Theologie

Die Anmaßungen des „Jesus-Seminars“

In einem ersten Teil eines zweiteiligen Artikels beurteilt William Lane Craig die Denkvoraussetzungen und Anmaßungen des „Jesus-Seminars“  Es wird festgestellt, dass die entscheidenden Denkvoraussetzungen oder Vorannahmen, nämlich die des (i) wissenschaftlichen Naturalismus, (ii) der Priorität der apokryphischen Evangelien und (iii) der Notwendigkeit eines politisch korrekten Jesus, ungerechtfertigt sind und zu einer verdrehten Darstellung des historischen Jesus führen.

Fazit:

Glücklicherweise hat sich der Hauptstrom neutestamentlicher wissenschaftlicher Arbeit in eine völlig andere Richtung fortbewegt als der linke Randflügel, repräsentiert durch das Jesus Seminar. Vorbei sind die Tage, in denen Jesus wie eine Gestalt in der griechischen oder römischen Mythologie behandelt wurde. Vorbei sind die Tage, in denen seine Wunder als Märchen abgetan wurden, die auf Geschichten mythologischer Heldengestalten basieren. Vorbei sind die Tage, in denen sein leeres Grab und Auferstehungserscheinungen als Legenden oder Halluzinationen abgeschrieben wurden. Heute stimmt man weitgehend darin überein, dass die Evangelien wertvolle historische Quellen für das Leben Jesu darstellen und dass der richtige Kontext zu ihrem Verständnis nicht die Mythologie, sondern das palästinensische Judentum ist. Man stimmt weitgehend darin überein, dass der historische Jesus an Stelle Gottes selbst auftrat und sprach, die Ankunft des Reiches Gottes verkündete und einen Dienst der Wundertätigkeit und des Exorzismus als Zeichen dieses Reiches ausübte. Ich finde es sehr befriedigend zu sehen, dass die Bewegung neutestamentlicher wissenschaftlicher Arbeit insgesamt in die Richtung geht, das traditionelle Verständnis von Jesus, wie er in den Evangelien geschildert wird, zu bestätigen. Insbesondere hat mich meine eigene Forschungsarbeit über die Auferstehung Jesu mehr denn je überzeugt, dass es sich dabei um ein historisches Ereignis handelte, das durch Beweise verifizierbar ist. Ein Christ kann zuversichtlich sein, dass die historischen Grundlagen seines Glaubens sicher stehen. Darauf können Sie Ihr Leben setzen.

Mehr: www.reasonablefaith.org.

Öffnung der Ehe nur Zwischenschritt

DIE FREIE WELT hat ein hilfreiches Interview mit dem Sexualpädagogen Nikolaus Franke publiziert. Einige Auszüge:

Im momentanen sexualpädagogischen Establishment herrscht eine Kultur der Pluralisierungsethik: Wir nennen alles, was es sonst noch so gibt, hierarchie- und wertungsfrei, halten es Kindern als optionale Modelle vor und erklären Pluralität zum Wert an sich. Alles, was diesem emanzipatorischem Befreiungsgestus der Pluralisierung im Weg steht – und das sind Sexualmoral, Normen, Leitbilder, Naturbegründungen, Normalitätsansprüche, Pathologisierungen –, werden auf diese Weise zu diskursiven Festungen, die es zu schleifen gilt. So kommt es denn auch, dass sich beispielsweise Uwe Sielert berufen fühlt, neben vielem anderen das romantische Liebesideal zu dekonstruieren.

Wer annimmt, dass die deutsche Sexualpädagogik besonders von Medizin oder Biologie inspiriert sei, irrt. Seit Jahren gibt es eine Schieflage innerhalb der Sexualpädagogik. Nur so ist zu erklären, dass in den zentralen Thesen der emanzipatorischen Sexualpädagogik proklamiert wird, dass Sexualpädagogik »politisch« zu sein habe – ein unpädagogischer, unwissenschaftlicher Habitus! Es muss uns nicht überraschen, dass Uwe Sielert und seine Spannemänner seit bereits zehn Jahren von einem strategischen Konzept ausgehen, wonach die Schaffung von Gleichberechtigung unter den Geschlechtern langfristig zu einer Pluralisierung der Liebes- und Sexualformen kommen wird.

Die Gendertheorien haben die deutsche Sexualpädagogik zu einer Gesinnungspädagogik verkommen lassen, mittels der die Propheten der Geschlechtsdekonstruktion ihre Fragen in die Sozialisation von Kindern tragen. Hier werden zentrale pädagogische Konzepte verletzt, beispielsweise der Beutelsbacher Konsens, wonach die Welt des Kindes angesprochen werden sollte, nicht die Moral und Weltdeutungen des Pädagogen. Es wäre etwas anderes, wenn diese Maßnahmen im außerschulischen Bereich angeboten werden. In der Schule herrscht ein Indokrinationsverbot. Es ist mir unbegreiflich, weswegen das bisher so ungehindert ablaufen kann.

