Theologie

Die Taufe Jesu

Wenn die Johannestaufe ein Ausdruck der Buße und des Verlangens nach Vergebung war, ist zu fragen: Warum ließ Jesus sich taufen (vgl. Mt 3)? Die liberalen Theologen sprechen gern davon, dass Jesus sich seiner Sünden bewusst war und deshalb die Taufe zur Buße in Anspruch nahm und seine Sünden bekannte. Das war etwa die Auffassung von David Friedrich Strauß. Der Schriftsteller Middleton Murry sagte über Jesus: „Was auch immer dieser Mann war, er war die fleischgewordene Aufrichtigkeit. Er hätte nicht die Taufe zur Vergebung der Sünden gesucht, wäre er sich nicht der Sünde bewußt gewesen“ (The Life of Jesus, London: 1926, S. 31).

Für George Beasley-Murray ist das keine befriedigende Antwort (Die christliche Taufe, Kassel: 1968, S. 72–72):

Die Aufrichtigkeit Jesu soll natürlich nicht bestritten werden, aber andere Dinge in seinem Wesen müssen in Rechnung gestellt werden. Vor allem verraten seine Worte und Taten ein einzigartiges Verhältnis zur Herrschaft Gottes, aus dem heraus er deren bevorstehenden Anbruch verkündigte und in deren gegenwärtiger Kraft er sprach und handelte. In diesem Bewußtsein vergab er Sünden (Mark. 2,10) und sprach das Urteil über sie (Matth, 11,20ff.), forderte er die Buße von allen (Mark. 1,15) und verkündigte die bessere Gerechtigkeit (Matth. 5–7), befreundete er sich mit Zöllnern und Sündern, aber immer als Arzt der Kranken (Mark. 2,17) und als Hirte, der die Verlorenen zu retten sucht (Luk. 15,3ff.; 19,10). Jesus wandte sich ihnen allen zu, und wir spüren die Distanz, die er empfand zwischen sich und den Menschen, denen er diente; solch eine „Distanz“ spiegelt sich in den Worten, mit denen er seine Hörer anspricht als „ihr, die ihr böse seid“ (Matth. 7,11) — ein korrespondierendes „wir, die wir böse sind“ gibt es in seiner Lehre nicht. Solche Charakteristiken kennzeichneten, soweit wir wissen, vom Anfang seines Auftretens an die Worte und Werke Jesu. Sie werden noch klarer und eindrücklicher sichtbar, wenn er auf seinen Tod als Lösegeld für viele zugeht (Mark. 10, 45) und von seiner Rolle als Gerichtszeuge und sogar als Richter beim letzten Gericht spricht (Matth. 10, 32 f.; 25, 31 ff.). Wer so lehrte, lebte und starb, mit einem sittlichen Bewußtsein, das von der Taufe bis zum Kreuz nicht schwankte, wurde sicher nicht als ein Sünder getauft, der die Barmherzigkeit des Richters suchte; wenn es um der Sünden willen geschah, dann nicht um seiner eigenen willen.

 

Skizze zur Dreieinigkeit

Philipp Melanchthon schreibt in seiner Apologie, die bekanntlich zu den lutherischen Bekenntnisschriften zählt, über den dreieinen Gott (BSLK, S. 145):

Den ersten Artikel unsers Bekenntnisses lassen ihnen die Widersacher gefallen, in welchem angezeigt wird, wie wir glauben und lehren, daß da sei ein ewiges, einiges, unzerteiltes göttliches Wesen und doch drei unterschiedene Personen in einem göttlichen Wesen, gleich mächtig, gleich ewig, Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. Diesen Artikel haben wir allzeit also rein gelehrt und verfochten, halten auch und sind gewiß, daß derselbe so starken, guten, gewissen Grund in der Heiligen Schrift hat, daß es niemand möglich sei, den zu tadeln oder umzustoßen. Darum schließen wir frei, daß alle diejenigen abgöttisch, Gotteslästerer und außerhalb der Kirche Christi seien, die da anders halten oder lehren.

Es ist ein geradezu ökumenischer Artikel. Die Reformatoren haben die Dreieinigkeit gelehrt und verfochten, weil sie ihrer Überzeugung nach einen festen Grund in der Schrift hat. Weil die Schrift den dreieinen Gott offenbart, konnten sie nicht anders, als dies rein zu lehren.

Das ist allerdings 500 Jahre her. Heute sehen das viele anders. Sehr viele.

