Herman Bavinck schreibt (Reformed Dogmatics: God and Creation, Bd. 2, S. 56–57):
Nun ist die Tatsache, dass die Welt die Bühne der Selbstoffenbarung Gottes ist, kaum zu leugnen. Daran lässt die Heilige Schrift zu keinem Zeitpunkt einen Zweifel aufkommen. Sie errichtet keinen Altar für den unbekannten Gott, sondern verkündet den Gott, der die Welt geschaffen hat (vgl. Apg 17,23–24), dessen Macht und Gottheit vom menschlichen Verstand in den geschaffenen Dingen deutlich wahrgenommen werden kann (vgl. Röm 1,19–20), der vor allem die Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat (vgl. Gen 1,26), als seine Nachkommen, die in ihm leben und sich bewegen (vgl. Apg 17,28). Er hat zu ihnen durch Propheten und Apostel gesprochen, vor allem durch seinen Sohn selbst (vgl. Hebr 1,1), und offenbart sich ihnen nun ständig (vgl. Mt 16,17; Joh 14,22-23 usw.). Nach der Heiligen Schrift ist das ganze Universum eine Schöpfung und damit auch eine Offenbarung Gottes.
In einem absoluten Sinn ist also nichts atheistisch. Und dieses Zeugnis der Heiligen Schrift wird von allen Seiten bestätigt. Es gibt keine atheistische Welt. Es gibt keine atheistischen Völker. Es gibt auch keine atheistischen Personen. Die Welt kann nicht atheistisch gedacht werden, denn dann könnte sie nicht das Werk Gottes sein, sondern müsste die Schöpfung eines Anti-Gottes sein.
Thimo Schnittjer hat eine sehr hilfreiche Rezension zum Buch: Der Siegeszug des modernen Selbst von Carl Trueman für den Bibelbund verfasst. Er schreibt:
Carl R. Trueman, Historiker und Theologe, hat mit diesem Werk, welches im Jahr 2020 zunächst in Englisch veröffentlicht wurde, eine bedeutende Analyse des modernen Selbst vorgelegt. Das Werk fand weite Verbreitung (vgl. z.B. die ungewöhnlich hohe Bewertungsanzahl bei Amazon) und traf offenbar den Nerv der Zeit. Die Übersetzung ins Deutsche ist aber nicht nur deshalb, sondern gerade wegen der starken Analyse sehr zu begrüßen.
Grundlegend für Truemans Darstellung sind die Forschungserträge des Philosophen Charles Taylor, des Soziologen Philip Rieff und des Ehtikers Alasdair MacIntyre. Von Charles Taylor übernimmt er u.a. die Erkenntnis, dass die westliche Weltsicht die Welt nunmehr als Rohmaterial begreift, „aus dem sich das Individuum Sinn und Bedeutung erschaffen kann“ (S. 47), ganz im Gegensatz zur früheren Sichtweise, wonach die Welt eine Ordnung und einen Sinn habe, die es zu ergründen gelte (sog. Übergang von der mimetischen zur poietischen Sichtweise).
Rieff dagegen beschreibt die Kultur des Menschen mit verschiedenen Typen. Der momentan vorherrschende Menschentyp sei der des „psychologischen Menschen“, der seine Identität „durch die nach innen gerichtete Suche nach persönlichem Glück“ (S. 54) finde. Die (moderne) Sinnstiftung, eigenen Gefühlen und Wünschen Ausdruck zu verleihen, bezeichnet Taylor als expressiven Individualismus. Die therapeutischen Bedürfnisse des Menschen stehen bei dieser Weltsicht im Mittelpunkt.
Diese Weltsicht hat weitreichende und ernstzunehmende Folgen für die Gesellschaft. Traditionelle Moralvorstellungen werden als problematisch angesehen, weil sie den inneren Wünschen im Wege stehen. Auch Meinungs- und Redefreiheit werden als Unterdrückungsmittel verstanden (so z.B. bei Herbert Marcuse), wie sich in der Diskussion um die Wortneuschöpfung „Hassrede“ zeigt. Rieff beschreibt deshalb die aktuelle Situation nicht als Kultur, sondern als Antikultur, die darauf ausgerichtet ist, traditionelle Ordnungen bewusst zu destabilisieren bzw. zu zerstören. Später bezeichnet Trueman sie auch als antihistorisch, weil sie auf verschiedene Art und Weise Gegebenheiten zu vergessen machen sucht (S. 114ff.).
