Theologie

Warum Pastorin Nadia Bolz-Weber für das Abtreibungsrecht kämpft

Nadia Bolz-Weber ist in Deutschland keine Unbekannte. Die lutherische Gemeindegründerin und Pastorin ist etwa mit Christina Brudereck aufgetreten, der Brendow Verlag hat eines ihrer Bücher veröffentlicht, die ZEIT sprach wohlwollend mit ihr über den Reformstau in der Kirche. Tobias Faix ist von dieser wortstarken und tollen Frau begeistert, das MEDIENMAGAZIN PRO berichtete sogar davon, dass laut Nadia Bolz-Weber deutlicher über Sünde gesprochen werden müsse.

Reden wir über Sünde.

Nadia Bolz-Weber hat ein neues Buch geschrieben und ich vermute, es wird demnächst in den christlichen Buchläden Europas landen. Es verkauft sich in den USA bereits blendend. Sex sells. In Shameless: A Sexual Reformation tritt sie als Sexualreformerin auf und beschreibt, wie konservative christliche Normen rund um die Sexualität die Gläubigen in jedem Aspekt ihres Lebens beeinflussen, sagen wir besser: „beschädigen“.

Die progressiven Rezensenten werden jubeln. Endlich stellt mal wieder jemand die „strenge“ christliche Sexualethik auf den Prüfstand und ermutigt zu mehr experimenteller Freiheit (vgl. Die „Neue-Sex-Perspektive“).

Die Freiheit, die Nadia Bolz-Weber einfordert, hat freilich ihren Preis. Gezahlt wird dieser von den Schwächsten, etwa von den Ungeborenen, die bei einem Schwangerschaftsabbruch getötet werden. Die grenzenlose Gnade, die Nadia Bolz-Weber so gern predigt, stößt an Grenzen, wenn es um die uneingeschränkte Selbstentfaltung sexuellen Begehrens geht. Den kleinen Kindern, die sich nicht wehren können, gilt sie nicht. Pastorin Bolz-Weber, die selbst abgetrieben hat und ihre Entscheidung nicht bereut, ist Aktivistin der Pro-Choice Bewegung und plädiert leidenschaftlich für das Recht auf Abtreibung.

Sie tut das bewusst als Christin und begründet ihre Position theologisch: In 1. Mose heißt es nämlich, dass der Mensch genau dann eine lebendige Seele wurde, als Gott ihm den Odem in seine Nase geblasen hat. Es muss also einen Zusammenhang zwischen Menschsein und Atem geben. „Diese Idee, dass Leben und Atem miteinander verbunden sind, ist etwas, woran die Menschen festhalten können, wenn sie immer noch eine Bindung an das jüdisch-christliche Denken haben.“ Der Mensch ist erst ein Mensch, wenn er atmet und so könne eine Frau bis zu dem Moment, in dem das Kind nach Luft schnappt, entscheiden, „ob sie die Schwangerschaft durchzieht oder nicht“, sagte sie im Januar 2019 in einem Interview mit NPR.

Miese Exegesen können fatale Konsequenzen haben. Oder: Wie gern instrumentalisieren wir doch die Heilige Schrift für unsere unheiligen Interessen.

Das ist die gleiche Argumentationslinie, mit der Hillary Clinton an die Öffentlichkeit ging: „Eine ungeborene Person hat keine verfassungsmäßigen Rechte“. Die Begründung ist freilich unchristlich. Um es mal mit Karl Barth zu sagen: „Das ungeborene Kind ist nämlich vom ersten Stadium an ein Kind, ein noch keimender, noch unselbständig lebender Mensch, aber ein Mensch, kein Etwas, nicht nur ein Teil des Mutterleibes“ (KD, § 55 Freiheit zum Leben, S. 473).

Warum die Befürwortung des Schwangerschaftsabbruchs nicht mit der Entmenschlichung eines Ungeborenen begründet werden sollte, erklären Jonathan Leeman und Matthew Arbo in ihrem Beitrag: „Why Abortion Makes Sense“.

