2009

Papst Benedikts XVI: Kreuzzug gegen die Moderne?

Zu Gast im »Philosophischen Quartett« sind heute Abend Daniel Deckers, Kirchenexperte der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und mit dem Vatikan eng vertraut, sowie der bekennende Papstkritiker Alan Posener, Korrespondent für Die Welt und Welt am Sonntag. Sie diskutieren mit Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski über den deutschen Papst-Professor und dessen Bild unserer heutigen Welt. Befindet er sich tatsächlich auf einem »Kreuzzug gegen die Moderne«, wie seine Gegner behaupten?

Das ZDF schreibt:

Papst Benedikt XVI., der Heilige Vater in der weißen Soutane, sieht schwarz, wenn er an Europa denkt, wo die Aufklärung ihren Ursprung hat und die Säkularisierung und der Liberalismus am weitesten gediehen sind. Für den Papst scheint es eine seelenlose Gesellschaft zu sein, diese westliche Moderne mit ihrem wissenschaftlichen Denken, der Emanzipation der Frau, der sexuellen Revolution, der Profitmaximierung, den 68ern und den Befreiungstheologen, die für ihn nichts anderes sind als marxistische Missionare im Priestergewand.

Leider haben inzwischen die öffentlich-rechtlichen Sender anspruchsvollere Beiträge in die Nacht verlegt:

  • ZDF: Das Philosophische Quartett , Sonntag, 29.11.2009, 23:50 – 00:55 Uhr

Alister McGrath im Interview

180px-Alister_McGrath.jpgPremier Christian Radio hat in der Sendung »Unbelievable?« ein ausführliches Gespräch mit Alister McGrath über sein Leben und seine Kritik des Neuen Atheismus geführt.

McGrath wurde 1999 ordentlicher Professor für Historische Theologie in Oxford. Seit September 2008 hat er einen Lehrstuhl für Theologie an der Universität London inne.

Ein Mitschnitt des Interviews kann hier gehört werden: www.premierradio.org.

Hier noch zwei Bücher von McGrath, die ich empfehlen kann:

Christliche Schulverweigerer kommen mit Geldstrafe davon

Das Landgericht Kassel hat am Mittwoch ein Elternpaar aus Nordhessen, das seine Kinder aus religiösen Gründen nicht auf eine staatliche Schule schickt, zu einer Geldstrafe verurteilt. Das Gericht befand die Eltern für schuldig, die dauernde Entziehung der Schulpflicht in drei Fällen missachtet zu haben.

SPIEGEL ONLINE schreibt:

Der Vater, 48, und die Mutter, 43, haben insgesamt sieben Kinder im Alter von zwei bis 17 Jahren. Sie sind Christen, die die Bibel nicht für ein historisches Dokument, sondern das buchgewordene Wort Gottes halten. Und dieses Wort gilt für sie vor jedem weltlichen Gesetz – und sei es die Schulpflicht.

Was in Ländern wie den USA oder Kanada kein Problem ist, verbietet in Deutschland das gesetz: Wer seine Kinder nicht zur Schule schickt, dem droht in den meisten Bundesländern eine Strafe von Bußgeld bis Erzwingungshaft. In manchen Ländern, wie in Hessen, kann die Verletzung der Schulpflicht gar als Straftat geahndet werden.

Die Eheleute gingen dieses Risiko ein. In ihren Augen sind öffentliche Schulen ein Ort der Versuchung und des Lasters; auch eine christliche Privatschule kommt für sie nicht in Frage. Die Eltern unterrichten ihre Kinder in allen Fächern außer Religion und Sport. Rosemarie Dudek übernimmt die Grundschuljahre, Vater Jürgen ab Klasse 5. Er schreibt den Kindern einmal im Jahr Zeugnisse, notiert den Inhalt jeder Unterrichtsstunde, lud auch schon das Schulamt ein, die Unterlagen zu prüfen. Doch es kam niemand.

