Ethik

Beiträge aus dem Bereich Ethik.

Bindung und Identität

Dr. med. Christl Ruth Vonholdt beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Bindungsforschung und Identitätsentwicklung. Bis 2017 war sie Leiterin des „Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft“ (DIJG) und veröffentlichte in dieser Zeit zahlreiche Artikel zum Themen rund um  Geschlecht, Leiblichkeit, Identität und Sexualität. 

Inzwischen pflegt Frau Vonholdt ein eigenes Blog und publiziert zu hochbrisanten Themen wie Leib, Bindung und Identitätsentwicklung. Die Internetseite ist eine echte Fundgrube. So ist dort etwa der sehr persönliche Bericht einer Frau zu finden, die das Gefühl hatte, im falschen Körper zu leben und so via Behandlungen mit männlichen Hormonen und chirurgische Eingriffen einen „Geschlechtswechsel“ anstrebte. Doch die neue Identität als „Mann“ brachte nicht das erhoffte Glück. Schließlich fand sie zurück zu ihrem Frausein. Sie sagt:

Mein Mannsein war mein Schutzpanzer gegen das Spüren vieler tiefer Verletzungen geworden, es war wie: Das Mädchen, das verletzt wurde, das bin ich ja gar nicht.

Als ich meiner Therapeutin vor den Operationen gesagt hatte, bei mir und meiner Familie sei alles in Ordnung, war ich davon auch überzeugt. In Wirklichkeit waren meine inneren Wunden und Schmerzen so groß, dass ich sie vollständig verdrängt hatte. Ich hatte sie verdrängen müssen, um überhaupt überleben zu können. Erst jetzt hatte ich die Kraft, mich ihnen – ganz allmählich, Schritt für Schritt – zu stellen.

Um zu lernen als Frau zu leben, musste ich die wirkliche Person, die ich tief in mir vergraben hatte, zu Wort kommen lassen. Das bedeutete, dass ich mich all den Schmerzen und vielen vergrabenen Gefühlen stellen musste. Nur wenn die Frau in mir zu Wort kam, konnte sie aber auch – zum ersten Mal in ihrem Leben – Bestätigung, Annahme, Liebe erfahren. Wenn ich lernen würde, mich, mein wirkliches Ich, zu zeigen, würde ich lernen können, Positives zu empfangen, von den anderen, von Gott.

Hier die Adresse: www.christl-r-vonholdt.de.

Transphober Feminismus

In den USA und England werden die Weichen dafür gestellt, dass die vom Einzelnen gewählte Gender-Identifikation zwingend anzuerkennen ist. Ein Mensch, der von sich behauptet, eine Frau zu sein, müsste dann rechtlich wie eine Frau behandelt werden. Bisher muss so eine Identität ärztlich attestiert und behördlich genehmigt werden. Das führt zu allerlei Problemen, auf die die Frauenbewegung inzwischen aufmerksam macht und viel Kritik erntet. 

Michael Prüller schreibt für DIE PRESSE:

Nun nehmen aber auch moderate Frauenrechtlerinnen zunehmend Anstoß daran, dass biologische Männer, die sich als Frauen deklarieren, in Frauenreservate eindringen, die zwecks Chancengleichheit oder zum Schutz der Intimsphäre oder zur Sicherheit errichtet wurden.

Da geht es etwa um Frauenhäuser, die z. B. in Kanada keine Förderung mehr bekommen, wenn sie nur biologische Frauen aufnehmen – obwohl es dort den Fall Christopher Hambrook gegeben hat, der als Transfrau Jessica im Women’s Shelter Frauen bedrängt hat. Es geht genauso etwa um den Sport: Gegen biologische Männer bleiben im Allgemeinen die biologischen Frauen aufgrund ihrer Physis auf der Strecke. Im Schulsport in Connecticut etwa ist es ohne Vorbedingungen möglich, dass ein Bub als Mädchen an Wettbewerben teilnimmt. Seit 2017 haben dort zwei Schüler 15 Mädchen-Staatsmeistertitel errungen, die davor von zehn Schülerinnen gehalten worden waren.

Mehr hier: diepresse.com.

Herman Bavinck: 6 kritische Gedanken zur Mystik

41AoGcyQAZL SX331 BO1 204 203 200In seiner Ethik hat Herman Bavinck sechs kritische Gedanken zur Mystik formuliert, die ich den Lesern des TheoBlogs nicht vorenthalten möchte (Herman Bavinck, Reformed Ethics, Bd. 1, 2019, S. 309):

1. Mystik und Pietismus verlegen den Sitz des Glaubens in das Gefühl und nehmen daher nicht die Ganzheit unserer Menschlichkeit auf. Das, was am meisten beeinflusst und die Gefühle weckt, wird zentral.

2. Dies führt zu einer Verleugnung der Zielsetzung des Glaubens, d.h. des Wortes, des Briefes, der Sakramente, der Kirche und sogar der Lehre (z.B. Zufriedenheit).