Nehmen wir Siegfried Zimmer. Für ihn ist die altkirchliche und reformatorische Trinitätslehre etwas für den „Hasen“. Vorstellungen wie diese seien seit der Aufklärung – so sagte er 2015 in einem Worthausvortrag –  zu einem großen Anstoß für denkende Menschen geworden. Die altkirchliche Lehre sei in dieser Form nicht zu retten. Die Dreieinigkeit Gottes stehe zudem dem interreligiösen Gespräch im Weg. Muslime vermögen mit einem dreieinen Gott nichts anzufangen. Vor allem aber liefere die Heilige Schrift selbst keine Begründung für die kirchliche Lehre der Dreineinigkeit. Die Theorie vom dreieinen Gott werde vielmehr, nachdem sie einst von der Alten Kirchen in von Blut und Machtpolitik getränkte trinitarische Begriffe und Formeln gekleidet worden ist, in die Bibel hineinprojiziert.

Was wir heute vom Geheimnis der Trinität lernen könnten, gehe in eine andere Richtung als die alte Dogmatik sie vorgab. Zimmer greift Überlegungen von Eberhard Jüngel und Jürgen Moltmann auf. Nämlich: Die drei Metaphern Vater, Sohn und Heiliger Geist kommen gut miteinander klar. Es geht um die Lebendigkeit Gottes. Gottes Sein ist im Werden. Gott bejaht das andere in sich selbst. Es geht um das Leben. Zimmer: „Was [den] frühen Christen in ihrem Erkundungsgang Trinität […] mehr oder weniger deutlich klar geworden ist […]: Leben ist ein Leben in Beziehungen. Leben heißt, aufeinander bezogen sein. Leben ist ein Verhältnis. Das merken wir an Gott. Gott lebt in sich selber ein beziehungsreiches Leben […] Das Lebendige am Leben ist der Beziehungsreichtum. Gott ist ein Verhältniswesen. Sein ist ein Zusammensein […] Gott duldet in sich selbst auch Unterschiede […] Gott hat einen eigenartigen Reichtum“ (ab 1:11h im vollständigen Vortrag).

Der Ertrag dieser Einsichten könne uns eine Inspirationsquelle werden. Es gehe um etwas Erfahrungsgesättigtes. Davon könnten wir allerhand lernen. Daran dürfen wir uns – so Zimmer – orientieren: Denn ich kann in meinem urpersönlichen eigenen anderen mich einbetten in eine Gemeinschaft. Wir sind einig, obwohl wir verschieden sind. Weil wir verschieden sind, sind wir einig. Das, was uns unterscheidet, trennt uns nicht, sondern ist unsere Einheit. Je verschiedener wir sind, desto einiger können wir uns werden. Aus der Trinität lernen wir das Ja zum anderen, auch zum anderen in uns selbst. Man könne das gut zusammenfassen: Von der Herrschaft zur Gemeinschaft.

Viele Einwände, die Siegfried Zimmer gegen die Dreieinigkeitslehre vorbringt, kommen mir recht bekannt vor. In der Gemeinde, zu der ich zwischen 1986 bis 1987 gehörte, machte sich eine „Jesus only“-Gruppierung breit. Die Dazugehörenden, meist jungen Leute, waren felsenfest davon überzeugt, dass die Lehre der Dreieinigkeit eine Idee sei, die maßgeblich erst im vierten Jahrhundert entfaltet wurde und die sich nicht auf die Bibel berufen könne. Die Lehre von der Dreieinigkeit sei ein menschliches Konstrukt und blockiere den Glauben an den einen wahren Gott. Auch wenn Siegfried Zimmer keinen großen Gefallen an der „Jesus only“-Bewegung haben dürfte, immerhin versucht er ja die Trinität noch irgendwie zu retten, trägt er ähnlich kritische Thesen vor.

Ich wurde damals von der Gemeindeleitung gebeten, in einem Vortrag dazu Stellung zu nehmen. Nachdem ich mir den Vortrag von Siegfried Zimmer angehört hatte, habe ich das Skript noch einmal ausgegraben. Auch wenn ich nicht mit allem zufrieden bin, habe ich es digital erfasst und kann es zur Verfügung stellen.

