April 2011

Eine Pille für die Moral

Gibt es in Zukunft ein Medikament, das Schwerverbrecher in Gutmenschen verwandelt? Neue Studienergebnisse mit Psychopharmaka klingen vielversprechend.

Es gibt bereits Medikamente, die das Verhalten von Menschen beeinflussen: Psychopharmaka hellen die Stimmung auf, andere Medikamente beruhigen nervöse oder ängstliche Menschen, und manche Wirkstoffe verändern sogar das Sozialverhalten, wie der Arzneistoff Fluoxetin.

Er wird Patienten eigentlich verschrieben, die an einer Depression leiden, aber neuere Untersuchungen zeigen, dass er Menschen harmoniebedürftiger macht und auch Einfluss auf ihre Moralvorstellung hat.

Wenn solche Effekte möglich sind, könnten dann Pillen in Zukunft unsere Vorstellung von Gut und Böse beeinflussen? Dann würde eine Behandlung mit »Moral-Pillen« den Gefängnisbesuch ersetzen. Schwerverbrecher bekämen dann nicht 15 Jahre Knast, sondern lebenslang ein Medikament verabreicht.

»Für Schwerverbrecher könnte so eine Pille sinnvoll sein, wenn sie sicherstellt, dass sie nicht mehr straffällig werden, indem sie ihnen die Aggressivität raubt«, sagt Thorsten Galert von der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen in Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Wir hatten das alles schon mal. Vor einigen Jahrzehnten schlug man uns vor, das Trinkwasser mit LSD anzureichern. Das hebe die Stimmung.

Hier der Artikel »Eine Pille, die Menschen moralischer macht«: www.welt.de.

Theozentrische Theologie

Gemeinhin gilt Karl Barth als der Theologe, der dem Spuk der Schleiermachschen Vermittlungstheologie eine Ende setzen wollte. In gewisser Weise steht Barth allerdings in der Schuld eines anderen Theologen. Erich Schaeder, ab 1918 Professor für Theologie in Breslau, hatte bereits 1909 durchschaut, dass seit Schleimacher der Mensch in den Mittelpunkt der deutschsprachigen Theologie geraten ist und keine nachhaltige geistliche Neubelebung der Kirche zu erwarten ist, solange die Theologie nicht Gott ins Zentrum rückt und ehrt. »Der Theologe«, so schreibt Schaeder, »steht vor Gott und letztlich vor niemand sonst« (S. 214). Barth steht in mancher Hinsicht Schaeder so nah, dass Pannenberg in seiner Problemgeschichte der neueren evangelischen Theologie verwundert bemerkt: »Angesichts der sachlichen Nähe zu Schaeder ist es eigenartig, daß Barth ihn in seinen Publikationen selten und dann nur kritisch erwähnt, ihn dagegen nie unter seinen geistigen Ahnen nannte« (1997, S. 167).

Erich Schaeder setzte gegen die Erfahrungstheologie Schleiermachers und letztlich auch gegen die dialektische Theologie Barths eine Theologie des Heiligen Geistes.

Nein, der Tatbestand, der letzte, tiefste, um den es sich hier handelt — man glaubt alle seine Schwierigkeiten zu sehen und doch muß man ihn aussprechen — ist der: was wir, was unsere Glaubensgenossen, was die Kirche von Gott haben, was wir von Gott in und durch Jesus Christus haben, das haben wir, wiewohl es in Jesus Lebensinhalt und Lebensertrag einer geschichtlichen Persönlichkeit ist, durch Gottes souverän wirkenden Geist, durch eine schlechthin freie Macht- und Gnadentat des lebendigen Gottes. »Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen usw.«

Über den Einfluss Schleiermachers schrieb Schaeder in seiner Theozentrischen Theologie (Bd. 1, hier 3. Aufl. von 1925, S. 3):

Man kann der durch Schleiermacher hervorgerufenen und beeinflußten Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts die Kritik nicht ersparen, daß sie in verkehrter Weise anthropozentrisch ist. Sie neigt in verschiedenen Formen und Graden dahin, die offenbare Herrlichkeit Gottes durch die Rücksicht auf den Menschen und auf das Menschliche zu verkürzen oder zu lädieren. In das Zentrum ihrer Betrachtung, in das Gott gehört, schiebt sich ihr mit größerer oder geringerer Energie der Mensch, oder er droht es zu tun. Sie treibt, beeinflußt vom innersten Lebenszuge der Aufklärung, der aber in einer Vereinseitigung der Gesichtspunkte der Lutherschen Reformation eine seiner Wurzeln hat, eine verkehrte Humanität, und die richtige, notwendige Divinität kommt dabei zu kurz. Wenn es eine Weiterbildung der dogmatischen Theologie gibt, dann muß sie darin bestehen, daß ihr der theozentrische Charakter, welcher ihr zukommt, klar und entschieden aufgeprägt wird.

Zu den bekannteren Schülern von Schaeder gehört – und man merkt es, wenn man ihn liest –, Hans Joachim Iwand (vgl. hier). Die Erneuerung der Theologie bleibt jedoch weiterhin Aufgabe. Möge der Heilige Geist die jetzt noch jungen Studenten und Theologen »packen«, damit sie die Wirklichkeit und Herrlichkeit Gottes wieder in die Mitte ihres Dienstes stellen.

Herman J. Selderhuis über den Heidelberger Katechismus

Professor Herman J. Selderhuis, ausgewiesener Experte für reformatorische Theologie (besonders Calvin), hat am 4. März 2011 einen Vortrag anlässlich 450 Jahre Heidelberger Katechismus (2013) mit dem Titel: »Zwischen Emnden und Chennai: Ein Büchlein geht durch die Welt« gehalten. Was hat das indische Chennai mit dem Heidelberger Katechismus zu tun? Der Heidelberger Katechismus hat auch das Leben von Menschen in Indien verändert.

Hier geht es zum Mitschnitt des ausgezeichneten Vortrags über die Verbreitung, den Aufbau und die Kritik und Wertschätzung am schönsten Katechismus, den uns die Reformationszeit hinterlassen hat: www.jalb.de.

Parzany: Tendenzen zur Beliebigkeit

Wie kann Mission in der Volkskirche praktiziert werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Synode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern auf ihrer Tagung vom 3. bis 8. April in München. Vor den 108 Synodalen sprach am 6. April unter anderem Pfarrer Ulrich Parzany  aus Kassel. Er kritisierte zunehmende »Tendenzen zur Beliebigkeit« in der gottesdienstlichen Verkündigung.

Wieder einmal trifft Ulrich Parzany den Nagel auf den Kopf:

Als Beispiele nannte er Themen wie die Jungfrauengeburt, das leere Grab nach der Auferstehung Jesu oder das Verständnis der Bibel als Wort Gottes. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer versuchten, die Menschen mit niedrigschwelligen Angeboten für die christliche Botschaft zu gewinnen. Doch verschwiegen sie dafür oft vermeintlich unbequeme biblische Inhalte und versuchten, zu vermeiden, dass sie damit Anstoß erregen. Zwar sei in der Konsumgesellschaft der Kunde König, und das gelte auch für den religiösen Supermarkt. »Aber Gott ist keine Ware«, so Parzany. In Fragen der gottesdienstlichen Liturgie oder des Amtsverständnisses seien Pastoren und Gemeinden hingegen relativ starr. »Umgekehrt sollte es sein: treu im Inhalt und flexibel in den Formen«, betonte Parzany und verwies auf den Apostel Paulus, der sagte: »Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise einige rette.«

Hier mehr: www.idea.de.

Mark Noll: Nutzen und Gefahren der »Gospel Coalition«

Selbstkritik ist wichtig. Mark Noll hat in einem Interview der »Gospel Coalition« hilfreiche Tipps gegeben.

In as much as The Gospel Coalition represents the networking of various ministries and persons that grew independently of one another, there is a great opportunity to build confidence in its foundational principles, sharpen one another in the practice of ministry, and positively articulate the best of Augustinian/Reformed theology.

Some of these positives also represent dangers. The opportunity to put our best foot forward can create larger-than-life personalities and heroes, when in reality, such movements rarely survive the driving forces or persons that bring them into existence. These kinds of movements have strong short-term potential but minimal long-term influence. Without some transition from ad hoc cooperation to established, institutionalized relationships, the work of maturation and discipleship will happen elsewhere. A person can come and enjoy fellowship and teaching at a conference, but ought not to assume that such things can replace the learning and maturing that require years of pastoral practice and study with the accountability of a seasoned pastor or denominational board.

Then, there is also the danger of schisms. As a broad coalition with differing views on church government, the sacraments, the gifts of the Spirit, and practices of ministry, there is always the danger of schisms over any of these items or something that develops in the future. A recent historical example that comes to mind is that of John Stott and Martyn Lloyd-Jones.

Another reality to acknowledge is that the assumptions of much of American culture are not Calvinistic. So you would do well to fight against three things: the tendency to turn leaders into heroes, minimize the importance of institutions, and divide over secondary issues—all the while recognizing the pervasive influence of the dominant culture on religious life.

Hier das Interview: thegospelcoalition.org.

CD: JT

Wer war Gandhi?

Und schon ist die Debatte um die neue Gandhi-Biographie in Deutschland angekommen. War Mahatma Gandhi bisexuell? Liebte er einen deutschen Bodybuilder? Und war er gar ein Rassist? Die neue Biografie von Joseph Lelyveld versetzt ganz Indien in Aufregung – ein Bundesstaat hat das Buch sogar bereits verboten.

