Bibelwissenschaft

Accordance: NA27 tagged

Für Anwender der Bibelsoftware Accordance der kurze Hinweis, dass es inzwischen einen „Tagged NA27 Greek New Testament with Apparatus“ gibt. Anwender, die den Nestle-Aland bei der Deutschen Bibelgesellschaft erworben haben (oder einen anderen griechischen „tagged“ Text), können über ein Upgrade in den Genuss dieses „verschlagworteten“ Textes kommen. Im April bietet Accordance 25 Prozent Rabatt auf Einkäufe an. Da ich sowohl den Text von der Bibelgesellschaft als auch den NT-T besaß, habe ich das Upgrade für ca. 12 Euro erhalten.

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Starb Jesus für alle?: Kommentar zum Papstbrief

Papst Benedikt XVI. hat mit Zeichnung vom 14. April 2012 einen Brief an die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz geschrieben. In diesem Brief geht er auf die angemessene Übersetzung des sogenannten „Kelchwortes“ im Hochgebet der Katholischen Messe ein. Es geht um die Frage, ob beim Abendmahl davon gesprochen werden soll, dass Jesus „für alle“ oder „für viele“ gestorben ist. Papst Benedikt XVI. möchte zurück zur Formulierung „für viele“, da sie in den neutestamentlichen Einsetzungsworten zu finden ist und begründet dies unter anderem mit einer Abkehr vom bisher vorausgesetzten „Semitismus“ bei der Übersetzung der griechischen Evangelienworte. Dabei weist er darauf hin, dass die Konzepte der Übersetzer oder Ausleger den Bibeltext nicht verdecken dürfen, also zwischen dem Bibeltext und seiner Interpretation zu unterscheiden ist. Ihm, der liturgische Gebete in vielen Sprachen sprechen muss, ist „im Lauf der Jahre immer mehr auch persönlich deutlich geworden, dass das Prinzip der nicht wörtlichen, sondern strukturellen Entsprechung als Übersetzungsleitlinie seine Grenzen hat“. Er schreibt:

Lassen Sie mich zunächst kurz ein Wort über die Entstehung des Problems sagen. In den 60er Jahren, als das Römische Missale unter der Verantwortung der Bischöfe in die deutsche Sprache zu übertragen war, bestand ein exegetischer Konsens darüber, dass das Wort „die vielen“, „viele“ in Jes 53,1l f. eine hebräische Ausdrucksform sei, um die Gesamtheit, „alle“ zu benennen. Das Wort „viele“ in den Einsetzungsberichten von Matthäus und Markus sei demgemäß ein Semitismus und müsse mit „alle“ übersetzt werden. Dies bezog man auch auf den unmittelbar zu übersetzenden lateinischen Text, dessen „pro multis“ über die Evangelienberichte auf Jes 53 zurückverweise und daher mit „für alle“ zu übersetzen sei. Dieser exegetische Konsens ist inzwischen zerbröckelt; er besteht nicht mehr. In der deutschen Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift steht im Abendmahlsbericht: „Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird“ (Mk 14, 24; vgl. Mt 26, 28). Damit wird etwas sehr Wichtiges sichtbar: Die Wiedergabe von „pro multis“ mit „für alle“ war keine reine Übersetzung, sondern eine Interpretation, die sehr wohl begründet war und bleibt, aber doch schon Auslegung und mehr als Übersetzung ist.

Diese Verschmelzung von Übersetzung und Auslegung gehört in gewisser Hinsicht zu den Prinzipien, die unmittelbar nach dem Konzil die Übersetzung der liturgischen Bücher in die modernen Sprachen leitete. Man war sich bewusst, wie weit die Bibel und die liturgischen Texte von der Sprach- und Denkwelt der heutigen Menschen entfernt sind, so dass sie auch übersetzt weithin den Teilnehmern des Gottesdienstes unverständlich bleiben mussten. Es war ein neues Unternehmen, dass die heiligen Texte in Übersetzungen offen vor den Teilnehmern am Gottesdienst dastanden und dabei doch in einer großen Entfernung von ihrer Welt bleiben würden, ja, jetzt erst recht in ihrer Entfernung sichtbar würden. So fühlte man sich nicht nur berechtigt, sondern geradezu verpflichtet, in die Übersetzung schon Interpretation einzuschmelzen und damit den Weg zu den Menschen abzukürzen, deren Herz und Verstand ja von diesen Worten erreicht werden sollten.

