Vom Schlüssel des Bindens

Dietrich Bonhoeffer (Nachfolge, 2013, S. 285–286):

Damit ist gesagt, daß in der Gemeinde der Heiligen Vergebung nur gepredigt werden kann, wo auch Buße gepredigt wird, wo das Evangelium nicht ohne Gesetzespredigt bleibt, wo die Sünden nicht nur und nicht bedingungslos vergeben, sondern auch behalten werden. So ist es der Wille des Herrn selbst, daß das Heiligtum des Evangeliums nicht den Hunden gegeben wird, sondern daß es nur im Schutz der Bußpredigt gepredigt werden kann. Eine Gemeinde, die nicht Sünde Sünde nennt, kann auch keinen Glauben finden, wo sie Sünde vergeben will. Sie versündigt sich am Heiligtum, sie wandelt unwürdig des Evangeliums. Sie ist unheilige Gemeinde, weil sie die teure Vergebung des Herrn verschleudert. Nicht damit ist es getan, daß über die allgemeine Sündhaftigkeit des Menschen auch in seinen guten Werken geklagt wird, das ist keine Bußpredigt, sondern konkrete Sünde muß genannt, gestraft und gerichtet werden. Das ist der rechte Gebrauch der Schlüsselgewalt (Matth. 16,19; 18,18; Joh. 20,23), die der Herr seiner Kirche gegeben hat, und von der die Reformatoren noch so nachdrücklich gesprochen haben. Um des Heiligtums willen, um der Sünder willen und um der Gemeinde willen muß in der Gemeinde auch der Schlüssel des Bindens, des Sündenbehaltens geübt werden.

Zum würdigen Wandel der Gemeinde vor dem Evangelium gehört die Übung der Gemeindezucht. Ebenso wie die Heiligung die Abscheidung der Gemeinde von der Welt bewirkt, muß sie auch die Abscheidung der Welt von der Gemeinde bewirken. Eins ohne das Andre bleibt unecht und unwahr. Die Gemeinde, die von der Welt abgesondert ist, muß nach innen Gemeindezucht üben.

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Schandor
Schandor
2 Jahre zuvor

Es gibt Menschen, die sind der Meinung, daß ihre Sünden etwas so Besonderes sind, vielleicht etwas so Abscheuliches, daß sie einen ganz besonderen Weg zur Vergebung ihrer Sünden nötig zu haben meinen oder auch gar keinen Weg mehr zu sehen meinen. So, wie der eine sich für etwas Besonderes hält, weil er so gut ist, so der andere, weil er so schlecht ist (Skrupulanten). In dem Moment, wo ein Mensch bekennt, daß er ein Sünder ist, gibt er dieser ganzen Besonderheit den Abschied. Da ist kein Unterschied, da ist keine diastole. So können wir den Sinn des Gesetzes auch nur… Weiterlesen »

Schandor
Schandor
2 Jahre zuvor

Sind das konträre Positionen?

Wahrscheinlich nicht; wahrscheinlich spricht Iwand von einer anderen Sache als Bonhoeffer. Es ist vom Kontext her schwer zu erkennen.

Man müsste Bonhoeffers Übersicht konkretisieren. Ich wüsste gerne, wovon B. spricht. Oder wäre das bereits Moralismus?

Gregor
Gregor
2 Jahre zuvor

Die Verbindung von dem Heiligen, das nicht den Hunden gegeben werden darf mit dem Evangelium, welches auch Buße und Sündenbekenntnis erfordert, findet ich sehr erhellend. Danke

Schandor
Schandor
2 Jahre zuvor

Nach weiterem Nachdenken und Nachforschen sehe ich:

Die Position Iwands spricht in einen anderen Kontext hinein. Seine Position ist daher auch nicht konträr zu dem, was Bonhoeffer gesagt hat.
Es ist einfach so, dass mich beide Positionen beeindrucken.

Ich bitte daher, das Zitat Iwands NICHT als Einwand auf den Blogeintrag und NICHT als Gegenposition zu verstehen! Das habe ich anfangs missverstanden und mich damit geirrt – worin ich hiermit Abbitte tue.

Alexander
2 Jahre zuvor

Die beiden sprechen in erster Linie von der Beichte im lutherischen Sinn. D.h. in einem annähernd sakramentalen: die Schlüssel des Himmels und der Hölle, die, laut der Lutherischen Lehre (im Anschluss an die altkirchliche) der Kirche (und nicht nur Petrus und seinen Amtsnachfolgern) gegeben sind. In erster Linie ist diese den ordentlich Berufenen Dienern, d.h. den Pfarrern gegeben. Sie können tatsächlich im Namen Gottes die Sünde vergeben, so diese direkte Vergebung von ihren Gemeindegliedern gesucht wird. Bonhoeffer betont hier die zweite Seite des ganzen, zu sehen, z.B. in der, inzwischen weithin unbeliebten, Antwort des Pfarrers auf das allgemeine Sündenbekenntnis im… Weiterlesen »