Syst. Theologie

Zur Sexualmoral einer Gesellschaft

Amitai Etzioni schreibt in seinem Buch: Die Entdeckung des Gemeinwesens, Ansprüche, Verantwortlichkeiten und das Programm des Kommunitarismus, Stuttgart 1995 auf S. 31:

Die Sexualmoral einer Gesellschaft spricht oft Bände über die Art und Weise, wie sie ganz allgemein moralische und soziale Dinge angeht. Heutzutage wissen viele Eltern nicht so recht, was sie ihren Kindern in sexuellen Fragen denn sagen sollen. Seit wir nämlich die Vorstellung ad acta gelegt haben, »man solle bis zur Ehe warten“«, reden wir ganz diffus davon, dass man nur in einer “festen Beziehung“ miteinander schlafen sollte. Viele geben ihren Sprösslingen nur einige vage Ratschläge auf den Weg –»nie beim ersten Mal“« und »wenn, dann mit Verhütungsmitteln«“ und dergleichen …… Die Ehe ist für viele eine Wegwerfbeziehung geworden. Sie wird oft wie ein Mietvertrag eingegangen – mit dem Vorbehalt, dass man sie ja beenden und sich nach einem neuen Objekt umsehen könnte, wenn die beteiligten Parteien nicht damit zufrieden sind. Wir wissen nicht mehr so recht, ob und wann wir heiraten sollen oder ob wir eheliche Treue erwarten dürfen. Und wenn wir Kinder in die Welt setzen, ist uns unklar, was wir ihnen schulden“.

VD: iDAF

Sexueller Missbrauch und Heuchelei

C.S. Lewis hat in seiner Autobiografie Überrascht von Freude (Brockhaus 1982) die organisierte Päderastie in seinem Jungeninternat ausführlich beschrieben. Die jungen, hübschen und feminineren Jungs mussten oft in die Rolle einer Hausdirne schlüpfen, um einem oder mehreren der älteren Jungs als Lustknabe zu dienen (vgl. S. 74–76). Das war damals der Schulbetrieb.

Für Lewis ist klar, dass bei diesem Thema viel geheuchelt wird (S. 93). Ich vermute, er hat Recht. Drei aktuelle Beispiele:

(1) Kaum jemand spricht in diesen Tagen darüber, dass wahrscheinlich mehr als zwei Drittel aller Missbrauchsfälle innerhalb der Familien vorkommen. Besonders Patchwork-Familien begünstigen den Missbrauch (Quelle mit weiteren Hinweisen):

In seiner Studie »Die dunkle Seite der Kindheit« belegt der Autor [Dirk Bange], daß Religionszugehörigkeit keinen Einfluß auf die Mißbrauchs-Häufigkeit hat: sexueller Mißbrauch kommt in katholischen, evangelischen oder konfessionslosen Familien im wesentlichen im gleichen Ausmaß vor. Dasselbe schreibt Clara Wildschütte in ihrer Studie »Psychodynamik einer Mißbrauchsfamilie«. Von großer Bedeutung für die Häufigkeit sexuellen Mißbrauchs ist jedoch die Frage, ob der Täter ein biologischer oder »sozialer« Vater (neuer Liebhaber der Mutter, Stiefvater, Pflegevater) ist.

(2) Während wir einerseits eine Welle medialer Empörung erleben, scheint fast unter zu gehen, dass Roman Polanski wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung einer Minderjährigen viele Sympathien erhalten hat. Das Erste berichtete:

»Das ist lächerlich«, sagt Claudine Wilde. »Das ist einfach nur schlimm.« Auch Peter Lohmeyer hat kein Verständnis. »Arme Sau, mit über 70 noch dahin transportiert zu werden«, sagt er. »Ich denke, Guido Westerwelle sollte mal Obama anrufen. Das ist seine Aufgabe. Er hat seine Schuld eingestanden, mehrmals.« Auch international bildet sich eine breite Unterstützerfront für Polanski. Auf dem Filmfest in Zürich gab es großen Protest gegen seine Verhaftung. Mehr als 100 prominente Weggefährten haben eine Erklärung unterschrieben, auf der sie die sofortige Freilassung Polanskis fordern, darunter auch Kult-Regisseur Woody Allen, die deutschen Regisseure Wim Wenders und Tom Tykwer sowie die Schauspielerin Tilda Swinton. Sie alle nehmen den großen Künstler Polanski in Schutz und vergessen nach Meinung von Medienexperte Jo Groebel, dass der Mensch Polanski immerhin wegen Vergewaltigung einer 13-Jährigen verhaftet wurde.

