Praktische Theologie

T. Tennant: Schluss mit der Kontextualisierung

Der Missionswissenschaftler Tim Tennant hält den Begriff „Kontextualisierung“ inzwischen für so untauglich, dass er es für angemessen hält, den Begriff durch das Wort „Übersetzung“ (engl. „Translation“) auszutauschen. Schon 2010 hat er in seinem Buch Invitation to World Missions: A Trinitarian Missiology for the Twenty-First Century  geschrieben:

Heutzutage verwenden einige Kontextualisierung, um die Idee zu verbreiten, dass ebenso wie Latinos die  Befreiungstheologie haben, die Koreaner eine ming jung-Theologie entwickeln sollten, Frauen eine feministische Theologie, die Farbigen eine farbige Theologie, Inder eine Dalit-Theologie, und so weiter. Doch jede authentische Theologie muss nicht nur die Erkenntnisse der eigenen Besonderheit hochhalten, sondern auch das Allgemeine, das von allen Christen überall geteilt wird, spiegeln. Wie Andrew Walls gesagt hat: „Der Herr der Heerscharen ist kein territorialer Baal.“ Wenn Jesus wirklich Gott ist, dann ist er Herr von uns allen; wir sind alle Glieder des gleichen Leibes.

Mehr bei Nicholas McDonald: scribblepreach.com.

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Gott-ständiges Leben

Ein umwerfendes Zitat von Emil Brunner (Das Gebot und die Ordnungen, 1939, S. 64):

Das ist der Glaube, daß der Mensch nunmehr sich, sein Leben, sein Selbst als ein Leben von Gott her, nicht mehr als ein Leben zu Gott hin weiß. Daß im Menschen diese Umdrehung der Lebensrichtung um 180 Grad, diese Umkehrung oder Bekehrung stattfindet, das ist die Wiedergeburt, die göttliche Setzung des neuen Menschen. Daß aber diese Wiedergeburt als Bekehrung, als Selbstverständnis und Selbstwendung stattfindet, das ist der göttliche Geiststempel dieses Geschehens, wodurch es von Zauberei unterschieden ist. Glauben heißt: so wiedergeboren sich wissen, das Leben als ein geschenktes und die Gerechtigkeit als die „fremde“ hinnehmen. Das neue Leben ist das Leben im Indikativ, statt im Imperativ Gottes, im von Gott her Sein, nicht mehr im zu Gott hin Streben. Erst jetzt ist es wahr geworden: das Gute ist das, was Gott tut, nicht das, was der Mensch tut.

Damit ist, im Blick auf das Sittliche, ein Doppeltes gesagt. Erstens ist jetzt endlich der Mensch nicht mehr „selb-ständig“, sondern „gott-ständig“. Er hat ja seine Gerechtigkeit als eine fremde; „Christus ist meine Gerechtigkeit“, mein neues Ich. Nicht mehr sich selbst traut er das Gute zu, sondern Gott allein. Nicht mehr sich selbst hat er, wie vorher, im Zentrum, sondern Gott. Damit ist er — endlich — geworden, was er auf dem gesetzlichen Weg immer vergeblich zu werden versuchte, vergeblich darum, weil es mit der Gesetzlichkeit unvereinbar ist: frei von sich selbst, vom Sich-selbst-suchen. Bevor er etwas tut, ist er schon bei Gott. Bei allem, was er tut, darf er — ohne erst zu Gott hin zu müssen — von Gott herkommen. Er hat Gott sozusagen immer im Rücken, statt, wie als Gesetzlicher, vor sich. Das ist die Freude und der Friede des neuen Lebensstandes.

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Total Circus Feeling

Ich habe gelernt, „Abrechnungen“ mit ehemaligen Gemeinden vorsichtig zu lesen. Manchmal wird ziemlich dramatisiert. Nicht alles, was als erlebter „Machmissbrauch“ deklariert wird, war Machmissbrauch. Hin und wieder fehlt der Blick für die eigenen Anteile in den Eskalationsphasen. Das ist alles nachvollziehbar. Wenn die Dinge kochen (beispielsweise in einer Ehekrise), sind wir Menschen eben selten sachorientiert.