Wir werden heute täglich mit säkularen Narrativen bombardiert, etwa in Werbung, Tweets, Musik, Geschichten, Stellungnahmen usw. Säkulare Narrative sind Überzeugungen über die Wirklichkeit, die uns von den meisten kulturellen Institutionen als unumstößliche, offensichtliche Wahrheiten eingeschärft werden. Etwa:
Identität: „Man muss sich selbst treu sein.“
Freiheit: „Man sollte frei sein, so zu leben, wie man will, solange man niemandem wehtut.“
Glück: „Du musst das tun, was dich glücklich macht. Das darfst du für niemanden opfern.“
Wissenschaft: „Der einzige Weg, unsere Probleme zu lösen, ist durch objektive Wissenschaft und Fakten.“
Moral: „Jeder hat das Recht, selbst zu entscheiden, was richtig und falsch ist.“
Gerechtigkeit: „Wir sind verpflichtet, für die Freiheit, die Rechte und das Wohl aller Menschen auf der Welt zu arbeiten.“
Geschichte: „Die Geschichte neigt sich dem sozialen Fortschritt zu und weg von der Religion.“
Ein jüngstes Beispiel: Der Kinofilm „Call Jane“ vermittelt die Botschaft, dass Abtreibung eine Angelegenheit frauenfreundlicher Gesundheitsversorgung ist und die allermeisten, die abgetrieben haben, froh über ihre Entscheidung sind. Die Perspektiven der Kinder, die abgetrieben wurden, bekommen keinen Raum. Wichtig ist, dass der Entschluss zum Schwangerschaftsabbruch das Leben leichter macht. Was wir lernen sollen: Ein Recht auf Abtreibung macht die Welt gerechter, solidarischer und schöner.
Tim Keller meint, dass wir – um der Wucht solcher säkularen Narrative begegnen zu können, so etwas wie eine Gegenkatechese benötigen. Denn:
Während jede dieser kulturellen Botschaften teilweise wahr ist (und tatsächlich, trotz Verzerrungen, historisch in der christlichen Lehre verwurzelt ist), sind sie alle theologisch falsch und in der Tat sogar schädlich für das menschliche Leben. Viele biblische Lehren und Wahrheiten untergraben, schwächen oder gleichen alle diese Narrative aus, und doch zeigt unsere gegenwärtige geistliche Unterweisung das nicht. Wir brauchen einen Gegenkatechismus, der die Katechismen der Welt den Christen erklärt, widerlegt und neu erzählt. In unserer Gegenkatechese wird jede der grundlegenden Narrative des säkularen Katechismus identifiziert, mit Beispielen aus der heutigen Kultur belegt, zum Teil bejaht, weil sie gewöhnlich eine Verzerrung oder ein götzendienerisches Ungleichgewicht von etwas Wahrem darstellen. Außerdem müssen sie untergraben und kritisiert werden, und es muss gezeigt werden, dass sie in ihrer besten Form nur in Christus erfüllt werden.
Die Christliche Verlagsgesellschaft hat in Kooperation mit dem Christlichen Veranstaltungs- und Mediendienst (cvmd) zwei hilfreiche apologetische Bücher von Rebecca McLaughlin herausgegeben. Das Buch Kreuzverhör: 12 harte Fragen an den christlichen Glauben wendet sich an Jugendliche und Erwachsene und behandelt Fragen wie: Fördert Religion nicht Gewalt? Hat die Wissenschaft den christlichen Glauben nicht widerlegt? Wie kann ein liebender Gott so viel Leid zulassen? usw. Das Buch 10 Fragen über Gott, die sich jeder junge Mensch stellen sollte wendet sich an Teenies und behandelt ähnliche Fragen niederschwelliger. Der Verlag schreibt:
Wie können wir glauben, dass die Bibel wahr ist? Warum können wir uns nicht einfach darauf einigen, dass Liebe Liebe ist? Ist das Christentum nicht gegen Vielfalt und Diversität? Auf dem Weg zur Schule, beim Abhängen mit Freunden oder beim Scrollen durch die sozialen Medien werden Teenager mit Sicherheit vor echte Herausforderungen in Bezug auf den Glauben an Jesus Christus gestellt. Und unabhängig davon, ob Sie sich selbst als Nachfolger Christi betrachten oder nicht, können diese Fragen wie eine Zerreißprobe wirken. Gestützt auf modernste Forschung, persönliche Geschichten, Bilder und Vergleiche aus der Jugendliteratur und sorgfältiges Bibelstudium weicht dieses Buch den schwierigen Fragen nicht aus. Stattdessen lädt es junge Menschen dazu ein, ihre drängendsten Fragen über den christlichen Glauben zu stellen und überraschende, Leben spendende Antworten zu finden.
Die Bücher gibt es es zum Beispiel in den christliche Bücherstuben hier und hier.