3. Eine weitere Folge ist die Bildung einer schädlichen Gruppen-Mentalität. Die Bekehrten trennen sich selbst, leben getrennt und verlassen Familie und Welt, um für sich selbst zu sorgen. Sie sind Salz nicht innerhalb, sondern am Rand der Welt.

4. Die Idee des Bundes geht völlig verloren. Die Bekehrten und die Nichtbekehrten leben jeweils ihr eigenes Leben, völlig losgelöst voneinander. Der gegenseitige Kontakt erfolgt nur mechanisch und nicht organisch. Die Unbekehrten werden auf sich allein gestellt.

5. Dies hat auch negative Auswirkungen auf die Ungläubigen. Die Religion beschränkt sich darauf, sich mit den Dingen Gottes zu beschäftigen (Lesen, Beten). Die tägliche Arbeit wird allein zu einer Frage der Notwendigkeit und nicht zu einer heiligen Berufung. Der Sonntag bleibt vom Rest der Woche getrennt; der Glaube wird in der Welt nicht geprüft. Christen werden passiv, quietistisch.

6. Indem sie sich ständig der Selbstbesinnung widmen, machen die Menschen ihre Erfahrung zur Norm für alle anderen, und so treten ungesunde, unbiblische Elemente ein. Einfachheit und der kindliche Charakter des Glaubens weichen der Sentimentalität. Die Erfahrung leitet die Exegese der Schrift und wird sogar zur Quelle des Wissens, sowohl materiell als auch formal.

Die Tragödie von Joshua Harris: Ernüchternde Gedanken für Evangelikale

Al Mohler hat sich sehr ausführlich zur Dekonversion von Joshua Harris geäußert. Christian Beese hat die Gedanken übersetzt und in der Facebook-Gruppe von E21 gepostet (Vielen Dank!).

Hier ein langer Auszug:

Auch der nächste Absatz war sehr wichtig: „Martin Luther sagte, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein sollte. In diesem Gedanken liegt eine gewisse Schönheit, unabhängig von deiner Sichtweise auf Gott. Ich habe in den letzten Jahren in der Buße gelebt“, schrieb er, „die Buße für meine Selbstgerechtigkeit, meine angstbasierte Lebensweise, die Lehre in meinen Bücher, meine Ansichten über Frauen in der Gemeinde und meine Herangehensweise an die Erziehung, um nur einige Punkte zu nennen, doch“, fuhr er fort, „ich möchte diese Liste jetzt ausdrücklich erweitern. Der LGBTQ+-Gemeinschaft möchte ich sagen, dass es mir leid tut, was ich in meinen Büchern und als Pastor über Sexualität gesagt habe. Ich bedaure, dass ich mich gegen die Ehe für alle ausgesprochen habe, dass ich euch und euren Platz in der Gemeinde nicht gestärkt habe, und dass ich durch mein Schreiben und Reden zu einer Kultur der Ausgrenzung und Fanatismus beigetragen habe. Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen.“

Das waren die wichtigsten Abschnitte des Postings, und die wichtigste Aussage ist, dass er eine massive Veränderung hinsichtlich seines Glaubens an Christus erfahren habe. Er sagte wiederum: „Die gängige Begriff dafür ist Dekonstruktion, der biblische Begriff ist Abfall vom Glauben. Gemessen an allen Richtilinien, die ich habe, um zu definieren, was ein Christ ist, bin ich kein Christ.“ Das sind absolut umwerfende Worte. Sie wären umwerfend und unglaublich beunruhigend, wenn sie von einer x-beliebigen Person kommen würden, aber vom ehemaligen Pastor einer Mega-Kirche und von jemandem, der einen sehr bedeutenden Einfluss auf die evangelikale Welt hatte, ist dies wirklich ein Meilenstein. Es erfordert auch viel Nachdenken und sehr ehrliche Rückbesinnung von Seiten amerikanischer Evangelikaler.

Viele Leute haben sich offensichtlich gefragt: „Wie kam dies nur so plötzlich aus heiterem Himmel?“ Aber es kam nicht wirklich aus heiterem Himmel. Es gab seit einiger Zeit beunruhigende Anzeichen dafür, dass Joshua Harris sich in einem sehr bedeutsamen weltanschaulichen und geistlichen Wandel befand.

Das wurde auch in einem Interview mit dem liberalen Magazin Sojourners sehr deutlich. Die Interviewerin war Sandi Villarreal, und das Interview wurde auch bei Sojourners gerade zu dem Zeitpunkt veröffentlicht, als er die Bekanntgabe der Scheidung von seiner Frau machte. Vor dieser Bekanntgabe trennte er sich demnach auch vom christlichen Glauben. In diesem Interview zeigt Joshua Harris interessanterweise, inwieweit er sich nicht nur von seinen Aussagen in I Kissed Dating Goodbye, sondern auch vom Überbau des biblischen Christentums und vor allem von dessen offenbarten Sexualethik getrennt hat.