Thomas Söding, Neutestamentler in Bochum, hat für den DLF die Debatte kurz kommentiert. Ich teile seine Position nicht, gebe aber hier gern die Stellungnahme wieder:

[podcast]http://podcast-mp3.dradio.de/podcast/2012/04/27/dlf_20120427_0936_4583b569.mp3[/podcast]

Gottes vergessene Kinder

Tempel1001.jpgDER SPIEGEL hat zur Osterzeit wieder einmal zugeschlagen und behauptet in dem Artikel „Gottes vergessene Kinder“ (15/2012, S. 120–123), dass das uns überlieferte Alte Testament Produkt einer Geschichtsfälschung sei. Die ursprünglichere Thora, so berichtet das Nachrichtenmagazin unter Berufung auf die Forschungsarbeiten des Ethnologen Stefan Schorch, stamme von den Samaritern. Die hebräische Bibel liefere nur ein Zerrbild ihrer Geschichte. „Papyrusrollen aus Qumran am Toten Meer, aber auch ein jüngst auf dem Antikmarkt aufgetauchtes Fragment der Bibel zwängen zu einer ‚völligen Neubewertung‘, sagt Schorch“ (S. 121). Den „spannendsten Hinweis“ auf die wirkliche Geschichte habe Jizchak Magen geliefert, der seit 25 Jahren auf der Kuppe des Garizim grabe. Was also ist das Hauptargument? „Seine Befunde, erst zum Teil veröffentlicht, kommen einer Sensation gleich: Auf dem Berg stand bereits vor 2500 Jahren ein gewaltiges, hell schimmerndes Heiligtum, umschlossen von einer 96 mal 98 Meter großen Einfriedung. Die Mauer hatte sechskammrige Tore mit riesigen Holztüren. Der Tempel von Jerusalem war zu jener Zeit allenfalls ein simpler Kubus“ (S. 121).

Laut einer Qumranrolle habe Mose seinem Volk befohlen, ein Heiligtum auf dem Garizim zu errichten. „In der hebräischen Bibel (an der Jerusalems Priesterschaft womöglich noch sehr lange herumschrieb) hört sich das Ganze plötzlich anders an. Von einem „erwählten Ort“ ist nicht mehr die Rede. Auch das Wort „Garizim“ ist an der entscheidenden Stelle gestrichen“ ( S. 122). Um gegenüber den Samaritern ihren Anspruch zu unterstreichen, hätten sich die Priester aus dem winzigen Südreich eine Heilsgeschichte ersonnen. „Demnach regierte bereits um 1000 vor Christus der Ur-König David von Jerusalem aus einem glänzenden Großreich. Sein Nachfolger Salomo schuf in der Stadt angeblich einen Tempel aus Zedernholz, „vollständig mit Gold überzogen“. Das alles sei Unsinn. Die Priester wollten nur das Ansehen der Samariter schmälern und hätten dafür das eigene Heiligtum gegenüber der Götterfestung auf dem Garizim wort- und phantasiereich aufgewertet. „Vom Sakrosanktum des Salomo wurde bis heute nicht ein Stein gefunden“ (S. 123).

Ich habe Peter van der Veen  (siehe auch hier) zu dieser These befragt und eine Antwort erhalten, die ich freundlicherweise hier wiedergeben darf:

Natürlich gab es die Samariter und ihr Heiligtum. Die Spuren des Heiligtums reichen vielleicht sogar bis ins 6.–7. Jh. v. Chr. zurück. Das allerdings ist noch längst kein Beweis dafür, dass gemogelt wurde, indem Jerusalem erst später fälschlich anstatt von Gerizim bevorzugt wurde und somit der biblischer Text verändert (gefälscht) wurde. Das ist reine Spekulation. Dass vom Jerusalem Tempel aus der Zeit Salomos nichts gefunden wurde hat einen ganz anderen Grund, d.h. schlicht und ergreifend, dass man dort nicht graben darf. Dennoch ist der Schutt, der beim Bau der unterirdischen Moschee ausgehoben wurde von Professor Gabriel Barkays Team sehr genau durchgesiebt worden und noch wird da weiter gearbeitet. Dabei sind viele Sachen gefunden worden, hauptsächlich jedoch aus herodianischer und späterer Zeit. Eine Tonbulle jedoch nennt einen gewissen Gaaljahu, den Sohn Immers. Die Tonbulle datiert aus etwa 600 v. Chr. und obwohl Gaaljahu direkt aus der Bibel nicht bekannt ist, handelt es sich beim Namen des Vaters um einen vor allem unter Leviten bekannten Personennamen, wie auch aus der Zeit Jeremias bekannt ist (Jer 20:1). Zudem schreiben die Priester von Jahwes Heiligtum auf der Nil-Insel Elephantine in Ober-Ägypten im späten 5. Jh. v. Chr. an die Priesterschaft in Jerusalem und nicht an die Priester auf Gerizim wenn es um Ratschläge bezüglich des Kultus geht. In einem Brief (Brief 18) aus Tel Arad (an der Südgrenze Judas), um 600 v. Chr., wird das Haus Jahres erwähnt, und da Arad als Festung Judas direkt dem König von Juda (in Jerusalem residierend) unterstand (wie auch aus Arad-Brief Nr. 24 deutlich ist; während das frühere Lokalheiligtum Arads zu dieser Zeit nicht mehr existierte), kann nur vom Jerusalemer Tempel die Rede sein. Zudem wird in Brief 18 ein gewisser Qerositer (d.h. aus dem Hause der Nethaniter) erwähnt. Die Qerositer lebten zur Zeit Nehemias als Leviten im Jerusalemer Tempel (Esr 2,44; Neh 7,47; 1Chron 9,2) und es wird angenommen dass die Familie schon in vorexilischer Zeit existierte.

