Theologie

Zur Gestalt des Christlichen

Ein kluger Theologe lese christliche Ratgeberliteratur der Gegenwart und messe sie an diesem Lutherzitat (geschrieben 1525 an Erasmus):

Die von dir beschriebene Gestalt des Christlichen enthĂ€lt unter anderem Folgendes: Wir sollen uns mit allen KrĂ€ften anstrengen, das Heilmittel der Buße erstreben und auf jede Art und Weise das Erbarmen des Herrn anstreben, ohne das weder der menschliche Wille noch eine BemĂŒhung wirksam sind. Ebenso soll niemand zweifeln an der Vergebung Gottes, der von Natur aus grundgĂŒtig ist. Diese deine Worte sind ohne Christus, ohne Geist, kĂ€lter als selbst das Eis; sogar deine Beredsamkeit, sonst deine Zierde, leidet Schaden – diese [Worte] hat dir Armem vielleicht gerade noch die Angst vor Bischöfen und Tyrannen ausgepresst, um nicht völlig gottlos zu erscheinen. Das aber behaupten deine Worte doch als Wahrheit: Es gebe in uns KrĂ€fte; es gebe eine Anstrengung aus allen KrĂ€ften; es gebe ein Erbarmen Gottes; es gebe Wege, das Erbarmen anzustreben; es gebe einen Gott, der von Natur aus gerecht, von Natur aus grundgĂŒtig ist usw. Wenn also einer nicht weiß, was jene KrĂ€fte sind, was sie vermögen, was sie erleiden, welche Anstrengung ihnen eigen ist, was ihre Wirksamkeit, was ihre Unwirksamkeit ist – was wird der tun? Was wirst du ihn zu tun lehren?

Jesus darf Vegetarier sein

Wer beim Lesen des Buches von Sebastian Moll aufgeatmet hat, wird durch die arrogante Replik von Johann Hinrich Claussen auf den Boden des Realo-Protestestantismus zurĂŒckgeholt. Evangelische Christen, so Claussen lapidar, sollten die kirchenamtlichen ErklĂ€rungen nicht so ernst nehmen. Anstatt sich mit den klaren Argumenten von Moll auseinanderzusetzen, wird – reflexartig und völlig zu Unrecht – ein Biblizismusvorwurf bemĂŒht. Der protestantische »Bullshit« ist zurĂŒck:

Doch es ist keine große Leistung, die biblischen BegrĂŒndungen mancher kirchenamtlicher ErklĂ€rung zu zerpflĂŒcken. Man muss bedenken, dass es sich bei ihnen meist um VerstĂ€ndigungsdokumente handelt, an denen viele Menschen in unterschiedlichsten Gremien mitgewirkt haben. Nicht selten enthalten sie das, was man in der Diplomatiegeschichte »dissimilierende Konsensformeln« nennt, also Formulierungen, die weit genug sind, um gravierende Differenzen so zu beschreiben, dass sie nicht zu Trennungen fĂŒhren. Das ist keine Heuchelei, sondern schlicht diplomatisches Handwerk, das man in der Kirche eben auch manchmal braucht. Aber natĂŒrlich darf man diese Texte nicht ĂŒberbewerten. Das eigentlich Entscheidende ist das freie GesprĂ€ch evangelischer Christen untereinander und die Art, wie sie ihr Zusammenleben gestalten. Aber fĂŒr dieses bunte christliche Leben und die Natur kirchlicher VerstĂ€ndigungsprozesse hat Moll keinen Blick. Das mag an mangelnder Lebenserfahrung liegen, was man ihm nicht vorwerfen kann. Nur möchte man ihm raten, es mit der öffentlichen Zurschaustellung von Doktoranden-DĂŒnkel und Habilitanden-Hoffart nicht zu ĂŒbertreiben.

Hier: www.christundwelt.de.

Luther: Auf den Gerechten wartet das Gericht

Martin Luther sagte zur Disputionsfrage ĂŒber die KrĂ€fte und den Willen des Menschen ohne Gnade (1516):

Da die Gerechtigkeit der GlĂ€ubigen in Gott verborgen ist, ihre SĂŒnde aber offenkundig in ihnen selbst, ist es wahr, dass nur die Gerechten verdammt werden, die SĂŒnder und Dirnen aber gerettet werden. Das ergibt sich hinsichtlich des ersten, weil die Gerechtigkeit der GlĂ€ubigen allein aus der Zurechnung Gottes kommt, gemĂ€ĂŸ dem Spruch Ps 32: »GlĂŒckselig der Mann, dem Gott die SĂŒnde nicht zugelechnet hat«, und in einem anderen Psalm: »Meine Hilfe [kommt] vom Herrn«, und Hos 13: »Du [bist] dein [eigenes] Verderben, Israel, aber in mir ist Hilfe.« Das zweite ergibt sich daraus, dass ein anderer Psalm die SĂŒnde öffentlich bekennt, »die immer in mir ist«, das heißt, in meinen Augen bin ich immer SĂŒnder. Und der Apostel Gal 3 [richtig: Kol 3]: »Ihr seid gestorben«, sagt er, »und euer Leben ist verborgen in Christus in Gott. Wenn aber Christus, euer Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr erscheinen mit ihm in Herrlichkeit«. Folglich ist jeder Heilige bewusst SĂŒnder, unbewusst aber ein Gerechter, SĂŒnder der Tatsache nach, Gerechter der Hoffnung nach, SĂŒnder tatsĂ€chlich, Gerechter jedoch durch die Zurechnung des sich erbarmenden Gottes. Also ist es wahr, dass nur die Gerechten, das heißt, die Gerechten, die sich selbst keine SĂŒnde zurechnen, in ihren Übeltaten verdammt werden. Die Dirnen aber, oder diejenigen, die sich selbst SĂŒnden zurechnen und in ihren eigenen Augen Dirnen und SĂŒnder sind, aber ihre Gottlosigkeit dennoch GOTT bekennen und zur rechten Zeit dafĂŒr um Vergebung bitten, auf ihn und nicht auf sich selbst hoffen, werden gerettet. Dazu passt es, dass der Herr den Priestern und Schriftgelehrten sagte: »Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und SĂŒnder vor euch in das Reich Gottes eingehen werden.« Ebenso: »Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die SĂŒnder.« »Die Kranken bedĂŒrfen des Arztes.« »Es ist grĂ¶ĂŸere Freude ĂŒber einen SĂŒnder« usw.

Luther: Gnade ist notwendig unverdient

Martin Luther sagte zur Disputionsfrage ĂŒber die KrĂ€fte und den Willen des Menschen ohne Gnade (1516):

Joh 15: »Ohne mich könnt ihr nichts tun.« Desgleichen: »Niemand kann zu mir kommen, wenn es ihm nicht von meinem Vater gegeben wird.« Der Apostel [sagt] 1Kor 4: »Was hast du denn, das du nicht empfangen hast?« Und durch viele andere [Stellen] des Neuen und Alten Testaments wird schlĂŒssig so gelehrt, am meisten durch den Propheten Hesekiel, wo Gott geradezu sagt, er lasse sich durch keine guten Verdienste der Menschen veranlassen, sie gut zu machen, als gehorchten sie seinen Geboten; sondern vielmehr vergelte er ihnen Gutes fĂŒr Böses und tue dies um seiner selbst willen, nicht um ihretwillen. Er sagt nĂ€mlich: »Das sagt der Herr dein Gott: â€șDas werde ich dem Haus Israel um meines heiligen Namens willen tun, den ihr entheiligt habt unter den Heidenâ€č.« Und nach vielen Worten des Propheten folgt: »Nicht euretwegen tue ich das, spricht Gott der Herr, damit ihr es nur wisst.« Aus diesen [Aussagen] allen [folgert] St. Augustinus, der Verteidiger der Gnade, zusammen mit dem heiligsten Apostel, dem Prediger der Gnade, dass es nicht an des Menschen Wollen und Laufen liege, sondern am Erbarmen GOTTES, der Strafe nur auferlegt, wenn sie verdient ist, Erbarmen hingegen nur, wenn es unverdient ist. Folglich werden Verdienste, die der Gnade vorangehen, hinfĂ€llig und nichts sein. Notwendigerweise bleibt also der Mensch ohne Gnade ein Sohn des Zornes, weil es allein die Söhne GOTTES sind, die vom Geist GOTTES getrieben werden.

Gott 9.0

Wer neugierig in der Literatur der emergenten Christenheit stöbert, wird frĂŒher oder spĂ€ter darauf stoßen, dass Clare W. Graves und Ken Wilber zu den einflussreichen Impulsgebern der Emerging Church-Bewegung gehören (siehe a. hier). JĂŒngst haben Tilmann Haberer sowie Marion und Tiki KĂŒstenmacher (beide sind Herausgeber des Beratungsdienstes »simplify your life«) in ihrem Buch Gott 9.0 versucht, die Entwicklungstheorien dieser Autoren mit der christlichen Tradition zu verbinden.

Viele Menschen sind begeistert von Gott 9.0. Auf www.evangelisch.de ist zu lesen: »Seit langem hat mich kein Buch mehr so fasziniert wie dieses 
 Am liebsten wĂŒrde ich dieses Buch zur PflichtlektĂŒre machen fĂŒr alle, die sich in irgend einer Weise mit Glauben beschĂ€ftigen. PrĂ€dikat: Unbedingt lesen!« Jesus.de empfiehlt das Buch mit der Note 1.5: »Dieses Buch empfehle ich allen, die sich um ihre Zukunft sorgen und die an einem guten VerhĂ€ltnis zum lieben Gott interessiert sind.«

Mehr noch: Wer den Autoren von Gott 9.0 folgt, ist »religiös aufgeklĂ€rt dank Stufen [und] spirituell erfahren dank ZustĂ€nden. So könnte man ein Ziel unseres Buches beschreiben. Wer die Bewusstseinsstufen kennt, hat damit Kriterien an der Hand, um sich mit den inhaltlichen Aussagen seiner spirituellen Lehrer, Theologen oder Gurus kritisch auseinanderzusetzen und hier die Spreu vom Weizen zu trennen. Es geht darum, beide StrĂ€nge, die historische Bewusstseinsevolution und die kontemplative Tradition gleichzeitig zusammenzuhalten und unterscheiden zu können« (S. 238). Das Modell vermittelt nicht weniger als den Gottesstandpunkt: »Der Mensch wird Gottes Augenblick … indem er das sich stufenweise entwickelnde gesellschaftliche Bewusstsein wahrnimmt und anfĂ€ngt, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen. Gott wohnt in unserem Menschsein – in allen seinen evolutionĂ€ren Entfaltungen« (S. 294). »Marion, Tiki und Tilmann zeigen und in diesem Buch«, schreibt Richard Rohr im Vorwort, »wie wir wachsen: in Richtung MitgefĂŒhl, InklusivitĂ€t, Weisheit, Geduld, NondualitĂ€t. Wir werden immer weniger Antworten brauchen und immer weniger Kontrolle. So entfaltet sich die Seele stufenweise auf ihrem Weg. So werden wir erwachsener« (S. 11).

Wirklich? Falko Hornschuch hat Gott 9.0 studiert und freundlicherweise TheoBlog.de erlaubt, seine EindrĂŒcke zu publizieren. Vielen Dank!

Wer lesen möchte, wie sehr sich das emergente Denken in den evolutionĂ€ren Panentheismus verstrickt hat und wie zurĂŒckgeblieben sein Erkenntnisstand ist, falls er noch an einen personalen Gott glaubt, sollte sich diese hilfreiche Buchbesprechung zu GemĂŒte fĂŒhren.

Hier: Gott9.0_Buch.pdf.

Os Guinness, der Kultur-Apologet

Stefan Loss hat fĂŒr den ERF Os Guinness kurz vorgestellt:

Der Missionarssohn und Nachkomme des berĂŒhmten Bierbrauers Arthur Guinness wurde in China geboren und verbrachte dort die ersten zehn Jahre seines Lebens. SpĂ€ter studierte Guinness Philosophie und Theologie in London und promovierte schließlich in Oxford im Fach Soziologie. Dort – ebenso wie in Cambridge, Princeton und Stanford – war er auch Dozent. Guinness nennt den amerikanischen Theologen Francis Schaeffer einen seiner wichtigsten Mentoren. Von ihm habe er gelernt, seinen Glauben ganzheitlich zu leben.

Os Guinness gilt als einer der grĂ¶ĂŸten Apologeten unserer Zeit. Er ist also jemand, der sich der Verteidigung des christlichen Glaubens durch logische Argumente und wissenschaftliche Beweise verschrieben hat. Dabei folgt er einer ganz besonderen Linie: der Kultur-Apologetik. Als Vertreter dieser Form ist er der Ansicht, dass gesellschaftliche und kulturelle Trends mit ihren Fragen und Themen nur vom Evangelium adĂ€quat beantwortet werden können. Seiner Auffassung ist es die Aufgabe der Kultur-Apologetik, die Zeichen der Zeit zu erkennen und zu thematisieren, um so mit Menschen in den Dialog zu treten.

Hier mehr: www.erf.de.

Drei Tage »Evangelium 21«-Konferenz

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Der Eingang zur »Arche« mit dem Banner.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag bin ich von der »Evangelium 21«-Konferenz aus Hamburg zurĂŒckgekehrt. In den schnell vergehenden Stunden zwischen Mittwoch und Samstag durfte ich inspirierende Referate hören, viele nette Leute treffen und neue Freundschaften schließen. Eine wunderbare Zeit, provozierend, ermutigend und wegweisend.

Die Referate widmeten sich vor allem dem Thema »Evangelium«. Was ist Evangelium? Was bedeutet es, die gute Nachricht von Jesus Christus in das Zentrum von Gemeinde, Mission, Seelsorge und Ausbildung zu stellen. Matt Schmucker von den »9Marks Ministries« und Matthias Lohmann von der Freien evangelischen Gemeinde MĂŒnchen Mitte haben durch ihre VortrĂ€ge die Grundlagen fĂŒr die Referate von Michael Martens, Andre Bay und Christian Wegert gelegt. Jeder Referent war auf seine Weise originell, es gab viel zu lernen und zu debattieren. Besonders knifflige Themen wurden in den drei »Frage & Antwort«-Einheiten besprochen. Die Referate und Diskussionen können bereits hier gehört oder heruntergeladen werden.

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Bei den Mahlzeiten gab es viel zu besprechen

Noch einige Anmerkungen:

  • Ich möchte der »Arche Gemeinde« ganz herzlich dafĂŒr danken, dass sie ihre RĂ€ume und Infrastrukturen zur VerfĂŒgung gestellt hat. Die vielen Mitarbeiter im Hintergrund haben hervorragende Arbeit geleistet. Die Pastoren haben das Anliegen von »Evangelium 21« (E21) von Herzen unterstĂŒtzt. Etliche Gemeindemitglieder stellten private Quartiere zur VerfĂŒgung.
  • Die Zusammenarbeit im TrĂ€gerkreis hat erwartungsgemĂ€ĂŸ viel Freude gemacht. Ich danke meinen lieben BrĂŒdern fĂŒr die sehr schöne Zeit und die vielen kleinen und großen Glaubensschritte.
  • Es freut mich, so viele junge Leute gesehen zu haben. Wunderbar! Dankbar bin ich aber auch fĂŒr die Ă€lteren Geschwister, die die Veranstaltungen besucht haben. Wer es wagte, bei E21 aufzutauchen, hat bewiesen, dass er im Geist frisch und neugierig geblieben ist.
  • Etwas leid tut es mir, dass wĂ€hrend der Konferenz oft von Pastoren, aber selten von Gemeindemitgliedern gesprochen wurde. Ich kann es verstehen, dass so mancher Teilnehmer ab und an den Eindruck bekam, auf einer reinen Pastorenkonferenz gelandet zu sein (was nicht der Fall war).
  • EnttĂ€uscht bin ich von der idea-Berichterstattung. Die Nachrichtenagentur hat durch einige pointierte Formulierungen den Eindruck erweckt, die Konferenz hĂ€tte im Zeichen eines bĂŒrgerlichen Moralismus und der Kritiksucht gestanden. Dies geht an der Konferenz vorbei. E21 lebt nicht vom Geist eines falschen PharisĂ€ertums. Matthias Lohmann bekrĂ€ftigte im Gegenteil, dass E21 zuallererst die frohe Botschaft positiv formulieren und betonen will. Es geht nicht darum, Protestbewegung gegen etwas zu sein. »Wir wollen nicht negativ abgegrenzt arbeiten. Wir wollen positiv und froh die Gute Nachricht verkĂŒndigen!«, so Lohmann wörtlich. Die Mitarbeiter von E21 wollen nicht leichtfertig urteilen. In einer Selbstverpflichtung heißt es deshalb: »In dem Ringen um die rechte Erkenntnis der Offenbarung Gottes ist uns wichtig, dass Diskussionen in einer Art und Weise gefĂŒhrt werden, die dem Wesen Jesu angemessenen ist. Deshalb streben wir in persönlichenwie öffentlichen Verlautbarungen und Diskussionen – bei aller inhaltlichen Klarheit und Direktheit von Formulierungen – einen christusgemĂ€ĂŸen Umgang im Miteinander an und distanzieren uns von unsachlichen Verallgemeinerungen, polemischem Stil und persönlichem Streit.« Die Aufforderung von Petrus, GesprĂ€che ĂŒber den Glauben in einem Geist der »Sanftmut und Ehrerbietung« zu fĂŒhren (1Petr 3,15–16), wollen wir »sehr ernst« nehmen.

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    Matthias Lohmann bei einem seiner leidenschaftlichen VortrÀge

Alles in allem habe ich die Tage genossen und freue mich sehr auf die Konferenz im Jahr 2012, fĂŒr die John Piper und Donald Carson als Referenten zugesagt haben. Ich hoffe, dann viele nette Leute wieder zu treffen.

Die Christen sind hungrig, verlangen nach krĂ€ftiger geistlicher Nahrung. Ich hoffe und bete, dass die Prediger des Evangeliums diesen Hunger spĂŒren und Gottes Wort mit Liebe und Sorgfalt auslegen. Bekennen wir wie Paulus: »Denn ich schĂ€me mich des Evangeliums nicht; eine Kraft Gottes ist es zur Rettung fĂŒr jeden, der glaubt  « (Rom 1,16).

 

Gottesbeweise

29546.jpgFolgt man dem AlltagsgeschwĂ€tz, verbreiteten LehrbĂŒchern der Philosophie oder der Demagogie des »Neuen Atheismus«, sind seit Immanuel Kant die theoretischen Gottesbeweise erledigt. Kant hatte Gottesbeweise als ehrsĂŒchtige Absichten eingestuft und in den Bereich der ĂŒber die Grenzen aller Erfahrung hinausgehenden spekulativen Vernunft verwiesen (I. Kant, Kant-W., Bd. 4, S. 693). Niemand, so der akademische Standpunkt mit und nach Kant, wĂŒrde sich mehr »rĂŒhmen können: er wisse, dass ein Gott« sei ( I. Kant, Kant-W, Bd. 4, S. 693.). »Wer die Theologie, sowohl diejenige des christlichen Glaubens als auch diejenige der Philosophie, aus gewachsener Herkunft erfahren hat, zieht es heute vor, im Bereich des Denkens von Gott zu schweigen«, hat uns Martin Heidegger gesagt (zitiert nach Wilhelm Weischedel, Der Gott der Philosophen, Bd. 2, S. 280). Selbst der durchaus »offene« Logiker Franz von Kutschera kommt nach ausfĂŒhrlicher Analyse der bekannten Gottesbeweise zu dem ResĂŒmee: »Es gibt zumindest gegenwĂ€rtig keinen brauchbaren rationalen Gottesbeweis« (Franz von Kutschera, Vernunft und Glaube, Berlin; New York: de Gruyter, 1991, S. 41).

Hinter den Kulissen steigt allerdings das Interesse an der Gottesfrage (vgl. auch hier). Zwei Beispiele: Erst kĂŒrzlich veranstaltete die UniversitĂ€t TĂŒbingen eine Tagung zum Thema »Gottesbeweise als Herausforderung fĂŒr die moderne Vernunft« mit sehr honorigen Referenten wie Peter van Inwagen, Armin Kreiner, Richard Swinburne oder Robert Spaemann (hier das Programm). Außerdem ist kĂŒrzlich eine umfĂ€ngliche Darstellung der Gottesbeweise von Joachim Bromand und Guido Kreis beim Suhrkamp Verlag herausgegeben worden. Das Buch:

  • Joachim Bromand und Guido Kreis (Hg.): Gottesbeweise von Anselm bis Gödel, Berlin: Suhrkamp Verlag 2011, 20 Euro

versammelt die großen Gottesbeweise des Mittelalters und der Neuzeit ebenso wie die klassischen EinwĂ€nde von Hume und Kant. Einleitende Essays fĂŒhren in die Problematik ein und bieten gut verstĂ€ndliche Rekonstruktionen der jeweiligen Argumentationen. Auch die sprachanalytische Debatte wird ausfĂŒhrlich dokumentiert. Dem Mathematiker Kurt Gödel, dessen ontologischer Gottesbeweis bis heute nicht ĂŒberzeugend widerlegt worden ist (vgl. dazu auch hier), wurde ein ausfĂŒhrliches Kapitel gewidmet (S. 381–487). Sogar der Kalām-Beweis von William L. Craig wird eingehend behandelt (S. 564–598). Im Vorwort schreiben die Bonner Autoren:

Hatte Adorno in der Negativen Dialektik noch generalisierend vermutet, daß Â»ĂŒbrigens wohl eine jede [Philosophie] um den ontologischen Gottesbeweis [kreist]«, so scheint sich demgegenĂŒber im nachmetaphysischen Zeitalter jeder ernsthafte Versuch eines Gottesbeweises von selbst zu verbieten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die philosophische Debatte ĂŒber Gott ist seit einigen Jahren wiedereröffnet und aktueller denn je. Einer der HauptbeitrĂ€ge der Philosophie zu dieser Debatte liegt im Projekt der Gottesbeweise. In der sprachanalytischen Metaphysik und Logik werden sie seit Jahrzehnten ausfĂŒhrlich diskutiert. Es ist an der Zeit, die entscheidenden Fragen erneut zu stellen: Was sind eigentlich Gottesbeweise, und wozu sollen sie gut sein?

Obwohl die Verfasser sehr viel wert auf VerstĂ€ndlichkeit legen, ist das Buch keine ProfanlektĂŒre, teilweise werden Grundkenntnisse der formalen Logik vorausgesetzt. Aber fĂŒr Philosophen, Theologen und interessierte Laien ist Gottesbeweise von nun an ein unentbehrliches Nachschlagewerk.

Hier eine Leseprobe mit dem Inhaltsverzeichnis.

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