Er hinterfragte die sogenannte „Reinheitskultur“, zu der er selbst sehr viel beigetragen hatte. Er hinterfragte auch die Lehre des Komplementarismus, doch hauptsächlich, um seine früheren Überzeugungen zu widerlegen. Was überhaupt nicht klar war – und immer noch nicht klar ist: Was genau wird an die Stelle seiner früherern Lehren treten? Eine der interessantesten und wichtigsten Momente des Interviews ist, als Villarreal sagt: „Sie sagen in der Dokumentation, dass es viele Leute gibt, die wollen, dass Sie die gesamte Grundlage Ihres Buch verwerfen“. Sie fuhr fort: „Aber ich frage mich: Wenn Sie ‚alles‘ sagen, meinen Sie damit Ihren Glauben an das Christentum in seiner Gesamtheit oder Ihre Auffassungen zu vorehelichem Sex im Allgemeinen? Ich bin neugierig, was Sie da mit einbeziehen.“

Joshua Harris antwortete: „Ich denke, einige Leuten hätten gern, dass ich sage, Sex positiv zu sehen bedeute, nun ja, die Art historischer Sexualethik, die mit Sex außerhalb der Ehe und mit Homosexualität verbunden ist, grundsätzlich abzulehnen, und eine gesunde Auffassung von Sex zu vertreten bedeute, alles anzunehmen, was in der christlichen Tradition als gut gilt“.

Er fuhr fort: „Ich denke jedoch, dass es für mich, bei einer so grundlegenden Veränderung der Deutung hinsichtlich Sexualität, einfach schwer ist, … Nunja, in gewisser Weise ist es für mich fast einfacher, darüber nachzudenken, den ganzen christlichen Glauben zu verwerfen, als ihn beizubehalten und ihn auf diesen verschiedenen Sichtweisen anzupassen.“

Das ist wirklich umwerfend. Es ist unglaublich aufschlussreich. In diesem Interview, das vor seiner Ankündigung seiner Abkehr vom Christentum kam, sagte Harris, dass er, als er anfing, die biblische Sexualethik des historischen Christentums neu zu überdenken, meinte, in dem Moment verstanden zu haben – und das ist für uns von entscheidender Bedeutung –, dass es für ihn an diesem Punkt einfacher sei, zu erwägen, den gesamten christlichen Glauben zu verwerfen, als diesen Glauben zu verändern oder neu zu formulieren, um eine neue Sexualethik zu entwickeln.

Darin –und das müssen wir anerkennen – zeigt sich eine grundlegende Ehrlichkeit. In seiner Erklärung im Interview mit Sojourners und in der ausführlichen Erklärung, in der er ankündigte, dass er sich vom Christentum verabschiedete, wird unter anderem deutlich, dass Joshua Harris versteht, dass es zwei absolut gegensätzliche Weltanschauungen gibt, die im Grunde nicht miteinander vereinbar sind. Es gibt keine Versöhnung zwischen der biblischen Weltanschauung und der modernen säkularen Weltanschauung.

Er versteht, dass es keinen Kompromiss gibt, und in diesem Sinne ist es intellektuell redlich von ihm zu verstehen, dass der theologische Liberalismus, der versucht, einen Anspruch auf das Christentum aufrechtzuerhalten, während er seine biblischen Wahrheitsansprüche ablehnt, unhaltbar ist. Darin steckt intellektuelle Ehrlichkeit. Doch jede Ankündigung, dass jeder vom christlichen Glauben abgewichen ist, birgt eine unglaubliche geistliche und theologische Tragödie, die grundlegende theologische Fragen aufwirft. Kann man Christ sein und dann irgendwann nicht mehr Christ sein?

Können Gläubige ihren Glauben verlieren? Kann man letztendlich abfallen, wenn man wirklich von neuem geboren ist? Die Antwort ist nein. Die Bibel ist an der Frage eindeutig. Wenn man einmal durch die Kraft Christi erneuert wurde, wenn man ein echter Christ geworden ist und mit Christus vereint ist, kann uns nichts von Christus trennen, nicht einmal unsere eigene Sünde.

Die historischen evangelischen Bekenntnisse, die die Bibel widerspiegeln, machen die biblische Wahrheit sehr deutlich: Auch wenn man nach der Bekehrung und dem Glauben an Christus, nach der Neugeburt, sündigen kann, ja sündigen und sogar der Gemeinde schweren Schaden zufügen wird, ist es für jemanden, der wirklich von Neuem geboren ist, unmöglich, von Christus abzufallen und von ihm getrennt zu werden.

Es mag sogar einige geben, die sündigen, indem sie den christlichen Glauben ablehnen, aber wenn sie jemals wirklich christlich waren, werden sie irgendwann aus Reue zurückkehren; und das ist eine Evangeliumsverheißung. Wenn die Menschen ihre Ablehnung des Christentums fortsetzen, dann müssen wir uns den Text 1. Johannes 2,19 ins Gedächtnis rufen, in dem uns gesagt wird: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns“, das heißt, sie waren nie echte Christen. Sie waren vorgetäuschte Gläubige.