»Unser Wertesystem ist der christliche Glaube«, sagte Jürgen Dudek vor Gericht. In staatlichen Schulen spiele Gott keine Rolle, dort werde den Kindern vermittelt, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei. Für solch eine Erziehung könne er keine Verantwortung übernehmen: »Es kann nicht sein, dass wir unser elterliches Gewissen von der Gesetzeslage abhängig machen.«

Hier der vollständige Artikel: www.spiegel.de.

Politische Korrektheit

312U+rANWmL._SL160_Über das Buch:

  • Jörg Schönbohm: Politische Korrektheit: Das Schlachtfeld der Tugendwächter, Manuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG; Auflage: 1., Aufl. (13. April 2009), 64 S., 7,80 Euro

schreibt der Verlag:

Politische Korrektheit: Denken in den streng vorgezeichneten Bahnen derer, die in einzelnen gesellschaftlichen Bereichen und zu mehr oder weniger grundlegenden Fragen die Deutungshoheit für sich beanspruchen – und jede Verlautbarung in eine oft abstruse, von schauderhaften Worthülsen strotzende Sprache gießen. Man könnte das mit Erheiterung registrieren, wenn sich dahinter nicht etwas sehr Ernstes verbergen würde. Jörg Schönbohm, eigenwilliger und unbeugsamer Konservativer, zeigt in beklemmender Weise, daß das, was einst sinnvoll als Kampf gegen Minderheitendiskriminierung begonnen hatte, heute immer mehr in eine Dämonisierung und Stigmatisierung von Andersdenkenden mündet. Was die Folgen angeht, die Gefahren für Demokratie und Meinungsfreiheit nämlich, kann er sich zu Recht auf Montesquieu berufen: Dort, wo es keine sichtbaren Konflikte gibt, gibt es auch keine Freiheit.

Das Buch kann hier bestellt werden:

Einkaufsmöglichkeit

Geschäft mit dem fehlenden Glied

Charles Darwins Hauptwerk über den Ursprung der Arten erschien im Jahr 1859. Seither treibt die Suche nach dem Missing Link, dem Zwischenwesen von Affe und Mensch, in Wissenschaft und Alltagskultur Blüten.

Neue und für viele äußerst zweifelhafte Maßstäbe in der Vermarktung der eigenen Forschung setzte ein Team um den norwegischen Paläontologen Jørn Hurum. Flankiert von einer beispiellosen Medienoffensive, publizierten sie im Mai »Ida«, so der Spitzname eines quasi vollständig erhaltenen 47 Millionen Jahre alten Primatenfossils aus der hessischen Grube Messel. Eine Pressekonferenz in New York, eine aufwendige Webseite, vorab geschriebene populärwissenschaftliche Bücher und ein bereits vor der Publikation gedrehter Dokumentarfilm des History Channel sollten dem gerade mal 50 Zentimeter großen Äffchen einen maximalen medialen »Impact« bescheren. Man habe das Bindeglied gefunden, das Wort »Missing« könne man in Zukunft getrost weglassen, sagte Wissenschaftler Jørn Hurum. Mit der Anpreisung eines »achten Weltwunders« sollte wohl auch übertüncht werden, dass Ida aufgrund seines hohen Alters de facto überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was man gemeinhin mit dem Missing Link assoziiert: die Abspaltung der Linie der afrikanischen Menschenaffen von jener des Menschen vor vermutlich sechs bis sieben Millionen Jahren. Ida, mit dem wissenschaftlichen Namen Darwinius masillae, steht an der eher prosaisch anmutenden Abzweigung von Trocken- und Feuchtnasenaffen.

Hier der Artikel von Oliver Hochadel: www.merkur.de.

Geist der (Zer)Störung

Bei den Vorbereitungen für einen Vortrag stieß ich bei Zygmunt Baumann erneut auf ein strenges Zitat (Ansichten der Postmoderne, 1995, S. 6):

[Die Postmoderne] ist ein Geisteszustand, der sich vor allem durch seine alles verspottende, alles aushöhlende, alles zersetzende Destruktivität auszeichnet. Es scheint zuweilen, als sei der postmoderne Geist die Kritik im Augenblick ihres definitiven Triumphes: eine Kritik, der es immer schwerer fällt, kritisch zu sein, weil sie alles, was sie zu kritisieren pflegte, zerstört hat.

