2020

Wem gehört Bonhoeffer?

Professor Rainer Mayer hat anlässlich Dietrich Bonhoeffers 75. Todestag am 9. April notwendige Anmerkungen veröffentlicht. Im Nachrichtenmagazin IDEA schreibt er (11/2020, S. 19):

Kurz gesagt: Die Gefährdung der Kirche geschah zur NS-Zeit in erster Linie durch den Angriff von außen; heutzutage geschieht sie in erster Linie durch den Verfall von innen, der sich schließlich – damals wie heute in gleicher Weise – als kurzschlüssige Anpassung an staatliche und gesellschaftliche Entwicklungen auswirkt. Kirche will auf der Höhe der Zeit bleiben, im sogenannten „Mainstream“ mitschwimmen und dadurch ihre Zukunft sichern. Das ist bei allen äußeren Unterschieden die Parallele zwischen der von Bonhoeffer kritisierten Reichskirche und der heutigen kirchlichen Situation. In Flossenbürg gibt es eine Gedenktafel, die der bayerische Landesbischof Hermann Dietzfelbinger (1908–1984) seinerzeit anbringen ließ. Diese fasst auf beste Weise Bonhoeffers Vermächtnis zusammen und lautet: „Dietrich Bonhoeffer – ein Zeuge Jesu Christi unter seinen Brüdern“. In der Tat: Ein Nachfolger und Zeuge Jesu Christi in wirrer Zeit wollte Bonhoeffer sein; nichts anderes, nicht mehr und nicht weniger! Statt zu polemisieren, ist das evangelische Prinzip „zurück zu den Quellen“ angesagt. Man lese die Schriften von Bonhoeffer selbst.

Die Werkausgabe von Bonhoeffer gibt es digital übrigens bei LOGOS: de.logos.com.

[asa]3765509485[/asa]

Intellektuelle Uniformierung

Heidegger hätte heute keine Chance mehr auf eine Universitätskarriere, meint Peter Strasser und beklagt die um sich greifende Uniformierung der Sprache und des Denkens:

Die Vielfalt geisteswissenschaftlicher Forschungsthemen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade überall dort, wo die Durchlässigkeit am grössten ist, zusehends durch den Druck der Organisationsnotwendigkeiten (Vergleichung des Niveaus, Evaluierungen und Punktevergaben) ein sprachkulturelles Esperanto erzwungen wird – und die damit einhergehende «Monotonisierung» der Projekte und ihrer Ausführung: Aus dem Haus des Seins ist ein übernormiertes Reihenhaus geworden. Ich habe als Gutachter bei Diplomarbeiten davon hinreichend mitbekommen: vom guten Willen der Studierenden ebenso wie von ihrer antrainierten Neigung zu einer sterilen, gestanzten Wissenschaftssprache.

Die Sprache als reines Vehikel der Kommunikation mit professionellen Duftmarken zur internationalen Wiedererkennung von forscherischer «Exzellenz» – das alles führt in eine geistige Verflachung, die durch ihre Schablonenhaftigkeit schliesslich auf die kulturelle Vielfalt übergreift. Nichts ist öder, gleichförmiger und weniger wirklichkeitstief als die genormte Forschungsmaschinerie. Nicht nur am Tummelplatz des politischen Massenniveaus treten schliesslich aggressive Rückbesinnungen auf, kurz: Renaissancen aus- und abgrenzender Nationalismen – auch im Denken.

Dem zu wehren, ist heute vielleicht nicht weniger schwierig als einst, da die Begriffsmarker noch durch und durch «national» waren. Wie kann man der Vieldeutigkeit unserer Humanität gerecht werden? Gewiss nicht durch einen hemmungslosen Wahrheits- und Erkenntnisrelativismus, an dessen Ende ein verwildertes «anything goes» stünde.

Mehr: www.nzz.ch.

VD: DV

Fromme Figuren und theologische Thriller

Viele Schriftsteller lassen sich von religiösen Themen inspirieren – und schreiben darüber. Zuletzt sind zahlreiche Romane erschienen, in denen der Glaube eine besondere Rolle spielt. „Es gibt einen neuen literarischen Blick auf die Welt der Religionen“, sagt DLF-Redakteur Andreas Main im Gespräch mit Monika Dittrich. Ein neues Buch von Sibylle Lewitscharoff wird auch vorgestellt.