Jesus spricht dazu auch in Matthäus 13 im Gleichnis von den vier Ackerböden. Es gibt diejenigen, die Anzeichen des Lebens zeigen, aber sie gehen schließlich weg. Jesus macht sehr deutlich, dass sie nie wahre Christen waren, und doch muss man auch verstehen, dass es sogar einige geben könnte, die in der Gemeinde zu Einfluss gekommen sind – das Neue Testament macht das deutlich –, die später abfallen würden, doch sie sind von uns ausgegangen, weil sie nicht von uns waren.

Evangelikale sollten darüber nachdenken, was diese tragische Schlagzeile uns über unsere Anfälligkeit für eine Konsumkultur und auch für eine Prominentenkultur sagt. Das ist immer eine Gefahr. Es ist unmöglich, ein gewisses Maß an Einfluss ohne eine gewisse Prominenz zu haben, aber wir müssen alles anhand der Schrift prüfen. Und wir müssen auch verstehen (wie es die frühe Gemeinde erfahren musste), dass es einige gibt, die gläubig zu sein scheinen und sogar Einfluss haben, sogar Pastoren sind, aber schließlich abfallen. Das muss zur Kenntnis genommen werden.

Es gibt noch etwas anderes, das in diesem Fall von größter Bedeutung ist, und ich sage das als Präsident eines theologischen Seminars und einer christlichen Hochschule, aber das ist ausgesprochen wichtig. Wir brauchen theologische Tiefe. Eine biblische Sexualethik und die Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus lässt sich nur aufrechtzuerhalten durch ernsthafte biblische Inhalte, ernsthafte biblische Erkenntnis, tiefe Theologie, Apologetik, biblische Theologie, ein tiefes Verständnis, eine feierliche und begeisterte Annahme des Evangelium von Jesus Christus und ein Verständnis jedes Evangeliums, des wahren Evangeliums, des biblischen Evangeliums, des Evangeliums von Jesus Christus, im Gegensatz zu allen oberflächlichen Heuchlern und auch zu falschen Theologien, einschließlich jeder Form von Gesetzlichkeit, die sich einschleichen kann.

Die Reinheitskultur, von der Joshua Harris sagt, dass er sie jetzt ablehnt, ist etwas, das wir als Evangelikale sehr genau betrachten müssen, weil wir verstehen, dass es eine gewisse gesetzliche Tendenz in dieser Reinheitskultur bei einigen gegeben hat, die eine Art von Religion aus I Kissed Dating Goodbye oder irgendeiner anderen Form von Gesetzlichkeit gemacht haben. Sie haben manchmal auch unbeabsichtigt das Evangelium untergraben, indem sie diese Art von gesetzlicher Ethik emporgehoben haben.

Aber gleichzeitig bewahrt die Bibel ihre eigene Reinheitsethik. Die Bibel offenbart Gottes Absicht für uns in unserem Geschlecht, in unserer Sexualität, in der Ehe und in allen sexuellen Ausdrucksformen, und die Bibel hält auch die Tatsache hoch, dass der einzig legitime sexuelle Ausdruck in der Ehe als heiliger Bund eines Mannes und einer Frau vor Gott liegt.

Aber wir müssen in diesem evangelikalen Schlüsselmoment sehr, sehr vorsichtig sein, dass die Anerkennung der Gefahr des Gesetzlichkeit nicht zu einer Art Antinomismus führt. Tatsache ist, dass die ursprüngliche Reinheitskultur im Evangelium selbst zu finden ist. Sie ist in der Schrift zu finden, in Gottes offenbartem Wort, aber das heißt nicht, dass wir rein geboren wurden. Im Gegenteil, es zeigt an, dass wir als Sünder geboren wurden, und die Antwort auf unsere Sünde ist nicht die Gesetzlichkeit, sondern das Evangelium von Jesus Christus.

Doch sobald wir Christus als Retter kennengelernt haben, sind wir berufen, allem zu gehorchen, was er befohlen hat, und Christus hat befohlen, so wie er gesagt hat, was von Anfang an Gottes Absicht war, dass sich der sexuelle Ausdruck auf die Bündnisvereinigung eines Mannes und einer Frau beschränkt. Wir müssen uns auch daran erinnern, dass, obwohl die Welt diese Einschränkung hasst, es nicht nur das offenbarte Wort Gottes ist, sondern auch der gute Wille Gottes. Es ist sein Plan für menschliches Glück, menschliche Ganzheit, menschliches Gedeihen.

Die Schlagzeilen über Joshua Harris – ja, über Joshua und Shannon Harris – sind zutiefst demütigend für den amerikanischen Evangelikalismus. Sie sollten sehr ernüchternd sein. Sie sollten uns dazu bringen, für die Harris und unsere Gemeinden zu beten. Sie sollten uns zu einem tieferen Verständnis des Evangeliums und zur Wertschätzung des Evangeliums Christi führen und gleichzeitig zu einer Selbstprüfung unserer biblischen Treue und der Tiefe unserer Hingabe an Christus und das biblische Christentum. Doch diese herzzerreißende Schlagzeile erinnert uns auch daran, dass wir unser Vertrauen auf keinen sündigen Menschen setzen können, sondern nur auf Christus, denjenigen, der allein unser Vertrauen verdient.

