Zitate

Weltverbesserung als Erziehung des Menschengeschlechts?

Bei der Lektüre eine Aufsatzes von Eberhard Busch habe ich einen grandiosen Absatz über den Ausgang der Föderaltheologie in der historisch-kritischen Theologie gefunden. Busch schreibt im Blick auf die erwartete Weltverbesserung (Ökonomiegedanke) bei G.E. Lessing (Eberhard Busch,„Calvins Lehre vom Bund“, in: M. Hofheinz; W. Lienemann u. M. Sallmann: Calvins Erbe: Beiträge zur Wirkungsgeschichte Johannes Calvins, Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, S. 168–181, hier S. 179):

Wer heute einen „Paradigmenwechsel“ zu einem Zeitalter des Geistes ausruft, sollte an Lessing denken. Es zeigt, wie leicht sich der Gedanke von der fortschreitenden Offenbarung in den vom Fortschritt der Menschheit umwandelt. Man wollte zunächst das Rechte sagen, dass sich Gott der Schwachheit des Menschen anpasst. Aber man sagte es in unheilvoller Weise so, dass der Mensch eine Macht zugesprochen bekam, nach der sich Gott richten sollte.

Deutschland: Mehr Wahrsager als Theologen

Michael Thoms schreibt in einer wissenschaftlichen Hausarbeit (Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung ohne Quellenangaben):

Inzwischen sinkt die Zahl der evangelischen und katholischen Theologen deutlich im Gegensatz zu den Wahrsagern. Eine Statistik aus dem Jahre 1998 bezeichnet die Zahlen bei den Theologen auf 35.000, bei den Wahrsagern hingegen auf 90.000. 57 Prozent aller Deutschen lesen Horoskope und machen ihren Tagesablauf und Handlungen davon abhängig. 48 Prozent glauben an Astrologie und halten das für wahr. Abergläubische Handlungen sind im Alltag wieder normal und Menschen vertrauen auf alles, aber nicht mehr auf Jesus Christus. Laut einer Studie von 1996 kommen bei den wichtigsten satanischen Gruppen dreiundzwanzig aus den USA, drei aus Deutschland, eine aus Neuseeland und eine aus Italien.

Nietzsche: Von der Unvernunft des natürlichen Todes

Ulrich Eibach verweist in dem hier erwähnten Vortrag auf Friedrich Nietzsche, der für das selbstbestimmte Sterben plädierte und später auf Pflegehilfe angewiesen war. Hier dazu der passende Aphorismus von Nietzsche:

Der natürliche Tod ist der von aller Vernunft unabhängige, der eigentlich unvernünftige Tod, bei dem die erbärmliche Substanz der Schale darüber bestimmt, wie lange der Kern bestehen soll oder nicht: bei dem also der verkümmernde, oft kranke und stumpfsinnige Gefängnisswärter der Herr ist, der den Punct bezeichnet, wo sein vornehmer Gefangener sterben soll. Der natürliche Tod ist der Selbstmord der Natur, das heisst die Vernichtung des vernünftigen Wesens durch das unvernünftige, welches an das erstere gebunden ist. Nur unter der religiösen Beleuchtung kann es umgekehrt erscheinen: weil dann, wie billig, die höhere Vernunft (Gottes) ihren Befehl giebt, dem die niedere Vernunft sich zu fügen hat.

Biermann: »Im Paradies würde ich vor Langeweile sterben«

DIE ZEIT hat mit dem Bürgerrechtler und Skeptiker Wolf Biermann zum 75. über falsche Hoffnungen gesprochen. Auch der Glaube an Gott kam dabei zur Sprache.

Ich schätze die Denkanstöße des sprachmächtigen Biermann. Diesmal gefällt mir folgendes Zitat besonders gut:

Wenn ich früher einen Pfarrer traf, einen von Gottes Bodenpersonal, dann war mein Gedanke: Ach, dieser arme irrende Mensch. Heute denke ich: Hoffentlich glaubt er wenigstens an Gott. Ich habe gerade ein neues Lied geschrieben, eine Ode an Adam, wo ich mich bei Adam bedanke, dass er damals in den Apfel biss und die Erbsünde beging. Denn im Paradies würde ich vor Langeweile sterben.

Mehr: www.zeit.de.

Augustinus: Vom Ermutigen und ›Dämpfen‹

Aurelius Augustinus (De utilitate credendi, 24):

Es gibt … kaum jemanden, der seine Fähigkeiten richtig beurteilt. Wer sie unterschätzt, muss ermutigt, wer sie überschätzt, muss gedämpft werden, damit der erste nicht an der Hoffnungslosigkeit zerbricht, der zweite nicht tief stürzt durch seine Vermessenheit.

Bonhoeffer: Von der Bedrohung durch die Organisation

Dietrich Bonhoeffer (Widerstand und Ergebung, 1951, S. 190–191):

Natur wurde früher durch die Seele überwunden, bei uns durch technische Organisation aller Art. Das uns unmittelbar Gegebene ist nicht mehr die Natur, sondern die Organisation. Mit diesem Schutz vor der Bedrohung durch die Natur entsteht aber selbst wieder eine neue Bedrohung des Lebens, nämlich durch die Organisation selbst. Nun fehlt die seelische Kraft! Die Frage ist: Was schützt uns gegen die Bedrohung durch die Organisation? Der Mensch wird wieder auf sich selbst verwiesen. Mit allem ist er fertiggeworden, nur nicht mit sich selbst. Gegen alles kann er sich versichern, nur nicht gegen den Menschen.