(3) Als Heuchelei empfinde ich es auch, dass in unserer postmodernen Lebenskultur übersehen wird, dass etliche Väter der Postmoderne die »Grenzüberschreitung« erkenntnistheoretisch begründet haben. Verweisen ließe sich hier z.B. auf Marquis de Sade, Georges Bataille oder manche Prominente der 68er-Generation (siehe auch hier). Zitieren möchte ich Michel Foucault, der sich als Übervater der Postmoderne-Debatte theoretisch und praktisch für eine Sexualität »ohne Gesetz« stark machte. In einem späten Gespräch mit Edmund White sagte Foucault (Interview mit Edmund White , 12. Mai 1990, in: James Miller, Die Leidenschaft des Michel Foucault, Kiepenheuer und Witsch 1995, S. 81):

In einem gewissen Sinne habe ich während meines gesamten Lebens versucht, intellektuelle Dinge zu tun, um schöne Knaben anzuziehen.

Der Protest gegen den Missbrauch von Kindern stützt sich auf ein christliches Menschenbild, nach dem die Würde jedes Menschen nicht durch eines sozialen Konsens erzeugt wird. Durch die Ebenbildlichkeit wird im jüdisch-chrisltichen Kontext dem Menschen eine ihm eigene Würde zuerkannt. Diese Würde ist unveräusserlich und unbedingt zu schützen.

Foucault bezeichnete solche Vorstellungen als humanistisch und falsch und plädierte für ein Denken, dass sich von den abendländischen Strukturen löst. Er wollte die Destruktion des Subjekts, »d.h. eine ›kulturelle‹ Attacke: Aufhebung der sexuellen Tabus, Einschränkungen und Aufteilungen; Praxis des gemeinschaftlichen Lebens; Aufhebung des Drogenverbots; Aufbrechung aller Verbote und Einschließungen, durch die sich die normative Individualität konstituiert und sichert. Ich denke da an alle Erfahrungen, die unsere Zivilisation verworfen hat oder nur in der Literatur zuläßt« (Michael Foucault, »Gespräch zwischen Michel Foucault und Studenten« in: Michel Foucault, Von der Subversion des Wissens, Fischer Wissenschaft, 1987, S. 95).

Der Protest gegen den Missbrauch von Kindern atmet die Asche des Abendlandes, nicht die der Verheißungen poststrukturalistischer Theorien.

Homosexualität und Pädophilie

Bertone, die rechte Hand von Papst Benedikt XVI., hatte bei einem Besuch in Chile einen Zusammenhang zwischen der Ehelosigkeit der Priester und Pädophilie verneint und erwähnte dabei Studien, die einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie sähen: »Das ist die Wahrheit, und das ist das Problem.«

Wie zu erwarten, löste diese politisch gänzlich unkorrekte Bemerkung einen gewaltigen Proteststurm aus. »Der Vatikan sollte sich auf der UN-Generalversammlung vor der Welt und der Geschichte entschuldigen«, erklärte die italienische Homosexuellenorganisation GayLib. In Frankreich schaltete sich sogar die Regierung ein: »Frankreich erinnert an sein entschiedenes Engagement im Kampf gegen Diskriminierungen und Vorurteile in Zusammenhang mit der sexuellen Orientierung und der sexuellen Identität«, sagte Außenamtssprecher Bernard Valero.

Bei so einem medialen Gewitter kann es passieren, dass auch der skeptische Beobachter glaubt, was da phrasenhaft wiederholt wird: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie.