So viel Religion war selten. Zumindest in der Literatur und auf dem Bildschirm. „Das ist ein Phänomen, das wir bei den Streaming-Diensten schon länger beobachten“, sagt DLF-Redakteur Andreas Main. „Eine Edel-TV-Serie nach der nächsten mit Religionsbezug kommt auf den Markt. Und so wie diese TV-Anbieter Geld verdienen müssen, müssen auch Verlage Umsatz machen.“

Offenbar ließen sich Romane mit religiös angehauchter Handlung gut verkaufen. Und: „Es fällt einfach auf, wie sehr Dichterinnen und Denker sich von religiösen Themen faszinieren lassen.“

Hier: 

 

[asa]3518428934[/asa]

War Paulus ein Allversöhner?

In Deutschland hat die Lehre von der Allerlösung, auch Universalismus oder Allversöhnung genannt, durch die bei Prof. Dr. Hans-Joachim Eckstein 2007 in Tübingen eingereichte Dissertation von Jens Adam einigen Auftrieb erhalten (Jens Adam, Paulus und die Versöhnung aller, 2009). Das besonders auch unter den Evangelikalen, denn außerhalb dieser Kreise ist der Universalismus sowieso die Communis Opinio.

Das Magazin CREDO hat nun die gekürzte Ausgabe einer Studie zum vermeintlichen Heilsuniversalismus bei Paulus veröffentlicht. Autor ist Joshua M. Greever,  Professor für Neues Testament an der  Grand Canyon University in Phoenix, AZ (USA). Greever schreibt:

Es gibt zwar zahlreiche Abstufungen innerhalb des Universalismus, aber der gemeinsame Nenner ist, dass ohne Ausnahme alle Menschen eines Tages gerettet werden und, negativ ausgedrückt, dass niemand eine ewige Strafe erhalten wird. Der Universalismus ist in letzter Zeit auch in evangelikale Kreise vorgedrungen. Obwohl er typischerweise mehr auf theologischen oder philosophischen Grundlagen beruht als auf einer nachhaltigen exegetischen Analyse, suchen evangelikal orientierte Universalisten gelegentlich in der Heiligen Schrift, sogar beim Apostel Paulus, nach Unterstützung. Insbesondere Paulus’ gelegentlicher Gebrauch der universellen Sprache zur Beschreibung des Umfangs der Errettung bietet, so wird argumentiert, eine ausreichende exegetische Rechtfertigung, um Paulus als Allversöhner zu deuten. Für unsere Zwecke wird Paulus’ gelegentlicher Gebrauch der universellen Heilssprache einen geeigneten Ausgangspunkt bieten. Wir werden kurz beschreiben, was diese Texte sagen und warum sie so häufig zur Unterstützung universalistischen Paulus zitiert werden. Dann werden wir die allversöhnerische Auslegung dieser Texte auf der Grundlage kritisieren, dass sie weder mit dem unmittelbaren literarischen Kontext der Texte noch mit dem breiteren soteriologischen Rahmen des Paulus übereinstimmen.

Mehr: credomag.com.

[asa]3765514934[/asa]

Daniel Knoll: „Zu wenig gute Theologie in unseren Gemeinden“

Anfang April gibt es in Wetzlar eine E21-Regionalkonferenz zum Thdema „Theologie für die Gemeinde“. Hauptreferent wird der Neutestamentler Thomas Schreiner (Professor für Neues Testament am Southern Baptist Theological Seminary in Kentucky (USA) sein.

Waldemar Henschel hat für Evangelium21 mit dem Pastor der gastgebenden Immanuel-Gemeinde, Daniel Knoll, über das Thema Theologie und Gemeinde gesprochen. Hier ein Auszug: 

Waldemar: Häufig hört man den Vorwurf, dass ein Übermaß an Theologie Pastoren praxisfern sein lässt und in den Gemeinden nur zu unnötigen Streitereien führt. Sollte man wirklich so viel Wert auf Theologie in der Gemeinde legen?