„Schwangerschaftskommunismus“

Wenn ich in den letzten Jahren mit Freunden und Bekannten über den erweiterten Ehebegriff diskutierte, haben einige unter ihnen mit der Einführung der „Ehe für alle“ (Efa) im Jahr 2017 die Hoffnung verknüpft, dass „das Thema gegessen sei“ und man sich wieder den wichtigen tagespolitischen Themen zuwenden werde. Ich hörte sogar das Argument, bei dem Theater gehe es im Kern darum, den Schutz der Familie zu festigen. Schutz eben unter neuen Bedingungen. Die Gesellschaft entwickele sich weiter. Das „Prinzip Ehe“ solle gerade unter den Wandlungen, die die Spätmoderne mit sich bringt, erhalten werden.

Ich war hingegen immer der Meinung, dass genau diejenigen kulturellen Strömungen, die im Streit um die Efa vor „Familienfreundlichkeit“ strotzen, bei genauer Betrachtung das Anliegen verfolgen, die Familie abzuschaffen. Die Efa war nur ein durchschlagender Etappensieg. Weil – um es mal mit dem Neomarxisten Max Horkheimer zu sagen – Familien die „Keimzelle des Faschismus“ sind, kann erst durch deren Abschaffung Ruhe einkehren und sich der Mensch in herrschaftsfreien Räumen natürlich entfalten (siehe a. hier).

Die Wochenzeitung DIE ZEIT macht uns in einem aktuellen Beitrag mit dem Ideal einer elternlosen Gesellschaft vertraut. Aber nicht nur das. Sie rückt unverhohlen die Verteidiger der Familie in eine rechtsradikale Ecke und schreibt ihnen erhebliche Gewaltbereitschaft zu. So entsteht der Eindruck, Anwälte der traditionellen Familie zwischen einem Mann und einer Frau und biologischen Kindern seien per se Feinde der offenen Gesellschaft.

Mit Rückgriff auf die Arbeiten der Britin Sophie Lewis heißt es etwa:

Lewis stellt sich vor, wie es wäre, wenn wir Familien nicht mehr bräuchten, weil die Gesellschaft ausreichend Fürsorge und Nähe spendete, sie schreibt von „Polymutterschaften“ und „Schwangerschaftskommunismus“. Und ihre Hauptforderung lautet: „Wir müssen Wege finden, um der Exklusivität und Vormachtstellung ‚biologischer‘ Eltern im Leben von Kindern entgegenzuwirken.“

Kern dieser Revolution ist die Überwindung der Familie, eine Forderung, mit der Lewis längst nicht allein ist. Sie bezieht sich auf eine Reihe junger queerer Theoretikerinnen, die dazu forschen und schreiben. Jules Joanne Gleeson und Kate Doyle Griffiths zum Beispiel, die 2015 einen Essay mit dem Titel Kinderkommunismus veröffentlichten, „eine Analyse der Beziehungen zwischen Familie, Gender und der Reproduktion des Kapitalismus“. Oder die in Sydney lehrende Professorin Melinda Cooper, die in ihrem Buch Family Values aufzeigt, wie zentral die „Kernfamilie“ nicht nur für „sozial Konservative“, sondern auch für Neoliberale sei (in der Boston Review erschien ein Essay, der aus dem Buch destilliert war). Im Mittelpunkt beider Ideologien stehe am Ende, wie Cooper erklärt, immer noch die weiße, heterosexuelle Familie, als moralische und ökonomische Norm.

Ich lege aufgeweckten Christen die Lektüre des Artikels sehr ans Herz. Der Text stimmt auf die Kulturkämpfe der nächsten Jahre ein. Jene, die meinen, mit Weltflucht oder Resignation reagieren zu müssen, sollten nicht stolz auf ihre Haltung sein. Unsere Kinder und Enkel müssen es ausbaden. 

Also: Wir brauchen in dieser wichtigen Debatte weder aggressive Kampfschriften noch Gesten der Kapitulation, sondern Mut und Hoffnung, die sich auch darin kundtun, dass wir uns gründlich, vernünftig und praktisch in die Kontroversen einmischen.

Hier der Artikel „Die elternlose Gesellschaft“: www.zeit.de.

Ethische Nicht-Monogamie

Durch ein halbes Jahrhundert sexueller Umwälzungen galt im Westen die Monogamie als Fels in der Brandung verschiedenster Beziehungsmodelle. Die Tradition, gleichzeitig nur einen Partner zu haben, bröckelt zunehmend. Die NEW YORK TIMES berichtet darüber, dass an den meisten Wochenenden in New York Veranstaltungen angeboten werden, die einen nicht-monogamen Lebensstil favorisieren. Es gibt Vortragsreihen, Workshops und Diskussionsrunden und natürlich Partys. Im Trend ist die „Ethische Nicht-Monogamie“. Das ist ein Überbegriff, der verschiedene Beziehungsmodelle umfasst, darunter Polyamorie, offene Beziehungen, sexuelle Begegnungen mit mehr als zwei Menschen und das Swingen.

