Zitate

Zur Gestalt des Christlichen

Ein kluger Theologe lese christliche Ratgeberliteratur der Gegenwart und messe sie an diesem Lutherzitat (geschrieben 1525 an Erasmus):

Die von dir beschriebene Gestalt des Christlichen enthält unter anderem Folgendes: Wir sollen uns mit allen Kräften anstrengen, das Heilmittel der Buße erstreben und auf jede Art und Weise das Erbarmen des Herrn anstreben, ohne das weder der menschliche Wille noch eine Bemühung wirksam sind. Ebenso soll niemand zweifeln an der Vergebung Gottes, der von Natur aus grundgütig ist. Diese deine Worte sind ohne Christus, ohne Geist, kälter als selbst das Eis; sogar deine Beredsamkeit, sonst deine Zierde, leidet Schaden – diese [Worte] hat dir Armem vielleicht gerade noch die Angst vor Bischöfen und Tyrannen ausgepresst, um nicht völlig gottlos zu erscheinen. Das aber behaupten deine Worte doch als Wahrheit: Es gebe in uns Kräfte; es gebe eine Anstrengung aus allen Kräften; es gebe ein Erbarmen Gottes; es gebe Wege, das Erbarmen anzustreben; es gebe einen Gott, der von Natur aus gerecht, von Natur aus grundgütig ist usw. Wenn also einer nicht weiß, was jene Kräfte sind, was sie vermögen, was sie erleiden, welche Anstrengung ihnen eigen ist, was ihre Wirksamkeit, was ihre Unwirksamkeit ist – was wird der tun? Was wirst du ihn zu tun lehren?

Bavinck: Der christliche Glaube passt zum Leben

Hermann Bavinck schreibt in Christliche Weltanschauung (Bonn: VKW, 2008, S. 21–22):

Denn dort, wo die Versöhnung, welche das Christentum bietet, abgewiesen wird, kommt unvermeidlich der Zwiespalt zum Vorschein, der inwendig in des Menschen Herzen wohnt. Hat doch alle Disharmonie in unserem Wesen darin ihren Ursprung, dass wir, nach dem Zeugnis unseres Gewissens, durch unsere Sünden von Gott geschieden sind und doch die Gemeinchaft mit ihm nicht entbehren können. Wenn wir das Christentum als für uns nicht passend verwerfen, erweist es sich in demselben Augenblick für uns als unentbehrlich. Wenn die Welt ruft: »Fort mit Christus«, zeigt er gerade in seinem Tode, dass er allein der Welt das Leben gibt. Zu den Inbegriffen, die der moderne Mensch sich über Welt und Leben bildet, passt das Christentum nicht, es steht ihnen diametral gegenüber. Aber desto besser passt es zu Welt und Leben, wie sie in Wirklichkeit sind. Wer sich los macht von den Idolen des Tages, von der öffentlichen Meinung, von den herrschenden Vorurteilen in Wissenschaft und Schule; wer die Dinge mit freiem Blick anschaut, nüchtern und mit offenem Sinn, wer Welt und Menschen, Natur und Geschichte nimmt, wie sie in sich wirklich sind, dem wird sich stets stärker die Überzeugung aufdrängen, dass das Christentum die einzige Religion ist, deren Welt­ und Lebensanschauung auf Welt und Leben passt.

Luther: Auf den Gerechten wartet das Gericht

Martin Luther sagte zur Disputionsfrage über die Kräfte und den Willen des Menschen ohne Gnade (1516):

Da die Gerechtigkeit der Gläubigen in Gott verborgen ist, ihre Sünde aber offenkundig in ihnen selbst, ist es wahr, dass nur die Gerechten verdammt werden, die Sünder und Dirnen aber gerettet werden. Das ergibt sich hinsichtlich des ersten, weil die Gerechtigkeit der Gläubigen allein aus der Zurechnung Gottes kommt, gemäß dem Spruch Ps 32: »Glückselig der Mann, dem Gott die Sünde nicht zugelechnet hat«, und in einem anderen Psalm: »Meine Hilfe [kommt] vom Herrn«, und Hos 13: »Du [bist] dein [eigenes] Verderben, Israel, aber in mir ist Hilfe.« Das zweite ergibt sich daraus, dass ein anderer Psalm die Sünde öffentlich bekennt, »die immer in mir ist«, das heißt, in meinen Augen bin ich immer Sünder. Und der Apostel Gal 3 [richtig: Kol 3]: »Ihr seid gestorben«, sagt er, »und euer Leben ist verborgen in Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr erscheinen mit ihm in Herrlichkeit«. Folglich ist jeder Heilige bewusst Sünder, unbewusst aber ein Gerechter, Sünder der Tatsache nach, Gerechter der Hoffnung nach, Sünder tatsächlich, Gerechter jedoch durch die Zurechnung des sich erbarmenden Gottes. Also ist es wahr, dass nur die Gerechten, das heißt, die Gerechten, die sich selbst keine Sünde zurechnen, in ihren Übeltaten verdammt werden. Die Dirnen aber, oder diejenigen, die sich selbst Sünden zurechnen und in ihren eigenen Augen Dirnen und Sünder sind, aber ihre Gottlosigkeit dennoch GOTT bekennen und zur rechten Zeit dafür um Vergebung bitten, auf ihn und nicht auf sich selbst hoffen, werden gerettet. Dazu passt es, dass der Herr den Priestern und Schriftgelehrten sagte: »Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und Sünder vor euch in das Reich Gottes eingehen werden.« Ebenso: »Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder.« »Die Kranken bedürfen des Arztes.« »Es ist größere Freude über einen Sünder« usw.

