Feuilleton

Feuilleton & Kunst

Viele Geschichten über die eine Geschichte

Die Kinderbibel Die größte Geschichte ist inzwischen in einer deutschen Ausgabe zu haben. Die Bibel erzählt eine große Geschichte, die sich um Jesus und das Evangelium dreht. Matt Smethurst hat mit dem Autor Kevin DeYoung über das Buch gesprochen:

Es gibt 104 Geschichten, je 52 im Neuen und Alten Testament. Ich habe mich bemüht, die geläufigen Geschichten einzubauen (Noah, Abraham, David, Weihnachten, Ostern), während ich auch unbekanntere Geschichten wie die von Gehasi oder der Töchter Zelophads gewählt habe. Jede Geschichte war schwerer zu schreiben als erwartet. In einem normalen Buch kommst du in den Schreibfluss und kannst 2.000 Wörter durchschreiben, wenn es gut läuft. Aber in diesem Buch brauchte jede Geschichte (mit etwa 500 Wörtern) ihre eigene Einleitung und Zusammenfassung, ihr eigenes Thema, ihren eigenen Spannungsbogen. Ich habe Kommentare gelesen und mich durch alte Predigten gearbeitet, bevor ich das Kapitel schrieb. Ich wollte die Geschichte nicht nur erzählen, sondern sie auch beibringen – und auf eine Art ist das mit Leichtigkeit verbunden, aber es umschließt auch theologische Themen und biblische Erzählstränge, die viele übersehen können. Ich hoffe, dass Erwachsene das Buch ebenso lehrreich finden wie Kinder.

Mehr: www.evangelium21.net.

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Das Studium des Neuen Testaments neu aufgelegt

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Das hilfreiche Werk Das Studium des Neuen Testaments ist beim Verlag VGTG neu erschienen. Das ist eine gute Nachricht, vor allem für Theologiestudenten und Pastoren. Tanja Bitter hat den Klassiker für Evangelium21 vorgestellt: 

Wie der Titel schon erwarten lässt, handelt es sich um ein Lehrbuch, das Theologiestudenten mit den einzelnen Schritten bzw. mit wichtigen Aspekten der neutestamentlichen Exegese bekannt macht. Die Herausgeber, Heinz-Werner Neudorfer und Eckhard Schnabel, haben dafür elf weitere Theologen mit ins Boot genommen, die jeweils einzelne Kapitel beisteuern. Das Buch ist also nicht „aus einem Guss“, sondern ein Sammelband mit Beiträgen unterschiedlicher Autoren.

Im Eröffnungskapitel vermitteln die beiden Herausgeber einen Überblick über Die Interpretation des Neuen Testaments in Geschichte und Gegenwart. Dabei verweisen sie unter anderem auf die problematischen Denkvoraussetzungen der historisch-kritischen Exegese sowie deren Ergebnisse: „Die historische Kritik hat in vielen Haupt- und Nebenfragen eine Vielfalt einander widersprechender Ergebnisse hervorgebracht“ (S. 23). Diese Erkenntnis ist durchaus in der Fachwelt angekommen (vgl. bereits Albert Schweitzers Untersuchung der Leben-Jesu-Forschung), obwohl das historisch-kritische Vorgehen nach wie vor als unverzichtbar gilt. Vor diesem Hintergrund schwankt die Auslegung mittlerweile zwischen Ratlosigkeit und Experimentiergeist. Wo sich kaum mehr etwas mit Sicherheit sagen lässt, ist der Ausleger in seiner Subjektivität gefangen und die Bibel wird zu einem Buch ohne ermittelbare Botschaft.

Demgegenüber verfolgen die Herausgeber eine Hermeneutik, „die dem Charakter der Bibel gerecht wird, … die sich der (An-)Erkenntnis Gottes des Schöpfers, Richters und Erlösers beugt und den Offenbarungsanspruch der Bibel als Wort dieses Gottes anerkennt“ (S. 25). Das schließt gründliche grammatisch-historische Forschungsarbeit nicht aus, sondern ein, denn Gott hat uns sein Wort im Kontext einer realen historischen Situation und in konkreter literarischer Form gegeben.