Die Evangelikalen: Weder einzig noch artig

Jürgen Mette meint in seinem Buch Die Evangelikalen: Weder einzig noch artig – Eine biografisch-theologische Innenansicht, die Krise der evangelikalen Bewegung sei hausgemacht. Das Problem seien vor allem die eigenen Richtungsstreitigkeiten. Das große Ganze trete in den Hintergrund, es herrschten Individualismus und Separatismus.

Er selbst gibt seiner Sehnsucht nach Vielfalt und Wachstum wie gewohnt leidenschaftlich Ausdruck. Ohne große Schmerzen ist er dabei bereit, für einen „modernen“ Aufbruch den Verzicht auf Glaubensinhalte, die für das Christentum naturgemäß dazugehören, hinzunehmen, etwa Jungfrauengeburt, Sühneopfer oder leibliche Auferstehung. Die Lösung geht also in die Richtung: breiter werden.

Ich reagiere auf solche Vorschläge mit einer gewissen Trauer und muss zugleich schmunzeln. Wohin eine Theologie der versöhnten Vielfalt führt, können wir nämlich an den deutschen Landeskirchen ablesen. Aufgrund ihres Profilverlustes steuern sie geradewegs in die Bedeutungslosigkeit hinein. Hansjörg Hemminger sagte kürzlich im Materialdienst der EZW (1/2019, S. 4) über die empirischen Gründe:

Wirksam sind, soweit empirische Daten dazu vorliegen, zwei miteinander verbundene Megatrends: der gesellschaftliche Geltungsverlust der Kirchen als Institutionen (Entkirchlichung) auf der einen Seite, der weltanschauliche Plausibilitätsverlust einer religiösen Lebensorientierung (Entreligionisierung) auf der anderen Seite. Evelyn Finger brachte es schon 2017 auf den Punkt: „Warum rennen die anderen trotzdem davon? Natürlich, weil viele nicht mehr an Gott glauben und weil es sozial kaum mehr sanktioniert ist, dies offen zuzugeben … Ist dieser Trend unumkehrbar? Manches spricht dafür.“

Viele Probleme der Evangelikalen sind in der Tat hausgemacht. Vielleicht liegen aber die Ursachen ganz woanders als wie Mette vermutet: Der enorme theologisch-geistliche Substanzverlust unter den Evangelikalen hat zu einer inneren Verunsicherung geführt, so dass kaum noch mit Überzeugung und Freude missioniert wird. Die Evangelikalen schwimmen mit dem Strom. Sie haben den Menschen nichts mehr zu geben, was diese in ihrer Kultur nicht sowieso vorfinden. Was uns weiterbrächte, wäre eine denkerische Aufarbeitung der Verunsicherung und eine daraus resultierende konfrontative und missionarische Ausstrahlung. Doch davon sind wir weiter entfernt als noch vor 20 Jahren.

Ich will zwei Rezensionen zum Buch Die Evangelikalen empfehlen. Daniel Facius hat für den Bibelbund die Besprechung „Segmentiert, amputiert, ramponiert?“ veröffentlicht. Er schreibt dort:

Und noch ein Weiteres muss verwundern: das fast völlige Fehlen einer Auseinandersetzung mit der „Wahrheit“. Mette schreibt viel über Gnade und Liebe, geht aber kaum darauf ein, dass Jesus gekommen ist, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben (Joh 18,37) und seine Gemeinde als Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit baut (1Tim 3,15). Wer ernsthaft an einer Beilegung von innerevangelikalen Streitigkeiten interessiert ist, muss sich vordringlich mit dem Problem befassen, wie sich Liebe und Gnade und Wahrheit zueinander verhalten. Nicht jede inhaltliche Auseinandersetzung, nicht jede Kritik ist nämlich per se „ungnädig“. Auch scheint Mette die Frage des Schriftverständnisses als zweitrangig aufzufassen. Schon damit wird er auf entschiedenen Widerspruch bei den Bekenntnis-Evangelikalen stoßen (müssen), die übrigens zu Recht darauf hinweisen, dass ein Nachfolger Jesu auch und gerade von dessen Schriftverständnis lernen sollte, in dem für die „Option des Unglaubens“ keinerlei Raum ist. Ohne eine gemeinsame Überzeugung von der Bedeutung und Qualität der Grundlage (!) des christlichen Glaubens, der Heiligen Schrift, wird man zwar gnädig und liebevoll diskutieren, zu einer wirklich vertieften Einheit aber kaum kommen können.