Daniel: Unbedingt. Der bedauernswerte Zustand in einem Großteil unserer Gemeinden ist ja nicht auf zu viel Theologie zurückzuführen, sondern auf zu wenig Theologie, genauer gesagt, auf zu wenig gute Theologie. Ganz grundsätzlich gilt doch: Theologie ist die Lehre von Gott – und davon kann man nie genug bekommen. Das wertvollste, was einer Gemeinde passieren kann, ist ein hohes Bild von Gott zu haben, gegründet auf einem tiefen Verständnis von seinem Wort. Genau das ist das Ziel von Theologie. Der Vorwurf ist aber dennoch ernst zu nehmen, denn er zeigt ja auch, wie Pastoren und Prediger mit theologischer Ausbildung offenbar häufig wahrgenommen werden. Eine große Herausforderung an der theologischen Arbeit ist es ja, Gottes Wort und Wesen mit unserem ganzen Verstand so zu studieren, dass es unser Herz näher zu ihm bringt. Und das geschieht nicht von selbst. Man kann sich gründlich mit biblischen und dogmatischen Texten auseinandersetzen, ohne wirklich von ihrer Botschaft ergriffen zu sein. Dabei betreiben wir Theologie doch nur dann konsequent, wenn wir dadurch immer wieder selbst über Gottes Offenbarung ins Staunen geraten, darüber beten und anbeten, uns davon überführen und verändern lassen, weil wir Gott mehr erkennen.

Mehr: www.evangelium21.net.

Vielleicht treffen wir uns ja in Wetzlar? 

[asa]3935558902[/asa]

Notwendige Begriffsklärungen

Francis Schaeffer schrieb 1975 (dt. Der Schöpfungsbericht, 1976, S. 7) etwas über die Bedeutungsabwertung von Begriffen:

Manche Wörter haben heute eine solche Bedeutungsabwertung erfahren, daß man oft auf schwerfällige Begriffe ausweichen muß, um eindeutig verständlich zu machen, was man meint. So kann das Wort »Tatsache« heute alles oder nichts bedeuten. Wer von »Tatsachen« spricht, kann damit nichts weiter als nicht verifizierbare »religiöse Wahrheit« meinen, und deshalb müssen wir um der Klarheit willen einen unschönen Begriff wie »bruta facta« benutzen (nur ungenau zu übersetzen mit »nackte Tatsachen). Mit »bruta facta« meinen wir nicht irgendein kartesianisches Konzept von »ewigen Tatsachen«. Es gibt keine Tatsachen über oder hinter Gott, ebensowenig wie es eine Ethik oder Werte über oder hinter Gott gibt. Es gibt keine autonomen Tatsachen, die unabhängig von Gott existieren. Aber nachdem Gott etwas geschaffen hat, besitzt dieses Geschaffene objektive Wirklichkeit. Und weil Gott die Geschichte mit ihrer Bedeutung in Raum und Zeit geschaffen hat, besitzt auch das, was sich in der Geschichte vollzieht, objektive Wirklichkeit.

Die Geschichtlichkeit des Sündenfalls ist hier ein treffendes Beispiel. Der geschichtliche Sündenfall ist keine Interpretation, er ist ein »brutum factum«. Hier bleibt kein Raum für Hermeneutik, wenn Hermeneutik in diesem Fall bedeutet, daß der Sündenfall als tatsächliches Geschehen (im Sinne eines »brutum factum«) wegerklärt wird. […] Es ist eine logisch begründete Aussage über ein geschichtliches, in Raum und Zeit geschehenes »brutum factum«. Vor dem Fall gab es die Zeit, und es gab eine Geschichte in Raum und Zeit; und dann wandte sich der Mensch aufgrund einer freiwilligen Entscheidung von seinem angemessenen Bezugspunkt ab, und damit verursachte er einen ethischen Bruch – der Mensch wurde abnorm.