Trotzdem können Erlebnisberichte gelegentlich helfen und aufklären. Heute möchte ich auf so einen hilfreichen Bericht hinweisen. Verfasst wurde er von Elisabeth aus Oslo (Norwegen). Sie beschreibt in einer dreiteiligen Artikelserie ihre Erfahrungen mit einer Hipster-Gemeinde, die eines Tages von Hillsong übernommen wurde. Ihre Beobachtungen sind wirklich aufschlussreich und konfrontieren uns mit den Schattenseiten der gekünstelten Popkultur, die immer machtvoller in viele Gemeinden einzieht.

I began to read and dig into the word of God in a new way. I really liked the structure and order I saw in the church in the pages of the Bible.  It seemed simple and more like a bigger scale of what family and home life should be. Church is like your extended spiritual family.

Contrasted with that, what I found in the mega type churches is that they are not conducive to older people. They talk about being a church for everyone. But I find older generations being a part of the church a total myth. They are non-existent. I remember seeing some older people come to the leadership conference and I felt they must have come because they were very loyal grandparents of some of the kids in leadership… I mean why ever else would they listen to a volume cranked up 100 times over their hearing aids!!??  I realized it was not a church my own grandfather would have felt comfortable in. The pumped up music and disco lights would have been very overwhelming for him.

Even I got exhausted with the loud concert setting music every single week! It becomes such a performance. There was no point to sing along because I couldn’t hear myself sing, much less the person beside me! Even the Christmas service was pumped up, without a single slow classic song that we associate with Christmas. I asked the band why they had cut even the one classic they had done last year and I was told because there was not time in the program. And I thought, well there would be time if they would cut all the endless advertizing for upcoming events and the tithing pep talk!!!

Because when you look at the church on a micro level:

1.) Nobody noticed if I came to church or not, not even to the events for my own ministry team! And to be honest, I didn’t either notice if others came or not. One didn’t get to know people well enough to ask why they hadn’t come or was everything okay in their life or simply last week!!! Norwegians are reserved to begin with so it takes forever to get to know them anyway and in a mega church they really can hide away!

2.) All the joking about Holy things seriously made me feel unwell. It depressed and stressed me.

3.) We were all organs in a great machine called “the church” But over time I began to feel that my effort on the cafe team didn’t mean that much to anyone. People had to pay for the cakes and that bothered me how things cost. Like even the Christmas dinner people had to pay for. I did not get a church family feeling at all. When it all had to be so fancy and impressive. . .it all cost. Over time the disillusionment grew.

4.) To feel a part of the church one was meant to go to the cell group they assigned to you so you could “connect” with people. For me it just felt rather artificial and those five women or so at the cell group are not really people one met at church on Sunday anyway. It just was not filling the gap of making church feel like home. . .my spiritual family.

The lighting was often so dim I could hardly read my Bible. Most people brought their phones so that they could read the text glowing in the dark.

Hier geht es weiter (am Ende des Artikels finden sich die Links auf die weiterführenden Artikel): churchwatchcentral.com.

J. Edwards: Eigenliebe oder echte Liebe

Jonathan Edwards, (Sind religiöse Gefühle zuverlässige Anzeichen für wahren Glauben, 2012, S.131–132):

Es gibt natürlich eine Art von Liebe oder Empfindung, die ein Mensch zu anderen Menschen oder Dingen hat, die klar der Eigenliebe entspringen. Sie gründet sich auf eine sich vorher vorgestellte Beziehung, die der Mensch zu dem anderen hat oder sich von dem anderen wünscht. Wenn aber das Erste, was jemanden zu einem anderen zieht, das ist, dass man die Eigenschaften und Tugenden sieht, die man als in sich selbst liebenswert erkennt, dann wird sich die Liebe ganz anders zeigen als eine Liebe, die dem Eigeninteresse entspringt. Sie unterscheidet sich von Eigenliebe, die aus einem Geschenk entspringt, welches der andere gibt, wie ein Richter den Menschen liebt und begünstigt, der ihn bestochen hat.