Ich war damals 21 Jahre alt. Eine gewisse Unreife und Naivität wird dem Leser mit geschultem Blick schnell in’s Auge springen. Dennoch kann der Text ein Einstieg dafür sein, die Bibeltexte selbst zu befragen. Getragen sind die Ausführungen nämlich von einer Überzeugung, die Melanchthon und die anderen großen Lehrer der Kirche und der Reformation geprägt hat: Die Trinität hat einen so starken, guten und gewissen Grund in der Heiligen Schrift, dass es niemandem möglich ist, diese zu tadeln oder umzustoßen.

Heute würde ich stärkere Argumente vorbringen als mir das damals möglich war. Ich verweise deshalb ich im digitalisierten Skript auf weiterführende Literatur.

Hier der Vortragstext aus dem Jahre 1986: Dreieinigkeit1986.pdf.

Die Vorlesung von Siegfried Zimmer gibt es hier in voller Länge. Nachfolgend die Kurzversion:

Vierzig Fehler beim Beten

Thomas Reiner hat einen alten Gebetsspiegel aufbereitet und benennt vierzig Fehler. Es tut weh, hilft aber bei der Justierung.

Hier die ersten 10 Dinge, die das Gebetsleben hemmen:

  1. Man betet unvorbereitet. Das tägliche und gewöhnliche Gebet bleibt eine alltägliche Angelegenheit.
  2. Man bedenkt nicht ausreichend, vor was für einen Majestät man im Gebet kommt. Vor Gott bedecken sogar die Seraphim ihre Angesichter.
  3. Man schätzt nicht die unendliche Ehre, die uns Gott dadurch erweist, dass wir mit ihm reden dürfen.
  4. Man denkt nicht genug an seine eigene Niedrigkeit, Elend und Dürftigkeit.
  5. Man hat keine rechte Lust am Gebet. Statt von der Sehnsucht nach seligen Gespräch mit Gott erfüllt zu sein, die ein Liebhaber hat, mit der geliebten Person zu sprechen, oder ein Geldgieriger, seinen Schatz zu zählen, hält das Gebet vielmehr für eine Last. Man ist froh, wenn man es bald erledigt hat.
  6. Man bittet Gott nicht fleissig um den Geist des Gebets, um die Gnade recht beten zu können.
  7. Man gewöhnt die Kinder nicht von Jugend auf, mit angemessener Ehrfurcht zu beten, sondern gibt ein schlechtes Vorbild ab.
  8. Man überlegt sich nicht, dass man in diesem Leben stets als Sünder vor Gott steht.
  9. Man betet ohne gebührende Aufmerksamkeit, oberflächlich und halbherzig.
  10. Man betet mit hundert Ausschweifungen des Gemüts, die man nicht haben würde, wenn man sein Leben vor einem Fürsten verteidigen, oder dergleichen wichtige Dinge anbringen sollte.

Mehr: winterthur.erkwb.ch.

Turbulenzen am Moody Bible Institute

Das Magazin CHRISTIANITY TODAY berichtet über Turbulenzen am Moody Bible Institute (MBI) in Chicago (USA). Der Präsident der Einrichtung, J. Paul Nyquist, und der Geschäftsführer, Steve Mogck, haben ihr Amt niedergelegt. Der Verwaltungsdirektor Junias Venugopal ist in den Ruhestand gegangen. Das Leitungsgremium gab bekannt, dass die Zeit für eine neue Leitung gekommen sei.

Erst im Oktober 2017 hatte eine Absolventin des MBI einen Offenen Brief eingereicht und sich darin über die Einstellung einiger Dozenten und Studenten beschwert. Die Disziplinlosigkeit sei offensichtlich und bedrückend gewesen. Die Autorin des Briefes thematisierte zudem eine Verflachung der Lehre am Institut. Es werde mehr über Gesellschaftstransformation als über die Verkündigung des Evangeliums für Verlorene gesprochen. Besonders auffällig sei diese Tendenz beim Thema „Urbane Mission“.

Der Leiter der Abteilung betonte konsequent menschliche Handlungen und Heilmittel gegenüber dem Evangelium und betonte, dass es wichtig sei, unsere Werte zu leben, anstatt explizit zu sein. Als ich respektvoll sagte, dass das Evangelium das Unterscheidungsmerkmal christlichen Engagements sei, da Nichtchristen soziale Projekte ebenfalls durchführen könnten, sagte er: „Wir können uns bewusst um Menschen kümmern, ohne sie geistlich zu betreuen“. Ich kam nach vielen Diskussionen zu der Schlussfolgerung: Die Definition des Evangeliums steht der Befreiungstheologie und dem sozialen Evangelium näher als den biblischen Anliegen. Seine Idee, die er in allen Klassen, die ich besucht habe, konsequent darlegte, war, dass es im „Dienst“ nicht um Erlösung gehe; stattdessen müsse die Kirche anderen helfen, sich von den gesellschaftlichen und politischen Zwängen der Gesellschaft zu befreien.

