Gesellschaft

Botho Strauss: Klärt uns endlich auf!

Der Dramatiker Botho Strauss hat für die FAZ einen Feuilleton-Beitrag geschrieben, der von den politisch Handelnden und vom Volk mindestens zweimal gelesen werden sollte.

Der Souverän hat einen neuen Widersacher. Diesmal nicht die römische Kirche, nicht den Kommunismus, sondern »die Märkte«. Sie zu beruhigen, unternehmen die Regierungen des Euro-Verbunds ganz altmodische diplomatische Manöver der Täuschung, Verschleierung und Falschaussage – bis hin zum (noch immer uneingestandenen) Bruch vertraglicher Vereinbarungen und institutioneller Regeln. Wie jeder angreifbare und unangreifbare Feind werden deshalb nun die Märkte dämonisch entrückt. Dabei gilt nach dem Wort Friedrich von Hayeks der Markt eigentlich als ein »Entdeckungsverfahren«, indem er seine Teilnehmer über Vor- und Nachteile ihrer Investitionen orientiert – aber eben auch wie gegenwärtig die desolate Finanzlage von kredithungrigen Staaten bloßstellt, die die nationale Politik mehr oder weniger geschickt zu verbergen sucht.

Diese als schonungslos kapitalistisch empfundene »Aufklärung« durch die Märkte wird von den Betroffenen meist empört zurückgewiesen – gegenüber den Märkten reagiert jede Regierung spontan um einen Ruck linker, als sie es vielleicht ist, und sucht die sozialen Verpflichtungen, die sie gegenüber der Bevölkerung wahrzunehmen hat, gegen die Zumutungen der schnöden Zinswirtschaft – in Form der anmarschierenden schier endlosen Zahlenkolonnen der Refinanzierung – abzuschirmen.

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Für ein iPad tun sie alles

Die Chinesen sind Feuer und Flamme für Produkte von Apple. In Pekings Kaffeehäusern scheint eine hundertprozentige iPhone-Dichte zu herrschen. Und wer sich kein iPad leisten kann, bietet eben seine Organe zum Kauf an.

Ein bedrückender Artikel von Mark Siemens beschreibt, wie es ist, wenn die Technik den Menschen versklavt:

Die Apple-Produkte spielen in der öffentlichen Selbstdarstellung chinesischer Mittelschichten eine noch auffälligere Rolle als andernorts. In Pekinger Cafés sind praktisch hundert Prozent der Gäste mit iPhone, iPad oder Mac-Computer ausgestattet, die sie gleich nach dem Eintreffen in Betrieb nehmen. Auch Freunde und Familien, die gemeinsam kommen, fühlen sich im Kaffeehaus erst wohl, wenn jeder einzelne angelegentlich auf sein Gerät guckt. Ganz selten schlägt mal einer ein Buch auf, fast nie einer eine Zeitung. Eine ganze Schicht scheint Vergnügen daran zu finden, sich mit den Regeln eines gemeinsamen Spiels zu beschäftigen. Selbst Polizisten, die etwas auf sich halten, hantieren auf der Straße mit großer Selbstverständlichkeit mit ihrem iPad.

Die schicken Geräte stehen so unzweifelhaft an der Pyramidenspitze der gesellschaftlich anerkannten Werte, dass es nicht weiter verwunderte, als eine Achtzehnjährige ihren Körper im Internet demjenigen anbot, der ihr ein iPhone 4 schenken würde. Ein Siebzehnjähriger verkaufte sogar seine Niere, um genug Geld für ein iPad 2 zu haben.

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Die Entdemokratisierung Europas

Die Idee einer losen Währungsunion ist gescheitert, die Finanzmärkte spielen verrückt – jetzt soll die Wirtschaftsunion kommen. Weil sie nicht organisch entstehen wollte, wird sie eben zentral von oben durchgesetzt. Hier ein wichtiger Kommentar von Thomas Gutachter:

Und trotzdem sind es lauter Paukenschläge, mit denen die Staats- und Regierungschefs ihr Wetterten seit einem Jahr orchestrieren. Nicht mehr Beethovens Hymne an die Freiheit, sondern Richard Strauss‘ titanisch-dröhnende Eröffnung des Zarathustra ist der Sound der Zeit. Die Wettretter bauen an einer Europäischen Union, genauer: einer Euro-Union, die nichts zu tun hat mit all den Verträgen, um die sie zwanzig Jahre lang so mühsam gefeilscht haben. Nachdem die Idee einer losen Währungsunion gescheitert ist und die Finanzmärkte verrückt spielen, soll jetzt die Wirtschaftsunion kommen, aber richtig.