Ich bin nun wahrlich kein Anwalt des Vatikans. Aber ich zitiere an dieser Stelle gern einmal eine Leserzuschrift aus dem unverdächtigen Deutschen Ärzteblatt (Jg. 106, Heft 49, 4. Dezember 2009, S. A 2469):

Insgesamt ist nach einer Analyse von 19 Einzelstudien die Wahrscheinlichkeit, ein Kind sexuell zu missbrauchen, bei homosexuell Lebenden zwölfmal höher als bei heterosexuell Lebenden. Bei bisexuell Lebenden ist sie sogar 16-mal höher …

Die Studien werden im Beitrag teilweise angeführt. Hier die Quelle: aerzteblatt.de.

Die gekränkte Ehre

Aylin Korkmaz wurde im November 2007 von ihrem kurdischen Ex-Mann mit 26 Messerstichen lebensgefährlich verletzt. Weil sie sich von ihm getrennt hatte, wollte er sie töten – um seine »Ehre« wiederherzustellen. DIE WELT mit der 37-Jährigen über Ehrenmorde, arrangierte Ehen und ihr Engagement für Frauen.

Hier: www.welt.de.

Mehr Fälle von Sodomie

Die FAZ berichtete am 9. April:

Die Zahl von sexuellen Handlungen an und mit Tieren nimmt nach Einschätzung von Landwirtschaftsministerin Silke Lautenschläger (CDU) auch in Hessen zu. Zum einen berichteten Amtstierärzte, dass ihnen solche gemeinhin als Sodomie bezeichneten Verhaltensweisen immer häufiger zur Kenntnis gelangten, zum anderen belegten einschlägige Internetforen, in denen Täter sich zu solchen Praktiken bekennen oder sogar »Gebrauchsanweisungen« geben würden, diese Entwicklung, heißt es in der Antwort der Ministerin auf eine Anfrage mehrerer CDU-Abgeordneter. Sie vermute, dass die Taten, von denen die Behörden wüssten oder die gar vor Gericht verhandelt würden, »nur die Spitze eines Eisbergs« seien.

S. Dittert, O. Seidl u. M. Soyka schreiben in »Zoophilie zwischen Pathologie und Normalität«, Der Nervenarzt 1/2005, S. 61–67:

Der Wandel in der gesellschaftlichen Beurteilung sexueller Mensch-Tier-Kontakte von der Sodomie, Bestiophilie (oder gar Bestialität) als schwerster Sünde mit gerichtlicher Verfolgung oder gar Todesstrafe über Jahrhunderte hinweg bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts mit der heutigen Einstellung zur Zoophilie, die von der getadelten Perversion über die sexuelle Deviation bis zur Störung der Sexualpräferenz und schließlich »persönlichen Angelegenheit« reicht, wenn es nicht zur Verletzung oder gar Tierquälerei kommt, ist schon ein eindrückliches Dokument menschlichen Gesinnungswandels.

Da fällt mir Lev 18,23 ein: »Kein Mann und keine Frau dürfen mit einem Tier geschlechtlich verkehren. Das ist widerwärtig und macht unrein.«

Hier die vollständige Meldung: www.faz.net.

Tim Keller zur Erneuerung der Apologetik

Tim Keller fordert eine Erneuerung der christlichen Apologetik:

There is a lot of resistance right now among younger evangelical leaders toward apologetics. We are told we don’t need arguments any more because people aren’t rational. We need loving community instead. But I think this is short-sighted for two reasons. First, Christians in the West will finally be facing what missionaries around the world have faced for years—how to communicate the gospel to Muslims, Buddhists, Hindus, and adherents of various folk religions. All young church leaders should take courses in and read the texts of the other major world religions. They should also study the gospel presentations written by missionaries engaging those religions. Loving community will be extremely important, as it always is, to reach out to neighbors of other faiths, but if they are going to come into the church, they will have many questions that church leaders today need to be able to answer.

Second, there a real vacuum in Western secular thought. When Derrida died I was surprised how many of his former students admitted that High Theory (what evangelicals call ‚post-modernism‘) is seen as a dead end, mainly because it is so relativistic that it provides no basis for political action. And a leading British intellectual like Terry Eagleton in recent lectures at Yale (published as Religion, Faith, and Revolution by Yale Press) savaged the older scientific atheism of Dawkins and Hitchens as equally bankrupt. Eagleton points out that the Enlightenment’s optimism about science and human progress is dead. Serious Western thought is not going back to that, no matter how popular Dawkins‘ books get. But postmodernism cannot produce a basis for human rights or justice either.