Julie Roys, Moderatorin einer bekannten Radiosendung des Moody Bible Institutes, hatte vor wenigen Tagen außerdem den übertriebenen Luxus und fehlende Transparenz im Umgang mit Geld in der Führungsetage der Einrichtung geschildert. Sie schrieb etwa:

Von 2000 bis 2008 soll das Institut wieder eigenmächtig gehandelt haben, indem es Jerry Jenkins, dem Autor der beliebten Bücher „Left Behind“ und dann Vorsitzender des Board of Trustees von Moody, eine Luxus-Suite im obersten Stockwerk der Jenkins Hall zur Verfügung gestellt hat. 1999 spendete Jenkins Moody eine ungenannte Summe, die es dem Institut ermöglichte, das Gebäude zu erwerben, das seinen Namen trägt. Und laut einem Artikel aus dem Jahr 2006 in der Chicago Tribune verwandelte MBI zwei ehemalige große Einheiten im obersten Stockwerk des Gebäudes in eine Suite für Jenkins und seine Frau, was laut von Regierungsbeamten „verstörend“ sei.

Julie Roys wurde daraufhin ohne Angabe von Gründen gekündigt.

Mehr & Mehr

Mitreißend, faszinierend, evangelistisch, bibeltreu, wunderbar! Das haben einige liebe Freunde über die MEHR-Konferenz 2018 gesagt oder geschrieben. Wirklich?

So einfach ist das alles nicht. Ich habe mehrmals in die Konferenz hineingehört. Ich habe viel Gutes gehört. Oft war es klarer als alles, was ich in den letzten Jahren aus dem Raum der evangelischen Eliten gehört habe. MEHR noch: Es war klarer, als vieles, was ich in letzter Zeit innerhalb der Evangelikalen Bewegung vernommen habe. Denken wir nur an: „Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch!“ Danke.

So war das.

Aber ist es biblisch und evangelisch (dem Evangelium gemäß)? Machen wir es uns nicht zu einfach. Meiden wir pragmatische und gefühlige Abkürzungen! Klärungen sind oft anstrengend und schmerzhaft. Ohne sie gibt es aber kein nachhaltiges und gedeihliches Wachstum.

Gott mutet uns Wahrheit zu, weil sie es ist, die zum Leben führt. Die Wahrheit enthält keine doppelten Böden. Sie muss die Grundlage unserer Leidenschaft sein. Um sie muss es gehen, wenn wir über Vergebung, Rechtfertigung, ewiges Leben, Kirche oder Mission sprechen.

Ich empfehle, dem Gottesdienst vom 7. Januar genau zu lauschen:

P.S. Lieber Johannes! Falls Du das liest, dann nimm mir bitte ab, dass das nicht einfach so dahingesagt ist. Mir geht es nicht um schnelle und billige Nörgelei. Es geht um mehr, um die Wahrheit und Schönheit des Evangeliums.

„Jeder Ansatz zum Selbstdenken fehlt oft“

Wilhelm Niesel beschwerte sich 1931 in einem Brief an Karl Barth über die fehlende Denkbereitschaft seiner Studenten (Brief vom 19.01.1931, in: Karl Barth und Wilhelm Niesel: Briefwechsel 1924-1968, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, S. 91).

Im Seminar hier muß ich immer wieder die böse Erfahrung machen, daß die Leute heute z.T. überhaupt nicht mehr wissenschaftlich arbeiten können. Jeder Ansatz zum Selbstdenken fehlt oft. Man bekommt Referate, die einfach nur aus Exzerpten bestehen (Calvin sagt, Meyer sagt, Weiß sagt, usw. … folglich: …), so daß man sich fragt, was hat für diese Leute überhaupt das Studium bedeutet. Bei den Juristen und Medizinern ist diese Art ja schon längst eingerissen, daß man nicht mehr studiert, sondern nur Stoff einpaukt. Das scheint jetzt auch bei uns so zu werden. Da ist es besonders verheerend, nicht nur wegen des Prinzipiellen, daß bei uns doch wirkliche Aneignung nötig ist, sondern weil wir ja keine feste Lehre haben, die einfach eingepaukt werden könnte. Bei den vielen Stimmen, die auf sie einstürmen (etwa bei der Exegese), wissen die Leute sich dann überhaupt nicht zu helfen.