Des Weiteren empfehle ich eine Rezension, die „Chilla“ bei Amazon veröffentlicht hat. Es heißt dort:

Einige seiner Kritikpunkte an diesen Bibeltreuen sind sehr nachvollziehbar: Etwa, dass die besten Bibelkenner oft auch die größten (und lieblosesten) Rechthaber sein können. Oder, dass von den „gegnerischen“ Positionen häufig Zerrbilder gezeichnet werden – Strohmänner, die sich leichter anzünden lassen. Selbst seine Ermahnung, dass die Bibeltreuen eigentlich die größten Bewahrer der Schöpfung sein müssten, sich auf diesem Feld aber erstaunlich wenig hervortun, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Es gibt also sicher so manches, was bibeltreue Christen aus diesem Buch für die kritische Selbstreflexion mitnehmen können (und sollten!).

Bühne äußert Unverständnis darüber, wie Mette jene als Glaubensgeschwister sehen kann, die „die Jungfrauengeburt, das Sühneopfer Jesu und seine leibliche Auferstehung offen leugnen oder umbiegen“ (S. 156). Mettes direkte Antwort auf diesen Vorwurf: „Männer und Frauen, die Jesus als Herrn bekennen, sind meine Brüder und Schwestern. Damit mache ich mich nicht eins mit ihren theologischen Extravaganzen.“ (ebd.) Dass er die Ablehnung solcher fundamentaler Glaubensinhalte als „theologische Extravaganzen“ ansieht, macht deutlich, wie anders er die Bibel versteht. Entscheidend fürs Christsein ist nicht, ob jemand zentrale biblische Glaubensinhalte teilt, sondern lediglich ob er sich in irgendeiner Weise zu Jesus bekennt. An diesem Punkt wird dann auch verständlich, warum es so schwer (ja eigentlich unmöglich) für ihn ist, echte Brücken zum „bibeltreuen“ Lager zu bauen. Beide Seiten sehen die Bibel als „Wort Gottes“ an, verstehen darunter aber etwas völlig anderes. Und so bleibt Mette nur die Flucht in die Polemik und die Hoffnung, dass einige von ihrem angestaubten Bibelverständnis bekehrt werden.

Tod auf Verlangen liegt im Trend

Die Zeitschrift THE GUARDIAN meldet, dass 2017 in den Niederlanden weit über ein Viertel aller Todesfälle auf Formen der Sterbehilfe zurückzuführen ist.

Im Jahr 2002 legalisierte das Haager Parlament die Sterbehilfe für Patienten, die „unerträgliche Leiden ohne Aussicht auf Besserung“ erleiden. Seitdem werden die Euthanasie und assistierte Sterbehilfe, bei dem der eine den Selbstmord des anderen erleichtert, von Belgien und Kanada begrüßt, während die öffentlich zustimmende Meinung in vielen Ländern, in denen sie nicht im nationalen Recht steht, wie Großbritannien, den USA und Neuseeland, stark zugenommen hat.

Die Dynamik der Euthanasie scheint unaufhaltsam; nach Kolumbien im Jahr 2015 und dem australischen Bundesstaat Victoria im Jahr 2017 könnte Spanien die nächste große Gerichtsbarkeit für die Legalisierung des ärztlich unterstützten Todes sein, …

Hier das Essay „Death on demand: has euthanasia gone too far?“: www.theguardian.com.