Mehr: www.freiewelt.net.

VD: AS

Schleiermachers Entfremdung vom AT

Klaus Beckmanns Studie Die fremde Wurzel (Göttingen, 2002) ermöglicht tiefe Einblicke in bedeutsame Fehlentwicklungen der neuzeitlichen Theologie. Besonders erhellend finde ich, wie Beckmann Schleiermachers Entfremdung vom Alten Testament nachzeichnet.

Über das Jesusbild Schleiermachers schreibt er (S. 39):

Der „Stifter“ des Christentums steht für Schleiermacher von Anfang an nicht in Beziehung zu der jüdisch-religiösen Gedankenwelt, aus der seine Bezeichnung entnommen ist. Die die Christologie der „Reden“ prägende Mittlervorstellung wird nicht biblisch, sondern aus der vorausgesetzten religiösen Konzeption hergeleitet. „Christus“ ist darum der polemische Überwinder des Judentums und ihm nur äußerlich verbunden.

So konnte Schleichermacher an der Christusfrömmigkeit der Herrenhuter Anleihen machen, zugleich aber ihrer vom AT geprägten Sünden- und Erlösungslehre den Rücken kehren (S. 40–41):

Indem Schleiermacher seinen Ansatzpunkt in die religiöse Anschauung des Menschen legte, schob er die in der Theologie der Brüdergemeine im Gottesbegriff festgehaltene Verbindung von Judentum und Christentum zur Seite. In seinem Ringen mit den eigenen religiösen Empfindungen, die ihm mit der überkommenen protestantisch-theologischen Lehre nicht vereinbar schienen, findet sich eine Spitze gegen die dogmatische Wertschätzung des AT, durch die das Christentum an die engen Grenzen des Judentums gebunden werde. Erst der Einfluß der klassischen Philosophie habe die universale Geltung der christlichen Religion begründet. Für den jungen Theologen Schleiermacher setzte Christi Erlöserfunktion seine absolute Neuheit gegenüber der religiösen Umwelt voraus. Christi Auftreten konnte daher nicht in einer solchen offenbarungsgeschichtlichen Kontinuität wurzeln, wie sie der innere Zusammenhang des kirchlichen Kanons beider Testamente dokumentiert. Die Christologie als Rede vom „Mittler“ wurde vom religiösen Erleben und dessen subjektiver Gewißheit her reformuliert, wobei der Gottesbegriff für Schleiermacher zunächst zum Adiaphoron wurde. Die herrnhutische Christusfrömmigkeit Schleiermachers schied sich von der ihr ursprünglich zugrundeliegenden Theologie. Schleiermacher war es möglich, sich in der Absage an die überkommene Satis-faktions- und Versöhnungslehre und den hier involvierten biblisch-reformato-rischen Konnex von Gotteslehre und Christologie die enthusiastische Beziehung zu Christus zu bewahren. Die herrnhutische Prägung mit ihrer charakteristischen Verbindung orthodoxer Sünden- und Gnadenlehre mit einer psychologisierenden Frömmigkeitspraxis zeigte sich „anschlußfähig“ für religiöse Momente des romantischen Denkens, die Schleiermacher in seine Christologie hineintrug. Hinsichtlich der Sünden- und Erlösungslehre und im Schriftverständnis kehrte Schleiermacher Zinzendorf radikal den Rücken. Gegenüber der theologischen Praxis der Brüdergemeine muß dennoch kritisch bedacht werden, inwiefern hier – gegen den nominellen Bekenntnisstand – ein „Christus“-Erlebnis offeriert wurde, das das Gotteshandeln auf das Individuum und seinen „Heiligungskampf“ engführte und überindividuelle theologische Aussagen zurückstellte.

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Die Infantilisierung der amerikanischen Universitäten

An den amerikanischen Universitäten wird die postmoderne politische Korrektheit allmählich zu einer gnadenlosen Ideologie, die die Meinungsfreiheit bedroht. Verantwortlich sind neben einer linken Politik auch die sozialen Medien. Um Fühlen geht es, nicht mehr um Denken oder Wissen. Anstatt etwas Objektives zu lernen, suchen Studierende Aussagen ihrer Professoren, die emotional verletzen könnten. Lehrende und Kommilitonen werden wegen sogenannter „Mikroaggressionen“ sogar denunziert. Hier ein Beispiel:

Lukianoff und Haiti berichten von einem Fall an der Indiana-Perdue University in Indianapolis. Dort hatte ein weißer Student ein Buch über einen Studentenaufstand gegen den Ku Klux Klan 1924 in Notre Dame gelesen; auf dem Einband war ein Foto einer Klan-Versammlung. Dies glaubte ein Kommilitone nicht ertragen zu müssen. Das „Affirmative Action“-Büro der Universität gab dem vorgeblich Beleidigten recht. Das Buch kam auf den Index.