Höllenstrafe oder Annihilation?

stottInterview.jpgMehrmals hatte ich das Vorrecht, den in Großbritannien sehr einflussreichen Theologen John Stott persönlich näher kennenzulernen. Ziemlich genau vor 10 Jahren durfte ich ihn zusammen mit einem netten Redaktionsteam sogar interviewen (siehe Foto). Von jeder einzelnen Begegnung habe ich enorm profitiert!

1988 hat Stott eher nebenbei in einem Buch darauf hingewiesen, dass er die Vorstellung einer ewigen Höllenstrafe ablehnt. Mit seinem provisorischen Bekenntnis zur so genannten annihilationistischen Position (von lat.: annihilatio, »das Zunichtemachen«), nach der die Unbußfertigen keine ewige Strafe erleiden, sondern vernichtet werden, entfachte John Stott eine weltweite Debatte. Besonders die evangelikalen Theologen Großbritanniens führte die Kontroverse in eine schmerzhafte Zerreißprobe (bei der übrigens Phillip E. Hughes und Michael Green die Sichtweise von Stott verteidigten).

1991 hielt auch Prof. J.I. Packer im Rahmen der aufreibenden Auseinandersetzung in Cardiff einen Vortrag über die Bestimmung des Menschen. Packer verteidigte dankbarer Weise die traditionelle reformatorische Position entschieden.

Martin Downes, damals ein interessierter Jugendlicher im Alter von sechzehn Jahren, hat den Vortrag gehört und inzwischen einen damals erworbenen Tonträger digitalisiert. So können wir auch heute die hervorragende Vorlesung von Packer hören.

Hier kann die Datei herunter geladen werden: www.emw.org.uk.

Weckruf an einen untreuen Hirten

Der Reformator Johannes Calvin hat 1537 in einem Sendschreiben Bischöfe, Lehrer und Älteste aufgefordert, ihren Dienst an der Kirche von Jesus Christus gewissenhaft wahrzunehmen. Ich gebe hier Auszüge aus dem Schreiben wieder, da es heute mindestens ebenso aktuell ist wie vor rund 470 Jahren:

Ich tue das wirklich nur ungern und zögernd, so kompromißlos an dein Verschulden heranzugehen, daß ich dem Anschein nach mehr eine gerichtliche Anklage erhebe, denn als Warner auftrete. Aber was soll ich dir in dieser offensichtlichen Angelegenheit schmeicheln? Zumal ich dich aufs höchste gefährdet sehe, weil du diese Art von Nachläßigkeit begehst, als ob es irgendeine Spielerei wäre, und dir damit Unterhaltung verschaffst. Ich sage es also noch einmal, und du wirst es nicht abstreiten: die Religion Gottes und sein Volk, die deiner Sorge anbefohlen wurden, sind durch deine Untätigkeit nicht bloß alleingelassen und gehen zugrunde. Sie werden vielmehr durch Unredlichkeit und Schlechtigkeit vernichtet. Wenn nun im Krieg von Gesetzes wegen auf einen Deserteur die Todesstrafe angewandt wird – welche gerechte Strafe gilt dann erst einem Überläufer, der nicht bloß seinen Posten und seine Abteilung verläßt, sondern auch noch als Feind gegen die Heimatstadt vorgeht, deren Verteidigung er gelobt hatte? …