Die Art von Empfindung für Gott oder Jesus Christus, die aus Eigenliebe entspringt, kann keine wirklich begnadete und geistliche Liebe sein. Liebe zu Gott aus Eigenliebe kann nicht mit echter Liebe zu Gott verwechselt werden, die edlen Empfindungen entspringt. Denn Eigenliebe ist sowohl Menschen als auch Teufeln gemeinsam. An ihr ist nichts Göttliches.44 Wie Jesus fragte: „Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, was für einen Dank erwartet ihr daßr? Denn auch die Sünder lieben die, welche sie lieben“ (Lk 6,32). Liebe, die aus Eigenliebe entspringt, ist aus der Sicht Gottes wertlos. Sie erinnert uns daran, wie Satan die Rechtschaffenheit Hiobs bestreitet: „Ist Hiob umsonst gottesßrchtig? Hast du nicht ihn und sein Haus und alles, was er hat, ringsum eingehegt?“ (Hiob 1,9-10). Gott hätte nicht zugelassen, dass dieser Einwand erhoben wird, wenn die Beschuldigung nicht eine gewisse Grundlage gehabt hätte.

Es ist angemessen zu bekräftigen, dass die Grundlage echter Liebe zu Gott sein innerer Wert ist, denn er ist würdig, um seiner selbst willen geliebt zu werden. Dies macht ihn so der Liebe wert. Seine göttliche Vorzüglichkeit ist so herrlich. Deshalb ist Gott Gott: er ist um seiner selbst willen zu lieben.

Manche Menschen, welche die Herrlichkeit und Schönheit Gottes in Christus niemals erkennen, können durch Eigenliebe zur Liebe zu Gott bewegt werden. Doch Dankbarkeit kann genauso wie Zorn rein natürlich sein. Zorn entsteht, wenn Eigenliebe durchkreuzt wird. Dankbarkeit ist eine Empfindung, die jemand hat, weil ein anderer ihn liebt oder ihm irgendetwas Gutes tut. Beides ist Ausdruck von Eigenliebe. Denn es kann eine Form der Dankbarkeit geben, die aus keinerlei echter oder richtiger Liebe kommt. Christus spricht in Lukas 6,32 von dieser Art von Dankbarkeit, wenn er sagt, dass Sünder diejenigen lieben, die sie lieben. Ebenso war auch Saul sehr von Dankbarkeit gegenüber David bewegt, dafür, dass dieser sein Leben verschonte, doch er blieb von Gewohnheit her sein Feind. Wir haben viele Beispiele dieser Art von Dankbarkeit in der Schrift.

„Hilf mir in meiner Schwachheit“

Aus dem Buch Gebete der Puritaner für besondere Anlässe (Waldes: 3L Verlag, 2014):

OH GEIST GOTTES, Hilf mir in meiner Schwachheit.

Wenn ich
bedrängt werde durch großes Leid,
bestürzt bin und nicht weiß, was ich tun soll,
verleumdet und verfolgt werde,
dazu gebracht werde,
das Gewicht des Kreuzes zu spüren,
hilf mir, ich flehe dich an.

Wenn du siehst, dass ich
irgendetwas Falsches fördere,
ich irgendein böses Verlangen hege,
ich irgendeine Gewohnheit habe, die dich betrübt,
es irgendeine Brutstätte für Sünde
in meinem Herzen gibt,
dann gewähre mir den Kuss deiner Vergebung
und lehre meine Füße, auf dem Weg
deiner Gebote zu wandeln.

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Tim Keller: Bibel ist Abenteuer für Prediger

Tim Keller, Preaching: Communicating Faith in an Age of Scepticism (Viking, 2015, S. 36)

Die Auslegung der Bibel ist auch ein Abenteuer für den Prediger. […] Man kann nicht mit letzter Sicherheit festlegen, was die Gemeinde in den nächsten Wochen zu hören bekommt. Wenn wir an den jeweiligen Text herantreten, werden plötzlich Fragen aufkommen, die wir nicht erwartet haben. Wir sehen die Bibel manchmal einfach nur als Buch der Antworten auf unsere Fragen. Aber wenn wir wirklich den Text sprechen lassen, wird Gott uns vielleicht aufzeigen, dass wir nicht einmal die richtigen Fragen stellen.

Mehr Zitate aus dem Buch gibt es hier: www.evangelium21.net.

