Fokussiert leben

Os Guinness empfiehlt in unserer Multioptionsgesellschaft das fokussierte Leben (Von Gott berufen – aber zu was?, 2000, S. 208):

Aktuelle Entscheidungen und Abwechslung, verstärkt durch die Geschwindigkeit und den Druck des Lebens in unserer heutigen Zeit, drohen ständig, unsere Konzentration zu zerstreuen und unsere Energie zu vergeuden. Es gibt gute Gründe, dass solche Formulierungen wie »ausgebrannt«, die »Tyrannei der Dringlichkeiten« oder die »Diktatur des Terminkalenders« heutzutage so häufig zu hören sind. Und viele Strategien, darauf zu reagieren, sind genauso schlecht wie die Probleme selbst. Die gefährliche Aussage »die Notwendigkeit ist dein Ruf« ist genauso ein sicheres Rezept für Überlastung und Verwirrung wie die verführerische Aussage »du hast dir heute eine Pause verdient« ein sicheres Rezept für Trägheit und Sichtreiben-Lassen ist. Unnötig zu sagen, dass die Lösung für das heutige Dilemma in der Weisheit liegt, sich sinnvolle Ziele zu setzen und alles andere außer Acht zu lassen. Aber wie? Vor langer Zeit schon beobachtete der Schreiber der Sprüche: »Dem Toren ist die Torheit eine Freude; aber ein verständiger Mann bleibt auf dem rechten Wege« (Spr 15,21). Es ist noch gar nicht so lange her, da schrieb der Harvard-Philosoph George Santayana: »Um etwas Bestimmtes zu erreichen, wird ein Mensch alles andere aufgeben.« Die heutige Welt macht das Leben in nur einem Brennpunkt schwieriger, ja fast unmöglich. W. H. Auden, der Dichter und Nachfolger Christi, hielt seine Erfahrung fest: »Wenn ein Künstler heutzutage etwas erreichen will, muss er eine vorbildliche Disziplin in Bezug auf die Zeit entwickeln, die in früheren Zeiten wahrscheinlich als neurotisch oder egoistisch erschienen sein mag, denn er darf nie vergessen, dass er in einem Belagerungszustand lebt.« Ansonsten, so stimmte Solschenizyn zu, »hat ein Künstler keinen anderen Ausweg, wenn er sich nicht mit kurzlebigen Sorgen aufheizen oder verbrennen will.«

Rundum versucht

Jørgen Glenthøj, lutherischer Pfarrer in Dänemark und Bonhoeffer-Forscher (Mitherausgeber der Bonhoeffer-­Gesamtausgabe), war Freund und Lehrer der OJC-Gemeinschaft. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Salzkorn ist seine Auslegung des „Vater unser“ abgedruckt. Darin heißt es:

„Die größte Not und Gefahr, die Jesus und seine­ Jüngergemeinde kennen, ist die Versuchung, den Lock- und Schreckmitteln des Widersachers Gottes nachzugeben. Gegen Jesus unternahm Satan drei Versuche, ihn zum Missbrauch seiner Möglichkeiten zu bewegen. Wir kennen drei Beispiele:

  1. die Versuchung, die Weltherrschaft durch die Huldigung Satans als Lehnherrn zu erlangen,
  2. die Versuchung, die Kraft Gottes zu missbrauchen, um Wunder zum eigenen Vorteil zu wirken oder
  3. die Versuchung zur Selbstverherrlichung, d.h. zu zeigen, dass er nach Wunsch Brot und Schauspiele herbeischaffen könnte.“

Gegenüber dieser giftigen Droge ist niemand immun!

Justin Taylor hat heute zwei sehr hilfreiche Zitate zum Thema universitäre Eitelkeit und Schwarmintelligenz publiziert. Ein wichtiger Aspekt bzgl. Verführbarkeit von klugen Leuten! Danke Ivo, dass Du das so schnell übersetzt hast!

Robert P. George rät jungen Wissenschaftlern:

Auch wenn es natürlich ist und man gut daran tut, diese an sich gute Sache zu begehren und diese Art der Zustimmung zu suchen – verlieben Sie sich nicht in den Applaus! Wenn Sie Beifall erhalten, wollen Sie bald mehr. Das aber kann Sie allzu leicht von Ihrer Mission und Berufung ablenken. Es geht schließlich nicht um siegreiche Anerkennung oder darum, eine Berühmtheit zu werden. Ihre Mission, Ihre Berufung lautet: Forsche nach der Wahrheit und verkünde die Wahrheit so, wie Gott es dir gegeben hat! Wer sich von der amtierenden Orthodoxie der maßgeblichen geistigen Kultur abgrenzt, begibt sich in eine spezielle Gefahr: Sie mögen versucht sein, zu glauben, dass Ihre Bereitschaft, den karrierefördernden (und möglicherweise auch karrieretötenden) Bonzen der Elitemeinung zu trotzen, Sie vor der Sucht nach Bestätigung und Beifall immunisiert und Ihnen persönliche und geistige Integrität garantiert. Das ist aber ein fataler Irrtum! Dieser Droge kann jeder verfallen! Und dieses Suchtpotential kann nie ganz ausgeschaltet werden. Diese Droge ist fürs Denken aber pures Gift (und damit auch für die Suche nach der Wahrheit).