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Patchwork-Religiosität bei Jugendlichen

Der christliche Glaube spielt im Alltag der meisten deutschen Familien keine Rolle. Viele Eltern lassen ihre Kinder selbst entscheiden, ob und wie intensiv sie sich mit Religion beschäftigen wollen. Das Magazin Focus Schule hat untersucht, was Jugendliche über Gott und den Glauben denken.

Die Journalistin Caroline Mascher kommt zu dem Schluss: »Religion scheint im Jahr 2011 eine Frage der Bildung zu sein und der Glaube an Gott eher Ausdruck eines individuellen Gefühls.« Niemand möchte ganz auf Religion verzichten, irgendwie gehört sie im christlichen Abendland eben doch dazu, allerdings suche sich jeder »die Bestandteile seines Wertesystems“ selbst zusammen, sagt der Jugend-und Bildungsforscher Heiner Barz. Diese Entwicklung bezeichnet er als „Patchwork-Religiosität«.

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Unsere Euphemismen

Peter-André Alt, Professor für Literaturwissenschaft und Präsident der Freien Universität Berlin, hat am 4. August einen hochinteressanten Artikel über unsere Euphemismen veröffentlich (FAZ vom 04.08.2011, S. 8). Er schreibt darin:

Unsere Zeit ist reich an euphemistischen Redewendungen, die sich derart tief ins öffentliche Repertoire eingeschrieben haben, dass niemand sie mehr anstößig findet. Wo immer persönlich Verantwortung getragen wird, tritt die Sprache des Euphemismus auf: in Politik und Management, in Sport und Administration, in Kreativindustrie und Medizin. Autorität und Geltung, Einfluss und Entscheidungsbefugnis heißen nicht, was sie sind. Wer Macht ausübt, sagt das nicht, sondern greift, möchte er seine Tätigkeit beschreiben, zu Wendungen wie: »einen Beitrag leisten«, »sich in Prozesse einbringen«, »Ideen anregen«, »Veränderungen anstoßen«, »Übergänge befördern«, »Weichenstellungen vorbereiten«, »neue Wege bahnen«, »Maßnahmen unterstützen«. Wer handelnd für klare Verhältnisse sorgt, redet zumeist in beschönigenden Vokabeln über das, was er tut. In der Sprache der Euphemismen gibt es nur noch Mediatoren, keine Entscheider. Der Manager, der sich am Ende seiner Vorstandszeit vor der Aktionärsversammlung dafür bedankt, dass er »den Weg des Unternehmens ein Stück weit begleiten durfte«, verdeckt seine Verantwortung ebenso wie der Fußballtrainer, der eine bittere Niederlage mit einem „»Wir wissen jetzt besser, wo wir stehen« zu kommentieren pflegt. Unzählbar die Euphemismen der Verlierer an einem Wahlabend, die vom »erfreulichen Mobilisierungseffekt« über »breite Zustimmung« bis zu »Auftrag weitgehend umgesetzt« reichen.

Die Bildspender und Vergleichsfelder, auf die sich die Rhetorik der Euphemismen stützt, stammen zumeist aus der Welt der Psychologie, der Werbung und der Medien. Sie bezeichnen Vorgänge der Vermittlung, der Verständigung, der gewaltlosen Schöpfung und der Übereinkunft. Gemeinsam ist ihnen die Tendenz, individuelle Verantwortlichkeit für schmerzliche Entscheidungen hinter abstrakten Konstruktionen kollektiver oder struktureller Handlungsflüsse zu verstecken. Zugrunde liegt dem die Perspektive einer Gesellschaft, die Angst hat vor dem Eingeständnis unerfreulicher Wahrheiten, weil sie glaubt, diese seien niemandem zumutbar. Im Kern verbirgt sich darin eine tiefe Arroganz, die das eigentliche Skandalon des Euphemismus ausmacht. Wer seinem Gegenüber die Wahrheit nicht zutrauen möchte, hält ihn für unfähig, sie intellektuell oder moralisch zu bewältigen. Der Euphemismus betrügt den anderen um den Kern der Sache und erzeugt damit gerade keinen hierarchiefreien Raum, sondern eine durch Manipulation geschaffene Stufenwelt. Einer der derzeit beliebtesten Euphemismen, die Formel vom »Gespräch auf Augenhöhe«, liefert ein Musterbeispiel für das dialektische Funktionieren der »Wörter mit guter Vorbedeutung«. Wer eigens darauf hinweist, dass ein Gespräch auf »Augenhöhe« stattfand, wird Gründe dafür haben, diesen Sachverhalt zu beschwören – und zumeist nicht die Wahrheit sagen. Die Kommuniqués, die eine solche Formulierung bieten, bezeichnen dann auch meist Treffen zwischen ungleichen Partnern. Der Euphemismus ist selbst eine Redeform, die »Augenhöhe« verhindert, weil sie dem anderen die Einsicht in die wahren Verhältnisse vorenthält.

