Folgt man dem AlltagsgeschwĂ€tz, verbreiteten LehrbĂŒchern der Philosophie oder der Demagogie des »Neuen Atheismus«, sind seit Immanuel Kant die theoretischen Gottesbeweise erledigt. Kant hatte Gottesbeweise als ehrsĂŒchtige Absichten eingestuft und in den Bereich der ĂŒber die Grenzen aller Erfahrung hinausgehenden spekulativen Vernunft verwiesen (I. Kant, Kant-W., Bd. 4, S. 693). Niemand, so der akademische Standpunkt mit und nach Kant, wĂŒrde sich mehr »rĂŒhmen können: er wisse, dass ein Gott« sei ( I. Kant, Kant-W, Bd. 4, S. 693.). »Wer die Theologie, sowohl diejenige des christlichen Glaubens als auch diejenige der Philosophie, aus gewachsener Herkunft erfahren hat, zieht es heute vor, im Bereich des Denkens von Gott zu schweigen«, hat uns Martin Heidegger gesagt (zitiert nach Wilhelm Weischedel, Der Gott der Philosophen, Bd. 2, S. 280). Selbst der durchaus »offene« Logiker Franz von Kutschera kommt nach ausfĂŒhrlicher Analyse der bekannten Gottesbeweise zu dem ResĂŒmee: »Es gibt zumindest gegenwĂ€rtig keinen brauchbaren rationalen Gottesbeweis« (Franz von Kutschera, Vernunft und Glaube, Berlin; New York: de Gruyter, 1991, S. 41).
Hinter den Kulissen steigt allerdings das Interesse an der Gottesfrage (vgl. auch hier). Zwei Beispiele: Erst kĂŒrzlich veranstaltete die UniversitĂ€t TĂŒbingen eine Tagung zum Thema »Gottesbeweise als Herausforderung fĂŒr die moderne Vernunft« mit sehr honorigen Referenten wie Peter van Inwagen, Armin Kreiner, Richard Swinburne oder Robert Spaemann (hier das Programm). AuĂerdem ist kĂŒrzlich eine umfĂ€ngliche Darstellung der Gottesbeweise von Joachim Bromand und Guido Kreis beim Suhrkamp Verlag herausgegeben worden. Das Buch:
- Joachim Bromand und Guido Kreis (Hg.): Gottesbeweise von Anselm bis Gödel, Berlin: Suhrkamp Verlag 2011, 20 Euro
versammelt die groĂen Gottesbeweise des Mittelalters und der Neuzeit ebenso wie die klassischen EinwĂ€nde von Hume und Kant. Einleitende Essays fĂŒhren in die Problematik ein und bieten gut verstĂ€ndliche Rekonstruktionen der jeweiligen Argumentationen. Auch die sprachanalytische Debatte wird ausfĂŒhrlich dokumentiert. Dem Mathematiker Kurt Gödel, dessen ontologischer Gottesbeweis bis heute nicht ĂŒberzeugend widerlegt worden ist (vgl. dazu auch hier), wurde ein ausfĂŒhrliches Kapitel gewidmet (S. 381â487). Sogar der KalÄm-Beweis von William L. Craig wird eingehend behandelt (S. 564â598). Im Vorwort schreiben die Bonner Autoren:
Hatte Adorno in der Negativen Dialektik noch generalisierend vermutet, daĂ Â»ĂŒbrigens wohl eine jede [Philosophie] um den ontologischen Gottesbeweis [kreist]«, so scheint sich demgegenĂŒber im nachmetaphysischen Zeitalter jeder ernsthafte Versuch eines Gottesbeweises von selbst zu verbieten. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die philosophische Debatte ĂŒber Gott ist seit einigen Jahren wiedereröffnet und aktueller denn je. Einer der HauptbeitrĂ€ge der Philosophie zu dieser Debatte liegt im Projekt der Gottesbeweise. In der sprachanalytischen Metaphysik und Logik werden sie seit Jahrzehnten ausfĂŒhrlich diskutiert. Es ist an der Zeit, die entscheidenden Fragen erneut zu stellen: Was sind eigentlich Gottesbeweise, und wozu sollen sie gut sein?
Obwohl die Verfasser sehr viel wert auf VerstĂ€ndlichkeit legen, ist das Buch keine ProfanlektĂŒre, teilweise werden Grundkenntnisse der formalen Logik vorausgesetzt. Aber fĂŒr Philosophen, Theologen und interessierte Laien ist Gottesbeweise von nun an ein unentbehrliches Nachschlagewerk.
Hier eine Leseprobe mit dem Inhaltsverzeichnis.