Zur Posaune, Wächter; zu den Waffen, Hirte! Was zögerst du? Was bleibst du träge? Was schläfst du? Solange dein Verstand durch nebensächliche Dinge und Angelegenheiten abgelenkt ist, die nichts zur Sache tun, wendest du dich nicht der Sache zu, und alles geht gänzlich zugrunde! Unseliger, du bist dem Herrn für so viele Tote verantwortlich, du bist ein so vielfacher Mörder, so oft hast du dir Blutschuld aufgeladen: der Herr wird jeden Blutstropfen aus deiner Hand zurück- fordern! Und du bleibst unerschrocken bei solchem Donnerschlag? Du erschauderst nicht? Du bist nicht beunruhigt? Du brichst nicht an Leib und Seele ganz und gar zusammen? Oh Mensch, in dir ist allzuviel Rücksichtslosigkeit und Halsstarrigkeit, wenn du durch ein solches Gottesurteil nicht aus der Fassung gebracht wirst, dessen Wucht sicherlich nicht einmal Himmel und Erde und die stummen Elemente selbst aushalten würden! Dabei rede ich noch sehr zurückhaltend, wenn ich dich einen Mörder und einen Verräter der Deinen nenne. Denn mehr als alles andere ist dies ein übles Verbrechen, daß du Christus selbst, soweit er bei dir ist, nochmals verkaufst und nochmals kreuzigst. Denn wenn du die Gemeinde (die Christus durch sein Blut erworben hat) der Vernichtung preisgibst und nur deine Habsucht befriedigst, was ist das anderes, als das Blut Christi, das als Kaufpreis für sie aufgeboten wurde, selbst zu verschachern? Was heißt wohl Christus kreuzigen, wenn nicht dies: sein Blut geringschätzig verhöhnen, und demzufolge mit ihm selbst Spott zu treiben? Und er sollte diese ganz unerhörte Entehrung immer weiter ertragen, er, den der Vater mit Ehre und Ruhm gekrönt hat? Wenn du aber klug bist, wirst du das heilige Blut Christi nun höher schätzen, so hoch wie es ihm gebührt. Wie sehr wirst du nach ihm verlangen, wenn du durch die Härte des Opfers (Christi) lernst, wie wertvoll es vom Herrn selbst gemacht wurde! …

Tricks der Forscher beim Klimawandel?

Hacker haben 1072 interne E-Mails von Forschern eines renommierten britischen Klimawandel-Forschungsinstituts im Internet veröffentlicht. Die so an die Öffentlichkeit gebrachten Dokumente erregen unter anderem den Verdacht, dass Datensätze zum behaupteten Klimawandel manipuliert wurden.

Nachdem die englischsprachige »Welt« seit Tagen erhitzt darüber diskutiert, hat nun auch DIE WELT in Deutschland darüber informiert:

In Anspielung an den großen Skandal, der einst Richard Nixon zum Rücktritt zwang, schreibt der Londoner »Telegraf« schon vom »Climate Gate«. Die »New York Times« zitiert einen Forscher, der statt von einem »rauchenden Colt« gleich von einem »Atompilz« spricht. Die Klimaforschung hat knapp zwei Wochen vor der Kopenhagener Gipfelkonferenz zum Thema ein kleines Glaubwürdigkeitsproblem, nachdem es Hackern vergangene Woche gelungen war, in das Computersystem des englischen Klimaforschungsinstituts (CRU) der University of East Anglia einzudringen.Das CRU zählt zu den wichtigsten Datenlieferanten für den Weltklimarat IPCC, der seit Jahren davor warnt, dass die Menschheit vor einer selbst verschuldeten Klimakatastrophe stehe. Skeptiker bezweifeln die Aussicht auf diese Katastrophe sowie die Hauptschuld des Menschen an der Klimaerwärmung im 20. Jahrhundert. Die durch Hacker an die Öffentlichkeit gebrachten Dokumente des Instituts, vor allem 1072 E-Mails, erregen nun einen vielfältigen Verdacht: unter anderem, dass Datensätze verändert wurden, um Trends zur Abkühlung zu verdecken, dass kritische Wissenschaftler aus der Meinungsfindung entfernt werden sollen, dass intern über die Abwehr unliebsamer Forschungsergebnisse diskutiert wird, und dass bestimmte E-Mails besser gelöscht werden sollten.

Hier der vollständige Bericht: www.welt.de.