Uwe Schmitt kommt in seinem außergewöhnlich guten Artikel zu dem Schluss:

Es ist schwer zu verstehen, warum die US-Bundesregierung die massive Einschränkung von freier Meinung und Lehre durch dünnhäutige, gefühlige Studenten an Hochschulen nicht nur duldet, sondern fördert. Darauf laufen jedenfalls die seit 2013 gültigen Antidiskriminierungs-Statuten hinaus, die Belästigung und ungleiche Behandlung wegen dem Geschlecht, der Rasse, der Religion oder der Nationalität an Hochschulen unter Strafe stellen.

Sie bringen die Universitäten unter noch größeren Druck und spielt denen in die Hände, die den Campus als realitätsbereinigte Schutzzone für sensible Seelen verstehen.

Wie diese behüteten Eliten, die gewöhnt sind, stets Recht zu haben und zu bekommen, sich in Amerikas rauer Arbeitswelt zurechtfinden sollen, ist offen. Nicht nur Greg Lukianoff und Jonathan Haidt sollte das Sorgen machen. In anderen Ländern der freien Welt, die Amerikas akademischen Trends traditionell folgen, lohnte es sich, in den eigenen Hochschulen nach neuen Sprech- und Denkverboten zu forschen. Es wäre ein Wunder, gäbe es sie nicht.

Hier mehr: www.welt.de.

Francis Schaeffer: Großevangelisationen

Kurz vor seinem Heimgang sprach Francis Schaeffer noch einmal bei einer Fragen & Antworten-Runde zu dem Thema „Evangelisation“. Kurz: Schaeffer war nicht grundsätzlich gegen Großevangelisationen. Aber er legte sehr viel Wert darauf, dass der Inhalt des Evangeliums klar verkündigt wird (also keine emotionsgeladene Verkündigung ohne Inhalt). In unserer Zeit brauchen wir – so Schaeffer – viele persönliche Gespräche, da wir die die Botschaft des Evangeliums gründlich erklären müssen. Er legte viel Wert auf die „wahre Wahrheit“ des Glaubens. Eine typische Formulierung von ihm lautet: Es gibt nur einen Grund, Christ zu sein: die Botschaft des christlichen Glaubens ist wahr.

John Owen als christlicher Psychologe

Owen on the christian life verschobenCarl R. Trueman schreibt in seinem Vorwort zur einem neuen Buch über John Owen:

We live in an age when the challenges to Christianity, theological and practical (if one can separate such), are pressing in from all sides. Perhaps the most obvious challenge is the issue of homosexuality. Given the high pastoral stakes in this matter, it is important that we make the right decisions.What has this to do with the thought of a man who died nearly 350 years ago? Simply this: in our era much practical thinking is driven by emotions. Emotions are enemies of fine distinctions. And yet the ethical and practical issues facing the church today demand precisely such fine distinctions if we are to do our task as pastors and church members: comfort the brokenhearted and rebuke those at ease in their sin. And John Owen was of an era when fine distinctions were part of the very fabric of practical theology.

Like one of his great theological heroes, Augustine, Owen was an acute psychologist of the Christian life. Further, as part of the great post-Reformation elaboration and codification of Reformed orthodoxy, he was adept at careful distinctions and precise argument. Finally, as a pastor and preacher, he constantly brought these two things together in practical ways in his congregation. We might add that the pastoral problems in the seventeenth century—greed, sex, anxiety, marital strife, petty personal vendettas — have a remarkably familiar and contemporary feel.

Hier eine Leseprobe zu Owen on the Christian Life-owen-on-the-christian-life.pdf.

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Versöhnung durch Sühne

In seiner Vorlesung zur Rechtfertigungslehre (aus: Dogmatik-Vorlesungen 1957–1960,  Münster: Lit Verlag, 2013, S. 150–152) eröffnete Hans Joachim Iwand den Teil zur Versöhnungslehre mit einer religionsgeschichtlichen Darstellung. Deutlich wird dabei, dass er er den alttestamentlichen Kult als Erwartung und Vorbereitung des neutestamentlichen Sühnegeschehens deutete (vgl. Röm 3,24–26).