[asa]3935558376[/asa]

Das Evangelium

Harry Enns stellt für E21 das neue Buch Das Evangelium von Ray Ortlund vor. In der Besprechung schreibt er:

9 merkmale das evangelium 01In den letzten drei Kapiteln geht es dann konkreter darum, eine Evangeliumskultur konkret zu entwickeln. Warum ist das oft so schwierig? „Eines der größten Hindernisse für das Wirken des Evangeliums in unseren Gemeinden ist Unglaube unter uns Gemeindemitgliedern“ (S. 75). Das Evangelium stellt Christus ins Zentrum; wir hingegen neigen dazu, uns selbst ins Zentrum zu rücken, auch wenn wir theoretisch bekennen, dass Christus im Zentrum ist – diese Neigung macht es so schwierig, eine Evangeliumskultur zu etablieren. Gelingt es durch Gottes Gnade allerdings doch, können wir mit zwei Dingen rechnen: mehr Frucht (Freude, Bekehrungen, Einfluss), aber auch mehr Widerstand. Anhand von 2. Korinther 2,15 zeigt Ortlund, dass das Evangelium immer etwas bewirkt: Es ist entweder ein „Duft zum Tode“ oder ein „Duft zum Leben“. Im letzten Kapitel zeigt Ortlund dann den „Weg nach vorne“: Wir brauchen die Kraft der Gnade Christi (und wem das „zu einfach“ ist, muss wohl einfach gründlich versagen, um das zu erkennen); wir brauchen Mut (den wir bekommen, wenn wir die Herrlichkeit Christi nicht aus dem Blick verlieren); und schließlich Liebe (wenn diese nicht da ist, kann die Welt mit Recht unser Zeugnis Jesu infrage stellen).

Mehr hier: www.evangelium21.net.

[asa]3945716330[/asa]

Die Bibelfrage

Francis Schaeffer schrieb 1975 (dt. Der Schöpfungsbericht, 1976, S. 7):

Meiner Überzeugung nach ist die entscheidende Frage, die die Evangelikalen in den nächsten Jahren durchdiskutieren müssen, die Frage nach ihrer Stellung zur Heiligen Schrift. Daran wird sich erweisen, ob der Evangelikalismus evangelikal bleiben wird.

Das Urteil vom 26. Februar 2020

Ich zitiere hier mal aus der Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichts zum Urteil vom 26. Februar 2020.

bb) Das Recht auf selbstbestimmtes Sterben ist nicht auf fremddefinierte Situationen wie schwere oder unheilbare Krankheitszustände oder bestimmte Lebens- und Krankheitsphasen beschränkt. Es besteht in jeder Phase menschlicher Existenz. Eine Einengung des Schutzbereichs auf bestimmte Ursachen und Motive liefe auf eine Bewertung der Beweggründe des zur Selbsttötung Entschlossenen und auf eine inhaltliche Vorbestimmung hinaus, die dem Freiheitsgedanken des Grundgesetzes fremd ist. Die Entscheidung des Einzelnen, dem eigenen Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, entzieht sich einer Bewertung anhand allgemeiner Wertvorstellungen, religiöser Gebote, gesellschaftlicher Leitbilder für den Umgang mit Leben und Tod oder Überlegungen objektiver Vernünftigkeit. Sie bedarf keiner weiteren Begründung oder Rechtfertigung, sondern ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.

cc) Das Recht, sich selbst zu töten, kann nicht mit der Begründung verneint werden, dass sich der Suizident seiner Würde begibt, weil er mit seinem Leben zugleich die Voraussetzung seiner Selbstbestimmung aufgibt. Die selbstbestimmte Verfügung über das eigene Leben ist vielmehr unmittelbarer Ausdruck der der Menschenwürde innewohnenden Idee autonomer Persönlichkeitsentfaltung; sie ist, wenngleich letzter, Ausdruck von Würde.

b) Das Recht, sich selbst zu töten, umfasst auch die Freiheit, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und Hilfe, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen. Das Grundgesetz gewährleistet die Entfaltung der Persönlichkeit im Austausch mit Dritten, die ihrerseits in Freiheit handeln. Ist die Wahrnehmung eines Grundrechts von der Einbeziehung Dritter abhängig und hängt die freie Persönlichkeitsentfaltung an der Mitwirkung eines anderen, schützt das Grundrecht auch davor, dass es nicht durch ein Verbot gegenüber Dritten, im Rahmen ihrer Freiheit Unterstützung anzubieten, beschränkt wird.

Da fehlen mir echt die Worte. Carsten Schütz und Thomas Sitte urteilen in der FAZ zu Recht (leider hinter der Bezahlwand):

Der Maximalindividualismus des Bundesverfassungsgerichts hält auch Suizide aus Liebeskummer für unbedingt schützenswert. Die Entscheidung ist nur mit Zynismus zu ertragen.

Nach oben scrollen
DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner