Praktische Theologie

Reiß dein rechtes Auge aus

John Stott zu Matthäus 5,29–30 (Die Botschaft der Bergpredigt, 2010, S. 99–100):

Das bringt uns zu V. 29-30: „Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir … Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir.“ Hier haben wir offenbar einen von Jesus’ Lieblingssätzen, denn er sagt ihn später im Evangelium noch einmal. Dort fügt er dem Auge und der Hand noch den Fuß hinzu und bezieht sich nicht speziell auf sexuelle Anfechtungen, sondern allgemein auf „Verführungen“ (Mt 18,7-9). Das Prinzip gilt an sich also umfassender. Doch in der Bergpredigt wendet Jesus es auf diesen Bereich an. Was meint er damit?

Auf den ersten Blick ist es ein seltsames Gebot, ein Auge oder eine Hand oder einen Fuß abzuhauen, die einem Ärger machen. Einige wenige Christen, deren Eifer ihre Weisheit weit überstieg, haben Jesus beim Wort genommen und sich selbst verstümmelt. Am besten bekannt ist vermutlich Origenes, der große Theologe des 3. Jahrhunderts. Er wurde immer extremer in seiner Askese, lehnte Besitz, Essen und sogar Schlaf ab und ließ sich in einer überwörtlichen Auslegung dieser Bibelstelle und der in Matthäus 19,12 tatsächlich kastrieren. Kurz danach verbot das Konzil von Nicäa 325 n. Chr. diese barbarische Praxis zu Recht.

Die Anweisung, ärgernde Augen, Hände und Füße loszuwerden, ist ein Beispiel dafür, wie unser Herr dramatische Stilfiguren einsetzt. Er plädiert hier nicht für eine buchstäblich physische Selbstverstümmelung, sondern für unnachgiebige Selbstverleugnung, wenn es um Dinge der Moral geht. Nicht Verstümmelung, sondern Sterben ist sein Weg der Heiligung, und Sterben oder „sein Kreuz auf sich nehmen und Jesus nachfolgen“ bedeutet, sündhafte Verhaltensweisen so resolut zurückzuweisen, dass sie für uns und wir für sie gestorben sind.139

Was heißt das in der Praxis? Lassen Sie es mich so übertragen:

„Wenn dein Auge dich zur Sünde reizt, weil die Anfechtung über deine Augen zu dir kommt (Dinge, die du siehst), dann reiß dir deine Augen aus – das heißt: Schau nicht hin! Tu so, als ob du dir wirklich die Augen ausgestochen und sie weggeworfen hättest, als ob du jetzt blind wärst und könntest die Dinge gar nicht sehen, die dich vorher zur Sünde verleiteten. Oder wenn deine Hand oder dein Fuß dich zur Sünde verführen, weil die Versuchung durch die Hände und Füße zu dir kommt (Dinge, die du tust oder Orte, an die du gehst), dann hau sie ab – das heißt: Tu’s nicht! Geh nicht hin! Tu so, als ob du deine Hände oder Füße tatsächlich abgeschlagen und weggeschmissen hättest, als wärst du jetzt verkrüppelt und könntest die Dinge gar nicht tun oder die Orte aufsuchen, die dich vorher zur Sünde verleiteten. Das heißt Sterben.

Es fragt sich, ob es je eine Generation gegeben hat, für die diese Lehre Jesu nötiger und auch offensichtlicher anzuwenden gewesen wäre, als die jetzige, die einer Flut von Schmutzliteratur und -filmen ausgesetzt ist. Pornografie ist ein Angriff auf Christen (wie auf alle gesund empfindenden Menschen) – zuallererst, weil sie Frauen zu Sexobjekten degradiert, aber dann auch, weil sie den Betrachter künsdich sexuell stimuliert. Wenn wir ein Problem mit sexueller Selbstbeherrschung haben und uns unsere Füße dann trotzdem zu solchen Filmen tragen, unsere Hände solche Zeitschriften in die Hände nehmen und unsere Augen sich in ihren Bildern suhlen, dann sündigen wir nicht nur, sondern holen uns eine Katastrophe ins Haus.