Ähnlich warnt D. A. Carson konservative Christen; auch sie seien gegen die Droge Beifall/Applaus keinesfalls gefeit:

Der verführerische Applaus kann aus der konservativen Anhängerschaft Ihrer Freunde entstammen, jener engeren Gruppe Gleichgesinnter, die aber ebenso umgarnen können. Damit steht allerdings die eigene Forschung zum Verkauf: Sie werden stets darauf bedacht sein, über Dinge nachzudenken, die die Identität Ihrer Gruppe stärkt und ihr das Gefühl gibt, richtig zu liegen. Es geht darum, Ihre Gegner zu widerlegen. Einige Wissenschaftler, die sich über ihre Kollegen empören, weil die ihrer Einschätzung nach viel zu stark vom Beifall ungläubiger Akademiker-Kollegen angezogen werden, sind sich zum Glück nicht bewusst, wie abhängig sie selbst schon sind vom Beifall jener konservativer Bastionen, von denen sie angestachelt werden.

Die Bildermacht

Die Sonne scheint, die Kinder schreien: Wie man die Wahrheit über den Krieg in Gaza erzählt, obwohl die Wahrheit sich hinter Propaganda und Desinformation verbirgt. Richard Schneider hat einen Erfahrungsbericht über die Macht der Bilder geschrieben, den ich hier empfehlen möchte:

Allein in einem Städtchen wie Sderot rund 1000 Mal pro Jahr. Da hilft es dann auch nichts, auf der Polizeistation des Ortes die eingesammelten und aufgereihten Raketen zu filmen, die in den vergangenen Jahren auf Sderot niedergingen – es sind abstrakte Bilder, die dem verzweifelten, entsetzten Gesicht des palästinensischen Kindes nichts entgegenzusetzen haben. Wie also texten? Wie gegen die Macht der Bilder, aber auch gegen die Urteile und Vorurteile der Zuschauer in Deutschland antexten? Gegen die Islamophoben und Islamophilen, gegen die Antisemiten und Philosemiten, gegen all diejenigen, die nie im Nahen Osten waren, aber über den palästinensisch-israelischen Konflikt mitreden und glauben urteilen zu können in einem Ausmaß, wie es bei keinem anderen Konflikt auf dieser Welt der Fall ist? Machen wir uns nichts vor: Ein Konflikt, bei dem Juden mit im Spiel sind, wird in Deutschland per Reflex anders wahrgenommen als ein Krieg zwischen Muslimen oder zwischen Christen. Und wir wissen natürlich, wie die Zuschauer reagieren: Viele sehen und hören nur, was sie sehen und hören wollen. Die typischsten Fälle sind die, wo ein und derselbe Beitrag von Zuschauern als prozionistisch beziehungsweise propalästinensisch gewertet wird, die ärgerlichsten sind Beschimpfungen für Dinge, die man gar nicht gesagt hat – der Zuschauer aber angeblich „gehört“ haben will. In solchen Fällen kann man nichts tun, außer versuchen in der eigenen Sprachwahl präzise zu sein.

Hier: www.faz.net.

Vorbehaltliche Liebe

Die folgende Kurzgeschichte ist frei erfunden. Mögliche Überschneidungen mit Ereignissen aus dem wirklichen Leben sind beabsichtigt.

Ein Ehepaar bekommt, obwohl es alle erdenklichen Hilfsmittel der reproduktiven Medizin in Anspruch genommen hat, keine Kinder. Es gibt nur noch einen Ausweg. Sie wenden sich an eine Agentur, die Leihmütter vermittelt. Schnell ist der Vertrag fertiggestellt, eine Frau angemietet. Bei erfolgreicher Geburt erhält die Leihmutter von der Agentur 10.000 Euro. Sie hat Schulden und braucht das Geld. Der Betrag, den die Agentur vom Ehepaar empfängt, ist ungleich höher. Das Ehepaar wird die Austrägerin nie zu sehen bekommen. Umgekehrt wird die Leihmutter die Namen ihrer Mieter nie erfahren.

Die befruchtete Eizelle wird der Leihmutter erfolgreich eingepflanzt. Es wachsen Zwillinge heran. Ein Baby, der Junge, leidet an Trisomie 21. Die biologischen Eltern verlangen von der angemieteten Frau eine Abtreibung. Die Leihmutter, die bereits die Bewegungen der Zwillinge in ihrem Bauch spürt, lehnt ab.

Zwillinge werden geboren. Die biologischen Eltern nehmen das gesunde Mädchen an, den herzkranken Jungen mit Down Syndrom lassen sie zurück. Die angemietete Frau ist verzweifelt, die Agentur hilflos. Das war so nicht berechenbar. Der Vorfall dringt an die Öffentlichkeit. Experten diskutieren juristische und versicherungstechnische Probleme.

Zwanzig Jahre vergehen. Das Mädchen ist in wohlbehüteten Verhältnissen aufgewachsen. Sie wechselt von der Eliteschule an eine ausländische Universität. Durch einen Zufall entdeckt sie die Geheimnisse um ihre Geburt. Als sie die Dokumente für das Studium zusammenstellt, findet sie einen Leihmutterschaftsvertrag. Der Schock sitzt tief. Erst Wochen später spürt sie wieder festen Boden unter ihren Füßen. Sie beginnt mit den Nachforschungen.

Es geht alles ganz schnell. Die Spur führt nach Thailand. Ihrem Bruder konnte geholfen werden. Eine Hilfsorganisation ist für Kosten der notwendigen Herzoperation aufgekommen. Er starb im Alter von 18 Jahren in einem verwahrlosten Waisenhaus.

Sie weint. Aus Intuition wird Gewissheit. Ihre biologischen Eltern haben sie nie vorbehaltlos geliebt.

Vom Mut des Glaubens zur Umkehr

Wilfried Joest schreibt über den Ruf zur Umkehr unter Gottes Vergebung (Dogmatik, Bd. 2, 1986, S. 485):

Wer aus einem Leben, in dem er von Gottes Wort noch gar nicht berührt war, erstmals zum Glauben gerufen und erweckt wird, der wird das in der Tat als eine Bekehrung erfahren, durch die seine glaubensfremde Vergangenheit unterschieden wird von dem neuen Lebensweg, der ihm aufgetan wurde. Wer von Kindheit an zum Glauben geführt wurde und ihm nie ganz entfremdet war, dem kann nicht als Gesetz auf erlegt werden, auch er müsse zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens das Durchbruchserlebnis einer einmaligen Bekehrung erfahren, um in Wahrheit Christ zu sein. Aber niemand von uns ist so vollendet im Glauben und in der Liebe und so endgültig aller Sünde entnommen, daß er nicht dessen bedürftig bleibt, immer wieder den Ruf zur Umkehr unter Gottes Vergebung zu hören und ihm zu folgen. Das gilt für den von Kindheit an zum Glauben Geführten; aber auch für den, der zu einem späteren Zeitpunkt erstmals seine Bekehrung zum Glauben erfuhr.

Die göttliche Autorität des Alten Testaments

Ulrich Wilckens schreibt über die Autorität des Alten Testaments (Theologie des Neuen Testaments, 2014, Bd. 2, S. 61):

Was zunächst das Alte Testament betrifft, so ist zunächst noch einmal daran zu erinnern, daß dessen Zeugnis in der Urkirche nicht nur in fester Schriftform vorlag (»es steht geschrieben«; Mose oder einer der Propheten »haben geschrieben«), sondern daß es eigentlich der »heilige« Gott selbst ist, der in dem von Menschen »Geschriebenen« zu Wort kommt. Weil Gott heilig ist, gelten die Schriften als »heilig« (Röm 1,2). Was sie »lehren«, gilt uns, »damit wir durch die Geduld und durch die Tröstung (die Gott uns in ihnen zuspricht) an der Hoffnung festhalten« (Röm 15,4). Daß alle Schriften prophetisch auf Christus verweisen (Lk 24,27), dient »uns« Christen zur Bekräftigung unseres Glaubens an den Messias Jesus als Gottes Sohn, in dem Gott das seinem Volk zugedachte Heil vollendet hat. Jede zitierte Schriftstelle ist insofern als Christuszeugnis immer auch Zeugnis des heilsgeschichtlichen Handelns Gottes in der Geschichte Israels, seines wirkkräftigen »Redens« einst zu den Vätern und jetzt zu uns (Hebr 1,1f.). Darum ist die Schrift von göttlicher Autorität, so daß Paulus im Streit um die jeweils höchste Autorität von Menschen in der Gemeinde von Korinth die Grundregel aktuell zur Geltung bringt: »nicht über das hinaus, was geschrieben steht!« 1Kor 4,6).