Kierkegaards Sprung (Teil 5)

Dürfen Christen ihren Glauben durchdenken?

Kierkegaard diente den säkularen Existentialisten als Folie und ist Vordenker einer Theologie, die Offenbarung von Geschichte abtrennt. Er drängte bedauerlicherweise genau die Leute, die die Notwendigkeit einer lebendigen Christusbeziehung hervorhoben, in ein anti-intellektuelles Denkklima. Kierkegaard, der selbst einen erwähnenswerten Teil seines Vermögens für seine 2748 Bücher ausgab, initiierte so ungewollt eine Welle bildungsfeindlichen Christentums. Warum Verstehen, wenn Existieren im Glauben und Verstehen einander ausschließen?

Kierkegaard wollte mit seinem Rückzug in den fides qua das Christentum gegenüber der Offenbarungskritik immunisieren. Die christliche Metaphysik wurde seit Kant in den Bereich des spekulativen Denkens verwiesen und durch eine streng an den Naturwissenschaften orientierte Erkenntnistheorie ersetzt. Mit der Etablierung dieses neuzeitlichen Wissenschaftsideals setzte die massive Kritik an der historischen Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferungen ein. Es war diese Kritik, die den ›garstigen Graben‹ tiefer und breiter machte. Und genau dieser Kritik wollte er den leidenschaftlichen Glauben entziehen. Kierkegaard reagierte auf die Kritik der Offenbarung mit dem Appell, beim Glauben stehenzubleiben oder, um es anders zu sagen, mit dem Denken in den Glaubensdingen aufzuhören. Er verkennt dabei die zentrale Stellung, die das Denken im Leben der Gläubigen ein­nimmt. Anstatt nach Antworten auf die glaubensbedrohenden Zweifel zu suchen, verbietet Kierkegaard das Denken und fordert Gehorsam. Dieser Reflex löst natürlich das Problem nicht, sondern verdrängt es. Ohne Denken gibt es keinen Glauben. Schauen wir uns deshalb abschließend kurz an, warum das Denken im Leben eines Christen von großer Bedeutung ist.

Schon auf ihren ersten Seiten hebt die Bibel die Bedeutung des Denkens heraus. Der Sündenfallbericht beginnt nämlich damit, dass die Schlange Eva auf böse Gedanken bringen will. Der Höhepunkt der Versuchung durch die Schlange ist das Versprechen: »Ihr werdet sein wie Gott und erkennen, was Gut und Böse ist« (Gen 3,5). Der Fall fand schließlich statt, als Eva sah, »dass der Baum begehrenswert war, Einsicht zu geben« (Gen 3,6). Auch in Röm 1,20–23 u. 28 lesen wir, dass der Abfall des Menschen von Gott in seinem Denken beginnt:

… weil sie Gott zwar kannten, ihn aber weder als Gott verherrlichten, noch ihm gedankt haben, sondern in ihren Gedanken in Torheit verfielen und ihr unverständiges Herz verfinstert wurde. Indem sie behaupteten, Weise zu sein, sind sie zu Narren geworden und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit dem Gleichnis eines Bildes …

Paulus kritisiert hier ein Denken, dass Gott die ihm gebührende Ehre verweigert. Das undankbare Denken des Menschen bleibt auf sich selbst bezogen, ist sich also selbst Gesetz. Dieses autonome Denken richtet sich gegen Gott, wird zur Selbstverherrlichung des Menschen benutzt und ersinnt allerlei Rechtfertigungen für die Sünde. Aber die Boshaftigkeit bezieht sich nicht auf die Formen des Denkens (z.B. die Logik), sondern auch auf die Denkvoraussetzungen und Inhalte. Das Denken ist finster und böse, weil es unter dem Einfluss der Sünde missbraucht wird. Die Alternative zum verkehrten Denken ist gleich­wohl nicht die Gedankenlosigkeit, sondern das gute Denken. Wir neigen dazu, den Bericht über den Sündenfall so zu deuten, als ob Einsicht und Erkenntnis an sich verwerflich seien. Aber die Problematik des Falls ist nicht Erkenntnis allgemein, sondern Erkenntnis, die unabhängig von Gott gewonnen wird. Kurt Hübner schreibt zum Sündenfallbericht:

Unter Erkenntnis aber ist hier die Hybris gemeint, dass sich der Mensch selbst, aus eigener Kraft, ohne der Gottheit zu bedürfen und ohne Rückbeziehung (religio) oder Rücksicht auf Gott, das Wissen über das so zu verstehende Gute und Böse anmaßt.