Damit will ich bestimmt keine Regeln darüber aufstellen, welche Bücher und Zeitschriften ein Christ lesen darf, welche Filme und Theaterstücke er sich ansehen sollte (live oder im Fernsehen) oder welche Kunstausstellungen er besuchen darf. Die Menschen sind verschieden, einige werden schneller erregt als andere und die Auslöser können unterschiedlich sein. Sexuelle Selbstbeherrschung ist für manche leichter als für andere. Manche können eindeutig erotische Bilder (in Printmedien oder im Film) anschauen, ohne irgendwelchen Schaden zu nehmen, während andere sie fürchtbar schädlich finden. Unsere Temperamente sind verschieden und damit auch unsere Versuchungen.

Deshalb haben wir kein Recht dazu, andere zu verurteilen, wenn sie sich mit etwas beschäftigen und dabei ein gutes Gefühl haben. Wir können anderen nur sagen, was Jesus auch gesagt hat: Wenn dich dein Auge zur Sünde verleitet, dann schau nicht hin, wenn dein Fuß dich zur Sünde führt, dann geh nicht hin, und wenn deine Hand dich in Sünde bringt, dann tu’s nicht! Die Regel, die Jesus aufgestellt hat, ist hypothetisch, nicht allgemein. Er verlangt nicht von allen seinen Jüngern – im Bilde gesprochen – sich zu blenden oder zu verstümmeln, sondern nur von denen, die von ihren Augen, Händen oder Füßen zur Sünde verleitet werden. Andere können beide Augen, Hände oder Füße gerne ungestraft behalten, auch wenn sie von manchen Freiheiten vielleicht aus Liebe zu denen mit schwächerem Gewissen oder Willen abstehen werden, aber das ist hier nicht unser Thema.

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„Sola fühle“

Die Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt anlässlich des großen Jubiläums der Reformation eine neue dogmatische Richtlinie heraus: „Sola fühle – Allein, wonach dir gerade ist“.  Ich zitiere Messe in Moll:

Frühere Festlegungen sollen nun durch diese neue Formel komplett ersetzt werden. Theologisch richtig sei fortan einfach immer das, was dem einzelnen Christen gerade in den Sinn komme.

Wie die Leiterin der Theologischen Kommission der EKD, Mira Lessegal, erklärte, habe sich diese dogmatische Entwicklung bereits seit längerer Zeit abgezeichnet: „Viele von uns sind noch mit Luthers Prinzip „Sola Scriptura – Allein die Schrift“ aufgewachsen. Doch insbesondere junge Menschen stellen immer mehr fest, dass die Inhalte der Schrift ihren persönlichen Gefühlen und Vorstellungen widersprechen. Hier muss sich die Kirche dringend auf die Jugend zubewegen und attraktiver werden.“

Das klingt so echt, dass ich darauf hinweisen muss: Das ist nur Satire.

Aber eben sehr lebensnah. Das „Sola fühle“ ist natürlich längst im evangelikalen Mainstream angekommen. Für das Medienmagazin Pro hat Anna Lutz die Autoren des Buches Generation Y interviewt. Keine kritischen Rückfragen. Dabei ist das, was die Autoren sagen, schlicht hanebüchen. Ungefähr so: Hörte die Kirche auf die Gefühle der jungen Leute, gäbe es für sie eine Zukunft. Die Kirche braucht mehr (sexuelle?) Vielfalt, so wie die Gemeinde zu Pfingsten in Jerusalem.

Das klingt dann so:

Glauben ist ein Beziehungsgeschehen. Jesus Christus ist eine Person. Deshalb können wir die Bibel nicht aufschlagen und sagen: ‘Regel eins und Regel zwei befolgt, fertig’. Wir müssen den Einzelnen sehen. Es geht nicht darum, die Regel einzuhalten, sondern darum zu erkennen, wofür eine Regel gut ist. Das verlieren wir oft aus dem Fokus

…

Ulrich Parzany ist ein fleißiger Theologe, der die Bibel viel besser kennt als ich. Wir sind hin und wieder im Gespräch und in Manchem sogar einig. Dennoch konnte er mich bisher nicht überzeugen, dass es ihm um den einzelnen Menschen geht und nicht doch bloß um Rechthaberei. Seine starre Position ist unserer Generation nicht mehr zu vermitteln. Wo genau in der Bibel steht, dass ein Mann nicht bei einem Mann liegen darf, interessiert junge Menschen heute eben nur noch, wenn ihnen auch plausibel gemacht werden kann, warum Liebe nicht gleich Liebe sein soll. Ich verstehe nicht, wohin dieser Kampf führen soll.

…

Kirche verändert sich. Die erste Gemeinde hatte täglich Zulauf von Hunderten und hat das ausgehalten. Meistens fehlt ja gerade diese Vielfalt.

Wenn ich solche Sprüche nicht schon vor 20 Jahren gehört hätte?! Leute: Diese gefühlige Flexibilität hat nichts gebracht! Meint ihr wirklich, ihr könntet einfach die Gebotsethik durch eine Situationsethik ersetzen und alles wird gut?

Voodoo

Benin gilt neben Togo als Wiege des Voodoo. Wer hier Kontakt mit Verstorbenen aufnehmen will, geht zu einem Voodoo-Priester oder besucht eine Seherin mit übersinnlichen Fähigkeiten. Das sind eher Klischees, schrieb Gabriele Lademann-Priemer schon 2012 für den Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungen (Ausgabe 11/2012, S. 425–429). „Der Vodun ist nicht jene Mischung aus Zombies, Nagelpuppen, Blut und Gewalt, die in Filmen, Büchern und Zeitungsartikeln dargestellt wird. Vodun heißt „Gott“ oder „Geist“ und ist zur Bezeichnung der Religion geworden.“ Weiter schreibt sie (S. 426–427):

Die Kulte für die Götter sind farbenfroh und abwechslungsreich, ein willkommenes Spektakel für Touristen. Es gibt Trancetänze und Trommelrhythmen, Tieropfer und Reinigungszeremonien. Palmöl und Alkohol wie Gin, „Sodabi“ (Palmschnaps) und Rum werden benutzt. In manchen wilden Kulten ritzen sich die Tänzerinnen und Tänzer in Trance mit Messern, zerschlagen Glasflaschen auf ihren Köpfen und zertreten Glas- scherben. In Trance soll es keine Wunden geben, die sich entzünden. Diese Kulthandlungen zeigen die Macht der Geister.

Die Götter haben ihre Lieblingsgaben. Mami Wata nimmt alles, was weiß und gelb ist (der Schönheit wegen): weiße Tauben, weiße Zigaretten, Eier, Salat, Parfüm. Shangos Farben sind eher dunkel und blau, Sakpatas Farbe ist ebenfalls blau. Seine Anhänger tragen jedoch während der Zeremonien bunte Röcke. Du darf keinen Alkohol trinken, sonst dreht er durch, dafür fließt bei seiner Verehrung reichlich Opferblut. Ursprünglich gehören die Maskenkulte aus Nigeria nicht zum Vodun. Seit mehr als 100 Jahren gibt es sie aber auch in Benin, nämlich Egungun, Gelede, Zangbeto mit phantasievollen Gewändern. Die Masken sorgen für Ordnung und Fruchtbarkeit und bekämpfen Schaden und Hexerei.

In einem DLF-Beitrag über die synkretistische Religion aus Westafrika wird ähnlich „farbenfroh“ über Voodoo berichtet. Ein Beitrag ohne kritische Rückfrage, ja fast Werbung für die Zauberei. Man stelle sich vor, so „herzensgut“ würden die Hörer für den christlichen Glauben eingenommen! Aber ja, wir sind inzwischen aufgeklärt und es sind nur noch die frommen Christen „extrem intolerant gegenüber dem Voodoo-Kult“.

Hier der Beitrag:

 

Kennt jemand ein empfehlenswertes wissenschaftliches Werk zur Religion des Voodoo?

Wie heute über Sünde sprechen?

Tim Keller über den Götzendienst in der postmodernen Kultur:

Die Lehre der Schrift über Götzendienst ist besonders hilfreich für Evangelisation in einem postmodernen Kontext. Christen definieren Sünde typischerweise als Brechen von Gottes Gesetz. Richtig erklärt ist das natürlich eine gute und ausreichende Definition. Aber das Gesetz Gottes umfasst sowohl Unterlassungssünden als auch Begehenssünden, und es beinhaltet Herzenseinstellungen sowie Verhalten. Diese falschen Einstellungen und Beweggründe sind gewöhnlich unmäßige Begierden – Formen des Götzendienstes. Wenn wir jedoch gegenüber den meisten Zuhörern Sünde als „Brechen von Gottes Gesetz“ definieren, dann liegt in ihrem Verständnis die Betonung vollkommen auf dem Negativen (Begehenssünden) und dem Externen (Verhalten statt Einstellungen). Es gibt daher bedeutsame Gründe dafür, dass „Gesetze brechen“ nicht der beste Weg ist, um für postmoderne Menschen Sünde zu erklären.