Frederik Mulder hat sich mit Ranald Macaulay über Francis Schaeffer (Ranald ist mit Susan, einer Tochter von Francis und Edith Schaeffer, verheiratet) und den Einfluss der Christen auf das gesellschaftliche Leben unterhalten. Vielen Dank!
Daniel stellt in seiner ausführlichen Rezension sein Lieblingsbuch aus dem Jahr 2021 vor. Es geht um The Rise and Triumph of the Modern Self von Carl R. Trueman. Daniel schreibt:
Um verstehen zu können, warum die Aussage “Ich bin ein Mann gefangen im Körper einer Frau” heutzutage zutiefst die Identität einer Person ausmacht, oder etwas allgemeiner formuliert, warum Sexualität in unseren Tagen für den Großteil der Menschen Identität ist, bedient sich Trueman der Frameworks der Philosophen Charles Taylor und Alasdair MacIntyre sowie des Soziologen Philip Rieff. Besonders hilfreich bei Taylor ist der von ihm geprägte Begriff der sozialen Idee (social imaginary), der beschreibt, wie sich Individuen die Welt, in der sie leben, und ihre Beziehung zu ihr vorstellen. Hier gilt es zwei Arten der Weltanschauung zu unterscheiden: während Mimesis die Welt als einen Ort ansieht, in dem Sinn von außen vorgegeben ist oder zumindest gefunden werden kann, beschreibt Poiesis eine Welt als Ort, der letzlich allein von Atomen bestimmt wird und den es in einer anderen Konstellation des Zufalls nie gegeben hätte. Eine erste Beobachtung von Trueman ist diejenige, dass die Welt in unserer Zeit von einer vormals mimetischen zu einer mehr und mehr poetisch aufgefassten geworden ist.
Rieffs Arbeit hilft uns zu verstehen, dass der Mensch lernt, wer er ist, wenn er lernt, wie er zu seiner Gesellschaft passen kann. Die Auffassung hat hierbei im Zeitablauf einen signifikanten Wandel erlebt: hat früher der political man sich selbst als Teil eines antiken/mittelalterlichen Stadtstaates gesehen, dem gegenüber man loyal sein musste, spürte der religious man in der Folge eine starke Beziehung zu seinem Glauben. Die Unterscheidung zwischen dem economic man und dem heutigen psychologic man lässt sich gut anhand eines Beispiels beschreiben: der economic man war dann zufrieden mit seiner Arbeit, wenn er sich und seine Familie ernähren und Schuhe für seine Kinder kaufen konnte – unabhängig davon, wie schmutzig und hart sein Job war. Dem heutigen psychologic man jedoch ist es wichtig, Erfüllung, Verantwortung und Spaß in seiner Arbeit zu finden, auch wenn das negative Folgen für seine Außenwelt bedeuten würde – individuelles psychologisches Wohlbefinden triumphiert.
Trueman zeigt auf, dass eine frühere Gesellschaft bildende Institutionen (Schulen, Universitäten) dahingehend nutzte, Einzelne zu formen und sie ihren Werten und Normen gerecht zu erziehen. Infolge des Shifts zum psychologic man jedoch sind externe Muster zur Repression geworden und Schüler gehen heute in die Schule um zu performen, nicht um geformt zu werden. Das Individuum ist zum König mutiert. Wenn Identität jedoch eine Sache allein der social imaginary des Einzelnen geworden und das Denken des Menschen als souverän angesehen wird, so wird Identität so unendlich wie die menschliche Vorstellungskraft. Jeder kann jeder werden und sein.
Die christliche Sexualethik weise zu verteidigen, ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit. Evangelium21 hat eine Erklärung in deutscher Sprache veröffentlicht, die genau dieses Anliegen verfolgt. Die 47. Generalsynode der Presbyterian Church in America (PCA) beauftragte im Jahr 2019 einen Studienausschuss (zu dem u.a. Bryan Chapell, Kevin DeYoung und Tim Keller gehörten), eine Stellungnahme zum Thema der menschlichen Sexualität zu erarbeiten. Diese Stellungnahme wurde im Mai 2020 veröffentlicht und im Juni 2021 von der verspätet stattfindenden 48. Generalsynode entgegengenommen.