Biblical and Ancient Greek (BAGL)

Freunde des Altgriechisch dürfen sich freuen: es gibt ein neues Online Journal für Koinē und Altgriechisch. Biblical and Ancient Greek Linguistics (BAGL), das frei zugänglich ist, beschreibt sich so:

Biblical and Ancient Greek Linguistics (BAGL), in conjunction with the Centre for Biblical Linguistics, Translation, and Exegesis at McMaster Divinity College and the OpenText.org project (www.opentext.org) is a fully refereed on-line and print journal specializing in widely disseminating the latest advances in linguistic study of ancient and biblical Greek. Under the senior editorship of Professor Dr. Stanley E. Porter and Dr. Matthew Brook O’Donnell, along with its assistant editors and editorial board, BAGL looks to publish significant work that advances knowledge of ancient Greek through the utilization of modern linguistic methods. Accepted pieces are in the first instance posted on-line in page-consistent pdf format, and then (except for reviews) are published in print form each volume year. This format ensures timely posting of the most recent work in Greek linguistics with consistently referencable articles then available in permanent print form.

Hier das Inhaltsverzeichnis der ersten Ausgabe: bagl.org/volume1.

Fragen an E.P. Sanders

Der Neutestamentler Andrie du Toit wurde während seiner Promotionszeit in Basel von Karl Barth und Oscar Cullmann geprägt, bevor er sich in Südafrika als Experte für neutestamentliche und jüdische Exegese etablierte.

Eher zufällig fand ich in einem Vortrag, den er bereits 1985 in Trondheim gehalten hatte und der 1988 erstmalig veröffentlicht wurde, kritische Anfragen von du Toit an E.P. Sanders. Obwohl wahrscheinlich nur diejenigen etwas mit dem Zitat anfangen können, die sich mit der so genannten „Neuen Pauluspektive“ befassen, gebe ich den Auszug nachfolgend unkommentiert wieder (Andrie du Toit, Focusing on Paul, hrsg. von Cilliers Breytenbach u. David S. du Toit, Walter de Gruyter, 2007, S. 316):

Die Fragen mehren sich: Hat Sanders den Kontext und die Eigenart seiner Dokumente genügend beachtet? Wieviel sonstiges Zeugnis für eine Soteriologie des Verdienstes ist seiner eklektischen Methode zum Opfer gefallen? Wird ein Spezialist wie Billerbeck, der 16 Jahre an diesem Material gearbeitet hat, sich wirklich völlig geirrt haben? War Sanders Methode ausreichend, um die Grundstimmung (bzw. Grundstimmungen) des palästinensischen Judentums gründlich aufzufangen? Haben auch die Synoptiker, beziehungsweise ihre Quellen, diese Grundstimmung so völlig mißverstanden? Wie ist die jüdische καύχησις mit einem echt durchlebten Gnadenbewußtsein zu reimen? Oder müssen wir annehmen, sie sei eine Illusion des Paulus gewesen? Konnten nicht auch Erwähltsein aus Gnade und Zugehörigkeit zum Bunde zu Formeln erstarren oder sogar, wie aus der Kirchengeschichte zu belegen ist, eventuell zu einem Status vor Gott werden? Hätte man den damaligen Inhalt dieser Begriffe nicht gründlicher analysieren sollen? Ist die Art des jüdischen Sündenbewußtseins im ersten Jahrhundert genügend untersucht? Sündenbewußtsein bestimmt ja weitgehend, wie man die Gnade versteht und erlebt.