Nehmen wir als Beispiel Tyomi Morgan, die „die Freiheit“ für sich entdeckt hat und nun andere Leute ausbildet. 

Frau Morgan ist aufgewachsene Baptistin und arbeitet heute als Sexualberaterin; sie betrachtet die Aufklärung über Nicht-Monogamie als Teil einer geistlichen Mission. „Innerhalb der schwarzen Gemeinschaft gibt es viele Menschen, die an einer Denkweise festhalten, dass es böse ist, so zu leben“, sagte sie. „Wir denken, dass Gott Liebe ist.“

Hier der Artikel, leider nur in englischer Sprache: www.nytimes.com.

VD: WH

Japan erlaubt Züchtung von Mischwesen

Japan erlaubt das erste Experiment, bei dem Chimären bis zur Geburt heranwachsen dürfen. Das behauptet SPIEGEL ONLINE mit Verweis auf das Fachjournal NATURE

Ein Japaner darf als erster Forscher weltweit Mensch-Tier-Chimären erzeugen und bis zur Geburt wachsen lassen. Tokio erlaubt und fördert ein entsprechendes Projekt, berichtet unter anderem die Nachrichtenseite des Fachjournals „Nature“.

Die Tier-Embryonen sollen mit menschlichen Zellen bestückt und einem Muttertier eingepflanzt werden, das sie zur Welt bringt. Zunächst will die Forschergruppe um Hiromitsu Nakauchi von der University of Tokyo und der Stanford University in Kalifornien das Verfahren in Mäusen und Ratten testen.

Langfristiges Ziel ist es, Mischwesen aus Mensch und Tier herzustellen, denen menschliche Organe wachsen, die dann transplantiert werden können. Die Technik soll eines Tages Patienten helfen, die auf ein Spenderorgan warten.

Furchtbar, was so passiert, wenn der Mensch ohne Gott ewig Leben möchte.

Jesus Christus, Superstar

Marie-Astrid Langer hat für die NZZ einen recht guten Beitrag über die Megakirchen in den USA geschrieben. Darin sagt sie unter anderem über die Lakewood Church von Joel und Victoria Osteen:

Heute ist Lakewood Church ein erfolgreiches Unternehmen mit Einnahmen von 89 Millionen Dollar allein im Jahr 2017. Auch privat profitieren die Osteens vom Erfolg der Kirche: Mit ihren zwei Kindern leben sie in einer 12-Millionen-Dollar-Villa am Stadtrand von Houston mit 13 Zimmern und 5 Feuerstellen, wie der «Houston Chronicle» schreibt. Für die Osteens ist das kein Widerspruch zum Christentum, denn sie predigen die «Prosperity Gospel». Diese zum Teil umstrittene Richtung innerhalb des Protestantismus besagt, dass derjenige persönlichen und materiellen Erfolg hat, der viel an Gott – sprich die Kirche – spendet. Überspitzt könnte man sagen, dass man Gott manipulieren kann, um materiellen Wohlstand zu erreichen. Etwa ein Viertel der «Megachurches» predigen dies Lehre. Bemerkenswert sei auch, dass inzwischen etwa ein Drittel der Megakirchen nicht mehr konfessionsgebunden sei, sagt der Religionswissenschafter Thumma vom Hartford Institute. Um möglichst viele Gläubige anzulocken, legten sich viele Megakirchen nicht auf eine Lehrmeinung fest. «Traditionelle Kirchen sind wie Boutiquen», sagt er. Der Kunde wisse genau, was er wolle. «Megakirchen sind dagegen wie Shoppingmalls, dort findet jeder irgendwo irgendetwas, das ihm gefällt.»

Hier mehr: www.nzz.ch.

Eine Theologische Arbeitsgruppe der Lausanner Bewegung hat vor einige Jahren eine Stellungnahme zum Wohlstandsevangelium verfasst, die hier heruntergeladen werden kann: lausanne_wohlstand.pdf.

Kirche, die nicht alles mitmacht

Nicht nur die Politik, auch Redaktionen und Journalisten, setzen Kirchen, die eine „Ehe für alle“ ablehnen, massiv unter Druck. Anders formuliert: Wer sich gegen den moralischen Mainstream in Europa und Nordamerika stellt, wird diffamiert.

Wie wird es weitergehen? Wird die „Elite“ Kirchen oder einzelne Pastoren, die sich dem Druck nicht beugen, sanktionieren? Das wäre ein deutlicher Übergriff, denn die Lehre der Kirche ist frei. Eine Kirche, die diesem Druck nachgibt, um relevant zu sein oder geliebt zu werden, verramscht nicht nur ihre Freiheit, sondern wird zum Spielball weltlicher Mächte. So eine Kirche darf sich dann vielleicht (kurzfristig) darüber freuen, den Segen der Welt zu empfangen. Den Segen Gottes verspielt sie. Und genau auf diesen Segen kommt es an.