Wir gehen […] zunächst nicht vom biblischen Verständnis des Wortes [,Versöhnung1] aus, denn jene lexikographische Form, Theologie zu treiben, indem wir ein bestimmtes biblisches Verständnis des Wortes zum Ausgangspunkt nehmen, verliert nur allzu leicht den Sachbezug, in dem das Wort steht. Und die Schrift will ja nicht als eine Sammlung theologischer Worte und Begriffe gelesen sein, sondern als Zeugnis vom Handeln Gottes, wie es sterblichen und sündhaften Menschen widerfahren ist. So begegnet uns denn auch der Begriff ,Versöhnung’ im AT wie im NT im Zusammenhang mit Taten und Handlungen, sei es nun solchen Gottes mit uns oder solchen, die von Menschen her auf Gott hin vollzogen werden. Und wie immer man es auch fassen möge, ,versöhnen’ hat es im AT zunächst einmal mit Sühne zu tun. Es gilt, Gottes Zorn zu versöhnen, und so hat unser Wort seinen ureigensten Bereich in den Opferhandlungen, die sich in einem geregelten Kultus vollziehen. Man weiß eines, und man weiß das unter allen Völkern, dass es besonders bedrängende Lagen gibt, in denen es gilt, den Zorn Gottes zu beschwichtigen. Je kostbarer das Opfer ist, das der Mensch bringt, desto eher hofft er Gott zu besänftigen (placare, reconciliare). Wir werden gut daran tun, über diese in der gesamten Religionsgeschichte der Menschheit verbreitete Handlung des Sühnens ein wenig vorsichtiger zu urteilen, wenn wir erkennen, wie sehr diese Neigung in der menschlichen Natur verwurzelt ist: Man meint – und das eben ist die furchtbare und traurige Verfinsterung und Gottesfeme unseres Lebens -, dass es eine Wiedergutmachung1 Gott gegenüber gäbe, man meint, wir könnten etwas geben, um Gott umzustimmen. Dabei geben wir nun aber gerade , etwas’, also nicht uns selbst: nicht ein Ganzopfer des Menschenherzens, sondern etwas, das nicht wir sind! Und eben dies ist das Bedenkliche und Widergöttliche, daschen Religionen und Kulten vor, weshalb diese ja auch nicht irgendwelchen Phantasien entstammen, vielmehr einen sehr realen und oftmals erschütternden ernsten Akt im Handeln einer leidenden und gequälten Menschheit darstellen, die versucht, sich mit dem Himmel zu versöhnen. Es ist ein Wissen da um Schuld und die Meinung, dass Schuld und Strafe Zusammenhängen: von daher der Versuch der Menschen, der so alt ist wie sie selbst und den keine Aufklärung ihnen je wird ausreden können, die Götter zu versöhnen. Das ist die Wurzel aller Kulte.