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J. Edwards: Geistliche Empfindungen

Jonathan Edwards, (Sind religiöse Gefühle zuverlässige Anzeichen für wahren Glauben, 2012, S.118–119):

Der Heilige Geist gibt den Seinen religiöse Empfindungen. Also ist der Charakter und die Weise, in welcher der Heilige Geist in den Heiligen wirkt, in hohem Maße anders als alles, was ein Mensch auf natürliche Weise erkennt oder erfährt. Die Menschen, in denen der Geist Gottes wohnt, werden nicht nur geistlich genannt, sondern auch ihre Empfindungen und charakteristischen Erfahrungen. Dies unterscheidet sich völlig von allem, was für den Menschen natürlich ist. Es ist ein Werk, welches dem Heiligen Geist eigen ist.

Diese Wahrheit wird in der Schrift durch Sätze ausgedrückt wie, dass die Heiligen „göttlicher Natur teilhaftig“ werden (2.Petr 1,4) und er in ihnen bleibt und sie in Gott (s. l.Joh 4,12.15-16; 3,24). Dieses Werk bedeutet, dass Christus in ihnen ist (s. Joh 17,21; Röm 8,10). Es bedeutet, „ein Tempel des lebendigen Gottes“ zu sein (2.Kor 6,16). Es meint, durch das Leben Christi zu leben (s. Gal 2,20). Es hat damit zu tun, Gottes Heiligkeit teilhaftig zu werden (s. Hebr 12,10). Es heißt, dass Christi Liebe in einem wohnt (s. Joh 17,26). Es besteht darin, Christi Freude völlig in sich zu haben (s. Joh 17,13). Es besteht darin, in Christi Licht das Licht zu schauen und mit dem Strom seiner Wonne getränkt zu werden (s. Ps 36,9-10). Es heißt, Gemeinschaft mit Gott zu haben, an ihm teilzuhaben oder mit ihm in Verbindung zu stehen (s. l.Joh 1,3).

Dies meint jedoch nicht, dass die Heiligen an der Essenz Gottes Anteil erhalten und so mit Gott vergöttlicht oder mit Christus „verchristlicht“ werden, wie manche irrtümlich und fälschlich lehren. Sondern es heißt, um den biblischen Begriff zu verwenden, dass sie an Gottes Fülle Anteil haben (s. Eph 3,17-19; Joh 1,16), das heißt, nach dem Maß und Vermögen eines Geschöpfes an Gottes geistlicher Schönheit und Seligkeit teilhaben. Das meint das Wort „Fülle“ in der Bibel.

J. Edwards: Satan und die Schrift

Jonathan Edwards, (Sind religiöse Gefühle zuverlässige Anzeichen für wahren Glauben, 2012, S. 82–83):

Gibt es keine Belege dafür, dass der Teufel Stellen aus der Schrift nehmen und falsch anwenden kann, um Menschen zu täuschen? Dies steht sicherlich in der Macht Satans. Es ist keine große Sache, Menschen Laute oder Buchstaben ins Gedächtnis zu rufen, und wenn Satan die Macht dazu besitzt, dann hat er auch die Macht, Worte hervorzubringen, die in der Bibel stehen. Für Gefühle ist es keine größere Sache, durch Stellen der Schrift zu entstehen, wie aus irgendeiner sinnlosen Geschichte oder einem Lied. Sind Texte aus der Schrift so heilig, dass der Teufel nicht wagt, sie zu missbrauchen oder anzutasten? Hat er nicht Christus selbst frech in der Wüste herausgefordert, ihn hierhin und dorthin gebracht, auf einen hohen Berg und auf die Zinne des Tempels? Er fürchtet sich nicht davor, die Schrift anzutasten und sie für seine eigenen Zwecke zu missbrauchen. In der Tat legte er Christus eine Schriftstelle nach der anderen vor, um ihn zu täuschen und zu versuchen. Kann er dann nicht weiterhin versuchen, heute Menschen mit Stellen aus der Schrift zu täuschen? Er kann Verheißungen der Schrift anhäufen und sie verdreht anwenden, sie benutzen, um aufkommende Zweifel zu zerstreuen oder in einem armen, irregeführten Sünder falsche Freude und falsches Vertrauen zu stärken.

Auch falsche Lehrer können die Schriften benutzen. Desgleichen können verkehrte und falsche Lehrer die Schrift zu ihrem eigenen und anderer Leute Verderben verdrehen und tun es auch (s. 2.Petr 3,16). Wir sehen, wie sie die Schrift frei benutzen, sodass es keinen zu kostbaren oder heiligen Text gibt, den sie nicht zum ewigen Verderben vieler benutzen können. Das Herz des Menschen ist trügerisch, wie der Teufel, und der Mensch benutzt die gleichen Mittel, um zu täuschen.