Gefahren identitätsbasierter Medizin

Katherine Cave ist die Mutter eines trans-identifizierenden Teenagers. Gender-Kliniker überzeugten sie, den Übergang ihrer Tochter zu unterstützen, bis sie die Gefahren der identitätsbasierten Medizin und der Geschlechteridentitätsideologie erkannte. Katherine Cave ist übrigens ein Pseudonym zum Schutz der Privatsphäre ihrer Tochter.

Sie schreibt:

Was könnte an einem Gesetz, das „Gleichheit“ verspricht, falsch sein? Welche möglichen Verletzungen könnten sich aus dem Verbot diskriminierender Praktiken ergeben? Während diese Gesetze zunächst harmlos erscheinen mögen, haben sich die schädlichen Folgen der Missachtung der Realität geschlechtsspezifischer Unterschiede in Staaten und Ländern gezeigt, in denen Gesetze und Richtlinien der „geschlechtsspezifischen Identität“ bereits Auswirkungen auf Kinder, Gesundheitsversorgung und geschlechtsspezifische Räume haben. Kinder und Frauen haben am meisten gelitten.

Das ist keine Gleichheit.

Ich fordere alle auf, sich zu äußern und den Gesetzgeber zu bitten, die Auswirkungen der Einbeziehung der „geschlechtsspezifischen Identität“ in das Gleichstellungsgesetz kritisch zu hinterfragen. Wir müssen handeln, bevor mehr Menschen durch diese ideologisch getriebene „gender identity“-Bewegung geschädigt werden. Wir brauchen keine weiteren Opfer. Meine Tochter ist schon ein Opfer zu viel.

Mehr: www.thepublicdiscourse.com.

Einführung in die „Christozentrische Seelsorge“

Csm 2019 1 Seelsorge ed47f3db38Vom 10.–15. März 2019 werden wir in Friedrichshafen am Bodensee einen Einführungskurs zur „Christozentrischen Seelsorge“ anbieten. Folgende Themen sind geplant:

  • Einführung in die christozentrische Seelsorge (I bis V)
  • Sei ein Friedensstifter: Konfliktlösungen in der Gemeinde

Der Einführungskurs wurde für den Einstieg in die „Christozentrische Seelsorge“ entwickelt. Es geht um Grundlagen, auf die in den Aufbaukursen und Vertiefungskursen immer wieder zurückgegriffen wird. Ergänzt wird das Angebot durch eine Einführung in das Modul „Seelsorge an der eigenen Seele“ (SaS) sowie die „Gesprächsdokumentation“ (Ron Kubsch, Thomas Jeising. Lilia Stromberger). Eric Sollberger aus der Schweiz wird einen Tag zum Thema „Konfliktlösungen in der Gemeinde“ gestalten.

Mehr Informationen und eine Anmeldemöglichkeit finden Sie hier: www.bucer.de.

Klaus Vollmer: Gemeinde kennt keine Stars

Klaus Vollmer, Die Gemeinde kennt keine Stars (Alte Wege – neu entdeckt, 1975, S. 35–37):

Das Neue Testament spricht an keiner Stelle von besonderen Methoden und Praktiken, die besonders erfolgreich seien. Es spricht auch nicht von bedeutenden Mitarbeitern, die alles richtig gemacht hätten und die man nur noch nachzuahmen brauche. Nein, und das Folgende ist würdig, daß man dem gründlich nachdenkt: die Botschaft der Heiligen Schrift spricht eindeutig und überaus häufig von der Gemeinde! Das Neue Testament spricht von dem unverfügbaren Geheimnis der Gemeinde Jesu, das darin liegt, daß kein menschliches Wollen bei der Gründung am Werke war und daß keine menschliche Instanz in der Lage ist, sie zu vernichten, und daß der auferstandene Herr es selbst ist, der seine Gemeinde bis zur ewigen Herrlichkeit erhalten und vollenden wird.