In diesem Sinne haben auch der Kult und das Opfer seinen Platz im AT gefunden, und zwar so deutlich und so entschieden, dass hier als beherrschend heraustrat, was bei den Heiden sozusagen mehr an den Rand gedrängt war und nur hin und wieder aufbrach. Gerade jenes leidenschaftliche Bemühen, Gott zu versöhnen, beherrscht das Leben des alttestamentlichen Gottesvolks. Hier weiß man, dass die Sünde, damit dass sie getan ist, nicht hinter uns liegt, sondern dass sie weiterlebt, dass Gottes Arm noch ausgereckt ist, dass solche Menschentat damit, dass sie geschehen ist, eine Wirklichkeit wurde (etwa Kains Bluttat), die als solche nun auch die Wirklichkeit unseres Lebens gestaltet, und dass darum Gottes Grimm und Zorn über eben dieser Wirklichkeit steht. Es ist undenkbar, dass Gott auf die Sünde, die Übertretung seines Willens, nicht reagiert, undenkbar, dass er schwiege, wenn sein Name missbraucht, seine Anrufung unterlassen oder wenn er gar verraten wird, um anderen Göttern zu dienen.Es fallt auf, dass die Bibel unbedenklich vom Zorn Gottes redet, von seinen Gerichten und von seinem Grimm, beispielhaft im 1. Kapitel des Römerbriefs, in dem Paulus geradezu die Quintessenz der Zomesworte Gottes aus dem AT zusammengetragen hat. Dieser Zorn ist aber nichts anderes als das Verhalten Gottes zu der durch die Tat des Ungehorsams bestimmten Wirklichkeit des Menschen und der Welt. Wenn die Welt Gottes Welt ist, kann Gott neben sich und um sich nicht diese „Nichtigkeit“ [vgl. Röm 1, 21], diese auf den Nenner , Sünde4 zu bringende Größe dulden. Der Zorn Gottes ist Gottes Nein gegenüber der Zumutung, diese Wirklichkeit nun einfach auch als Wirklichkeit gelten zu lassen. Und selbst wenn wir Menschen sie gelten ließen – Gott kann und wird das nicht tun. Und eben das weiß in einer besonderen Weise, die nicht von den Tatsachen zur Ursache, sondern von der Ursache zur Tatsache geht, das AT: Es weiß, dass wir dahin müssen durch seinen Zorn [vgl. Ps. 90, 9], es weiß, dass die Gesetzgebung Leben und Tod bedeutet [vgl. Dtn 30] , es weiß, dass Gott in einem heiligen Volk leben will – und nur in ihm. Das ist die Größe des AT, dass es sich nicht begnügt mit der Harmonisierung und Versöhnung von Gott und Welt, sonderneben darin als widergöttlich erwiesen wurde, dass Gott das Werk der Versöhnung selbst übernommen hat. Der Sühne-Gedanke liegt in allen natürlichen Religionen und Kulten vor, weshalb diese ja auch nicht irgendwelchen Phantasien entstammen, vielmehr einen sehr realen und oftmals erschütternden ernsten Akt im Handeln einer leidenden und gequälten Menschheit darstellen, die versucht, sich mit dem Himmel zu versöhnen. Es ist ein Wissen da um Schuld und die Meinung, dass Schuld und Strafe Zusammenhängen: von daher der Versuch der Menschen, der so alt ist wie sie selbst und den keine Aufklärung ihnen je wird ausreden können, die Götter zu versöhnen. Das ist die Wurzel aller Kulte.In diesem Sinne haben auch der Kult und das Opfer seinen Platz im AT gefunden, und zwar so deutlich und so entschieden, dass hier als beherrschend heraustrat, was bei den Heiden sozusagen mehr an den Rand gedrängt war und nur hin und wieder aufbrach. Gerade jenes leidenschaftliche Bemühen, Gott zu versöhnen, beherrscht das Leben des alttestamentlichen Gottes-volks. Hier weiß man, dass die Sünde, damit dass sie getan ist, nicht hinter uns liegt, sondern dass sie weiterlebt, dass Gottes Arm noch ausgereckt ist, dass solche Menschentat damit, dass sie geschehen ist, eine Wirklichkeit wurde (etwa Kains Bluttat), die als solche nun auch die Wirklichkeit unseres Lebens gestaltet, und dass darum Gottes Grimm und Zorn über eben dieser Wirklichkeit steht. Es ist undenkbar, dass Gott auf die Sünde, die Übertretung seines Willens, nicht reagiert, undenkbar, dass er schwiege, wenn sein Name missbraucht, seine Anrufung unterlassen oder wenn er gar verraten wird, um anderen Göttern zu dienen.

Es fällt auf, dass die Bibel unbedenklich vom Zorn Gottes redet, von seinen Gerichten und von seinem Grimm, beispielhaft im 1. Kapitel des Römerbriefs, in dem Paulus geradezu die Quintessenz der Zomesworte Gottes aus dem AT zusammengetragen hat. Dieser Zorn ist aber nichts anderes als das Verhalten Gottes zu der durch die Tat des Ungehorsams bestimmten Wirklichkeit des Menschen und der Welt. Wenn die Welt Gottes Welt ist, kann Gott neben sich und um sich nicht diese „Nichtigkeit“ [vgl. Röm 1, 21], diese auf den Nenner ,Sünde‘ zu bringende Größe dulden. Der Zorn Gottes ist Gottes Nein gegenüber der Zumutung, diese Wirklichkeit nun einfach auch als Wirklichkeit gelten zu lassen. Und selbst wenn wir Menschen sie gelten ließen – Gott kann und wird das nicht tun. Und eben das weiß in einer besonderen Weise, die nicht von den Tatsachen zur Ursache, sondern von der Ursache zur Tatsache geht, das AT: Es weiß, dass wir dahin müssen durch seinen Zorn [vgl. Ps. 90, 9], es weiß, dass die Gesetzgebung Leben und Tod bedeutet [vgl. Dtn 30] , es weiß, dass Gott in einem heiligen Volk leben will – und nur in ihm. Das ist die Größe des AT, dass es sich nicht begnügt mit der Harmonisierung und Versöhnung von Gott und Welt, sondern dass es weiß und herausarbeitet, dass Gott selbst versöhnt sein muss und dass sein Zorn alles, selbst das erwählte Volk und selbst die Stätte seiner eigenen Anbetung nicht schont. Zorn Gottes heißt im AT: dass es kein Mittel gibt, um vor Gott zu bestehen, wenn er Sünden anrechnen will [vgl. Ps 130, 3], dass das Mittel, den Zorn zu wenden, allein in Gott selber liegt.

