Kirche, die nicht alles mitmacht

Nicht nur die Politik, auch Redaktionen und Journalisten, setzen Kirchen, die eine „Ehe für alle“ ablehnen, massiv unter Druck. Anders formuliert: Wer sich gegen den moralischen Mainstream in Europa und Nordamerika stellt, wird diffamiert.

Wie wird es weitergehen? Wird die „Elite“ Kirchen oder einzelne Pastoren, die sich dem Druck nicht beugen, sanktionieren? Das wäre ein deutlicher Übergriff, denn die Lehre der Kirche ist frei. Eine Kirche, die diesem Druck nachgibt, um relevant zu sein oder geliebt zu werden, verramscht nicht nur ihre Freiheit, sondern wird zum Spielball weltlicher Mächte. So eine Kirche darf sich dann vielleicht (kurzfristig) darüber freuen, den Segen der Welt zu empfangen. Den Segen Gottes verspielt sie. Und genau auf diesen Segen kommt es an.

Hier ein aktuelles Beispiel aus der Schweiz:

Die Reformierten [in der Schweiz, Anm. R.K.] haben sich stets dadurch ausgezeichnet, dass sie auf gesellschaftliche Öffnungsprozesse schneller reagieren als der Vatikan: Frauenordination oder Trauungen von Geschiedenen sind für sie eine Selbstverständlichkeit, ebenso wie Segnungsfeiern für Homosexuelle. Wenn sich der Schweizerische Evangelische Kirchenbund nun schwertut, den kleinen Schritt hin zu kirchlichen Trauungen für Lesben und Schwule zu tun, ist das alarmierend. Zu vermuten ist, dass nur eine überschaubare Anzahl von Homosexuellen überhaupt vor den Altar treten will. Doch darum geht es nicht. Wichtiger ist das Signal, das die Protestanten aussenden: Wollen sie Liberalisierungbestrebungen mitmachen, hinter denen deutliche Mehrheiten der Bevölkerung stehen – oder entscheiden sie sich für das Verharren in antiquierten Positionen?

Mehr: www.nzz.ch.

Kommentare

  1. Johannes meint

    Und ich dachte immer, die NZZ sei eine konservative Zeitung…

  2. Ein weiteres aktuelles Beispiel zu diesem Thema ist die Diskussion um das Verbot von „Konversionstherapien“. Auch hier geht es nicht (nur) darum, dass Einzelpersonen, die entsprechende Angebote wahrnehmen, vor tatsächlichem oder vermeintlichen Schäden bewahrt werden sollen sondern um eine gesellschaftliche Signalwirkung. Dazu einige Zitate aus dem Gutachten von Briken et al. (2019), mit dem die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und das Bundesgesundheitsministerium die medizinische Notwendigkeit eines Verbots von „sexual orientation change efforts“ (SOCE) belegen wollen: „Neben den genannten individuellen Wirkungen auf die Adressat_innen ist davon auszugehen, dass SOCE durch Stigmatisierungsprozesse […] auch über das unmittelbare Interventionsgeschehen hinaus Angehörige sexueller Minderheiten schädigen kann […], somit die Existenz von SOCE gesellschaftliche Wirkungen entfalten kann.  […] Strukturelle Stigmatisierungsprozesse sind übergeordnete kulturelle und institutionelle Normen und Werte, welche die Möglichkeiten, Ressourcen und das Wohlbefinden sexueller Minderheiten beeinträchtigen […] Das prinzipielle Angebot von SOCE und damit die Suggestion einer gezielten Veränderungsmöglichkeit der sexuellen Orientierung kann als ein derartiger struktureller Stigmatisierungsprozess interpretiert werden, der zu schädlichen Mechanismen bei Betroffenen  führen kann […] selbst dann, wenn die SOCE als „ergebisoffen“ deklariert werden.“

    Die Bewertung von SOCE ist kein einfaches Thema und es gibt gute Gründe, eine kritische Haltung gegenüber vielem aus diesem Bereich einzunehmen. Dass aber ausgerechnet für die Minderheit einer Minderheit das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und Selbstbestimmung eingeschränkt werden soll, um das Diskriminierungsgefühl einer Mehrheit der Minderheit zu reduzieren, ist schon paradox.

  3. Es wäre hilfreich, wenn in der Debatte um das Thema differenziert würde zwischen verschieden Begriffen:

    a) Homosexualität (nur Beschreibung= alles, was man wissenschaftlich über das Phänomen sagen kann)
    b) Sexualethik: barmherziger Umgang mit homosexuell empfindenden und lebenden Personen
    c) Homosexualismus (Selbstschöpfung des Menschen als eingeschlechtliches Wesen unter Emanzipation von der Realität mit Prädikat „es war gut so“)

  4. @ Johannes
    Die NZZ war meines Wissens nach noch nie eine konservative Zeitung. Sie ist im liberalen Lager (politisch und gesellschaftlich) zu verorten und steht der FDP Schweiz nahe. Ich persönlich schätze die qualitative und ausgewogenen Berichterstattung und die meist klare Trennung zwischen Bericht und Kommentar (im Gegensatz zu vielen Deutschen Medien). Auch der verlinkte Artikel ist als Kommentar gekennzeichnet. Zum selben Thema hat der Autor auch einen Bericht geschrieben, der relativ sachlich ist und die unterschiedlichen Positionen innerhalb des SEK (Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund) darstellt.
    https://www.nzz.ch/schweiz/wie-die-ehe-fuer-alle-die-reformierten-spaltet-ld.1493567

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