Das Drama von Mossul (Teil 3)

Wie angekündigt hier die Fortsetzung (siehe auch hier) des Berichtes von Andrea, die derzeit im Nordirak für das Hilfswerk GAiN unterwegs ist:

Donnerstag, 31. Juli 2014, abends

Meine Zeit im Irak geht dem Ende entgegen; ich vermute, dass das hier der letzte Beitrag meines Newstickers sein wird, weil wir am Wochenende wieder in einem Flüchtlingslager unterwegs sind und ich kaum zum Schreiben kommen werde. Heute Nachmittag habe ich mit der Hilfe einer Übersetzerin unsere Nachbarn der letzten Woche interviewen können. So viele der kleinen gemeinen Details, die sie erzählten, habe ich inzwischen dutzendmal gehört. So viele traurige Geschichten haben uns alle in den letzten Wochen müde gemacht, dass ich manchmal dachte, ich mag eigentlich nichts mehr hören. Aber jede dieser Geschichten mit jedem einzelnen gemeinen Detail verdient es eigentlich, gehört zu werden. Was mich ganz neu fasziniert und tröstet, sind diese Sätze in den Psalmen, die wir morgens in der gemeinsamen Andacht lesen: Wie leidenschaftlich Gott auf Seiten der Unterdrückten steht und wie sein Zorn gegen die Übeltäter entbrennt. Und dass er denen Recht schaffen wird, die sich zu ihm halten. Bei Gott ist keine dieser Geschichten vergessen.

Es sind, wie ich jetzt herausfinde, drei neue Familien, die mit in unserer Wohnung leben: G., die alte Dame, und ihr Mann sind die Eltern der zwei jüngeren Frauen vielleicht Mitte dreißig: Eine von ihnen, J., lebte mit den Eltern, ihrem Mann und der 17jährigen Tochter in Mossul. Sie bewohnten zusammen ein großes Haus und betrieben eine Cafeteria auf dem Universitätsgelände von Mossul. Die andere Tochter, K., lebte mit ihren zwei Kindern im Grundschulalter in einem Dorf außerhalb von Mossul; ihr Mann ist Techniker für Handys und ähnliche Kleingeräte. Die Familien gehören zur Chaldäisch-Orthodoxen bzw. Armenisch-Orthodoxen Kirche, und schon in den letzten Jahren haben sie sich nicht mehr sicher gefühlt. “Islamistische Terroristen”, wie sie alles nennen, was auch schon vor ISIS die Gegend unsicher gemacht hat, sind mehrmals in ihr Haus eingedrungen und haben sie bedroht. Sie erzählen das so nebensächlich, wie ich meinerseits vielleicht berichten würde, dass mir nun schon mehrmals die Sicherung im Wohnzimmer durchgebrannt ist. Den Pfarrer ihrer Kirche hat man umgebracht.

Es ist schon das vierte Mal, dass sie ihre Häuser verlassen haben und geflüchtet sind; diesmal, so spüren sie, war es anders und hatte etwas Endgültiges. Die letzten Male, 2008, 2010 und 2011, hatten sie selbst die Entscheidung gefällt, dass es zu gefährlich wurde und sie besser gehen sollten. Sie konnten ihre Sachen mitnehmen und sich für einige Monate zu Verwandten flüchten, bis sich die Lage wieder beruhigt hatte und sie in ihre Häuser zurückkehren konnten. (Andere unserer neuen Bekannten haben auch berichtet, wie die Islamisten in ihrer Abwesenheit in ihre Häuser einbrachen und sich dort häuslich einrichteten. Wenn sie zurückkehrten, mussten sie erst einmal Blutspuren und Reste von Verbandszeug entsorgen, und ihre Einrichtung war verwüstet.)

Am 18. Juli fielen Bomben auf Mossul. Die Familie bekam es mit der Angst zu tun und beschloss zu flüchten, solange es noch möglich war. Am 19. Juli um 9 Uhr, an dem Tag, an dem später das Ultimatum für Christen verkündet wurde, verließen sie ihr Haus zum letzten Mal. Ein Cousin, der kurz vor ihnen geflüchtet war, rief von einer ihnen unbekannten Nummer aus an: Sie hatten ihm am Kontrollpunkt sein Handy und viele Wertsachen abgenommen, und so musste er sich für seinen Anruf ein anderes Handy borgen. Aber sein Auto war ihm geblieben. „Am besten versteckt ihr das, was ihr an Wertvollem mitnehmen wollt, irgendwie im Auto“, riet er der Familie. Und das taten sie.

„Wir haben beschlossen, dass wir unsere Enkelin, die Tochter von J., bei meinem Mann und mir im Auto mitnehmen“, erzählt G. „Sie ist ja erst siebzehn. Ich bin eine alte Frau; in unserer Kultur sollten die Leute mich respektieren, und wir dachten, dass ich sie besser beschützen kann, als wenn sie bei ihren Eltern bleibt.“ Aber es gibt keinen Respekt am Kontrollpunkt, weder für die alte Dame noch für irgendjemand anderen.

„Sie haben uns befohlen auszusteigen“, erzählt J., „und sie haben uns durchsucht. Alle Wertsachen haben sie uns weggenommen, sogar meine Brille und meinen Ehering.“ Seit ihrer Flucht kann J. nur unklar sehen; es erklärt, warum sie immer ein bisschen verwirrt dreinschaut. Erst jetzt, nach fast zwei Wochen, kann sie zu einem Augenarzt gehen. „Ja, uns haben sie auch aus dem Auto gescheucht“, schluchzt G. „Ich habe zu ihnen gesagt: ‚Ich bin doch eine alte Frau und mein Mann hat Rückenprobleme. Wir können nicht so einfach aussteigen.’ Aber der eine Mann hatte ein Gewehr und das hat er auf uns gerichtet. Wir haben uns also aus dem Auto gequält. Sie haben uns angeschrien: ‚Wo ist euer Gold?’ Ich hatte solche Angst, dass ich ihnen einfach meine Tasche in die Hand gedrückt habe. Aber dann haben sie mir auch mein Gebiss abgenommen. Seit vorletzter Woche habe ich deswegen im Oberkiefer keine Vorderzähne mehr. Sie haben mir auch mein Blutdruckmessgerät abgenommen und unsere Haustürschlüssel. Ich hatte auch einen Rosenkranz dabei, den sie mir weggenommen haben, und ein Bild von Jesus. Das hat mir einer von den Männern aus der Hand gerissen. Er hat es auf den Boden geworfen und zertreten. Er hat mich angeschrien und beschimpft. Dann haben sie mir auch noch befohlen, die Schuhe dazulassen. ‚Aber das geht doch nicht’, habe ich gebettelt, ‚der Boden ist zu heiß und ich kann ohne meine Schuhe doch nicht laufen.’ Aber sie haben einfach nur auf uns eingebrüllt. Mein Mann hat sie angefleht: ‚Ihr sagt doch, dass Mohammed ein guter Mann war. Um seines Namens willen – behandelt uns doch bitte nicht so.’ Aber sie haben ihn einfach ignoriert. Sie waren so grausam. Meine Enkelin hat nach ihrem Papa geweint. Wir haben alle geweint, aber sie hatten kein Mitleid.“

„Ich hatte solche Angst“, sagt J., die ja im anderen Auto saß. „Ich hatte solche Angst, dass sie meine Tochter verschleppen. Sie haben uns dann befohlen, in eins von ihren Autos zu steigen, und wir haben gesagt: ‚Aber was wird denn aus unserem Auto?’ Sie haben uns nur angeschrien: ‚Hört auf, dumme Fragen zu stellen, und steigt hier ein.’ Wir haben in dem Moment wirklich gedacht, dass sie uns irgendwohin fahren, wo sie uns umbringen. Aber sie haben uns einfach außerhalb von Mossul ausgesetzt.“

Die beiden Familien fanden wieder zusammen und schlugen sich zu Fuß und per Anhalter zu dem Dorf durch, in dem K., die andere Tochter, lebte. Es ist übrigens eines der Dörfer, das meine Kollegen mit einer Wagenladung Trinkwasser versorgten, weil Wasser und Elektrizität dort fehlten.

Sie waren erst drei Tage dort, als ISIS eine Fabrik für medizinische Geräte bei diesem Dorf angriff. Ihre Bomben fielen die ganze Nacht hindurch und der Familie wurde bewusst, dass sie auch hier nicht sicher war. Mitten in der Nacht flüchteten sie aus K.s Haus und nahmen sie und ihre vierköpfige Familie gleich mit. Nachts um eins kamen sie an einem kurdischen Kontrollpunkt an, wurden aber zu dieser Zeit nicht mehr durchgelassen. „Zurückzugehen kam für meine Mutter nicht in Frage“, sagt J. „Wir haben da am Straßenrand unsere Matratzen und Sachen auf den Boden gelegt und ein paar Stunden geschlafen. Um fünf Uhr morgens haben sie uns dann durchgelassen.“ Einige Nächte lang kam die Familie in der chaldäischen Kirche in unserer Stadt unter, dann mussten sie dort weg. Die Gemeinde, zu der „unsere“ Wohnung gehört, hat ihnen erlaubt, eine Woche bei uns zu wohnen. Wir kaufen für die Familien mit ein, haben ihnen einige Kleider und Schuhe aus unserem Container mitgebracht und hoffen mit ihnen, dass sie bald eine dauerhaftere Bleibe finden. Ihre Woche bei uns läuft eigentlich morgen aus, aber wir haben noch nicht gehört, dass sie etwas anderes gefunden haben – zumindest etwas, das sie auch bezahlen können.

Wie stellen sie sich ihre Zukunft vor, frage ich sie zum Schluss. Würden sie gerne zurück nach Mossul gehen? „Wenn ISIS ausgeschaltet wird und wir unser Haus zurück bekommen, werden wir es wohl verkaufen und irgendwo anders hinziehen“, sagt G. resigniert. „Aber im Moment haben wir das Gefühl, dass wir nirgendwo ganz sicher sind.“

Während ich diese Geschichte niederschreibe, habe ich einen Anruf bekommen: bei R.,“unserer“ Ärztin, sind 15 weitere Familien aufgeschlagen, die nun auch aus einem der Dörfer hergekommen sind. Wir haben noch schnell ein paar Matratzen für sie organisiert und uns dann zum Abendessen mit Q. ein paar syrische Pizzas geteilt. Q. ist Mitte zwanzig und so eine Art Hausmeister in unserer Wohnung. Er ist selbst vor einigen Jahren aus Bagdad her geflüchtet, bevor die Armee ihn einziehen konnte, und er hat offenbar auch zu viel Schlimmes erlebt, als dass er psychisch ganz gesund wäre. „Guckt ihr auch das hier“, meint er beiläufig in seinem gebrochenen Englisch. „Ist Video von ISIS, so wie Promo-Video“ – und er spielt ein professionell gedrehtes Video aus dem Internet ab, in dem, untermalt von feierlicher Musik, einige Dutzend gefangengenommene irakische Soldaten gezeigt werden, wie sie von vermummten Gestalten abgeführt und einer nach dem anderen erschossen werden. „Ist ganz neu auf YouTube.“ Ich schaue zu spät weg; ich habe zu spät geschaltet, um was es da geht. Es gibt keinen Grund, an der Authentizität solcher Videos zu zweifeln, die man sich hier unter Freunden gemeinschaftlich beim Abendessen anschaut.

Kann man sich an so viel Gewalt eigentlich gewöhnen? Ich bin froh, dass ich gerade in den letzten Wochen hier sein konnte. Aber ich glaube, ich bin auch froh, wenn ich am Sonntag nach Hause komme.

K. Brantly: „Bin nicht mehr wert als die infizierten Afrikaner“

Der 33-jährige Arzt und Familienvater Kent Brantly wollte an Ebola erkrankten Menschen in Westafrika helfen, doch jetzt hat er sich selbst mit dem Virus infiziert. Seine Chancen auf Heilung sind schlecht, 90 Prozent der Infizierten sterben. Der Christ Kent verzweifelt dennoch nicht, weiß er doch, dass sein Einsatz richtig war. Er und seine Familie brauchen in diesen schweren Tagen unsere Fürbitte. DIE WELT schreibt:

Trotz seiner schweren Erkrankung bereut Brantly, der an der Universität von Indiana studiert hatte, seinen Einsatz in Afrika und in einer Ebola-Klinik nicht. „Er hat keine Zweifel daran, dass er das Richtige getan hat“, sagt McRay. Brantly habe ihm gegenüber auch betont, dass er „nicht in der Öffentlichkeit stehen“ wolle. Man solle nicht vergessen, dass er nur einer von mindestens drei Menschen in Monrovia sei, die sich infiziert haben. Einer davon ist mittlerweile gestorben. „Brantly hat in den Telefonaten auch immer wieder betont, dass er nicht mehr wert sei als die infizierten Afrikaner“, so McRay. Dennoch habe man offenbar versucht, den Erkrankten nach Europa auszufliegen, um ihm eine bessere Versorgung zu geben. Doch verschiedene Staaten hätten aus Sicherheitsbedenken für einen Transport keine Überfluggenehmigung erteilt. „Ich habe von den Berichten gehört, dass sich der Zustand meines Sohnes verschlechtert haben soll“, sagte Brantlys Mutter Jan in einem Interview mit dem „Star-Telegramm“ in Fort Worth. „Ich selbst habe noch keine neuen Informationen.“ Sie bekomme nicht jede Stunde Updates, sondern nur von Tag zu Tag. Wie die Mutter weiter sagte, sei es schon von jeher der Wunsch ihres Sohnes gewesen, als Arzt nach Afrika zu gehen und anderen Menschen zu helfen. Brantly soll sich in den ersten Monaten in Monrovia gut eingelebt und wohlgefühlt haben. „Er wollte schon immer so leben“, sagt Mutter Jan. „Und Afrika ist seine ganz große Liebe.“

Das Drama von Mossul (Teil 2)

Wie angekündigt hier die Fortsetzung (siehe auch hier) des Berichtes von Andrea, die derzeit im Nordirak für das Hilfswerk GAiN unterwegs ist:

Mittwoch, 30. Juli 2014

In den letzten Tagen hatten wir vor allem mit den Flüchtlingen in einem der Camps zu tun, für die wir ursprünglich hergekommen waren: Es braucht Zeit, viel Absprachen und Planung, um eine Verteilung von Hilfsgütern zu organisieren, und wir sind dankbar für das Dutzend einheimischer Mitstreiter, die diesen Einsatz möglich machen. Wenn wir für eine kleine Pause oder abends nach all dem Planen und vielen ermüdenden Begegnungen in „unsere“ Wohnung kommen, ist das Sofa neuerdings wieder mit zwei neuen Familien besetzt. Eine ältere Frau, die offenbar etwas inkontinent ist, aber im Moment weder Wechselkleider noch irgendwelche Einlagen besitzt, sitzt meistens dort, daneben drei ältere Herren in den traditionellen langen orientalischen Gewändern. Ab und zu huschen zwei junge Frauen durch den Flur, dazwischen springen zwei Kinder im Grundschulalter herum – die Zusammensetzung unserer WG ändert sich ständig, und es hat etwas Skurriles, mit völlig fremden Leuten aus einer völlig fremden und uns kaum begreiflichen Kultur auf so engem Raum zusammen zu leben. Unsere Neuzugänge sind einfache Menschen, keiner von ihnen kann Englisch; eine gemeinsame Bekannte erklärt uns die Grundzüge ihrer Geschichte: Sie sind erst von Mossul in eins der christlichen Dörfer im Umland geflüchtet und dann, als sie sich auch dort nicht mehr sicher fühlten, in unsere Stadt. Bekannte aus ihrem früheren Leben in Mossul organisieren nun das Nötigste und versuchen eine Wohnung für sie zu finden. So sitzen sie einfach den ganzen Tag dort, als warteten sie auf irgendetwas. Wenn wir durch den Flur gehen, folgen sie jeder unserer Bewegungen mit verwundeten, irgendwie hungrigen Blicken. Inzwischen scheinen auch die meisten christlichen Familien in unserer Stadt zu solchen Not-WGs mutiert zu sein. Einer unserer einheimischen Kollegen, der selbst vier kleine Jungs hat, konnte heute morgen bei der Andacht kaum aus den Augen gucken: Drei Verwandte haben sich mit ihren Familien bei ihm einquartiert, und in der Dreizimmerwohnung sind sie nun sechzehn Leute – davon zehn traumatisierte Menschen, die bis in die Morgenstunden hinein reden und beten möchten, um irgendwie über ihren Schrecken hinwegzukommen. Die Alteingesessenen tragen es alle mit Humor und viel Geduld, aber die Nerven liegen doch langsam blank. Dabei wissen sie, dass alle, die hier bei Familien unterschlüpfen können, es noch gut erwischt haben: Am Rand der Stadt haben wir auch einige Dutzend Flüchtlinge gesehen, die sich im Rohbau eines großen Gebäudes einquartiert haben, das vielleicht einmal ein Parkhaus oder ein Bürogebäude werden soll. In die Fensterhöhlen haben sie Tücher gehängt, sanitäre Anlagen gibt es nicht.

Am kommenden Freitag organisiert unsere Partnerorganisation ein Seminar zum Umgang mit traumatisierten Menschen, zu dem viele der der Leute kommen werden, die sich in den letzten Wochen um die Christen aus Mossul bemüht haben. Die Frau von M., dem Chef, ist Psychologin. Das Seminar wird auf Arabisch sein, aber wir könnten es eigentlich alle ganz gut brauchen. Das Verrückte ist, dass hier in unserer Stadt Tausende Vertriebener aufschlagen und daneben das Leben seinen gewohnten Gang weitergeht. Von einer Demonstration vor der UN letzte Woche abgesehen, wird die Situation der Christen aus Mossul gar nicht öffentlich wahrgenommen. Die irakischen und kurdischen Medien haben nur in einer Fußnote darüber berichtet, und die Bevölkerung lebt ohnehin mit der Bedrohung: Nur 50 oder 70 Kilometer entfernt sterben Kämpfer auf beiden Seiten, wenn ISIS irgendeine medizinische Einrichtung oder ein Dorf überfällt und die Peschmerga sie zurückschlägt.

Was ich in einem der von uns mit betreuten Flüchtlingslager unter den großteils muslimischen Flüchtlingen aus Syrien und südlicheren Regionen des Irak sehe, nimmt mich noch einmal auf eine andere Weise mit als das, was ich in den letzten Wochen von den Christen mitbekommen habe: Rund 340 Familien, 2200 Menschen existieren dort mitten in der Wüste vor sich hin, in Zelten, in denen man sich tagsüber bei 52 bis 60 Grad nicht aufhalten kann. Schatten gibt es nicht. Ihre müden Gesichter, die von all der Sonne fast blinden Augen mancher Kinder, die dünnen Gestalten, die mit UN-Essenspaketen bei 1800 Kalorien pro Tag am Leben erhalten werden… (Und sie haben noch Glück; in anderen Gegenden kann nicht einmal dieser Grundbedarf gesichert werden.) Menschenwürdig ist anders. Die schönen neuen Sandalen, die Hygieneartikel und Kindergeschenke, die wir verteilen, zaubern ein Lächeln auf manche Kindergesichter und bewirken ein dankbares Nicken bei ihren Eltern. Aber im Moment gibt es keine Perspektive für diese Menschen. Das Lager wächst; täglich kommen mehrere Familien hinzu.

Bewegend finde ich den Einsatz unserer Helfer: In der letzten Woche haben wir so viele Berichte von Christen gehört, die von muslimischer Seite – und irgendwann differenziert man da wohl auch nicht mehr – Schlimmes erlebt haben. Und ich weiß von einigen unserer jungen Leute, dass sie als frühere Muslime, die jetzt Christen sind, in ständiger Angst leben, aufzufliegen und von muslimischen Freunden und Nachbarn bedroht oder gar umgebracht zu werden. Es sind Realitäten, die ich auch nach der intensiven Zeit hier überhaupt nicht nachempfinden kann. Diese jungen Leute sind nun mit im Flüchtlingslager und opfern ihre Zeit, um muslimischen Flüchtlingen ein bisschen Liebe zu vermitteln. Einer hat eine Nachtarbeit gefunden, aber er hat es sich nicht nehmen lassen, den Tag mit uns zu verbringen. „Mein Herz bricht, wenn ich diese Menschen sehe, die keine Hoffnung haben“, sagt ein anderer von ihnen leise zu mir, als wir eine Weile den Strom der Leute an unseren Ausgabestellen beobachten.

Im Camp gibt es übrigens auch einige christliche Familien, aber sie kommen nicht zur Verteilung – sie haben es, so erfahren wir, schon zu oft erlebt, dass sie weggedrängt, bedroht oder angegriffen wurden. Wir finden Umwege, um auch diesen Familien die Sachen zu bringen, die ihnen zustehen, aber ein trauriger Nachgeschmack bleibt. Auf dem Rückweg besuchen wir eines der christlichen Dörfer, in das sich seit dem Ultimatum vorletzte Woche Christen geflüchtet haben: Vier Familien, 18 Personen, haben in einem vielleicht 60 oder 70 Quadratmeter großen Bungalow Zuflucht gefunden. Es gibt zwei Betten, einen Herd ohne Gas, eine Spüle, die nicht angeschlossen ist, eine Handvoll Holzmöbel und Essutensilien und sonst buchstäblich nichts. (Uns wird trotzdem ein Glas Wasser angeboten.) Die meisten schlafen auf dem Betonboden. Wir haben das Haus kaum betreten, als eine ältere, gehbehinderte Frau uns auf Englisch mit dem Satz anspricht: „Sie haben uns alles abgenommen.“ Jetzt sitzt diese hochgebildete Frau, die mehrere Sprachen spricht, mit einem Laken über den Beinen auf einem Holzstuhl , den sie nicht verlassen kann. Sie erzählt von dem Haus, das sie hinter sich lassen musste, und von den Schikanen am Kontrollpunkt, bei denen man ihr alles abgenommen hat, auch ihren Rollstuhl. Sie beginnt sofort zu schluchzen. Wir können nicht lange bleiben, die Gegend ist nicht sicher. Wir verabreden nur noch schnell, wer sich wie in den nächsten Tagen um diese Familien kümmern, Lebensmittel, Matratzen und Haushaltswaren bringen wird.

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