Verwerflich ist also nicht die Einsicht oder die Vernunft, sondern die heimatlose Vernunft. Schon im Alten Testament wird deutlich, dass die Alternative zum Miss­brauch des Denkens der gottgewollte Einsatz des Denkens ist. So lesen wir z.B. in Spr 28,26: »Wer auf seinen Verstand vertraut, der ist ein Tor; wer aber in Weisheit lebt, der wird entkommen.« Und wenn wir in Spr 3,5 lesen: »Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand«, dann will damit nicht behauptet sein, dass Gottvertrauen in die Denkfaulheit führt. Der Autor warnt uns ganz im Sinne des Sündenfallberichtes davor, den Verstand autonom, also losgelöst von Gottes Gedanken, zu ge­brauchen. Wir sind berufen nachzudenken, was Gott denkt. Der Mensch, der durch den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus Vergebung für seine Schuld – auch die Schuld seines verkehrten Denkens – und ein neues Leben geschenkt bekommt, erhält ein neues Herz und damit ein neues Denken. Der unversöhnte Mensch kann die Interessen Gottes nicht erkennen. Der Mensch in der Gemeinschaft mit Gott hat jedoch »das Denken des Christus« (1Kor 2,16; vgl. 1,10). An die Stelle des bösen Denkens tritt Gottes Weisheit und ein Denken, das in Christus »alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis« sucht und findet (Kol 2,3). Der Friede mit Gott macht also das gute Denken wieder möglich. Er ist Voraussetzung dafür, dass die durch Sünde verwundete und selbstherrliche Vernunft heilt und ihre Heimat zurückfindet.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sich das Denken eines Christen automatisch dem Denken Gottes unterordnet. Jemand, der Frieden mit Gott geschenkt bekommen hat, muss lernen, Gott mit seinem Denken zu lieben. Jesus sagt in Mt 22,37: »Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und ganzem Verstand«. Paulus verfolgt mit seiner Aufforderung in Röm 12,1–2 ein ähnliches Anliegen: »Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene«. Christen sollen ihre Gedanken unter den Gehorsam Christi bringen (vgl. 2Kor 10,5). Deshalb ist ein Christ ein denkender Mensch, ein Mensch, der seine nun beheimatete Vernunft dazu einsetzt, Gott die Ehre zu geben.

Kierkegaards moralischer Appell, beim Glauben stehen zu bleiben, kann möglicherweise Zweifel und Unfrieden kurzfristig verdrängen. Langfristig steht er einer Glaubensvertiefung im Weg. Nur Gottes Worte, die tief fallen (vgl. Lk 8,12; ähnlich Mt 13,19), also denkerisch verarbeitet und in ein Verhältnis zur Lebenswirklichkeit gebracht werden, können aufgehen und Frucht bringen. Kierkegaard, der die Erbauung der lebendigen Christenheit im Sinne hatte, trug so unbeabsichtigt mit zur nihilistischen Wende des 19. Jahrhunderts bei. Seine Anschauung vom Christsein hat – wie Thomas Johnson treffend konstatiert – die westliche Gesellschaft tief verunsichert. »Eine Gesellschaft, die die Rationalität preisgibt, muss Gott, die Würde des Menschen, Sinn und all­gemeingültige moralische Werte als etwas Irrationales ansehen. Eine ganze Zivilisation verlor das intellektuelle Fundament, das ihr einst das Christentum gegeben hat.«

Schluss

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