Es ist klar, dass jeder durch das Lesen von Texten der Schrift heftige Empfindungen erleben kann wie Hoffnung und Freude. Es können einem in der Tat kostbare Verheißungen der Schrift unvermutet und ungewöhnlich in wunderbarer Folge und als wären sie gerade gesprochen ins Gedächtnis gerufen werden. Doch nichts davon ist ein hinreichendes Argument dafür, dass diese Empfindungen von Gott angeregt sind. Sie können tatsächlich die Wirkungen von Satans Trug sein.

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Predigt ist Anrede an die Menschen

Rudolf Bohren hat schon herausgearbeitet, dass bei aller notwendigen Exegese und Textreue der Verkündiger die Hörer im Blick haben muss (Dem Worte folgen, 1969, S. 43–44):

Die Predigt ist auch Anrede an die Menschen. Und es ist wichtig, daß wirkliche Menschen angeredet werden, daß das Wort bis zum Menschen kommt. Wir müssen in diesem Zusammenhang noch einmal bedenken, daß Predigen ein Fischen ist.

Es sei gestattet, hier ein kleines Erlebnis zu erzählen: Wie mich letzthin ein Freund zum Fischfang einlädt, gehen wir an einem kleinen von Hasel umsäumten Bächlein entlang. Zum erstenmal seit zehn Jahren halte ich die Rute in der Hand. Mit schönem Schwung will ich die Angel auswerfen. Aber o weh, sie bleibt an den Haseln hängen. – So haben wir schon viel mit schönem Schwung gepredigt. Allein das Wort erreichte die Menschen nicht. Wenn die Angel nicht ins Wasser fällt, kann ich meine Rute lange in die Luft strecken. Es hilft nicht, daß ich den Text sauber exegesiert und dogmatisch richtig interpretiert habe, ja es nützt mir nichts, wenn ich mein eignes Fleisch an die Angel stecke, solange ich nicht die Angel ins Wasser halte, und zwar dahin halte, wo die Fische sind, solange ist alle Mühe vergeblich. Bei klarem Wasser sieht man die Forellen, und die Kunst ist die, den Köder dem Tier so vorzusetzen, daß es beißen kann. Und das gilt besonders für den Menschenfischer. Er muß dahin gehen, ihnen die Botschaft vorsetzen, sie mundgerecht machen, daß sie entweder zuschnappen oder sich bewußt abwenden. Und hier passiert viel Mißgeschick. Viele Prediger können wohl die Rute in die Luft strecken und Würmer baden; aber sie locken die Fische nicht.

Wo die Predigt den Menschen nicht erreicht, stimmt auch mit dem Inhalt der Predigt etwas nicht. Gottes Wort wird dann nur scheinbar verkündet; der Christus incarnatus, der Christus praesens, der kommt, um zu richten die Lebendigen und die Toten, wird nicht gepredigt. Wenn der Prediger die Menschen nicht findet, dann ist das ein Zeichen, daß seine Botschaft selber doketisch verseucht ist, daß er bloß Ideen, Abstraktionen ausbreitet. Aller Doketismus aber ist antichristlich. Man mag da meinetwegen streng orthodox, hochkirchlich, dialektisch, fein lutherisch oder nüchtern reformiert reden. Das Wort, das nicht zum Menschen kommt, ist nicht Gottes Wort. Es ist seinem Wesen nach doketisch, also antichristlich. Und das heißt also, der Hörer gestaltet die Predigt mit. »Die Hörer gehören zum Redner notwendig als seine andere Hälfte.«?

Spurgeon mahnt: »Paßt euch euren Zuhörern an. Das ist sehr wichtig. Der Prediger, der zu einer gebildeten Gemeinde redet, als hielte er eine Straßenpredigt, ist ein Tor; und umgekehrt: wer unter Bergleuten und Kohlenträgem mit wissenschaftlichen Ausdrücken und vornehmen Redensarten um sich wirft, ist erst recht ein Narr.« »Denkt euch in eure Zuhörer hinein.«

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