Luther: Gnade ist notwendig unverdient

Martin Luther sagte zur Disputionsfrage über die Kräfte und den Willen des Menschen ohne Gnade (1516):

Joh 15: »Ohne mich könnt ihr nichts tun.« Desgleichen: »Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht von meinem Vater gegeben wird.« Der Apostel [sagt] 1Kor 4: »Was hast du denn, das du nicht empfangen hast?« Und durch viele andere [Stellen] des Neuen und Alten Testaments wird schlüssig so gelehrt, am meisten durch den Propheten Hesekiel, wo Gott geradezu sagt, er lasse sich durch keine guten Verdienste der Menschen veranlassen, sie gut zu machen, als gehorchten sie seinen Geboten; sondern vielmehr vergelte er ihnen Gutes für Böses und tue dies um seiner selbst willen, nicht um ihretwillen. Er sagt nämlich: »Das sagt der Herr dein Gott: ›Das werde ich dem Haus Israel um meines heiligen Namens willen tun, den ihr entheiligt habt unter den Heiden‹.« Und nach vielen Worten des Propheten folgt: »Nicht euretwegen tue ich das, spricht Gott der Herr, damit ihr es nur wisst.« Aus diesen [Aussagen] allen [folgert] St. Augustinus, der Verteidiger der Gnade, zusammen mit dem heiligsten Apostel, dem Prediger der Gnade, dass es nicht an des Menschen Wollen und Laufen liege, sondern am Erbarmen GOTTES, der Strafe nur auferlegt, wenn sie verdient ist, Erbarmen hingegen nur, wenn es unverdient ist. Folglich werden Verdienste, die der Gnade vorangehen, hinfällig und nichts sein. Notwendigerweise bleibt also der Mensch ohne Gnade ein Sohn des Zornes, weil es allein die Söhne GOTTES sind, die vom Geist GOTTES getrieben werden.

Calvins Einsatz für die Einheit des Protestantismus

Wilhelm Niesele schreibt in seinem Buch über die Theologie Calvins (München: Kaiser, 1957, S. 197):

Wer in Calvin den Urheber aller modernen Kirchenspaltung sieht, zeigt, dass er von ihm keine Zeile gelesen hat. Auch das ganze Verhalten Calvins spricht dagegen. Er hat auf den Religionsgesprächen, an denen er teilgenommen hat, das Augsburgische Bekenntnis unterschrieben. Er hat trotz erheblicher Lehrunterschiede die Freundschaft zu Melanchthon gehalten. Mit großer Leidenschaft hat er sich für die Einheit des Protestantismus eingesetzt und die Streitlutheraner zurückgewiesen, weil sie die Kirche des Evangeliums zu zerreißen drohten. Als der Reformator aus Genf vertrieben worden war, wollten seine Anhänger in der Gemeinde nicht mehr an Abendmahlsfeiern unter Leitung der Pastoren, die ihm feindlich waren, teilnehmen. Calvin hat seine Freunde brieflich geradezu beschworen, von diesem Vorhaben abzulassen, damit die Einheit der Gemeinde keinen Schaden leide. Es besteht kein Grund, die Kirche zu verlassen, wenn die Predigt einige Unrichtigkeiten enthält und unklare Lehren verbreitet werden; »denn es gibt wohl keine Kirche, die nicht etwas von Unwissenheit behält«.