VD: JS

Nur wer stehen bleibt, kommt weiter

Gerhard Stadelmaier bezeichnet Erwin Teufel als Mann der Stunde, der mit seiner Rede in das Herz einer unruhigen Zeit getroffen hat. In dem sympathisch geschriebenen Kommentar »Nur wer stehen bleibt, kommt weiter« heißt es:

Dass die europäischen Regierungschefs mit ihren milliardenhorrenden Finanz- und Schuldenaktionen Verträge gebrochen, Recht und Ordnung missachtet hätten, und dass, wenn die Oberen sich nicht mehr an Verträge hielten, es die Unteren nicht mehr einsähen, dass sie sich daran halten sollten. Dass die Christlich Demokratische Union auf das Christliche schnöde pfeife und immer grauprogressiver, belangloser und verwechselbarer daherkomme. Dass Familien mit einem Normaleinkommen und mehreren Kindern heute in Deutschland an den Rand des Existenzminimums gerieten, dass es »bei ihnen am Ende des Monats null auf null« aufgehe, und dass, wenn eine Waschmaschine kaputtgehe oder zwei Kinder gleichzeitig in ein Schullandheim fahren müssten und die Familie zwei-, dreihundert Euro dafür aufbringen müsse, es für sie der absolute Katastrophenfall sei. Dass man die »einfachen Leute« nicht nur in der christlichen Partei, die einmal die Partei dieser Leute war, links liegen lasse. Dass die Wirtschaft zum menschenverachtenden Selbstzweck werde. Dass es in unserem Land eine neue Art von Armut gebe, nämlich »die Armut der Einsamkeit«. Dass Erziehung von Kindern harte Arbeit sei und auch als solche vergütet werden müsse. Dass eine am »C« orientierte Politik das »Leben und die Würde des Menschen in jedem Lebensalter vor und nach der Geburt« schützen müsse (und dies schon lange nicht mehr tue).

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Ein anderes Bild von Familie

In Berlin soll ein Bücher- und Spielekoffer Erstklässlern die Vielfalt des Sexuallebens näher bringen. Ab der fünften Klasse sollen Kinder in Scharaden auch Begriffe wie »Sado-Maso«, »Orgasmus« und »Darkroom« darstellen.

Ein Buch aus Schweden lässt Kinder von ihren beiden Vätern oder ihren beiden Müttern erzählen. In einer anderen Geschichte wird erklärt, wie sich solche Paare fortpflanzen: »Weil aber zwei Frauen keine Kinder bekommen können, haben sie Stefan gefragt. Stefan ist schwul.« Auch die künstliche Befruchtung wird in kindgerechter Sprache erläutert: »Der Arzt tat dessen Samen in Mamas Bauch.« Die Geschichten sind gedacht für Grundschüler ab der ersten Klasse. Laut Lehrplan setzt der Sexualkundeunterricht in der fünften Klasse ein.

Zusammengestellt wurde der Koffer von »Queerformat«, einer Verbindung der zwei Berliner Vereine »KomBi« und »ABqueer«, die über »lesbische, schwule, bisexuelle und transgender Lebenweisen« aufklären und beraten. Die Vereinsmitglieder vertreten die Auffassung, dass solche Aufklärung auch schon für sechs Jahre alte Kinder hilfreich sei. Sie berufen sich dabei auf eine australische Studie, laut der manche Kinder schon im Sandkastenalter ihre Homo- oder Transsexualität spüren. Demnächst soll es auch einen Bücherkoffer für Kindergärten geben.