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David Platt: Mission

Was denkst Du über Mission? Hier ist zu hören, was David Platt darüber zu sagen hat, leidenschaftlich, provokant, ernüchternd, persönlich:

Ist Theologie eine Wissenschaft?

Die Theologie hob seit dem 13. Jh. ihren Wissenschaftscharakter heraus, also seit der Zeit, in der die ersten Universitäten entstanden. In gewisser Weise genoss die Theologie innerhalb der Wissenschaft immer eine Sonderstellung, die sich allerdings im Verlauf der Geschichte umgekehrt hat. In der Scholastik und der frühen Neuzeit galt die Theologie als die führende und höchste Wissenschaft, als „Herrin“ und „Mutter“ aller anderen Wissenschaften, die ihrerseits zu „Mägden“ degradiert wurden. Das heißt: alle Künste und Wissenschaften mussten sich vor der Theologie (o. Kirche) rechtfertigen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein war die Theologie dementsprechend geachtet. Mit der Aufklärung emanzipierten sich die anderen Wissenschaften jedoch von der Theologie und traten ihr gegenüber zunehmend selbstbewusst bis abfällig auf. Durchgesetzt hat sich ein Wissenschaftsverständnis, das ohne Gott auskommt. Da in den Wissenschaften so gearbeitet wird, als gäbe es keinen Gott, ist die „Hypothese Gott“ überflüssig geworden (Laplace).

Heute muss sich die Theologie gegenüber anderen Wissenschaften rechtfertigen. Wenn zum Beispiel die EKD die immerhin noch vom Staat finanzierten theologischen Fakultäten verteidigt, dann tut sie das, indem sie den Nutzen für die Gesellschaft herausstellt. Theologie als Wissenschaft korrigiere den ökonomischen Totalitarismus, leiste einen Beitrag zur Orientierungskraft von Religion und Weltanschauung, fördere die Toleranz; kurz: sie „ist für die Gesellschaft unentbehrlich“.

Das sehen ganz viele Leute anders. Sie stellen die Frage: Warum soll Theologie mehr sein als eine private Tröstung? Es gibt sehr unterschiedliche Strategien, um die bedrohte Wissenschaftlichkeit der Theologie zu rehabilitieren. Wir können uns nicht mit allen beschäftigen. Ich will nur versuchen, drei Strategien kurz zu skizzieren.

1  Der theonomistische Ansatz

Einmal gibt es Theologen oder Wissenschaftstheoretiker, die davon ausgehen, dass Gott die Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten überhaupt ist. Wissenschaft kann es nur geben, weil Gott existiert und seiner Schöpfung eine rationale Struktur gegeben hat. Die Strömung, die auf den Apologeten Cornelius Van Til (1895–1987) vom Theologischen Seminar Westminster (USA, Philadelphia) zurückgeht, tritt mit dieser Denkvoraussetzung an. Zu ihren Vertretern gehören John Frame, Greg Bahnsen oder auch Vern Poythress. Poythress, der vor der Theologie Mathematik studiert und inzwischen sogar eine Logik verfasst hat, packt diesen Ansatz in den ersten Satz seiner Wissenschaftstheorie: „Alle Wissenschaftler, einschließlich der Agnostiker und Atheisten, glauben an Gott. Sie müssen das tun, um überhaupt ihre Arbeit tun zu können.“

John Frame hat ein Grundlagenwerk zur Erkenntnistheorie geschrieben, welches genau von dieser Denkvoraussetzung ausgeht. Er versucht in seinem Buch The Doctrine of the Knowledge of God eine christliche Erkenntnistheorie zu entwickeln, die sich einerseits durch ihren Bezug zu Heiligen Schrift auszeichnet und andererseits den nachmodernen Perspektivialismus würdigt (ja sogar biblisch begründet). Frame entwickelt ein durch und durch positives Verhältnis zur Wissenschaft, betrachtet ihre Disziplinen aber im Blick auf die Theologie eher als Hilfswissenschaften.

Er schreibt:

„Hier will ich allgemein zeigen, dass jede Wissenschaft so wie Linguistik, Logik und Geschichte uns dabei helfen kann, die Schrift zu interpretieren und anzuwenden. Es stimmt, dass viele Wissenschaften, vielleicht alle, heute von ungläubigen Denkvoraussetzungen dominiert werden und wir einen großen Aufwand betreiben müssen, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Aber wenn wir unzweideutig auf dem biblischen Fundament arbeiten, können wir viel von der Wissenschaft lernen.“

Frame entwickelt im Folgenden einige Prinzipien zum Verhältnis von Theologie und Wissenschaft, die zeigen, dass er durchaus den Wissenschaften eigene Kompetenz zugesteht, aber alles in allem die Wissenschaften aus der Sicht der Schrift beleuchtet und beurteilt werden müssen. Er geht dabei davon aus, dass die Schrift sich bewährt, dass also das, was sie zu den Dingen sagt, die die Wissenschaft betreffen, autoritatives Wort Gottes ist.

Der theonomistische Ansatz zeichnet sich durch seinen Bibelbezug aus und hilft durchaus einem Christen beim Durchdenken seines Glaubens und auch dabei, den Glauben zur Welt der Wissenschaft in einen Bezug zu setzen. Seine Stärke liegt aber mehr in der Binnenkraft als in der Außenwirkung. Selten gelingt der Dialog mit den Wissenschaften, die unter den Bedingungen heutiger Wissenschaftstheorie arbeiten.

2 Der kritische Ansatz

Der kritische Ansatz zeigt dort, wo die Schwächen des theonomistischen Ansatzes liegen, seine Stärken. Theologen, die sich einem kritischen Ansatz verpflichtet fühlen, wollen die Theologie den aggressiven kritischen Rückfragen aus dem Raum der Wissenschaftstheorie bewusst aussetzen und Theologie unter den Bedingungen jeweils akzeptierter Wissenschaft treiben. Sie suchen also gezielt den Dialog mit der Wissenschaft. Dabei gehen sie davon aus, dass der christliche Glaube wirklichkeitsbezogen ist und sich auch vor dem Forum radikaler Anfragen bewähren kann.

Erkennbar sind die Ansätze dadurch, dass sie Theologie gegenüber einer jeweils prominenten Wissenschaftssicht verteidigen und daher die argumentativen Strukturen dieser „Paradigmen“ übernehmen.

Ein herausragendes Beispiel ist sicher Wolfhart Pannenberg (1928–2014), der das Problem erkannt hat und von der Theologie erwartet, dass sie sich so bewähren muss, wie andere Wissenschaften, „wenn auch zur theoretischen ‚Verifikation‘ der christlichen Lehre ihre affektive und praktische Bewährung hinzutreten muß“.

Ein anderer Theoretiker, der diese Herausforderung anzunehmen versucht, ist Richard Swinburne (geb. 1934), der von der analytischen Philosophie herkommend zeigt, dass der christliche Glaube plausibel ist. Swinburne nimmt die probabilistische Argumentation auf. Es ist wahrscheinlicher, dass es Gott gibt, als das es ihn nicht gibt. Er sagt über sein Buch zur Existenz Gottes:

„Die Schlußfolgerung dieses Buches ist, daß die Existenz, die Ordnung und die Feinabstimmung der Welt; die Existenz von bewußten Menschen in der Welt mit Möglichkeiten, sich selbst, einander und die Welt zu formen; eine Reihe historischer Indizien von Wundern im Zusammenhang mit menschlichen Nöten und Gebeten, besonders im Zusammenhang mit der Gründung des Christentums, weiter gestützt durch Erfahrungen seiner Gegenwart von Millionen von Menschen; daß all dies es erheblich wahrscheinlicher macht, daß es einen Gott gibt, als daß es keinen gibt.“

Im evangelikalen Raum hat sich in Deutschland vor allem Heinzpeter Hempelmann angestrengt, den Wirklichkeitsbezug des christlichen Glaubens hervorzuheben und zu zeigen, dass er sich nicht gegenüber Kritik immunisieren darf. Hempelmann setzt sich besonders mit den Vorwürfen des Kritischen Rationalismus auseinander, der insbesondere in der Person von Hans Albert dem Christentum unterstellt, es entziehe sich der kritischen Prüfung und die ganze Theologie sei damit unwissenschaftlich. Er kommt am Schluss seiner beachtlichen Dissertation zu dem Ergebnis:

„Der christliche Glaube lebt unter dem permanenten Gebot, sich einem offenen Dialog der Falsifizierbarkeit zu stellen. Nur so erreicht und demonstriert er seinen Wirklichkeitsbezug; nur so gewinnt er in der Bewährung die Glaubwürdigkeit, an der ihm im Interesse der von ihm vertretenen Botschaft doch sehr gelegen ein muß.“

Von katholischer Seite hat Helmut Peukert in der Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie (Jürgen Habermas) einen wissenschaftstheoretischen Ansatz, vorgelegt, der noch heute, vielleicht auch mangels Alternativen, große Wertschätzung genießt. Für Peukert ist Theologie „eine Theorie kommunikativen Handelns und der in diesem Handeln erschlossenen Wirklichkeit“.

