Darf man fremde Kinder tadeln, wenn sie sich danebenbenehmen? Nein, lautet häufig die Antwort. Denn Erziehung gilt zunehmend als intime Angelegenheit – mit abstrusen Folgen. Wir haben inzwischen unseren sozialen Kompass verloren, meint Frank Patalong. Kinder brauchen Grenzen. Und die sollten nicht nur die eigenen Eltern setzen.
So bizarr ticken wir inzwischen als Gesellschaft: Wir halten die Klappe, wenn Kinder öffentlich zu Monstern mutieren, und beschweren uns, wenn sie sich normal verhalten.
Stattdessen haben wir das einzelne Kind zu einem schützenswerten Sanktum erklärt, als stünde es auf der Roten Liste. Es kann nichts falsch machen, es darf alles, es muss sich ausleben, Kritik ist nicht angesagt, die Interessen Erwachsener zählen nicht.
Zum einen die kinderfeindliche Enge des öffentlichen Raums, in dem sich Kinder immer weniger frei bewegen dürfen, zum anderen das erzieherische Vakuum in Situationen, in denen ihnen eigentlich Grenzen gesetzt werden müssten, sind zwei Seiten derselben Medaille: Sie sind Zeichen dafür, wie fremd uns der Umgang mit kleinen Menschen geworden ist, wie artifiziell wir mit Erziehung umgehen.
Ron Kubsch (Hg.): Im Zweifel für den Zweifel?: Beiträge zur christlichen Apologetik, Bonn: VKW, 2010, 215 S., 9,90 Euro
ist kürzlich als idea-Dokumentation erschienen. Im Vorwort heißt es:
Eine Apologetik, die sich auf eigene Gefühle beruft, ist heute sehr verbreitet. Ein »das habe ich erlebt« mag für ein persönliches Zeugnis hilfreich sein, für die denkerische Verteidigung des christlichen Glaubens ist das allerdings zu wenig. Für die Verkündigung des Evangeliums im öffentlichen Raum braucht es auch die Kenntnis objektiver Gründe für den eigenen Glauben. Der Apostel Petrus erwartet nach 1Petr 3,15–16 von den Christen, dass sie den Grund für ihre Hoffnung vernünftig kommunizieren können. Ein apologetisch denkender Christ glaubt nicht nur, er kann auch erklären und begründen, warum und woran er glaubt …
Die in diesem Band gesammelten Aufsätze wollen Christen dabei helfen, in den Glaubensdingen sprachfähig zu werden. Sie gehen auf die Studienwoche »Im Zweifel für den Zweifel?« zurück, die das Martin Bucer Seminar im Sommer 2010 zusammen mit Mitarbeitern von »L’Abri« in Berlin veranstaltet hat oder sind im Rahmen anderer apologetischer Dienste entstanden.
Hier die Titelei mit dem Inhaltsverzeichnis: MBSJB2010.pdf.
Das Buch mit Beiträgen von Daniel von Wachter, Harald Seubert, Thomas Schirrmacher, Robb Ludwick und Wim Rietkerk kann hier bestellt werden:
Glenn Penner: Im Schatten des Kreuzes: Verfolgung und Christusnachfolge – eine biblische Theologie, Brockhaus Verlag, 2011, 432 S., 16,95 Euro
ist inzwischen beim Brockhaus Verlag in deutscher Sprache erschienen. Der Verlag schreibt dazu:
Glenn M. Penner widmet sich in seiner umfassenden Studie einem oft verdrängten Thema: dem Verhältnis von Verfolgung, Leid und echter Christusnachfolge. Hierfür untersucht er ausgewählte Texte der gesamten Bibel – von den fünf Büchern Mose bis zur Offenbarung des Johannes. Außerdem zeigt er, dass es bereits in der Bibel viele verfolgte Menschen gab und dass Gott selbst ein leidender Gott ist. Doch Leid und Verfolgung haben nicht das letzte Wort, sondern Christen dürfen auf ein besseres Leben hoffen, auf die Ewigkeit.
Glenn ist inzwischen selbst bei seinem Herrn. Sein Buch ist ein Vermächtnis. Ich empfehle es.