Kellers zweite Anmerkung zur »Höheren Theorie« deckt sich mit meinen eigenen Beobachtungen. Im Buch Die Postmoderne habe ich 2006 geschrieben (S. 61):

Während die Postmoderne im Kulturleben und in der Politik westlicher Gesellschaften allgegenwärtig ist, verliert sie im Raum des Denkens allmählich ihren Einfluss. In Frankreich, wo der Dekonstruktivismus seinen Siegeszug begann und Andersdenkende geradezu paralysierte, gibt es bereits brillante Entwürfe gegen die Diktatur des Dialogs.  Seit Jahren sind in den Feuilletons Grabgesänge zu lesen, die erklären, die Postmoderne habe sich in Illusionen verzettelt und sei inzwischen Schnee von gestern .

Hier mehr von Tim Keller zum Thema: theresurgence.com.

Monopolverlust der Ehe

Bis in die 1970er Jahre hinein haben fast alle Erwachsenen geheiratet. Seit der Postmoderne sinken nach Auskunft des Instituts für Demographie, Allgemeinwohl und Familie die Heiratsquoten deutlich ab.

Das Institut schreibt zu dieser demographischen Entwicklung:

Der »Zweite Demographische Übergang« beendete diese Epoche der bürgerlichen Familiengesellschaft. Ehe und Familie verlieren seitdem sukzessive an sozialer Geltung: Zunächst nahmen Scheidungen zu, dann breiteten sich nichteheliche Lebensgemeinschaften aus und schließlich wuchs die Zahl der Singles. Die Familiengründung verschob sich immer mehr in ein höheres Lebensalter, zuerst wurden höhere Geburtenparitäten seltener und schließlich nahm auch die Kinderlosigkeit zu. Kinder sind längst nicht mehr ein selbstverständlicher Teil der Lebensplanung, sondern konkurrieren mit anderen Optionen (Konsum, Freizeit, Beruf). Im Zentrum der postmodernen Mediengesellschaft steht das autonome Individuum: Sein Selbstverwirklichungsstreben soll nicht durch endgültige Bindungen an Personen (Kinder, Ehegatten), Institutionen (Staat, Kirche) und Moral behindert werden. Die »traditionelle« Familie gilt dem postmodernen Individualismus als überholte Institution und ihr Bedeutungsverlust als emanzipatorische Befreiung. Gerne verdrängt werden die Kosten dieser Emanzipation: Weil die Familie ausfällt, muss immer häufiger der Staat für Kinder und alte Menschen sorgen. Gleichzeitig schwindet das Reservoir junger Arbeits- und Pflegekräfte, Steuer – und Beitragszahler. Diese Kollateralschäden der Emanzipation unterhöhlen die Fundamente des seit dem 19. Jahrhundert aufgebauten Wohlfahrtsstaatsgebäudes. Im Gegensatz zu Deutschland hatten die »neuen Industrieländer« kaum Zeit, eine solche Sozialarchitektur zu errichten: Fast zeitgleich erleben sie den ersten und den zweiten »Demographischen Übergang« – umso härter dürften sie die sozialen Konsequenzen des »exzessiven Individualismus« (E. Durkheim) treffen.

Hier mehr: www.i-daf.org. Interessant ist ausserdem folgender Artikel: www.welt.de.

Spätabtreibung: Das Geschenk eines Lebens

Susanne B. erfuhr im sechsten Monat ihrer Schwangerschaft, dass ihr Kind mit Down-Syndrom geboren werden würde. Sie entschied sich für eine Spätabtreibung – doch der Junge überlebte.

Tim hatte damit seine eigene Abtreibung überlebt. Simone G. und ihre Familie nahmen Tim auf. Der SPIEGEL hat mir den neuen Eltern gesprochen:

Susannes Baby sollte auf seinem Weg durch den Geburtskanal sterben, an den Anstrengungen und toxischen Medikamenten, die die Wehen einleiteten.

