwischen einem inspirierten unfehlbaren Urtext der Bibel und fehlerhaften Abschriften Calvins Umgang mit Fehlern und Versehen in vorliegenden Texten nicht.

3) In der Bibel berichtete Wunder und Weissagungen sowie die Überlieferungsgeschichte der Heiligen Schrift unterstützen nach Calvin die Glaubwürdigkeit und die Autorität der Schrift. Sie unterstreichen das ungewöhnliche und unbegreifbare Handeln Gottes, von dem die Texte berichten, verleihen der schriftlichen Form, in der das geschieht, aber keinen göttlichen Charakter. Dennoch gehören sie zur Verwirklichung des Heilswillens Gottes, für den Gott mit seiner allmächtigen Vorsehung sorgt, indem er Menschen für das Aufschreiben seines Handelns und das Überliefern der Schriften durch seinen Geist in Anspruch nimmt. Diese Schriften gehören darum in den dynamischen Prozess hinein, in dem Gott die Geschichte der erwählten Menschheit zu ihrem eschatologischen Ziel führt.

Obwohl mich Shin Hye Yang mit seiner These nicht überzeugt, bietet die Dissertation eine Menge Quellenmaterial und »Denkstoff«. Ich hoffe, dass sich bald jemand intensiv mit dem Ertrag auseinandersetzt und (vielleicht sogar) eine Antwort formuliert.

Die Dissertation kann hier heruntergeladen werden: yang.pdf.

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