Hier ein aktuelles Beispiel aus der Schweiz:

Die Reformierten [in der Schweiz, Anm. R.K.] haben sich stets dadurch ausgezeichnet, dass sie auf gesellschaftliche Öffnungsprozesse schneller reagieren als der Vatikan: Frauenordination oder Trauungen von Geschiedenen sind für sie eine Selbstverständlichkeit, ebenso wie Segnungsfeiern für Homosexuelle. Wenn sich der Schweizerische Evangelische Kirchenbund nun schwertut, den kleinen Schritt hin zu kirchlichen Trauungen für Lesben und Schwule zu tun, ist das alarmierend. Zu vermuten ist, dass nur eine überschaubare Anzahl von Homosexuellen überhaupt vor den Altar treten will. Doch darum geht es nicht. Wichtiger ist das Signal, das die Protestanten aussenden: Wollen sie Liberalisierungbestrebungen mitmachen, hinter denen deutliche Mehrheiten der Bevölkerung stehen – oder entscheiden sie sich für das Verharren in antiquierten Positionen?

Mehr: www.nzz.ch.

Organspende? Christlich-ethische Entscheidungshilfen

Die nachfolgende Rezension zu dem Buch:

  • Christoph Raedel. Organspende? Christlich-ethische Entscheidungshilfen. Gießen: Brunnen Verlag, 2019. ISBN 978-3-76554345-6. € 9,95.

erschien in der Zeitschrift GLAUBEN UND DENKEN HEUTE 1/2019 (Nr. 23), S. 54–55):

41hms3Ey4fL SX320 BO1 204 203 200Seitdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) seinen Gesetzentwurf zur Organspende vorgelegt hat, wird im öffentlichen und privaten Raum wieder einmal intensiv über das Spenden von Organen debattiert. Die Gruppe um Spahn und den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach will rechtlich eine sogenannte „Widerspruchslösung“ durchsetzen. Diese sieht vor, dass sich jeder Bürger ab 18 Jahren entscheidet, ob er zur Organspende im Fall des eigenen Hirntods bereit ist. Jugendliche ab 16 Jahren sollen die Möglichkeit bekommen, sich aktiv als Organspender zu melden. Widerspricht man nicht oder trifft keine Entscheidung, wird man automatisch als Spender registriert.

Professor Raedel liefert nun mit seinem Buch Organspende? einen eigenen, christlich motivierten Diskussionsbeitrag. Er setzt sich auf den knapp einhundert Seiten ausschließlich mit Verpflanzungen von Organen auseinander, die Menschen nach einer Todesfeststellung entnommen wurden. Bei so einer „postmortalen Organspende“ stellen verstorbene Spender die eigenen Organe für eine Übertragung (Transplantation) zur Verfügung. Diese Spenderorgane werden dann an die passenden Patienten, die auf ein Organ warten, vermittelt. Lebendspenden oder Blutspenden werden in dem Buch nicht verhandelt, da sie Spender und Empfänger vor andere ethische Herausforderungen stellen. Auch der kriminelle Handel mit Organen wird nicht explizit beleuchtet.

Zum Eingang liefert der Autor einen kurzen Rückblick auf die noch junge Geschichte der Organspende. Obwohl wahrscheinlich schon vor 2500 Jahren in Indien Heiler in der Lage waren, Haut zu verpflanzen, und schon im 19. Jahrhundert mit Organübertragungen experimentiert wurde, konnte sich das Verfahren erst im 20. Jahrhundert durchsetzen. Seit den 70er-Jahren zählen Organverpflanzungen zu den standardisierten Maßnahmen. Die erste Niere wurde 1954 in Boston (USA) verpflanzt, das erste Herz 1963 in Südafrika (wobei der Patient allerdings wenige Tage nach der OP starb). Die größte Herausforderung für die Transplantationsmedizin war und ist die Abstoßreaktion des Organismus. Erst mit der Einführung des Immunsuppressivums Cyclosporin A Anfang der 80er-Jahre konnten die Erfolgsraten bei Übertragungen deutlich gesteigert werden. Heute ist es durch die Immununterdrückung möglich, mit Transplantationen von Nieren, Lebern, Lungen, Herzen, Bauchspeicheldrüsen oder seltener Darmgewebe das Leben eines Spendenempfängers beträchtlich zu verlängern. Gegenwärtig werden etwa bei Leberübertragungen Einjahres-Überlebensraten von über 90%, 5-Jahres-Überlebensraten von über 80% und 10-Jahres-Überlebensraten von über 70% erreicht.