Die Gemeinde kennt keine Stars, die es besonders gut machen, sondern sie spricht von Dienern und Sklaven, die um Jesu willen nicht mehr anders können, als sich dieser Gemeinde hinzugeben! Und derjenige wird der Größte genannt, der bereit ist, die untersten und niedrigsten Dienste anzunehmen. Die Gemeinde, der gedient werden soll und der ganz gewiß immer gedient werden wird — dafür sorgt der Herr selber —, hat nichts Großartiges und Faszinierendes an sich. Sie ist die Gemeinschaft von Menschen, die in der Vergebung ihrer Sünden jenen Frieden erfahren haben, von denen eine Welt noch nicht zu träumen wagt. Die Gemeinde hat kein attraktives Aussehen, denn diese Welt ist von lauter Selbstherrlichkeiten bevölkert, die wenig Interesse an Menschen der Demut und des inneren Friedens haben.

Aber in dieser Gemeinde wohnt die Gegenwart des Heilands und des Herrn über die ganze Welt. Und nicht die Völker geben der Gemeinde Platz und Recht zum Leben, sondern es ist die Gemeinde, die dieser Welt die Hoffnung und die ewige Rettung zu geben vermag. Nicht die Welt zeigt das Ziel der Geschichte an, sondern es ist die Gemeinde, die der Welt den Weg in die Heimat zu zeigen weiß. Es sind nicht die Mächtigen, die einer Welt in ihren großen Lebensfragen helfen können, nein und tausendmal nein, sondern es ist die Gemeinde, die jenes Geheimnis in sich erfährt, das allein die Nöte der Menschheit zu lösen vermag.

Vom Krieg der Worte in der Abtreibungsdebatte

Charles C. Camosy, Vorstandsmitglied bei den „Democrats for Life of America“, ist außerordentlicher Professor an der Fordham University und versucht, Abtreibungsgegner und -beführworter an einen Tisch zu bringen. In einem Beitrag für die NYT hat er auf die Bedeutung der Sprache in den Debatten um das Lebensrecht von Ungeborenen aufmerksam gemacht.

Er schreibt dort:

Der Kampf in der Abtreibungsdebatte ist in vielerlei Hinsicht ein Kampf um die Sprache. Ich bin zum Beispiel „Pro-Life“. Ich unterstütze nachdrücklich die Rechte und den Schutz von Müttern und Kindern, einschließlich pränataler Kinder und anderer gefährdeter Bevölkerungsgruppen. Ich möchte, dass die Gesetze unseres Landes auch diese Menschen schützen. Meiner Meinung nach macht mich das zu einem Lebensschützer. Deshalb benutze ich den Ausdruck „pränatales Kind“, wo andere Leute einfach „Fötus“ sagen würden.

Nach Ansicht dieser Menschen und der Mainstream-Nachrichtendienste bin ich allerdings kein Lebensschützer, sondern jemand, der gegen Abtreibung ist. Diese Sprache erlaubt es Kritikern, mich und andere Lebensschützer als von einem bestimmten Anliegen Besessene erscheinen zu lassen, was wir nicht sind.

In den letzten Jahren haben sich die Verteidiger von Abtreibungsrechten von der Verwendung neutraler Begriffe wie „Autonomie“ und „Wahl“ verabschiedet und nutzen eine positive, stigmatisierungstolerante Sprache. Gruppen wie „Planned Parenthood“ sprechen jetzt von „Abtreibungsfürsorge“ (engl. abortion care). … Plakate, die von Unterstützern der Abtreibungsrechte aufgestellt wurden, sagen stolz, dass Abtreibung ein „Familienwert“ ist.

Hier der Beitrag: www.nytimes.com.

Die Grenzen des Kulturrelativismus

Während der Universalismus davon ausgeht, dass es eine allgemein gültige Ethik oder ein Moralgesetz gibt, die oder das für alle Menschen und Situationen gilt, schränkt der Kulturrelativismus die Anwendbarkeit ethischer Kategorien auf die Kultur ein, die sie hervorgebracht hat.