Tim hat seine Mutter nie kennen gelernt. Nach mehr als 30 Stunden Qual und Schmerzen musste der Arzt ihn aus Susannes Leib herausziehen, weil er sich noch nicht gedreht hatte. Ein kleines Bündel Mensch, nur 650 Gramm schwer, leichter als ein Paket Mehl.

Susanne wollte Tim nicht sehen, die Pfleger brachten ihn weg. Neun Stunden lag der Fötus nackt in einem Kreißsaal in Oldenburg, notdürftig in ein paar Handtücher gewickelt. Wozu ein Wärmebettchen, ein Brutkasten? Dieses Kind war geboren worden, um zu sterben. Doch Tim gab nicht auf: Als sein Körper schon auf 28 Grad abgekühlt war, schnappte er noch nach Luft. Da kam er auf die Frühchenstation, und später dann zur Familie G.

Hier der Beitrag: www.spiegel.de.

Die Kunst der Verführung

Übergriffe auf Schüler wurden in der Odenwaldschule mit literarischen Vorbildern gerechtfertigt. Raoul Löbbert hat einen ausgezeichneten Kommentar zu den Missbrauchsfällen an der Odenwaldschule geschrieben.

In der reformpädagogischen Kaderschmiede entschuldigte man die Pädophilie intern mit Beispielen aus Literatur und Philosophie. Statt dem reformpädagogischen Ansatz gemäß das Kind zum geistig wie sexuell mündigen Menschen zu formen, statt es als dem Lehrer ebenbürtige Persönlichkeit zu sehen, wurde es abhängig gemacht und sexuell ausgebeutet. Die erzieherische Praxis formte die Idee zur Perversion.

Das Kind sollte sich – sehr frei nach Platon – nicht mehr nur Kunst und Lehre, sondern auch dem Lehrer geistig wie körperlich hingeben: Laut Platon, dem Erfinder des »Eros paidagogikos«, ist der Lehrer der »himmlische Geliebte«: »Indem er den Schönen berührt und mit ihm Umgang pflegt, zeugt er, wovon er die Samen längst in sich trug, anwesend, abwesend an ihn denkend, und gemeinsam mit ihm zieht er das Gezeugte auf.«

Eine merkwürdige Vorstellung von Reform wurde da praktiziert: Als Gegenentwurf zu dem auf Disziplin und christlichem Ethos beruhenden kirchlichen Erziehungsideal wurde die Reformpädagogik Odenwaldscher Prägung aus dem Geist der Antike (oder was man dafür hielt) gezeugt. Sie feierte als Philosophie die griechische Knabenliebe, die als eine Art Tunika-Karneval mit lyrischem Lametta im 19. Jahrhundert vom greisen, an der Odenwaldschule hochverehrten Stefan George und seinen jungen Jüngern wieder salonfähig gemacht wurde.

Es sind nicht die Prügelprotokolle eines Marquis de Sade oder eines Guillaume Apollinaire, die an der Odenwaldschule als Referenz herangezogen wurden und dadurch ihre reale oder eingebildete jugendverderbende Wirkung zeigten. Es sind Schriften, die an der Grenze zwischen Ästhetik und Pädagogik Jugend gefährden, indem sie Jugend idealisieren. Der Schüler ist in ihnen ein leeres Gefäß, das es vom Erzieher zu füllen gilt. Jeder Oberstudienrat im Odenwald wird so zum kleinen Prometheus. »Hier sitze ich/ forme Menschen nach meinem Bilde«, heißt es im Goethe-Gedicht. Genauso soll in der Reformpädagogik der mündige Mensch, nicht nach dem Bild Gottes, sondern nach dem Vorbild des Lehrers, entstehen. Er soll – ein Grundfehler dieser Form der Pädagogik – mehr geformt als gefördert werden. Erziehung wird somit zur Kunst mit anderen Mitteln: Im Schaffen des neuen Menschen wird der von seinen Eltern isolierte Internatsschüler als bloßes Material angesehen. Das Menschenbild, das dahintersteht, ist autoritär. Es erleichtert nicht nur den Missbrauch am Schüler, sondern auch den an der Kunst.

Hier der sehr empfehlenswerte Beitrag: www.merkur.de.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner