März 2012

Hinrichtungen im Iran auf Rekordniveau

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) weist am heutigen Dienstag darauf hin, dass die Zahl der Hinrichtungen im Iran so hoch ist wie seit den Massenhinrichtungen in den 80er Jahren nicht mehr. Allein im vergangenen Jahr sind nach Informationen des UN-Sonderberichterstatters für den Iran, Ahmed Shaheed, 670 Hinrichtungen bekannt geworden. Die IGFM geht allerdings davon aus, dass die tatsächliche Zahl bedeutend höher sein könnte. Zahlreiche Hinrichtungen würden nicht offiziell bekannt gegeben und heimlich in Gefängnissen oder Einrichtungen der islamischen Revolutionswächter vollstreckt. Die IGFM kritisierte außerdem, dass die Islamische Republik Menschen hinrichte, die nach internationalem Recht keinerlei Straftat begangen hätten, z.B. wegen Abwendung vom Islam oder „Kampf gegen Gott“.

Anlässlich des derzeit in Genf tagenden UN-Menschenrechtsrates erklärte der Vorstandssprecher der IGFM, Martin Lessenthin: „Die Todesstrafe wird im Iran systematisch eingesetzt, um Andersdenkende mundtot zu machen“. Nach staatlichen iranischen Quellen erfolgen die meisten Hinrichtungen angeblich wegen Drogendelikten. Viele Strafverfahren in der Islamischen Republik seien völlig intransparent seien. Die iranischen Behörden würden den Betroffenen oft kein Urteil, keine Urteilsbegründung und zum Teil nicht einmal die Anklage aushändigen. Anwälten würde systematisch Akteneinsicht verwehrt.

Geht der Ökumenischer Weltkirchenrat unter?

Der Ökumenischer Weltkirchenrat (ÖRK) steckt in einer Krise. Über die Jahre haben sich enorme Schulden angesammelt, besonders wegen der Pensionsfonds. Wenn nicht bald 30 Millionen Schweizer Franken zur Verfügung gestellt werden, droht die Insolvenz. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) stellt derzeit mehr als ein Drittel der Mittel für den ÖRK zur Verfügung. Allerdings will sie angesichts der Verschuldung nicht einfach einspringen.

Hier ein Bericht der DLF:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2012/03/12/dlf_20120312_0936_b4829312.mp3[/podcast]

Calvins Abschiedsrede

Matthias Freudenberg schreibt in seinem Aufsatz „Calvins Einfluss auf die Entwicklung des reformierten Verständnisses der Kirche“, (M. Hofheinz; W. Liebmann; M. Salmann: Calvins Erbe, Vandenhoeck & Ruprecht, 2011, S.19–20):

Kurz vor seinem Tod sprach Calvin davon, dass man sogar Hunde auf ihn gehetzt und geschrien habe: „Faß, faß!“ Seine Arbeit wurde immer wieder von theologischen Gegnern und vom Genfer Rat in Frage gestellt. Umgekehrt räumte Calvin kurz vor seinem Tod in einer Abschiedsrede an die Pfarrer ein: „Ich habe viele Schwächen gehabt, die Ihr ertragen mußtet.“ Calvin sagte das nicht nur deshalb, weil er um seine persönlichen Grenzen und Schwächen wusste, sondern weil es zu seinem theologischen Verständnis der Kirche gehörte, dass diese in der Spannung von begrenztem Menschenwerk und göttlicher Verheißung existiert.

Mangelnde Wertschätzung alter Menschen

Der Heidelberger Theologe Wolfgang Drechsel hat die mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung alter Menschen kritisiert. epd meldet:

„Nicht-Altsein gilt als schön“, sagte Drechsel am Samstag bei einer Tagung über Altenseelsorge in Pforzheim-Hohenwart. So werde in Medien und Werbung entweder das „Nicht-Alter“ gezeigt mit Rezepten für Anti-Aging oder Bedrohungsszenarien einer überalternden Gesellschaft Gründe für die „Abwertung des Alters“ liegen nach Auffassung des Theologen im gesellschaftlichen Streben nach einem gelingenden Leben. Dieses sei zugeschnitten auf die jungen, dynamischen und fitten Menschen, die meinten, ihr Leben selbst in der Hand zu haben. Der „Mythos des gelingenden Lebens“ übe Druck auf die Menschen aus, die sich dann immer mehr mit sich selbst beschäftigten statt mit anderen.

Die Schwachen, Gebrechlichen, Kranken und Dementen fielen aus dieser Wahrnehmung heraus, kritisierte Drechsel. Wer dagegen das Leben auch mit seinen Schattenseiten wie Schwäche, Krankheit und Tod sehe, begehe eine Art „Tabu-Bruch“. Menschen, die sich als von Gott geliebt und gewürdigt wahrnehmen, könnten eine kritische Distanz zu den gesellschaftlichen Vorurteilen einnehmen.

So ist das. Hier mehr: www.epd.de.

„Wir sind die Kirche!“ Wirklich?

Seit Jahren höre ich es: „Die Kirche ist kein Ort, zu dem wir hingehen. Wir sind die Kirche.“ Autoren wie Wayne Jacobsen (Der Schrei der Wildgänse) haben im Kirchenvolk Spuren hinterlassen und den frommen postmodernen Individualismus auf die Spitze getrieben: „Gemeinden sind Institutionen, auf die ich als Christ gut verzichten kann.“

Was Jacobsen anbetrifft, kann ich die Unterlagen von Hanniel Strebel empfehlen. Mit dem protestantischen Verständnis von „extra ecclesiam salus non est“ (dt. „Außerhalb der Gemeinde ist kein Heil“) hat sich Sebastian Heck in seinem Aufsatz „Die (Heils-)Notwendigkeit der Kirche [Gemeinde]; römisch oder reformatorisch?“ auseinandergesetzt.

Jenseits dieser wichtigen Kritiken und der Fragen um Kirchenordnung, Ämter und Sakramente, möchte ich darauf hinweisen, dass wir nicht die Kirche sind. Kirche ist nicht dort, wo wir sind, sondern dort, wo Gottes Wort von Menschen geglaubt wird und Christus als das Haupt erscheint. Der Reformator Johannes Calvin hat es 1544 gegenüber den Theologen der Pariser Universität Sorbonne so gesagt (CStA, Bd. 3, S. 72–75):

Wir alle bekennen, daß es eine allgemeine Kirche gibt und von Anfang der Welt an gegeben hat und bis zu ihrem Ende geben wird. In Frage steht die äußere Erscheinung, an der man sie erkennen kann. Nach unserer Überzeugung liegt sie im Wort Gottes. Oder besser gesagt darin, daß Christus ihr Haupt ist. Darum behaupten wir: Wie nun ein Mensch an seinem Gesicht erkannt wird, so muß man die Kirche in Christus anschauen … Laßt uns deshalb festhalten, daß die Kirche sichtbar ist, wo Christus erscheint und wo sein Wort gehört wird, wie geschrieben steht: „Meine Schafe hören meine Stimme“ (Joh 10,27).

Wie manipulativ ist Kony 2012?

Uganda20030054.JPG
2003 wurde ich mit meinen Freunden in Uganda in einen schweren Unfall verwickelt. Todesangst und Dank lagen an diesem Abend sehr eng beieinander.

Da ich 2003 in Uganda war (und damals noch gerade mit dem Leben davon gekommen bin, siehe Foto), habe ich  viel über LRA und Joseph Kony gehört. Was dieser Mann mit seiner Armee in Uganda und anderswo angestellt hat, ist unvorstellbar grausam und bedrückend. Zugleich muss ich bekennen, dass ich gegenüber der Video-Produktion von „Invisible Children“ skeptisch bin. Mein erster Gedanke war: Das ist gut gemeint, aber hier wird der Zuschauer manipuliert. Wenn ich nun Sätze wie:

Kony 2012 wird in die Geschichte der erfolgreichsten Viralkampagnen und in die Lehrbücher für Propaganda eingehen, soviel steht fest.

lese, wird mein Misstrauen beflügelt.

Um dem Hype um Konie 2012 zu relativieren, hier der Verweis auf einige kritische Berichte:

VD: AW

Die ungeheure Härte des Glaubens

DSuF_Cover_2012.jpegDie Ausgabe 2/2012 der Zeitschrift Sinn und Form wird Gespräche publizieren, die der Arzt Heinrich Huebschmann (1913–1995) im Jahre 1942 mit einigen herausragenden Intellektuellen geführt hat. Sinn und Form schreibt über Huebschmann:

Die Lust am Widerspruch gehörte zu seinen Wesenszügen, sie war für ihn eine Art Wünschelrute, mit der er sich auf die Suche nach der Wirklichkeit begab. Die nachstehenden Aufzeichnungen zeigen dies am Beispiel seiner Galilei-Kritik, sie zeigen seine Haltung gegen eine Naturwissenschaft, die das Meßbare zum Hauptkriterium erhebt und so zu einer mechanischen Sicht des Lebens kommt.

Die FAZ hat bereits am Mittwoch das bemerkenswerte Gespräch mit dem Pädagogen Eduard Spranger abgedruckt (07.03.2012, Nr. 57, S. N5). Huebschmann bekennt dort: „Ich selbst aber muß für mich gestehen, daß ich erst wieder festen Boden unter den Füßen gewann, als ich mich mit dem Christentum mehr befaßte.“ Kontext des Bekenntnisses ist die Kritik sowohl am extremen Subjektivismus wie auch am Kollektivismus (dem „Marschiertaumel“). Spranger kritisiert anschließend die Roosveltsche und Niedermöllersche Gegenbewegung, die Niedermöllersche dafür, dass sie mehr von der Antithese lebt. In seiner Antwort spricht Huebschmann von der Lebendigkeit und Härte des christlichen Glaubens:

Ja, wenn die letztere nur vom Neinsagen lebt, dann ist auch sie dem Untergang geweiht. Aber es gibt doch auch viele Anzeichen echten Lebens. Ich selbst las kürzlich das Matthäusevangelium. Ich war auf das tiefste überrascht, daß ich eine ganz falsche Schulerinnerung daran hatte. Nichts von jener pietistisch-humanitären Weichheit, die man dem Christentum vorwirft. Welch ungeheure Härte liegt in den Gleichnissen. Das Himmelreich ist ein Fischzug. Die guten Fische werden aufgehoben, die faulen weggeworfen – endgültig! Oder wie grausam ist das Gleichnis von den klugen und törichten Jungfrauen! Für die törichten, die kein Öl in der Lampe haben, ist es erbarmungslos endgültig aus!

Evangelium als Zentrum

Keller_Carson.jpegD.A. Carson (Referent auf der E21-Konferenz im Mai 2012) und Tim Keller haben gemeinsam das Buch:

  • D. A. Carson, Timothy Keller (Hg.): The Gospel as Center: Renewing Our Faith and Reforming Our Ministry Practices, Crossway Books, 2012, 320 S., ca. 18 Euro

herausgegeben.

Das Buch enthält folgende Aufsätze:

  1. “Gospel-Centered Ministry,” D. A. Carson and Timothy Keller
  2. “Can We Know (and Tell) the Truth?,” Richard D. Phillips
  3. “The Gospel and Scripture: How to Read the Bible,” Mike Bullmore
  4. “Creation,” Andrew M. Davis
  5. “Sin and the Fall,” Reddit Andrews III
  6. “God’s Plan,” Bryan Chapell
  7. “What Is the Gospel?,” Bryan Chapell
  8. “Christ’s Redemption, Sandy Willson
  9. “Justification,” Philip Graham Ryken
  10. “The Holy Spirit,” Kevin DeYoung
  11. “The Kingdom of God,” Stephen Um
  12. “The Church: God’s New People,” Tim Savage
  13. “Baptism and the Lord’s Supper,” Thabiti Anyabwile and J. Ligon Duncan
  14. “The Restoration of All Things,” Sam Storms

Im einleitenden Kapitel von Carson und Keller heißt es:

Over the last few years there has been a major push to abandon expository preaching for what is loosely called “narrative” preaching. The diagnosis goes something like this:

These are postmodern times, marked by the collapse of confidence in the Enlightenment project and a rational certainty about “truth.” So now hearers are more intuitive than logical; they are reached more through images and stories than through propositions and principles. They are also allergic to authoritarian declarations. We must adapt to the less rational, nonauthoritarian, narrative-hungry sensibilities of our time.

In our understanding, it is a great mistake to jettison expository preaching in this way. But in some quarters, the response goes something like this: “Because postmodern people don’t like our kind of preaching, we are going to give them more of it than ever.” They are unwilling to admit that much conventional use of the expository method has tended to be pretty abstract, quite wooden, and not related to life. It is also true that many traditional expository preachers like the “neatness” of preaching through the Epistles instead of the vivid visions and narratives of the Old Testament. But most importantly, expository preaching fails if it does not tie every text, even the most discursive, into the great story of the gospel and mission of Jesus Christ.

Das Inhaltsverzeichnis kann zusammen mit dem ersten Kapitel hier heruntergeladen werden: the-gospel-as-center-download.pdf.



VD: JT

Das Karl-Barth-Archiv in Basel

Internationales Museum der Reformation in Genf

Karl Barth war international einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. In seinem ehemaligen Wohnhaus in Basel befindet sich heute das Karl-Barth-Archiv, in dem Tausende von Büchern, Aufsätzen und Briefen des evangelischen Theologen aufbewahrt werden. Seit dem 1.März 2012 hat das Haus einen neuen Leiter, Dr. Peter Zocher.

Hier ein Interview mit dem Theologen Zocher:

Global Prayers

Ob Christen, Hindus oder Muslime. In vielen Ländern prägen religiöse Bewegungen nicht nur den Alltag und die Kultur, sondern auch das politische Geschehen. Auf einer Veranstaltung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin debattierten Wissenschaftler über religiöse Heilslehren und Fortschrittsversprechen. Der Göttinger Religionsethnologe Boris Nieswand meint:

„Das merkt man immer wieder in den Diskussionen beim Kaffee mit den Kollegen. Dass es eben Schwierigkeiten gibt, die damit zusammen hängen, dass viele Wissenschaftler Distanzierungsprozesse von Religionen hinter sich haben und auf einmal wieder Menschen begegnen, die Religiosität in einer Weise leben, die nicht in dieses akademisch reflektierte … Weltbild reinpasst.“

Weiter heißt es:

Das Weltbild der Sozialwissenschaften lasse nur rationale Erklärungen zu, meint Boris Nieswand. Deshalb werde einem nicht-rationalen Phänomen wie religiösen Bewegungen schnell eine Rolle zugeschrieben, die mit ihrem Selbstbild gar nichts zu tun habe. Etwa, dass das Gemeinschaftsgefühl im Gottesdienst die soziale Kälte im Alltag kompensieren solle. Boris Nieswand will solche Thesen gar nicht grundsätzlich zurückweisen. Aber er bezweifelt, dass sie den Erfolg der neuen religiösen Bewegungen umfassend erklären können.

Hier: www.dradio.de.

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