Was würde er wohl heute sagen?

 

Der Genfer Theologe François Turrettini

Tony Reinke stellt in einem Artikel, der bei Evangelium21 erschienen ist (vielen Dank an Stefan für die Übersetzung), den Genfer Theologen François Turrettini vor. Turrettini war einerseits ein großer Scholastiker der reformierten Theologie. Seine Institutes of Elenctic Theology (auch über Logos erhältlich) kann ich sehr empfehlen. Andererseits betonte der scharfe Denker das Leben und verband so auf vorbildliche Weise Theorie und Praxis miteinander.

Tony Reinke schreibt:

Turrettini unterscheidet noch klarer zwischen dem Theoretischen und dem Praktischen. „Ein theoretisches System ist dasjenige, welches nur im Nachsinnen bewohnt wird und kein anderes Objekt als das Wissen hat. Ein praktisches System ist dasjenige, welches nicht nur im Wissen eines Dings allein besteht, sondern in seinem Wesen und durch sich selbst in die Praxis überführt und eine Wirkung als Objekt hat“ (1:21). Theologie ist demnach theoretisch (manchmal mit einer Sicht der göttlichen Mysterien endend), aber auch (und meistens) praktischer Natur.

Also nimmt die Antwort auf die Sozinianer und die Remonstranten in den folgenden Argumenten Gestalt an:

1. Theologie ist eine Wissenschaft. Für Turrettini ging es bei Wissenschaft nicht nur um theoretische Spekulationen und Datensammlung, sondern um das Studium eines Objekts und das Ordnen von Schlüssen. Zum Beispiel bei der Medizin. Das Endziel von medizinischer Forschung ist nicht, ein Kompendium aller Krankheiten und Zustände zu erhalten, sondern diese Krankheiten und Zustände zu heilen. Nur weil Theologie, wie Medizin, teilweise theoretisch ist, heißt das nicht, dass sie unpraktisch ist (1:21). Ganz im Gegenteil.

2. Das Theoretische ist wesentlich für Anbetung. „Es gibt kein Geheimnis, das als Objekt des Glaubens unserem Denken vorgestellt wird, welches nicht in uns die Anbetung Gottes anregt und nicht eine Voraussetzung für richtige Anbetung ist“ (1:21). Gott gebraucht den tiefen Brunnen der Theologie über sich selbst (die in seinem Wort offenbart ist), um Anbetung anzuregen. Demnach sind die theoretischen Aspekte der Theologie unmittelbar in der Anbetung anwendbar. Theologie „entfacht“ Anbetung und bildet die „Voraussetzung“, um Gott anzubeten.

3. Der Verstand und der Wille sind verbunden. „Die Form umfasst das Wesen wahrer Religion und verfolgt die Erkenntnis und Anbetung Gottes, die untrennbar verbunden sind (genauso wie Sonne, Licht und Wärme nie voneinander getrennt werden können). Demnach kann die Erkenntnis Gottes nicht wahr sein, wenn sie sich nicht in der Praxis äußert (Joh 13,17; 1Joh 2,5). Gleichermaßen kann keine Praxis richtig und rettend sein, die nicht von der Erkenntnis gesteuert wird (Joh 17,3)“ (1:22). Turrettini bezieht sich in diesem Abschnitt auch auf Johannes 13,17, um die Seligkeit des Mannes zu zeigen, der erkennt und gehorcht. Das Wissen ist eine Voraussetzung für das Tun. Das Theoretische und das Praktische sind so miteinander verbunden, wie Sonne, Licht und Wärme. Später schreibt er: „Es gibt nichts, was so theoretisch und so weit von der Praxis entfernt ist, dass es nicht Liebe und Anbetung zu Gott anregt. Weder gibt es irgendeine Theorie, die rettend ist, welche nicht zur Praxis führt (Joh 13,17; 1Kor 13,2; Tit 1,1; 1Joh 2,4; Tit 2,12)“ (1:23).