Hier ein Auszug:
Zweitens sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass die moderne Bewegung der sexuellen Befreiung in vieler Hinsicht ein Rückschritt ist. Sie dreht die Uhr zurück auf die zugrundeliegende Logik Roms. Die moderne Kultur hat die Verbindung zwischen Sex und Gott aufgehoben und Sex wieder mit der sozialen Ordnung verknüpft. Damit ist Sex wiederum losgelöst von der Forderung einer lebenslangen Bindung durch die Ehe. Erneut geht es beim Sex um Selbsterfüllung, nicht um Selbsthingabe. Doch wie Harper bemerkt, behält die moderne sexuelle Revolution einige der christlichen Gaben an die Welt bei: das Konzept der Einvernehmlichkeit und dass Sex etwas Gutes ist. Daher ist die heutige sexuelle Kultur zwar weniger brutal als die damalige heidnische Kultur (dank der verbliebenen christlichen Elemente), sie entpersonalisiert aber dennoch und macht zum Objekt. Es gibt zahlreiche Studien und Erfahrungsberichte, die zeigen, dass die Menschen deutlich einsamer sind, da Sex nun nicht nur von der Ehe abgekoppelt wird, sondern durch das riesige, raffinierte Reich der Pornografie von persönlicher Beziehung überhaupt. Im alten Rom gab es gewöhnlich einen Beteiligten – den mit der Macht –, der den anderen Beteiligten als Objekt benutzte, um seine körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Heute benutzen sich die Beteiligten oft gegenseitig, indem sie den anderen als Objekt zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse gebrauchen – mit dem man nur so lange in Beziehung steht, wie diese Bedürfnisse befriedigt werden.
Das Bemühen der modernen Kultur, einige Teile der christlichen Sexualethik beizubehalten, aber andere nicht, hat enorme Spannungen erzeugt.
Der Gedanke der Einvernehmlichkeit passt am besten zu einem Bund, nicht zu sexuellen Abenteuern. Insbesondere Frauen können sich als Objekt missbraucht fühlen. Die frühen Christen wurden mit dem gleichen Vorwurf wie wir konfrontiert – dass unsere Sexualethik erdrückend, eine Spaßbremse, negativ, repressiv und unrealistisch sei. Doch sie wussten auch: Selbst wenn sexuelle Selbstbeherrschung auf kurze Sicht schwer ist, ist doch die christliche Sexualethik auf lange Sicht erfüllender und weniger entmenschlichend. Wir müssen auch heute Wege finden, um zuversichtlich über die revolutionär gute Nachricht des Christentums bezüglich Sex zu sprechen.
Die Überzeugung, dass Wissenschaft und Religion in grundlegendem Widerspruch zueinander stehen, ist weit verbreitet. So spricht der junge Sheldon Cooper (Young Sheldon) im Spin-off der phänomenal erfolgreichen amerikanischen Sitcom-Serie The Big Bang Theory offen aus, was für viele unumgänglich scheint: „Wissenschaft ist Fakt. Religion ist Glaube. Ich ziehe Fakten vor.“
Aber ist es so einfach? Jonathan Dawson, selbst in der Forschung aktiv, sieht das anders. Er schreibt:
Tatsächlich wird die These eines Konflikts zwischen Wissenschaft und Religion von Wissenschaftshistorikern heute rundweg als purer Mythos zurückgewiesen. Peter Harrison fasst zum Beispiel in seinem Artikel „Christianity and the Rise of Western Science“ zusammen: „Diejenigen, die für die Inkompatibilität von Wissenschaft und Religion argumentieren, finden in der Geschichte wenig Beistand. […] Den Mythos eines andauernden Konfliktes zwischen Wissenschaft und Religion würde kein Wissenschaftshistoriker unterschreiben.“
Franciscus Junius d.Ä. (Bild: Wikipedia, gemeinfrei).
Ich überfliege gerade eine Dissertation über den reformierten Theologen Franciscus Junius den Älteren (1545–1602), der von 1584 bis 1592 in Heidelberg unterrichtete (Tobias Sarx, Franciscus Junius d.Ä. (1545–1602): Ein reformierter Theologe im Spannungsfeld zwischen späthumanistischer Irenik und reformierter Konfessionalisierung, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007). Bemerkenswert finde ich, was ich über den Vater zu lesen bekomme. Er hat sich als Jurist verdient gemacht hat und in vielerlei Hinsicht einen guten Einfluss auf den Sohn ausgeübt. Sehr weise hat er sich verhalten, als Franciscus durch die Lektüre von Cicero in Glaubenszweifel gestürzt ist.