Stott: Die Gabe des einen Evangeliums

In den letzten Wochen wurde sehr viel über John Stott geschrieben (vgl. a. hier). Davon animiert, habe ich auch das ein oder andere Buch von Stott aufgeschlagen und dabei ein sehr schönes Zitat über das Evangelium und dem davon abgeleiteten Missionsauftrag gefunden (Die Autorität der Bibel, Hänssler, 1977, S. 45–46):

Unsere heutige Welt befindet sich in einem Zustand großer Verwirrung und Dunkelheit, und Angst hat die Menschen herzlos gemacht. Hat die christliche Kirche ein Wort des Zuspruchs, ein Licht, eine Hoffnung für den Menschen in seiner Verwirrung, in seiner Dunkelheit, in seiner Angst? Es ist eine der größten Tragödien unserer Zeit, dass die Gemeinde Jesu in dem Augenblick an ihrem Missionsauftrag zu zweifeln beginnt, in dem der Ruf der Welt nach dem Wort Gottes immer lauter wird. Der Grund für den nachlassenden Missionseifer liegt allein in dem schwindenden Vertrauen in die christliche Botschaft. Wir Christen sollten aus fester Überzeugung bekunden, dass Jesus unser Herr ist, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben wurde, und der uns auffordert, alle Völker zu seinen Jüngern zu machen und sie zu lehren, was er gelehrt hat (Matth. 28, 18. 19). Er gab uns den Auftrag, seinen Namen als den des gekreuzigten und auferstandenen Retters zu predigen. Er hat uns gesagt, das allen, die Buße tun und an ihn glauben, Vergebung und ein neues Leben geschenkt wird (vgl. Luk. 24, 44–49). Wir haben kein Recht, die Richtlinien, die Christus seiner Gemeinde gegeben hat, auch nur geringfügig zu verändern. Es gibt nur ein Evangelium. Wir dürfen es niemals in irgendeiner Weise ausschmücken, abwandeln oder nach unserem Belieben auslegen. Unsere Aufgabe ist es, Verkündiger der Frohen Botschaft Gottes zu sein, unsere Stimme mit Macht zu erheben, uns nicht zu fürchten und die Erlösung durch unseren Herrn überall bekannt zu machen (Jes. 40, 9; 52, 7). Die Botschaft ist uns gegeben, wir haben sie nicht erfunden. Wir sollen nur unsere Stimme, unser Leben und unsere Liebe einsetzen, um das Evangelium zu verbreiten. In dieser Hinsicht gleicht jeder Christ Johannes dem Täufer. Jeder von uns soll eine Stimme in der Wüste der Welt sein, die von Christus zeugt; jeder von uns soll abnehmen, damit er wachsen kann (Mark. 1,2. 3; Joh. 1, 6–8; 19–23; 3, 30).

Der Sieg Christi und unser Leben

Francis Schaeffer schreibt in seinem Buch Geistliche Leben – Was ist das? (Brockhaus, S. 83–84):

»Denn darin besteht die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer« (1 Joh 5, 3). Stimmt das? Finden wir für unseren Teil auch, dass seine Gebote nicht schwer sind? Ich muss sagen, dass ich sie jahrelang schwer fand. Viele Jahre lang predigte ich als Pfarrer nie über diesen Vers, weil ich ihn ganz einfach nicht verstand. Ich fand die Gebote Gottes schwer, konnte sie kaum ertragen. Und dann merkte ich eines Tages, als ich mit diesem Problem rang, dass ich immer den unmittelbaren Zusammenhang des Verses außer acht gelassen hatte: »Denn darin besteht die Liebe Gottes, das wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was aus Gott gezeugt ist, überwindet die Welt.« Glücklicherweise ist das noch nicht das Ende, denn sonst wüssten wir nichts über das »Wie«. »Und das ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube.« Aufgrund des vollendeten Werkes Christi ist »der Sieg« ein Leben aus Glauben, Augenblick für Augenblick. Das ist nicht unser Sieg, sondern der Sieg Christi, den er für uns am Kreuz von Golgatha erkauft hat, und den wir Augenblick für Augenblick im Glauben erfassen.

Augustinus: Der Christ und seine Kritiker

Aurelius Augustinus (Confessiones 10.5):

Möchte Brudersinn an mir lieben, was Du [Gott] als liebenswert ihm zeigst, und an mir beklagen, was Du als beklagenswert ihm zeigst. Doch das brüderliche Herz soll es tun, nicht eins, das draußen ist, keins von den Kindern der Fremde, deren Mund unnütz redet und deren rechte Hand eine Rechte der Bosheit ist. Das brüderliche Herz aber freut sich über mich, wenn es mich loben kann, und trauert um mich, wenn es tadeln muss. Denn mag es mich nun loben oder tadeln, es hat mich lieb.

Ich glaube nur, was ich sehe

Aurelius Augustinus (De utilitate credendi, Freibug: Herder, 1992, S. 159):

Vieles ließe sich anführen, um zu zeigen: Rein gar nichts in der menschlichen Gemeinschaft bleibt unversehrt, wenn man sich entschließt, nichts zu glauben, was man nicht als sichere Gewissheit vor Augen hat.

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