Wenn ich mit einem jungen, nichtchristlichen Städter über Sünde rede, fange ich gewöhnlich so an: „Sünde bedeutet nicht nur, schlechte Dinge zu tun; sondern grundsätzlicher etwas Gutes zu etwas Ultimativem zu machen. Sünde bedeutet, dein Leben und deinen Sinn auf irgendetwas zu bauen, selbst etwas sehr Gutem, mehr als auf Gott. Worauf immer wir unser Leben bauen, wird uns antreiben und verknechten. Sünde ist zuerst Götzendienst.“

Mehr: www.evangelium21.net.

Seelsorge ist Gebet

Rudolf Bohren (Dem Worte folgen, 1963, S. 111):

Will unsere Seelsorge die Seelsorge Gottes sein, dann ist sie die Seelsor­ge der geistlich Armen, die nichts können als schreien, rufen, betteln. Sie ist Gebet. So wird unsere Seelsorge zur Seelsorge Jesu Christi selber, daß unser erstes und letztes Werk in der Seelsorge das Gebet ist.

Come Behold the Wondrous Mystery

Come Behold the Wondrous Mystery, a capella. Das gefällt mir:

Hier der Text:

Come behold the wondrous mystery

In the dawning of the King
He the theme of heaven’s praises
Robed in frail humanity

In our longing, in our darkness
Now the light of life has come
Look to Christ, who condescended
Took on flesh to ransom us

Come behold the wondrous mystery
He the perfect Son of Man
In His living, in His suffering
Never trace nor stain of sin

See the true and better Adam
Come to save the hell-bound man
Christ the great and sure fulfillment
Of the law; in Him we stand

Come behold the wondrous mystery
Christ the Lord upon the tree
In the stead of ruined sinners
Hangs the Lamb in victory

See the price of our redemption
See the Father’s plan unfold
Bringing many sons to glory
Grace unmeasured, love untold

Come behold the wondrous mystery
Slain by death the God of life
But no grave could e’er restrain Him
Praise the Lord; He is alive!

What a foretaste of deliverance
How unwavering our hope
Christ in power resurrected
As we will be when he comes

What a foretaste of deliverance
How unwavering our hope
Christ in power resurrected
As we will be when he comes

– Matt Boswell, Michael Bleecker, Matt Papa 2013

Schafft in Deutschland die Kirchensteuer ab!

Da kann ich Martin Reakes-Williams nur zustimmen. Die Ev. Kirche würde zwar massiv schrumpfen, aber zugleich (vielleicht) gesunden.

Eine Abschaffung der Kirchensteuer wäre das Beste, was dem Evangelium in Deutschland passieren könnte. Diese Ansicht vertritt der Pfarrer der anglikanischen Kirche von England, Martin Reakes-Williams (Leipzig), in einem Interview mit der Evangelischen Nachrichtenagentur idea. Reakes-Williams wurde 1995 von seiner Kirche nach Deutschland ausgesandt und gründete die „Leipzig English Church“. Ihm zufolge kommt die Kirche von England gut ohne Kirchensteuer aus. Die Gemeinden lebten von Spenden und von den Menschen, deren Herzen vom Evangelium berührt seien. In Deutschland würden viele Gemeinden nur von der Kirchensteuer am Leben gehalten. Wenn sie wegfiele, würde man merken, dass viele Gemeinden geistlich längst tot seien. Reakes-Williams: „Manchmal scheint es mir, dass die Kirchen in Deutschland wie ein Patient auf der Intensivstation sind.“ Es bestehe ein großer Unterschied zwischen dem noch volkskirchlich geprägten Westen und dem weitgehend atheistisch geprägten Osten. Die Kirchen in der ehemaligen DDR hätten die große Chance, für den Westen Pionierarbeit zu leisten. Dort „müssen die Kirchen gezwungenermaßen darüber nachdenken, wie sie das Evangelium wieder unter die Menschen bringen können“.

Mehr: www.idea.de.

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