4. Theologie und die „Schau Gottes“. Turrettini schreibt: „Wenn vom ewigen Leben gesagt wird, dass es in der Erkenntnis Gottes (Joh 17,3) und in der Freude der Schau Gottes besteht, dann zeigt das in der Tat, dass Theologie auch spekulativ ist, dass es viele theoretische Objekte hat. Aber wir können daraus nicht schließen, dass sie nur spekulativ ist, weil diese Erkenntnis selbst nicht nur theoretisch ist, sondern praktisch (1Joh 2,5). Schau bezeichnet nicht nur Erkenntnis, sondern auch Erfreuen (nach dem Gebrauch der Schrift)“ (1:22). Und später schreibt er: „Die Theologie der Heiligen im Himmel kann nicht bloß theoretisch genannt werden, weil ihre Freude nicht nur das Wahrnehmen des höchsten Gutes durch Schauen umfasst (was der Intellekt ist), sondern auch ein Erfreuen daran in Liebe (welches ein Willensakt ist)“ (1:23). Gott zu sehen und sich an ihm zu erfreuen beweist in alle Ewigkeit die Verbindung des Theoretischen mit dem Praktischen.

Turrettinis Auffassung von der Theologie wird von Richard Muller gut zusammengefasst: „Die Perspektive der Sozinianer und Remonstranten entfernt von der Religion alle fundamentalen Artikel – einschließlich der Dreieinigkeit und der Fleischwerdung – und, so schließt Turrettini, führt letztendlich zum Atheismus. Während die Sozinianer und Remonstranten gewiss leugnen würden, dass ihre Ansichten zum Atheismus führen, hofften sie doch, die Rolle von fundamentalen oder notwendigen Artikeln bei der Bestimmung eines normativen Christentums leugnen zu können. Das Gegenmittel für solch einen Reduktionismus war für Turrettini das Aufrechterhalten des Gleichgewichts zwischen den theoretischen und praktischen Dimensionen der Theologie … Eine rein theoretische Disziplin ist nur dem Nachdenken gewidmet und hat kein anderes Ziel als Kognition; eine rein praktische Disziplin ist nur dem Handeln gewidmet und hat kein anderes Ziel als die Anleitung einer Tätigkeit (operatio) oder einer Praxis. Es ist klar, dass keine der beiden Definitionen vollkommen auf die Theologie zutrifft: Theologie beinhaltet sowohl dogmata seu decreta fidei und praecepta Christianarum virtutum – sowohl die notwendigen Lehren des Glaubens als auch die Regeln christlicher Tugend“ (PRRD, 1:351-352).

 

Die Politisierung der Weihnachtsbotschaft

Ulf Poschardt, Chefredaktor der WELT, hat mit einer Kurznachricht bei Twitter einen Streit über die Politisierung der Weihnachtsbotschaft ausgelöst. Er schrieb in seinem Tweet: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“

Derbe Repliken ließen nicht lange auf sich warten. Über die Lawine, die Poschardt losgetreten hat, schreibt die NZZ:

Binnen weniger Stunden sah sich Poschardt einem Sturm an Kommentaren ausgesetzt, deren Tonfall rapide ungemütlicher wurde. Die einen versuchten mit Bibelzitaten nachzuweisen, dass Jesus tatsächlich der erste Jungsozialist war – ungeachtet des neunten und zehnten Gebots und zahlreicher konträrer Lehren des Neuen Testaments, etwa vom Zinsgroschen oder den anvertrauten Zentnern bei Matthäus. Andere konzentrierten sich auf die Dämonisierung des Übeltäters. Unter #PoschardtEvangelium verbreiteten sie, was der bekennende Marktfreund ihrer Meinung nach am liebsten beim Kirchgang gehört hätte. «Bittet, so wird euch gegeben! Zumindest ein bisschen. Wir müssen einsehen, dass der Sozialstaat seine Grenzen hat.» Oder kürzer: «Und Jesus sprach zu den Bedürftigen: Der Markt wird’s schon richten.» Der frühere grüne Bundesminister Jürgen Trittin, der nie weit ist, wenn es darum geht, die vermeintlich hässliche Fratze der bürgerlichen Gesellschaft zu entlarven, empfahl als verspätetes Weihnachtsgeschenk für Poschardt eine leere «AfD-Krippe», ohne Juden, Araber und Flüchtlinge.