Mehr: www.evangelium21.net.

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The Seoul Statement

Im Rahmen des 4. Lausanner Kongresses, der Südkorea veranstaltet wurde, ist ein theologisches Statement veröffentlicht worden. Wie angekündigt, sind zwei Abschnitte zur Medienkritik enthalten, die ich hier in einer provisorischen Übersetzung wiedergebe: 

91. Wir erkennen an, dass Medientechnologien die Leichtigkeit, mit der Menschen getäuscht werden können, erhöht haben. Wir bedauern die Tatsache, dass Christen bei der Nutzung dieser Technologien nicht immer „auf geheime und schändliche Wege verzichtet“ oder der Versuchung widerstanden haben, ihr Publikum zu täuschen oder die Botschaft des Evangeliums zum persönlichen Vorteil zu verfälschen. Stattdessen müssen Christen die Menschen an die erste Stelle setzen und ihre Geschichten wahrheitsgemäß erzählen und so die Kraft des Evangeliums in ihrem Leben bezeugen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass ein solcher Einsatz von Medien und Kommunikationstechnologien durch die Wahrhaftigkeit untermauert wird, die in dem Evangelium selbst zu finden ist, das weitergegeben wird (2Kor 4,2).

92. Wir sind uns bewusst, dass viele Christen, insbesondere junge Menschen, von sozialen und digitalen Medien abhängig sind und von ihnen regelrecht „gejüngert“ werden, weil sie unverhältnismäßig viel Zeit mit der Nutzung solcher Technologien verbringen. Wir erkennen auch an, dass digitale Technologien zwar oft für das Wachstum der Kirche und für evangelistische Zwecke genutzt wurden, die Bemühungen, dasselbe für die Jüngerschaft zu tun, jedoch hinterherhinken. Wir rufen daher alle Kirchen und Führungskräfte dazu auf, Technologien des digitalen Zeitalters für die Jüngerschaft zu einzusetzen. Wir fordern eine treue Präsenz in digitalen Räumen, eine treue Kontextualisierung durch vernetzte Geräte, eine treue Vermittlung digitaler Kompetenzen und eine treue Praxis der Gastfreundschaft, um gesunde Nutzungsgewohnheiten zu fördern.

Hilfreich. Gerade die Betonung der Wahrhaftigkeit gefällt mir. Und doch fehlt mir eine Beschreibung der Grenzen, die uns die Technik beim Jüngerschaftstrainig setzt. Meine Meinung: Technologien können nur sehr bedingt das Jüngerschafttraining fördern. Viel wichtiger sind die Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Hilfreich kann dazu die Anklageschrift Wir amüsieren uns zu Tode: Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie von Neil Portman sein. Er hat schon 1985 die Grenzen der Medientechnologien deutlich benannt. 

Hier kann das gesamte The Seoul Statement eingesehen werden: lausanne.org/statement.

„Defekte Debatten“

Die Philosophin Svenja Flaßpöhler, Chefredakteuerin beim PHILOSOPHIE MAGAZIN, hat sich kürzlich in einem WELT-Interview sehr klug zur medialen Debattenkultur in Deutschland (und anderswo) geäußert. Es gehe nicht mehr darum, der Vernunft und dem besseren Argument zu folgen, sondern darum, bestimmte Positionen im Sinne eines Kampfes durchzusetzen und dabei in Kauf zu nehmen, dass Gesprächsteilnehmer vernichtet werden.

Zitat: 

Die Philosophin Elsa Dorlin beschäftigt sich in ihrem Buch „Selbstverteidigung“ mit Folterinstrumenten, die so gebaut sind, dass der Gefolterte sich umso mehr verletzt, je mehr er strampelt und zu überleben versucht. Unfaire Streitsituationen sind strukturell ähnlich: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich als Subjekt auflöse, je mehr ich auf meiner Position beharre, je mehr ich mich behaupte. Die einzige Methode, mit der ich damals sozial überleben konnte, hieß: stillhalten. Eigentlich unerträglich für mich, aber womöglich hat es mich vor der Alternative bewahrt, die leider auch häufig ist: Dass Leute, die in eine Ecke gestellt werden, sich radikalisieren. Je aussichtsloser sie sich verteidigen, desto stärker finden sie nur noch in extremen Kreisen Anerkennung.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.welt.de.

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Woke TikTok-Blase

Meltem Seker studiert Politikwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen und engagiert sich bei TikTok, um zu sehen, wie dort kommuniziert wird. Sie stammt selbst aus eine Migrantenfamilie, ist aber eine Kritikerin der Identitätspolitik. Das hat sie in einem ihrer Videos auch zum Ausdruck gebracht: „Ich sprach darüber, wie es ist, immer diejenige zu sein, die aus der Reihe tanzt, nicht hineinpasst, die nicht an die Ideen, die Theorien, die Ideologien der anderen glaubt. Mein Video war eine Reaktion auf die vielen negativen Erfahrungen und Diffamierungen, die ich an der Uni mitmachen musste. Grund dafür ist mein kritischer Ansatz zur Identitätspolitik, denn der Status quo in geisteswissenschaftlichen Studiengängen ist das Wiederholen verschiedener Dogmen: Geschlecht sei ein Gefühl, uneingeschränkte Massenmigration kein Problem und die Stimmabgabe für Die Grünen die Lösung für alles. Äußert man Kritik, wird einem eine beliebige Phobie angehängt oder Hass vorgeworfen.“

Kritik am Mainstream und an der Identitätspolitik kommt allerdings bei TikTok nicht gut an. Meltem Seker beschreibt sehr hilfreich, dass bestimmte Positionen schnell mit Hass-Wellen belegt werden und die Algorithmen die Entwicklung der „Gespräche“ stark beeinflussen: 

Es zeigt sich also, dass durchschnittliche Meinungen auf TikTok auf viel Gegenwind stoßen und schlichtweg schockieren. Keine meiner erläuterten Hate-Wellen wurde durch radikale Äußerungen ausgelöst. Viel mehr zeigt sich durch vergangene Wahlergebnisse, dass mindestens die Hälfte der deutschen Bevölkerung ähnliche oder sogar radikalere Sichtweisen vertritt. Eine sachlich begründete und abgewogene Migrationskritik sollte nicht dazu führen, dass ich auf rassistische Weise angegangen werde und mir vorgeworfen wird, meine eigene Identität zu hassen. Oder dass ich als Nazi bezeichnet werde.

Kritik am Islam sollte mir keine hundert Hassnachrichten einbringen, und die Diskussion um eine Sportlerin, der eine genetische Männlichkeit vorgeworfen wird, sollte nicht zu vulgären Beleidigungen und Suizidaufforderungen führen. Die emotionalen Reaktionen auf TikTok zeigen mir, dass der Algorithmus, die Blasenbildung und die Echokammern ein verzerrtes Bild der Realität darstellen. Das ist problematisch, wenn man bedenkt, dass immer mehr junge Menschen die App nutzen, um auf dem neuesten Stand zu sein. Oft wird automatisch davon ausgegangen, dass die TikTok-Startseite die Realität widerspiegelt und nicht die eigenen Interessen. 

Gleichzeitig spielt der Algorithmus immer radikalere Videos auf die Startseite. Somit ist es ungewohnt, sobald man auf Meinungen trifft, die von der eigenen Meinung abweichen. Gleichzeitig gibt es auf TikTok das Problem, dass es keine Mitte gibt. Durch den Algorithmus gehen kurze und provokante Inhalte viral, die die Fronten stärken. Lange, komplexe und sachliche Videos haben dort keine Chance. Das erkenne ich daran, dass teilweise nur zwei Prozent der Nutzer meine Videos zu Ende sehen.

Mehr: www.cicero.de.

KI ist von vorn bis hinten Politik

ChatGPT ist nicht vom Himmel gefallen. Kate Crawford erforscht seit zwei Jahrzehnten die materiellen und politischen Fundamente großer Datensysteme und erklärte kürzlich in einem Interview, dass die KI-System gar nicht weltanschaulich neutral sein können. Ich denke, dieser Punkt wird bisher in der Diskussion leider vernachlässigt. 

Sie sagt:

In den Jahren, in denen ich diese Systeme erforscht habe, ist mir wirklich klar geworden, dass KI von vorn bis hinten Politik ist. Wenn man ein KI-System trainiert, kommt man nicht umhin, dass man es auch mit einer Weltanschauung trainiert. Die Entscheidungen, die Sie als Ingenieur darüber treffen, welche Datensätze Sie verwenden, welche Sprachen und welche Kulturen vertreten sind, werden die Art der Fähigkeiten Ihres KI-Modells grundlegend verändern, und es wird die Texte und Bilder verändern, die es produziert. Sie legen die Parameter einer Weltanschauung fest, und das ist eine politische Entscheidung. Es gibt kein perfektes, neutrales System, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Das bedeutet, dass wir uns große Sorgen darüber machen müssen, dass die Konzentration in der KI-Industrie so groß ist. Es gibt wirklich nur eine Handvoll Unternehmen, die KI im globalen Maßstab anbieten können und die daher eine enorme Macht haben, darüber zu entscheiden, wie die Welt aussehen wird. 

Mehr: zeitung.faz.net.

Pascal ist schlauer

Blaise Pascal, der berühmte französische Philosoph und Wissenschaftler des 17. Jahrhunderts, ist vielleicht am besten für seine „Wette“ bekannt. Pascal argumentiert, dass es immer die bessere „Wette“ ist, an Gott zu glauben, weil der Erwartungswert des Gewinns, der durch den Glauben an Gott erzielt werden kann, in jedem Fall größer ist als der Erwartungswert des Unglaubens. Doch Pascal und seine Brillanz haben  viel mehr zu bieten als diese Wette. Douglas Groothuis, ein ausgewiesener Pascal-Experte, der ein wichtiges Buch (#ad) über den Janseiten geschrieben hat, nimmt uns in diesem Gespräch mit hinein in das Denken Pascals.

Interviewt wird er unter anderem von Carl Trueman: 

 

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Taylor Swift: Ambivalenz von Inszenierung und Authentizität

Hanna Sellheim zeigt in ihrem Beitrag „Die Ambivalenz von Inszenierung und Authentizität“, wie geschickt sich Taylor Swift vermarktet, indem sie Selbstbezügliches und Fiktion vermischt:

Der Glaube, dass Popmusik uns Bekenntnisse schuldet, scheint gesellschaftlich tief verankert zu sein. Die Verbindung zur persönlichen Erfahrung wird dabei von den Künstlern häufig bewusst gesetzt – um Spekulationen anzuheizen. In Reinform erlebten wir das bei „Flowers“, dem Hit von Miley Cyrus, der im Januar 2023 veröffentlicht wurde und prompt Tiktok und Instagram dominierte – eben wegen der Frage, inwiefern sie in diesem Lied ihre Scheidung von dem Schauspieler Liam Hemsworth verarbeitete. Die Ich-Bezogenheit ist hier Masche.

Diese beherrschte lange niemand so gekonnt wie Taylor Swift. Googelt man „about who is“, erscheinen oben in der Suchleiste ausschließlich Songs dieser Sängerin. Videos auf Youtube, Tiktok und Instagram erklären, über wen welches Lied geschrieben ist. So dient der autobiographische Bezug als Vermarktungstrick: Die Trennung von ihrem Freund Joe Alwyn, die darauffolgende kurze Romanze mit dem Sänger Matty Healy und die aktuelle Beziehung zum Footballspieler Travis Kelce erhöhten die Aufmerksamkeit für Swifts „Eras Tour“.

Warum schadet die Werbestrategie der Glaubwürdigkeit der Künstlerin nicht? Die Annahme, die Kunst von Frauen sei maßgeblich von den Männern in ihrem Leben inspiriert, ist im Kern misogyn. Swift streut entsprechende Informationen und gibt zugleich zu verstehen, dass man ihre Werke auf eine solche Veranlassung nicht reduzieren dürfe.

Mehr (hinter einer Bezahlschranke): www.faz.net.

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Reaktivität

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Digitale Medien und Technologie verändern die Art und Weise, wie Menschen miteinander umgehen und aufeinander reagieren. Kritik, Empörung und Kontroversen dominieren den gesellschaftlichen Diskurs, und leider sind auch viele Christen Teil dieses Chaos.

Paul Tripp hat das Buch Reaktivität geschrieben, um uns bei der Entgiftung unserer Kommunikation zu helfen. Auf Seite 139 heißt es:

Deshalb müssen wir in aller Bescheidenheit ehrlich über die Wurzeln der destruktiven Kultur der Reaktivität sprechen, die in unseren Ortsgemeinden, in der weltweiten Kirche und im Internet herrscht. Die Gespräche, die wir über wichtige kulturelle, politische, theologische, biblische und kirchliche Themen führen müssen, werden finster, verletzend und spaltend, wenn wir uns selbst in den Mittelpunkt stellen. Es erfordert Selbstlosigkeit, geduldig zuzuhören und die Perspektive des anderen zu erwägen. Es erfordert Selbstlosigkeit, liebevoll und respektvoll zu reagieren. Es erfordert Selbstlosigkeit, über den Charakter und die Motive anderer nicht zu urteilen. Es erfordert Selbstlosigkeit, sich mehr um die Reputation deines Erlösers zu sorgen als darum, wie man auf dich reagiert. Man muss selbstlos sein, um mehr Freude am Ermutigen als am Verurteilen zu haben. Man muss selbstlos sein, um zu vergeben, wiederherzustellen und zu versöhnen. Es gehört Selbstlosigkeit dazu, so zu diskutieren, dass die Einheit bewahrt bleibt. Es erfordert Selbstlosigkeit, jemanden, mit dem man nicht einer Meinung ist, als Bruder oder Schwester zu behandeln. Es erfordert Selbstlosigkeit, sich mehr um die Mission des Meisters zu kümmern als um die Zahl meiner Klicks oder Follower. Es gehört Selbstlosigkeit dazu, zuzugeben, dass man sich geirrt, eine Person falsch eingeschätzt oder einen Post missverstanden hat.

Und es braucht Gnade, um sich immer selbstlos zu verhalten. Es ist für uns alle an der Zeit, um diese Gnade zu bitten. Und dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Gott versprochen hat, uns zu erhören, wenn wir um Gnade bitten.

Das Buch erscheint Anfang Juli und kann hier vorbestellt werden: verbum-medien.de.

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Die Identitätssynthese

Yascha Mounk (Johns Hopkins Universität, Baltimore, USA) gehört zu den profunden Kritikern der Identitätspolitik. Genau genommen spricht er inzwischen von der „Identitätssynthese“, weil die Bezeichnungen „Identitätspolitik“ oder „Wokeismus“ mit der Zeit immer umstrittener wurden. Wer über Identitätspolitik spricht oder einen Aktivisten als woke bezeichnet, wird schnell als Wutbürger wahrgenommen.

Nach Mounk war die Linke einst eine Bewegung mit universalistischen Zielen (Im Zeitalter der Identität, 2024, S. 25):

Einst war die Linke von ihren universalistischen Zielen geprägt. Links zu sein bedeutete, auf eine Zukunft zu hoffen, in der Menschen nicht auf ihre Religion oder ihre Hautfarbe, ihre soziale Klasse oder ihre sexuelle Orientierung reduziert werden. Linke hofften darauf, eine Welt zu erschaffen, in der unsere Gemeinsamkeiten wichtiger als die Unterschiede werden, die in der grausamen Geschichte der Menschheit oft eine solch wichtige Rolle spielten.

In den letzten Jahrzehnten habe sich ein neuer strategischer Imperativ durchgesetzt. Unter dem Einfluss von Postmodernismus, Postkolonialismus und der Critical Race Theory (CRT) betont die Linke inzwischen das Thema „Zugehörigkeit“ (S. 26):

Doch in den letzten Jahrzehnten habe sich ein neuer Große Teile der progressiven Bewegungen wiesen die Hoffnung auf eine harmonischere Zukunft, in der – wie Martin Luther King Jr. es einst formulierte – „kleine schwarze Jungen und Mädchen kleinen weißen Jungen und Mädchen die Hände reichen können“, als naiven Kitsch von sich. Stattdessen übernahm die Linke allmählich eine Vision der Zukunft, in der die Gesellschaft dauerhaft durch ihre Aufteilung in voneinander abgegrenzte Identitätsgruppen geprägt sein würde. Wenn wir sicherstellen wollten, dass jede ethnische, religiöse oder sexuelle Gemeinschaft den ihr zustehenden Anteil an Einkommen und Wohlstand bekommt, dann müssten sowohl private Akteure als auch öffentliche Ämter die Art und Weise, in der sie Personen behandeln, von den Identitätsgruppen, zu denen sie gehören, abhängig machen. Es war die Geburt einer neuen Ideologie.

Nach Yascha Mounk wird diese Ideologie die Welt letztlich zu einem schlechteren Ort machen, da zukünftige Eliten an den Universitäten entsprechend geschult werden und diese Idee in die gesamte Gesellschaft hineintragen (siehe dazu hier).

Er schreibt in seinem empfehlenswerten Buch Im Zeitalter der Identität (S. 34–35):

Die Identitätssynthese hat innerhalb einer erstaunlich kurzen Zeitspanne erstaunlich stark an Einfluss gewonnen. Deshalb stehen ihre Exzesse – allen voran, die sogenannte „Cancel Culture“ – oft im Mittelpunkt der Kritik. Ich teile diese Befürchtungen. Aber meine Hauptsorge dreht sich nicht darum, wann und wie die Identitätssynthese »zu weit« gegangen ist. Mich beunruhigt vielmehr, dass die Identitätssynthese sogar im besten Fall zur Schaffung einer Gesellschaft tendiert, die meinen grundlegenden Werten und meinen sehnlichsten Hoffnungen für die Zukunft zuwiderläuft. Der Köder, der dieser Ideologie so viele Anhänger beschert, besteht in dem Wunsch, fortbestehende Ungerechtigkeiten zu beseitigen und eine wirklich gleiche Gesellschaft zu schaffen. Aber eine Umsetzung dieser Ideologie würde zu einer Gesellschaft führen, in der das unablässige Scheinwerferlicht auf unsere Unterschiede starre Identitätsgruppen zu einem stetigen Wettkampf um Ressourcen und Anerkennung animiert – eine Gesellschaft in der wir alle, ob wir es wollen oder auch nicht, dazu gezwungen wären, uns über jene Gruppen zu definieren, in die wir hineingeboren sind. Das ist es, was die Identitätssynthese zu einer solch perfiden Falle macht. Eine Falle hat drei charakteristische Merkmale: Sie enthält in der Regel einen Köder. Selbst gute und kluge Menschen können in sie hineinfallen. Und sie untergräbt die Ziele derjenigen, die sich in ihr verfangen. Die neuen Ideen von Identität teilen alle drei Merkmale. Sie sind so verlockend, weil sie sich den Kampf gegen echte Ungerechtigkeiten auf die Fahne schreiben. Sie verführen reihenweise Menschen, die wirklich das Beste für sich und ihre Mitbürger wollen. Und doch werden sie die Welt letztlich zu einem schlechteren Ort machen – sowohl für diejenigen, die zu historisch dominanten als auch für diejenigen, die zu historisch marginalisierten Gruppen gehören.

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