„Jeder Ansatz zum Selbstdenken fehlt oft“

Wilhelm Niesel beschwerte sich 1931 in einem Brief an Karl Barth über die fehlende Denkbereitschaft seiner Studenten (Brief vom 19.01.1931, in: Karl Barth und Wilhelm Niesel: Briefwechsel 1924-1968, Vandenhoeck & Ruprecht, 2015, S. 91).

Im Seminar hier muß ich immer wieder die böse Erfahrung machen, daß die Leute heute z.T. überhaupt nicht mehr wissenschaftlich arbeiten können. Jeder Ansatz zum Selbstdenken fehlt oft. Man bekommt Referate, die einfach nur aus Exzerpten bestehen (Calvin sagt, Meyer sagt, Weiß sagt, usw. … folglich: …), so daß man sich fragt, was hat für diese Leute überhaupt das Studium bedeutet. Bei den Juristen und Medizinern ist diese Art ja schon längst eingerissen, daß man nicht mehr studiert, sondern nur Stoff einpaukt. Das scheint jetzt auch bei uns so zu werden. Da ist es besonders verheerend, nicht nur wegen des Prinzipiellen, daß bei uns doch wirkliche Aneignung nötig ist, sondern weil wir ja keine feste Lehre haben, die einfach eingepaukt werden könnte. Bei den vielen Stimmen, die auf sie einstürmen (etwa bei der Exegese), wissen die Leute sich dann überhaupt nicht zu helfen.

Was würde er wohl heute sagen?

 

Kommentare

  1. Ohne historische Einordnung hätte ich gesagt: Ist von heute, und zwar von einem Hochschullehrer kurz vor oder nach der Emeritierung.

    Dass jemand VOR der schlimmbösen Bologna-Deform solch einen Befund feststellte, hätte ich mir bis gerade nicht vorstellen können. Das zeigt wieder, wie schnell persönliche Analysen und Wertungen durch mangelndes historisches Wissen fehlgeleitet weden können.

    Mir stellen sich dann aber zwei Fragen: Haben die Lehrer von NIesel und Barth über ihre Studenten – in der Masse – anders gerurteilt? Dh. liegt vielleicht eine Variation des alten Motivs der Degeneration der Jugend vor?

    Oder lag es an damaligen Ideologisierungen der Studenten und Universitäten? Schreibt Niesel im Kontext etwas zu den Gründen, die er sieht?

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