Lelyvelds Buch »Great Soul. Mahatma Gandhi and His Struggle with India« hätte außerhalb von Fachkreisen kaum Aufsehen erregt, wären amerikanische und britische Kritiker nicht auf ein paar Details gestoßen, die sie so zuspitzen: Mahatma Gandhi war demnach bisexuell und hatte in Südafrika ein Verhältnis mit dem deutschen Architekten und Bodybuilder Hermann Kallenbach. Außerdem, so die Schlussfolgerung der britischen »Daily Mail«, war Gandhi ein Rassist. Das »Wall Street Journal« urteilt, Gandhi sei ein »sexuell verrückter Typ, politisch inkompetent und ein fanatischer Liebhaber« gewesen, einer, »der absolut grausam zu den Menschen in seinem Umfeld war«.

In Indien werden solche Behauptungen auch mehr als sechs Jahrzehnte nach der Ermordung Gandhis als geradezu blasphemisch angesehen. Gandhi gilt als »Vater der Nation«, er war der Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung, die das Land 1947 von der britischen Kolonialherrschaft befreite. Und war er nicht mit 13 Jahren mit der gleichaltrigen Kasturbai verheiratet worden, hatte er nicht fünf Kinder mit ihr gezeugt, setzte er sich nicht für die Gleichheit der Menschen ein? Dass dieser Nationalheilige bisexuell und rassistisch gewesen sein soll, will vielen Indern nicht in den Kopf.

Hier der Artikel Hasnain Kazim aus Islamabad: www.spiegel.de.

»Wo war Gott in Japan?« – Interview mit Robert Spaemann

Viele Menschen haben in den letzten Wochen gefragt: »Wo war Gott in Japan?«. Von dieser Frage ausgehend hat der Philosoph und Journalist Dominik Klenk von der »Offensive Junger Christen« mit Robert Spaemann ein Interview gemacht, dass DIE ZEIT (13/2011) erstveröffentlicht hat. Spaemann spricht sich im Interview gegen eine überrealisierte Eschatologie aus, die den Himmel auf Erden herbeiführen möchte.

Man versucht uns heute so ein Soft-Christentum beizubringen. Und das hat Tradition. Aber wenn der Apostel Paulus sagt: »Wir haben hier keine bleibende Statt, unsere Heimat ist im Himmel«, dann ist das eine klare Ansage, um sich auszurichten und nicht um sich einzurichten. Es hat mich viele Jahre innere Anstrengung gekostet, dass katholische Prediger mir in der Nazi-Zeit versucht haben auszureden, was da gesagt ist. Ich habe aber erfahren, dass diese unbequeme Botschaft des Paulus eine Quelle der Freude ist. Anders als bei einem Geschichtsoptimismus. Da strengt man sich sehr an, aber wenn die Sache schiefgeht, ist man tief frustriert. Und die Welt ist voll von zynisch gewordenen Idealisten.

Hier das vollständige und empfehlenswerte Gespräch: www.dominik-klenk.de.

Ideologisierung des Sexuellen

Die Grünen, lesen wir, seien mit der Baden-Württemberg-Wahl in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Die Partie propagiert jedoch im Namen falsch verstandener Gleichberechtigung auch Lebensstile und Weltanschauungen kleiner gesellschaftlicher Gruppen. Besonders in den Schulen wollen die Grünen in Zukunft neue Schwerpunkte setzen. Die Basisschule soll sich zu einem »Ort der gelebten Demokratie entwickeln«, in der Oberstufe soll die Individualisierung vorangetrieben werden, gemäß der sich die Schulen »den Neigungen und Leistungen der SchülerInnen« weiter anzupassen haben. Natürlich werden auch moderne (vornehmlich französische) Gendertheorien zentral platziert. Alexander Kissler hat das Wahlprogramm der Grünen in Baden-Württemberg gelesen und dabei entdeckt, dass in Zukunft in allen Unterrichtsfächern vermittelt werden soll, dass »unterschiedliche sexuelle Identitäten als etwas Selbstverständliches« anzusehen seien. Im Wahlprogramm heißt es dazu:

Ein vielfältiges und respektvolles Miteinander muss bereits in den Bildungseinrichtungen des Landes seinen Platz haben. Baden-württembergische Schulen sind angehalten, unterschiedliche sexuelle Identitäten als etwas Selbstverständliches zu vermitteln und wertneutral zu behandeln. Diese Aufgabe muss in den Bildungsstandards sowie in der Lehrerbildung verbindlich verankert werden. Dabei denken wir nicht nur an den Aufklärungsunterricht im Fach Biologie, sondern an alle Unterrichtsfächer. In diesem Zusammenhang sollten im Fach Gemeinschaftskunde z.B. soziologische Fragen thematisiert werden, in den Fächern Religion und Ethik Aspekte der Lebensgestaltung, und in Sprach- und Mathematiklehrbüchern ist der Alltag verschiedener Familienformen (also auch von Regenbogenfamilien) abzubilden.

Kissler sieht darin – zurecht – den Versuch, den Staat als pansexuellen Wächterrat zu inthronisieren. Hier sein Kommentar: www.theeuropean.de.

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