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Verhaltenskodex »Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt«

201107191016.jpg»Mission gehört zutiefst zum Wesen der Kirche.« Mit diesen Worten beginnt das Dokument, das kürzlich in Genf am Sitz des Weltkirchenrates in einer feierlichen Stunde der Öffentlichkeit übergeben wurde. Mehr als fünf Jahre lang hatten Repräsentanten der genannten kirchlichen Organisationen in einer Reihe von größeren und kleineren Konferenzen daran gearbeitet, was es heißt, den christlichen Glauben im 21. Jahrhundert in einer multireligösen Welt zu bezeugen und weiterzugeben. Entstanden ist ein Dokument mit klassischen Grundlagen für das christliche Zeugnis, gefolgt von Prinzipien und Empfehlungen.

Thomas Schirrmacher, Chefunterhändler für die Weltweite Evangelische Allianz, machte deutlich, dass es sich bei dem vorgelegten Dokument keineswegs um ein Kompromisspapier handele (siehe hier). Im Laufe der Jahre habe es aus dem Umfeld verschiedener Seiten immer wieder auch sehr skeptische Stimmen gegeben, die ein inhaltlich substanzielles Dokument zum Thema Religionsfreiheit und Mission nicht für möglich gehalten hätten. Am Ende stünden nun klare Empfehlungen, die einerseits den Auftrag Jesu an seine Kirche deutlich bezeugten, andererseits aber auch die Grenzen einer an der biblischen Botschaft ausgerichteten Mission aufzeigten.

Hier ein Beitrag des DLF zum Verhaltenskodex:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/07/13/dlf_20110713_0936_630bb225.mp3[/podcast]

 

Homeschoolerin: »Wir mussten uns verstecken«

Viele deutsche Homeschooler werden kriminalisiert und von den Behörden drangsaliert. Einige erhielten bereits politisches Asyl in Amerika. Die FAZ stellt heute eine ganz und gar integrierte Homeschoolerin vor:

Katharina ist 22 Jahre alt. Sie arbeitet bei einem führenden Industrieunternehmen als Controllerin. Ihr Abitur machte sie mit der Note 1,8. Anschließend studierte sie Betriebswirtschaftslehre, Abschlussnote 1,9. Sie ist eine sympathische junge Frau mit schulterlangen braunen Haaren. Mit ihrem Mann, einem Landschaftsgärtner, lebt sie in einer Zweizimmerwohnung im ersten Stock seines Elternhauses, eines Fachwerkhauses in einer ländlichen Gegend. Unten wohnt neben den Eltern auch noch sein Bruder. An diesem Abend hat Katharina gekocht, Spätzle mit Gulasch, danach eine Erdbeerkaltschale. Vor dem Essen beten sie und ihr Mann. Beide sind, wie ihre Eltern, bibeltreue Christen.

Fünf von dreizehn Schuljahren hat Katharina zu Hause verbracht, das fünfte bis achte Schuljahr und die Jahrgangsstufe elf. Ihre Eltern haben sie zu Hause unterrichtet. Damit sie nicht im Nachhinein noch angezeigt werden und weil die junge Frau selbst mögliche eigene Kinder ebenfalls zu Hause unterrichten will, möchte Katharina ihren wirklichen Namen nicht nennen. Hausunterricht ist in Deutschland, anders als in Amerika, illegal. Mehrere Kinder von Homeschoolern wurden von den Jugendämtern aus ihren Familien genommen und ins Heim gesteckt. Viele Eltern mussten Geldstrafen zahlen. Einige Familien wanderten nach Amerika aus und erhielten dort politisches Asyl.

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Wer sich für das Thema interessiert, findet in einem Buch von Hanniel hilfreiches Material:

  • Hanniel Strebel: Home Education: Verteidigung eines alternativen Bildungskonzepts und Lebensstils unter besonderer Berücksichtigung der Schweiz, Bonn: VKW, 2010

Das Ende der Privatsphäre – Facebook & Co.

Der DLF hat einen Kurzbeitrag über die Zwiespältigkeit der sozialen Netzwerke ausgestrahlt. Indem ich viel von mir preisgebe, nutze ich Netzwerke wie Facebook erfolgreich. Wo liegen die Grenzen des freizügigen Umgangs mit digitalen Identitäten? Im Beitrag spricht Urs Gasser, Mitautor des Buches Generation Internet. Die Digital Natives: Wie sie leben – Was sie denken – Wie sie arbeiten .

Hier der Beitrag:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2011/05/24/dlf_20110524_0948_a20df621.mp3[/podcast]

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