Der Autor erläutert anschließend die derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen und den Ablauf von Transplantationen. Er erörtert das Transplantationsgesetz vom 5. November 1997 sowie den Organspendeausweis und die Patientenverfügung. Ausführlich referiert Raedel das Hirntodkriterium (S. 25–42). Pro- und Contraargumente werden gründlich abgewogen. Letzte Spannungen lassen sich gleichwohl nicht aufheben, da bei der Todesfeststellung neben medizinischen auch philosophische Vorstellungen hineinspielen. Folgendes Zitat deutet die Grenzen einer rein medizinischen Todesfestellung an:

„Ob man der Auffassung vom Gehirn als zentraler Steuerungsinstanz des Organismus folgt oder nicht, entscheidet wesentlich darüber, wie man die intensivmedizinisch-apparativ aufrechterhaltene [sic!] Lebensfunktionen beim Hirntoten interpretiert. Dass der Hirntote unter den Bedingungen lebenserhaltender Maßnahmen wie ein Lebender aussieht, steht außer Frage. Und doch kann er die Hauptfunktionen seines Körpers, wie Atmung und Blutkreislauf, nur mit Unterstützung eines externen Apparats wie dem Beatmungsgerät aufrechterhalten. Sicherlich ist der Hinweis eindrücklich, ‚dass bei Hirntoten noch eine Wundheilung stattfindet, dass sie Fieber entwickeln können, dass sie eine Immunabwehr haben, dass bei hirntoten Kindern eine sexuelle Reifung und ein Körperwachstum zu beobachten ist, dass Hirntote auf bestimmte Reize mit einer erhöhten Herzfrequenz und mit erhöhtem Blutdruck, ja mit der Ausschüttung von Stresshormonen reagieren‘. Und doch muss man deutlich sagen, dass der Körper dies aufgrund der maschinellen Aufrechterhaltung des Herz-Kreislauf-Systems tut und er diese Aktivitäten bei Abschalten der Beatmung unverzüglich einstellen würde.“ (S. 41)

Sehr informativ und erhellend sind die Überlegungen zur Machbarkeit. Dürfen wir alles, was wir tun können? „In den postchristlichen Gesellschaften des Westens, in denen der Gottesgedanke für gesellschaftliche Debatten keinen maßgeblichen Einfluss mehr beanspruchen darf, ist die Vorstellung eines ewigen Lebens weithin verblasst. Unter diesen Voraussetzungen wird ein möglichst langes, selbstbestimmt geführtes irdisches Leben zur Leitvorstellung der liberalen Gesellschaft“ (S. 41). In Deutschland wird die Aufklärung in Sachen Organspende von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) verantwortet. Allerdings entstünde der Eindruck, dass die Zentrale mehr Werbung für Organspende als Aufklärung betreibe. Eine Untersuchung von 32 Kurzfilmen der BzgA zum Thema belege, dass tendenziell Reklamefilme entstanden seien, mit denen für die Einwilligung zur Organspende geworben werde. Die medizinischen und ethischen Probleme seien fast vollständig ausgeklammert worden. Im Mittelpunkt „stehen Organempfänger, die größtenteils als junge, sportlich aktive, gesund lebende, familiär eingebundene und produktiv im Arbeitsleben stehende Personen inszeniert werden“ (S. 49).

Die von der Gruppe um Jens Spahn angestrebte Widerspruchslösung lehnt Raedel ab. Internationale Vergleiche zeigten, dass sich Spendenbereitschaft auch ohne Zwang erreichen lasse (vgl. S. 51–53). Vor allem aber gälte: Die Widerspruchslösung „macht die Organspende faktisch — wenn auch nicht dem Wortlaut des Gesetzes nach — zur Bürgerpflicht und greift damit in das Selbstbestimmungsrecht der Person ein, weil sie das Nichtvorliegen einer Willensbekundung als Einwilligung in die Organspende deutet. Auf diese Weise werden die Organe eines Menschen quasi als Eigentum der Gemeinschaft angesehen, die mit seinem (Hirn-) Tod zur Verwertung freigegeben sind. Das aber ist unzulässig, weil eine Spende grundsätzlich die Bereitschaft zu spenden voraussetzt, diese Bereitschaft aber nicht einfach unterstellt werden darf, nur weil keine Willensbekundung vorliegt“ (S. 54).

Ab Seite 57 rücken biblisch-theologische Überlegungen in den Fokus. Der Mensch habe – so schreibt der Autor – es verlernt, als Geschöpf zu leben. Das Kernproblem menschlichen Daseins läge „in der Unfähigkeit, sich in heilsamer Selbstbegrenzung zu üben“ (S. 59). Nur wer sein irdisches Leben im Horizont der Ewigkeit lebe, werde gleichermaßen frei von Lebensverachtung und Lebensvergötterung. Einerseits könne zwar die Theologie die medizinischen Unsicherheiten nicht verbindlich klären. Andererseits dürften ethische Fragen nicht einfach offengelassen werden. Zwar liefere so Raedel – die Bibel, wie auf anderen Gebieten moderner Wissenschaftspraxis auch, keine direkten Antworten. Sie gebe aber ein Orientierungswissen, eine „Einweisung in ein Leben der Christus-Nachfolge“ (S. 80). Der Verfasser spürt den verschiedenen Argumentationssträngen nach und wägt sie sachlich ab. Er will dem Leser die Verantwortung für die eigene Entscheidung nicht abnehmen, sondern helfen, gut informiert eigene Urteile zu fällen.

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