Die Grüne-Jugend-Sprecherin Ricarda Lang sagte der FAZ:

Ich finde es ziemlich bezeichnend, dass es ihm anscheinend extrem widerstrebt, wenn in der Kirche ein menschliches und solidarisches Miteinander vertreten wird. Für uns ist Humanität ein gesamtgesellschaftlicher Anspruch – für Ulf Poschardt scheint Nächstenliebe hingegen eine links-grün-versiffte Marotte für Jusos und Grüne Jugend zu sein. Das sagt mehr über Herrn Poschardt aus als über die Kirche – und auch mehr als über die Grünen … Ihm geht es mit seinem Tweet nicht darum christliche Werte zu schützen, sondern darum, sein total veraltetes Weltbild zu verteidigen und sich gegen ein solidarisches Miteinander zu stellen. Und diese Haltung wünscht er sich offenbar auch von den Kirchen. Vielleicht hätte er gestern lieber mal zuhören sollen, statt gehässige Tweets abzusetzen.

Sehr interessant ist, dass Ricarda Lang dem Redakteur eine Form des Vernunft-Fundamentalismus vorwirft und gleichzeitig behauptet: Es gibt derzeit nur eine vernünftige und notwendige Politik, nämlich diejenige, die wir als Grüne Jugend und Jusos wollen.

Er stellt sich selbst als letzte Bastion der Vernunft dar, während er eigentlich nur ein Problem damit hat, dass die Kirche sich progressiver aufstellt oder Grüne Jugend und Jusos für eine humanitäre Geflüchtetenpolitik streiten, also genau das tun, was angesichts der globalen Lage vernünftig und notwendig ist.

So einfach ist das also? Wer die links-grüne Weihnachtsbotschaft anzweifelt, wird sofort ich die rechte Ecke geschoben und mit dem Fundamentalismusvorwurf belegt. Zugleich wird sendungsbewusst die einzig vernünftige und notwendige Lösung präsentiert. Natürlich in politisch korrekter Sprache.

Vom Schlüssel des Bindens

Dietrich Bonhoeffer (Nachfolge, 2013, S. 285–286):

Damit ist gesagt, daß in der Gemeinde der Heiligen Vergebung nur gepredigt werden kann, wo auch Buße gepredigt wird, wo das Evangelium nicht ohne Gesetzespredigt bleibt, wo die Sünden nicht nur und nicht bedingungslos vergeben, sondern auch behalten werden. So ist es der Wille des Herrn selbst, daß das Heiligtum des Evangeliums nicht den Hunden gegeben wird, sondern daß es nur im Schutz der Bußpredigt gepredigt werden kann. Eine Gemeinde, die nicht Sünde Sünde nennt, kann auch keinen Glauben finden, wo sie Sünde vergeben will. Sie versündigt sich am Heiligtum, sie wandelt unwürdig des Evangeliums. Sie ist unheilige Gemeinde, weil sie die teure Vergebung des Herrn verschleudert. Nicht damit ist es getan, daß über die allgemeine Sündhaftigkeit des Menschen auch in seinen guten Werken geklagt wird, das ist keine Bußpredigt, sondern konkrete Sünde muß genannt, gestraft und gerichtet werden. Das ist der rechte Gebrauch der Schlüsselgewalt (Matth. 16,19; 18,18; Joh. 20,23), die der Herr seiner Kirche gegeben hat, und von der die Reformatoren noch so nachdrücklich gesprochen haben. Um des Heiligtums willen, um der Sünder willen und um der Gemeinde willen muß in der Gemeinde auch der Schlüssel des Bindens, des Sündenbehaltens geübt werden.

Zum würdigen Wandel der Gemeinde vor dem Evangelium gehört die Übung der Gemeindezucht. Ebenso wie die Heiligung die Abscheidung der Gemeinde von der Welt bewirkt, muß sie auch die Abscheidung der Welt von der Gemeinde bewirken. Eins ohne das Andre bleibt unecht und unwahr. Die Gemeinde, die von der Welt abgesondert ist, muß nach innen Gemeindezucht üben.

R.C. Sproul Gedenkfeier

Am 20. Dezember fand in der Saint Andrew’s Chapel (Sanford, Florida, USA) die Gedenkfeier für R.C. Sproul statt, der am 14. Dezember nach schwerer Krankheit heimgegangen ist. Die Feierstunde war sehr bewegend; traurig machend und zugleich tröstend. Besonders beeindruck hat mich das Zeugnis von John F. MacArthur, der die Bedeutung von R.C. für das neue Interesse an der reformierten Theologie unnachahmlich und m.E. zutreffend hervorgehoben hat:

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