Die Stärke des kritischen Ansatzes liegt in seiner Dialogfähigkeit. Theologie setzt sich der radikalen Kritik mit offenem Visier aus. Die Schwäche ist, dass durch die „Anpassungsleistungen“ meist Überzeugungen fallengelassen werden, die im Rahmen des Dialogparadigmas nicht „überlebensfähig“ sind. Sehr schön ist das beispielsweise bei Rudolf Bultmann zu sehen, der sich den Herausforderungen der Moderne mit bewundernswerter Konsequenz stellt, letztlich aber Glaubensinhalte geopfert hat, ohne die biblischer Glaube nicht auskommt (z. B. Auferstehung).

3 Der dialektische Ansatz

Einen vollkommen anderen Weg hat die sogenannte dialektische oder neo-orthodoxe Theologie um Karl Barth (1886–1968) eingeschlagen. Für Barth ist es eine Form des Götzendienstes, wenn Theologie sich einem heidnischen allgemeinen Wissenschaftsbegriff beugt. Wissenschaft muss für Barth zwar im Sinne der Sachgemäßheit wissenschaftlich sein. Gegenstand der Theologie ist aber Gott in seiner Offenbarung, also das Wort Gottes. Sachgemäßheit von Theologie entscheidet sich deshalb an der Frage, ob sie dem Wort Gottes entspricht oder nicht.

Barth warnt die Theologen davor, sich dem Druck wissenschaftlicher Forderungen zu stellen. Theologie muss sich nicht vor den heidnischen Künsten bewähren, sondern vor Gott. Es gibt – hier wird die Prägung durch Sören Kierkegaard erkennbar – keinen Übergang vom Wissen zum Glauben. Barth: „Direkt übernommen haben Philosophie, Geschichtswissenschaft, Psychologie usw. … faktisch noch nie etwas anderem als der Vermehrung der Selbstentfremdung der Kirche, der Entartung und Verwüstung ihrer Rede von Gott gedient.“

Das heißt für die Theologie:

„Keinesfalls folgt aus der Tatsache, daß sie als solche gilt und auch wohl zu gelten beansprucht, die Verpflichtung, sich mit Rücksicht auf das, was sonst ‚Wissenschaft‘ heißt, in ihrer eigenen Aufgabe stören und beeinträchtigen zu lassen. Der Ausrichtung auf diese ihre eigene Aufgabe hat sie vielmehr schlechterdings jede Rücksicht auf das, was sonst ‚Wissenschaft‘ heißt, unterzuordnen und nötigenfalls zu opfern. Die Existenz der anderen Wissenschaften, die höchst achtunggebietende Treue, mit der wenigstens manche von ihnen ihren Axiomen und Methoden nachgehen, kann und muß sie daran erinnern, daß auch sie ihrer eigenen Aufgabe ordentlich, d. h. mit entsprechender Treue nachgehen soll. Sie kann sich aber nicht von jenen darüber belehren lassen, was das in ihrem Fall konkret zu bedeuten hat. Sie hat methodisch nichts bei ihnen zu lernen. Sie hat sich nicht vor ihnen zu rechtfertigen, vor allem nicht dadurch, daß sie sich den Anforderungen eines zufällig oder nicht zufällig allgemein gültigen Wissenschaftsbegriffs unterzieht.“

Die Stärke dieses Ansatzes liegt sicher darin, dass Theologie ihren Gottesbezug wichtiger nimmt als alles andere. Theologie richtet sich nach ihrem Gegenstand, also an Gott und seiner Offenbarung, aus.

Aber es gibt eine entscheidende Schwäche. Nichts, was in der Welt passiert, kann den Glauben gefährden. Glaube hat sich gegenüber der Kritik immunisiert und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, damit unwissenschaftlich zu sein.

Von allen drei Ansätzen oder Strategien können wir lernen. Denn ich glaube, (a) dass jeder Mensch um Gott weiß, dieses Wissen aber unterdrückt (theonomistischer Ansatz); dass (b) der Gottesglaube sich in der Wirklichkeit bewähren und deshalb auch gegenüber den Wissenschaften sprach- und argumentationsfähig sein muss (kritischer Ansatz); und schließlich (c) Theologie zuallererst von der Bezogenheit auf Gott und dem Gehorsam gegenüber Gottes Offenbarung bestimmt sein soll (offenbarungstheologischer Ansatz).

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