Die Umkehr des Augustinus

Possidius, ein Schüler des Kirchenvaters Augustin, schreibt in der Biografie über seinen Lehrer  (Vita Augustini, Paderborn: Schöningh, 2005, S. 31):

Und bald gab er alle Begierden nach irdischen Dingen, die er im Innersten seines Herzens noch hegte, auf. Er wollte nun weder Frau noch Kinder des Fleisches (vgl. Rom 9,8), keine Reichtümer und auch keine Ehren dieser Welt. Statt dessen hatte er beschlossen, mit seinen Freunden Gott zu dienen. Er wollte in und aus jener kleinen Herde sein, zu der Christus mit den Worten spricht: Fürchte dich nicht, du kleine Herde. Es hat eurem Vater gefallen, euch das Reich zu geben. Verkauft, was ihr besitzt, und gebt Almosen. Macht euch Beutel, die nicht veralten und einen Schatz im Himmel, der nicht vergeht (Lk 12,32f). Und auch jenes Wort, das wiederum der Herr gesagt hatte, wollte der heilige Mann verwirklichen: Wenn du vollkommen sein willst, dann verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben. Dann komm und folge mir nach (Mt 19,21). Er wollte auf dem Fundament des Glaubens ein Gebäude errichten, nicht aus Holz, Stroh oder Spreu, sondern aus Gold, Silber und Edelsteinen (vgl. 1 Kor 3,12). Das dreißigste Lebensjahr hatte Augustin überschritten, nur seine sehr an ihm hängende Mutter lebte noch. Sie freute sich über seinen Entschluss, Gott zu dienen, mehr, als wenn er ihr Enkel des Fleisches geschenkt hätte. Sein Vater war schon früher gestorben. Augustin verzichtete nun auch auf seine Schüler, die er als Rhetoriklehrer unterrichtet hatte, und legte ihnen nahe, sich einen anderen Lehrer zu suchen. Denn er selbst war fest entschlossen, Gott zu dienen.

Zur Gestalt des Christlichen

Ein kluger Theologe lese christliche Ratgeberliteratur der Gegenwart und messe sie an diesem Lutherzitat (geschrieben 1525 an Erasmus):

Die von dir beschriebene Gestalt des Christlichen enthält unter anderem Folgendes: Wir sollen uns mit allen Kräften anstrengen, das Heilmittel der Buße erstreben und auf jede Art und Weise das Erbarmen des Herrn anstreben, ohne das weder der menschliche Wille noch eine Bemühung wirksam sind. Ebenso soll niemand zweifeln an der Vergebung Gottes, der von Natur aus grundgütig ist. Diese deine Worte sind ohne Christus, ohne Geist, kälter als selbst das Eis; sogar deine Beredsamkeit, sonst deine Zierde, leidet Schaden – diese [Worte] hat dir Armem vielleicht gerade noch die Angst vor Bischöfen und Tyrannen ausgepresst, um nicht völlig gottlos zu erscheinen. Das aber behaupten deine Worte doch als Wahrheit: Es gebe in uns Kräfte; es gebe eine Anstrengung aus allen Kräften; es gebe ein Erbarmen Gottes; es gebe Wege, das Erbarmen anzustreben; es gebe einen Gott, der von Natur aus gerecht, von Natur aus grundgütig ist usw. Wenn also einer nicht weiß, was jene Kräfte sind, was sie vermögen, was sie erleiden, welche Anstrengung ihnen eigen ist, was ihre Wirksamkeit, was ihre Unwirksamkeit ist – was wird der tun? Was wirst du ihn zu tun lehren?

Bavinck: Der christliche Glaube passt zum Leben

Hermann Bavinck schreibt in Christliche Weltanschauung (Bonn: VKW, 2008, S. 21–22):

Denn dort, wo die Versöhnung, welche das Christentum bietet, abgewiesen wird, kommt unvermeidlich der Zwiespalt zum Vorschein, der inwendig in des Menschen Herzen wohnt. Hat doch alle Disharmonie in unserem Wesen darin ihren Ursprung, dass wir, nach dem Zeugnis unseres Gewissens, durch unsere Sünden von Gott geschieden sind und doch die Gemeinchaft mit ihm nicht entbehren können. Wenn wir das Christentum als für uns nicht passend verwerfen, erweist es sich in demselben Augenblick für uns als unentbehrlich. Wenn die Welt ruft: »Fort mit Christus«, zeigt er gerade in seinem Tode, dass er allein der Welt das Leben gibt. Zu den Inbegriffen, die der moderne Mensch sich über Welt und Leben bildet, passt das Christentum nicht, es steht ihnen diametral gegenüber. Aber desto besser passt es zu Welt und Leben, wie sie in Wirklichkeit sind. Wer sich los macht von den Idolen des Tages, von der öffentlichen Meinung, von den herrschenden Vorurteilen in Wissenschaft und Schule; wer die Dinge mit freiem Blick anschaut, nüchtern und mit offenem Sinn, wer Welt und Menschen, Natur und Geschichte nimmt, wie sie in sich wirklich sind, dem wird sich stets stärker die Überzeugung aufdrängen, dass das Christentum die einzige Religion ist, deren Welt­ und Lebensanschauung auf Welt und Leben passt.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner