Postmodernismus der Rechtskonservativen
Ich bin ja eher selten einer Meinung mit Vertretern der Kritischen Theorie. Aber wenn Patrick Viol auch bei den politisch Konservativen einen Trend hin zur Beliebigkeit ausmacht, mag ich nicht widersprechen.
Hier ein Zitat aus seinem Beitrag „Konservatives Opferritual“:
Darin zeigt sich unverkennbar ein strategischer Postmodernismus der Rechtskonservativen: Begriffe werden aus ihrem historischen Zusammenhang gelöst, Traditionen in frei kombinierbare Versatzstücke zerlegt und Widersprüche ausgeblendet, nicht um eine in sich geschlossene Ideologie anzubieten, sondern einen Baukasten affektiv wirksamer Ideologeme zu haben, der es ermöglicht, auf Krisen flexibel zu reagieren: Ob nun Nächstenliebe oder die Verachtung von Armen geraten ist, hängt vom Kontext ab, den man nicht selten selbst konstruiert. Religion ist Material zur Rechtfertigung einer Politik, für die es allein sachlich betrachtet keinen vernünftigen Grund gibt.
Das Regieren dieser kollektiv narzisstischen, Glaubwürdigkeit und Klarheit zum Zweck des eigenen Herrschaftserhalts unterminierenden Art erfordert von Politikern eine Authentizitätsperformance. Nicht im Sinne moralischer und intellektueller Widerspruchsfreiheit, sondern im Sinne einer Kongruenz von individuellem Verhalten und Zielen des eigenen Lagers. Die Bestrafung von Abweichlern, die das persönliche Interesse über das des eigenen Lagers stellen, ist nicht bloß ein Mittel der Authentizitätsperformance. Der Abweichler wird zugleich zum Opfer einer rituellen Selbstreinigung vom moralischen Bankrott, der sich offensichtlich nicht wegperformen, aber auf einen Einzelnen zur Abwehr projizieren lässt. Wer den Menschen nichts zu bieten hat als Moralismus, produziert den Gegenwind zur eigenen moralistischen Rückgratlosigkeit.
Diese Opferung eines Mitglieds aus den eigenen Reihen zur Stabilisierung der Glaubwürdigkeit hat nun Spahn getroffen, weil er die Moral für sein persönliches Glück, nicht für die Partei beugte. Das ist insofern erschreckend – auch wenn es um Spahn nicht schade ist, hat er als Coronaminister doch bewiesen, dass das individuelle Glück der anderen ihn einen Kehricht schert –, als das Vorgehen gegen Spahn in Ansätzen an totalitäre Herrschaftstechniken erinnert. Es gehörte zum Standardrepertoire des verbrecherischen Staatssozialismus, öffentlich Abweichler zu opfern, damit die Führung moralische Reinheit demonstrieren konnte, während die eigenen Grundsätze jederzeit dem Machterhalt untergeordnet wurden.
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