Prominent wurde der Kulturrelativismus durch den deutschstämmigen US-amerikanischen Ethnologen Franz Boas. Seiner Meinung nach ist jede Kultur relativ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen. Er entwickelte dementsprechend einen historischen Partikularismus. Danach hat jede Kultur ihre eigene Geschichte und Entwicklung. Man solle nicht versuchen, eine allgemeine Kulturtheorie zu entwerfen oder gar alle Ethnien usw. in das Korsett einer Kultur zwingen.

Boas hat mit seinen Forschungen und Thesen dem Postmodernismus Vorschub geleistet. Der Postmodernismus wendet sich gegen das Ideal der Einheit (Krieg dem Ganzen) und hat die Zersplitterung von moralischen Vorstellungen und Wahrheitskonzepten akzeptiert und gar befördert.

Der Kulturrelativismus ist ein wichtiger Bestandteil des Multikulturalismus. Oder anders ausgedrückt: Der Multikulturalismus beruft sich darauf, dass jede Kultur ihr eigenes Recht hat und widersteht der Gleichmacherei. Mit den Argumenten des Kulturrelativismus wurden etwa Forderungen nach einer Leitkultur dekonstruiert. Die Annahme oder Schaffung einer Leitkultur setzt nämlich voraus, dass bestimmte Überzeugungen, Regeln, Grundwerte usw. anderen überlegen sind.

Allerdings zeigt sich, dass der Kulturrelativismus gewisse Probleme schafft und sich kaum konsequent umsetzen lässt. So überrascht es nicht, dass Vertreter des Kulturrelativismus darauf drängen, bestimmte Werte für alle Kulturen verbindlich zu machen. In den Debatten zum Klimawandel wird beispielsweise eine Drohkulisse für die gesamte Menschheit aufgebaut, um globale Regeln zu legitimieren.

Ein anderes aktuelles Beispiel stammt aus der Ethnologie. In der Regel zählen Ethnologen zu den entschiedenen Verteidigern des Kulturrelativismus. Susanne Schröter, Professorin für Ethnologin und Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam in Frankfurt, erkennt aber an, dass es notwendig ist, dem Kulturrelativismus, den sie verteidigt, gewisse Grenzen zu setzen. In einem Interview mit der NZZ sagte sie kürzlich:

Viele fragen sich, ob sie sich überhaupt einmischen dürfen in andere Kulturen. Diese Haltung basiert unter anderem auf dem Kulturrelativismus, den die Ethnologie hervorgebracht hat. Franz Boas, einer der ethnologischen Gründungsväter, war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der Ersten, die Europa nicht als Krönung der Zivilisation verstanden haben. Alle Kulturen seien gleichwertig. Das war eine revolutionäre Sichtweise, die dem herrschenden Rassismus und Überlegenheitsdünkel etwas entgegengesetzt hat – und letztlich eine wichtige und gute Entwicklung, denn die Ethnologie begann ja als Kolonialwissenschaft. Seitdem hat sich allerdings vieles getan. Die Menschenrechte wurden verabschiedet. Dazu gehören die Frauenrechte und die Rechte auf sexuelle Selbstbestimmung. Das setzt dem Kulturrelativismus Grenzen. Gewalt gegen Frauen kann und darf niemals gerechtfertigt werden.

Es geht darum, realistische Bedingungen zu schaffen für das Zusammenleben und über Regeln nachzudenken. Das haben wir ja bisher nicht gemacht. ‚Anything goes‘ war das Credo der freien Gesellschaft. Aber im Zusammenprallen mit Menschen aus autoritär-patriarchalischen Strukturen, in denen auch Gewalt legitimiert wird, hilft das nicht weiter. Wir müssen klar sagen, dass unsere Werte und emanzipativen Errungenschaften nicht verhandelbar sind. Wer sich daran nicht halten will, muss wieder gehen.

Solche Beobachtungen lassen mich darüber staunen, dass das jüdisch-christliche Weltbild sowohl vor einem Kollektivismus als auch vor dem Individualismus schützt, da es universalistisch ist und zugleich das partielle Recht von Kulturen schätzt. Ausgewogen eben.

Hier das vollständige Interview: nzzas.nzz.ch.