Methodologisch gibt es aber noch eine andere ernste Frage: Die „soteriologischen“ Aussagen in den jüdischen Dokumenten sind, wie die christlichen, alle eschatologisch bestimmt, das heißt sie haben mit dem Zugang zum endzeitlichen Heil zu tun. Dann aber liegt der kritische Vergleichspunkt nicht zwischen den jüdischen Auffassungen über den Zugang zum Bund und dem paulinischen Erlösungskerygma, sondern zwischen den jüdischen und den christlichen Aussagen über den Zugang zum endzeitlichen Heil. Sobald das jedoch geschieht, kommen die ἔργα jedoch wieder ganz neu ins Spiel! (Die paulinische Rechtfertigung ist ja eine Vorwegnahme des eschatologischen Urteils des himmlischen Richters.) Selbstverständlich gab es im jüdischen Denken eine starke Korrelation zwischen dem Zugang zum Bund und zum endzeitlichen Heil. Prinzipiell waren sie aber keineswegs identisch. Paulus wäre mit der Behauptung, daß Israel aus Gnade zum Bunde erwählt wurde, völlig einverstanden (vgl. Rom 11:28f.; 9:4). Seine Kritik liegt anderswo.

Interview mit Greg Beale

Mark Dever hat kürzlich mit Greg Beale über Biblische Theologie gesprochen. Das Interview startet ziemlich amerikanisch (und bleibt es stellenweise), entwickelt sich allerdings mitunter auch substanziell. Es ist interessant, was Beale über seine theologische Entwicklung, die Eschatologie (!) und andere Autoren sagt.

[podcast]http://media.9marks.org/audio/interview20120401-Beale.mp3[/podcast]

Eckhard Schnabel geht zum Gordon-Conwell Seminar

Eckhard J. Schnabel, vielen noch bekannt als FTA-Dozent, ist zum Professor für Neues Testament an das Gordon-Conwell Theological Seminary berufen worden. Professor Schnabel wird im Herbst mit seiner Vorlesungstätigkeit beginnen.

“Dr. Schnabel is a scholar of remarkable diversity,” remarks Provost, Dr. Frank James. “He is not only a noted New Testament scholar who has written the definitive work on Christian Mission in the New Testament, but he also brings a global perspective having served on academic faculties in his native Germany, the Philippines, Latin American, Hong Kong, as well as the U.S. Dr. Schnabel’s international experience no doubt will serve our students well in our globalized world.”

Since 1998, Dr. Schabel has served on the faculty of Trinity Evangelical Divinity School, Deerfield, IL, currently as Professor of New Testament. He has also served as chair of the New Testament department at Freie Theologische Akademie, Giessen, Germany; as Program Director, Th.M. in Biblical Studies, at Asia Graduate School of Theology, Manila, Philippines; and as a professor at Wiedenest Bible College, Bergneustadt, Germany, and Asian Theological Seminary, Manila. He has also been a Visiting Lecturer or Visiting Professor at theological schools in Poland, Belgium, Philippines, Germany, Canada, Sri Lanka and Hong Kong, China.

Hier: www.gordonconwell.edu.

Schrieb ein Zeitzeuge das Markusevangelium?

Dass das Markusevangelium  von einem Zeitzeugen Jesu Christi geschrieben wurde, vermutet der US-amerikanische Handschriftenforscher Prof. Daniel B. Wallace (Dallas/Texas). idea meldet:

Er hat nach eigenen Angaben sieben Fragmente mit Auszügen aus dem Neuen Testament entdeckt, von denen sechs aus dem zweiten Jahrhundert stammten und eins aus dem ersten. Dabei handele es sich um einen Auszug aus dem Markus-Evangelium. Diese Datierung habe ein von Wallace namentlich nicht genannter Handschriftenexperte als gesichert bestätigt. Wallace kündigte an, Details über Fundort, Datierung und Inhalt im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Die bisher ältesten Abschriften des Markus-Evangeliums stammen aus dem frühen dritten Jahrhundert. Experten sind sich einig, dass eine Bestätigung von Wallaces Vermutung zu einer neuen Sicht über die Entstehung der Evangelien führen werde. Zum einen würde sich herausstellen, wie gut die späteren Handschriften mit der ursprünglichen Fassung übereinstimmen, und zum anderen wäre dies ein Hinweis darauf, dass die Verfasser der Evangelien zeitlich sehr nahe an den Berichten über das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi waren.

Wallace ist eigentlich kein medienvernarrter Stimmungsmacher, sondern ein solider Neutestamentler. Wir müssen auf weitere Erklärungen und Materialien warten.

Ich erinnere mich noch an Vorlesungen von Carsten-Peter Thiede, der 1984 – Hypothesen von José O’Callaghan aufnehmend –, das Papyrusfragment 7Q5 Mk 6,52f zuordnete (das Buch habe ich noch). Thiede war sehr davon überzeugt, mit der abgeleiteten Frühdatierung von Markus richtig zu liegen. Durchsetzen konnte sich seine Theorie allerdings nicht.

Zu Wallace siehe auch hier: evangelicaltextualcriticism.blogspot.com.

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