Tobias Sarx beschreibt das so (S. 31–33):
1557 begann Junius im Alter von zwölf Jahren in Bourges mit seiner akademischen Ausbildung, indem er in den Herbstferien bei Hugo Donellus (Hugues Doneau) seine erste juristische Vorlesung hörte. Die Rechtsgelehrsamkeit gefiel ihm so gut, dass er bald darauf ein juristisches Studium begann und fast zwei Jahre neben Donellus auch Franciscus Duarenus (Francis le Duaren), Antonius Contius (Antoine le Conte) und Ludovicus Rus-sardus (Louis Roussard) hörte. Von Bourges wechselte er nach Lyon, wo er sich breiteren humanistischen Studien widmen wollte. Lyon behielt er jedoch in schlechter Erinnerung: Zum einen empfand er die Gesellschaft, in die er sich dort begab, als sittenlos, viel schlimmer für ihn wurde jedoch die Lektüre von Ciceros De legibus, da ihn das Nachdenken über die Schrift und die These, Gott kümmere sich um niemanden und nichts, in tiefe Glaubenszweifel führte. Der dritte Grund waren die Religionsstreitigkeiten, die ihn zum ersten Mal selbst in Lebensgefahr brachten. Am Fronleichnamsfest 1561 eskalierte der Konflikt in Lyon, und Junius hätte dabei beinahe sein Leben verloren, wenn er nicht gerade noch rechtzeitig aus dem bereits umstellten Haus, in dem er sich aufhielt, hätte fliehen können. So verließ er Lyon und kehrte zurück nach Bourges in das Haus seiner Eltern. Dort widmete ihm sein Vater, der die Glaubenszweifel seines Sohnes bemerkt hatte, besondere Aufmerksamkeit. Diese Zeit empfand Franciscus als sehr angenehm, weil sein Vater auf jegliche Zwangsmaßnahmen verzichtete. Rückblickend stellt er fest: „ln seiner Weisheit wußte [mein Vater]: Religion will nicht aufgedrängt, sondern eingeflößt, nicht eingehämmert, sondern eingegossen, nicht befohlen, sondern gelehrt, nicht aufgezwungen, sondern überzeugend dargeboten werden.“
Auf sehr einfühlsame Weise wurde Junius wieder zum Glauben hingeführt, und schließlich durch Nachdenken über das erste Kapitel des Johannes-eyangeliums von der göttlichen Kraft der Bibel überzeugt. Um in seinen Studien Fortschritte zu erzielen, entschied er sich, in Genf weiter zu lernen. Sein Vater war nicht begeistert über den nun entstandenen Wunsch des Sohnes, Theologie zu studieren, aber er stimmte dem Wechsel nach Genf zu mit der Erlaubnis, dort die Sprach- und Klassischen Studien fortzusetzen.
Am 17.3.1562 kam Junius in Genf an, sorgte für Unterkunft und Verpflegung und kaufte sich von dem Restgeld vier Bücher: Calvins lnstitutio, Chevaliers Rudimenta Hebraicae linguae, Bezas Confession de la foy chrestienne und eine Bibel. Anstelle von weiterem Geld aus der Heimat erreichte Junius die Nachricht, dass sein Vater von katholischen Gegnern ermordet worden war. So war der 18-jährige Franciscus finanziell auf sich allein gestellt und musste sich durch das Erteilen von Sprachunterricht über Wasser halten. Zugleich fühlte er sich jetzt nicht mehr an den Willen des Vaters gebunden, sodass er sich ganz dem Studium der Theologie widmen konnte. Die wenigen Bücher, die er aufgrund seines Geldmangels besaß, studierte er umso intensiver: Calvins Institutio arbeitete er gleich drei Mal durch und verglich sie mit den Vorlesungen und Predigten des Reformators. Das Studieren von Chevaliers hebräischer Grammatik wird ihm später bei seiner Übersetzungsarbeit zugute gekommen sein. Bezas Bekenntnis diente ihm nach eigenen Angaben als Register zu Calvins Werk, und die Lektüre der Bibel war als zentrale Quelle christlicher Lehre unverzichtbar. Durch großen Fleiß schaffte Junius innerhalb kurzer Zeit den Abschluss seines Theologiestudiums.
Blaise Pascal über die die These, die ersten Jünger hätten die Auferstehung ihres Herrn nur erfunden, um sich selbst und ihrer christlichen Mission eine Legitimation zu geben (Gedanken, 2016, Fragment 344, S. 194):
Die Annahme schurkischer Apostel ist reichlich absurd. Man denke das zu Ende, man stelle sich diese zwölf Männer vor, wie sie sich nach dem Tode Jesu Christi versammeln und sich verschwören zu behaupten, er sei auferstanden! Sie fechten damit alle Gewalten an. Das Herz der Menschen hat einen seltsamen Hang zur Leichtigkeit, zur Veränderung, zu Versprechen, zu Gütern. Wenn auch nur einer von ihnen all dieser Verlockungen wegen widerrufen hätte, und mehr noch, der Gefängnisse, der Qualen und des Todes wegen, wären sie verloren gewesen.