Augustinus-Lexikon (AL) als Online-Datenbank verfügbar

MediaDas von Fachleuten sehr geschätzte Augustinus-Lexikon ist nun auch online erreichbar. Das Zentrum für Augustinusforschung an der Universität Würzburg schreibt:

Das Augustinus-Lexikon ist ein maßgeblicher Meilenstein in der Erschließung von Augustinus und gilt als eine der wichtigsten Publikationen zur Erforschung der Spätantike. Es liefert eine umfassende Darstellung des Lebens und Denkens, der Schriften sowie des zeitgenössischen Kontexts des nordafrikanischen Rhetors, Philosophen und wirkungsgeschichtlich wohl bedeutsamsten Theologen Augustinus von Hippo (354–430). Das Lexikon, verfasst unter Mitarbeit international anerkannter Augustinus­-Spezialistinnen und -Spezialisten unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen, wird ca. 1100 Lemmata umfassen. Es verwendet ausschließlich lateinische, der Sprache Augustins entnommene Stichwörter und zitiert bedeutende Augustinus­-Texte wörtlich. Die Artikel erscheinen in deutscher, englischer oder französischer Sprache und enthalten ausführliche Bibliografien. Als Datenbank wird zuerst der Inhalt der vier bereits abgeschlossenen Bände verfügbar sein. Die letzten beiden noch ausstehenden Doppelfaszikel sowie der Registerband werden in den nächsten Jahren parallel zur gedruckten Fassung onlinegestellt. Geplant ist zudem eine digitale Augustinus­-Plattform, auf der das Augustinus-Lexikon, das Corpus Augustinianum Gissense und die Datenbank der Augustinus-Sekundärliteratur miteinander verlinkt werden.

Qualitätsmerkmale

• Eine der wichtigsten Publikationen zur Erforschung der Spätantike jetzt als online-Datenbank

• Umfasst ca. 1100 lateinische Lemmata mit Artikeln in deutscher, englischer oder französischer Sprache, umfangreiche Bibliografien und wörtliche Zitate aus bedeutenden Augustinus-Texten

• Intelligente Volltextsuche mit Anzeige der Fundstellen und Verweis auf verwandte Artikel

• Einfaches Zitieren durch Exportmöglichkeiten in gängige Literaturverwaltungssysteme (RIS-format)

• Online-Verfügbarkeit der vier abgeschlossenen Bände mit automatischer Aktualisierung bis zum Abschluss des fünfbändigen Lexikons

Eine Einzelplatzlizenz kostet im ersten Jahr € 290,-. Wer dran bleibt, erhält in den Folgejahren Vergünstigungen (hier die genauen Konditionen).

Beim Schwabe-Verlag gibt es die Startseite des Augustin-Lexikons: www.schwabeonline.ch.

Albrecht Ritschls Soteriologie

Klaus Bockmühl über die Erlösungslehre von Albrecht Ritschl (Verantwortung des Glaubens im Wandel der Zeit, 2001, S. 49):

Wir sehen Schleiermacher wie einen Schatten über allen theologischen Gedanken Ritschls liegen. Wie Schleiermacher, so entfernte auch Ritschl ausdrücklich den Gedanken vom Zorn Gottes aus der Theologie. Wie Schleiermacher, so verwarf auch er die Lehre von der Erbsünde als eine unmögliche Vorstellung. Zentraler Inhalt der Eschatologie war für ihn der Gedanke des ewiges Leben bereits im Diesseits. Das ewige Leben ist also nicht eine Ordnung der Zukunft, sondern Qualität des jetzigen Lebens. Und die Erlösung? Die traditionelle Ordnung der Erlösung (etwa: Berufung, Erlösung, Rechtfertigung, Wiedergeburt, Heiligung) reduzierte Ritschl auf die Kindertaufe: In dem Augenblick der Taufe finden sich alle diese übrigen Gegebenheiten ein. Er verwarf die traditionelle Ordnung der Erlösung durch das Etikett „Methodismus“.

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