Der DLF informiert über die Lage der Religionsfreiheit in der Türkei. Die Situation hat sich für Christen in den letzten Jahren, so der Beitrag, leicht verbessert:
In seinem Buch Das glücklichste Volk beschreibt der Linguist Daniel Everett, wie er auszog, im brasilianischen Urwald das Volk der Pirahã zum Christentum zu bekehren (München: DVA, 2010). Fast alles kam anders als erwartet. Die Eingebohrenen wollten seinen Jesus nicht. »Die Ablehnung des Evangeliums durch die Pirahã führte« sogar dazu, dass »ich selbst meinen Glauben infrage stellte«, schreibt Everett (S. 395). Am Ende verlor er nicht nur seinen christlichen Glauben, sondern auch seine Familie.
Bevor Everett als Bibelübersetzer und Missionar zu arbeiten begann, ließ er sich am Moody Bible Institut und auf der Biola University ausbilden. Als Jahresbester sammelte der Student nicht nur Erfahrungen bei Evangelisationsveranstaltungen, er belegte auch das Fach Apologetik. Gelernt hatte er dort allerdings eine Glaubensverteidigung, die vor allem aus dem Reichtum der eigenen Erfahrung schöpfte. Diese Apologetik blieb bei den Pirahã ohne den erwünschte Erfolg, wie Everett selbst eindrücklich beschreibt: »Für das, was ich sagte, konnte ich nur subjektive Begründungen anführen, nämlich meine eigenen Gefühle« (S. 396). Warum sollte er ihnen überhaupt von Jesus erzählen? »Mein Problem war: Warum sollte ich sie von Gott überzeugen? Damit sie ein besseren Leben hätten?« (siehe den nachfolgenden Filmbeitrag).
Warum hat Everett sich »entkehrt«?. Er glaubte an einen Jesus, den er selbst noch nicht gesehen hatte. Aus der Sicht der Pirahã einfach lächerlich. »Wie ich heute weiß« schreibt Everett, »liegt das daran, »dass die Pirahã nur glauben, was sie sehen. Manchmal glauben sie auch Dinge, die ein anderer ihnen erzählt hat, vorausgesetzt, diese Person war tatsächlich Zeuge der geschilderten Ereignisse« (S. 389). Everett war es also, der mit einer Wahnvorstellung lebte, nämlich »der Illusion der Wahrheit« (398). Die Pirahã sind so glücklich wie sie sind, weil sie ohne Wahrheit leben. »Sie kennen nicht das Streben nach Wahrheit als transzendenter Realität. Schon dieses Konzept hat in ihrem Wertesystem keinen Platz« (400).
Nun, das Buch enthält viele Beispiele dafür, dass auch die Pirahã ohne ein »Konzept von Wahrheit« nicht leben können. So sagen sie beispielsweise, es sei falsch, an jemand zu glauben, den man nicht gesehen hat. Es sei auch falsch, Jesus zu vertrauen oder nur eine Frau zu lieben (S. 386). Everett selbst zeigt in seinem Buch, wie hilfreich die Unterscheidung von Wahrheit und Einbildung sein kann. Er lehnt z.B. inzwischen das Evangelium ab, weil es aus seiner Sicht ein falscher Wahn ist. Oder: Als eines Tages ein Pirahã aufgeregt erzählte, dass letzte Nacht Jesus in ihr Dorf kam und Sex mit den Frauen haben wollte, war Everett sich sicher, dass der Indianer sich das weder ausgedacht hatte, noch es tatsächlich Jesus war, der versucht hatte, die Frauen zu vergewaltigen. Solche Unterscheidungen zwischen Trug und Wirklichkeit können in der Tat sehr hilfreich sein. Gelegentlich können sie Leben retten.
Everett glaubt nicht mehr an Jesus, weil er ihn nicht gesehen hat. Es scheint an dieser Stelle wichtig zu sein, dass bereits den Autoren der neutestamentlichen Schriften dieses Problem bekannt war. Schon damals gab es Zeugen aus erster Hand und ganz viele andere Jünger, die das Evangelium nur vom Hörensagen kannten. Deshalb stellten die Autoren des Neuen Testamentes heraus, dass es sich bei der Nachricht von Jesus Christus nicht um eine erfundene Geschichte oder eine esoterische (im Sinne von rein innerliche) Erfahrung handelt. Denken wir an den Prolog des Lukasevangeliums. Wir lesen dort (1,1–4): »Schon viele haben es unternommen, über das, was unter uns geschehen und in Erfüllung gegangen ist, einen Bericht abzufassen nach der Überlieferung derer, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes waren. So beschloss auch ich, nachdem ich allem von Anfang an sorgfältig nachgegangen war, es der Reihe nach für dich aufzuschreiben, verehrter Theophilus, damit du die Zuverlässigkeit der Lehren erkennst, in denen du unterrichtet wurdest.« Im Zweiten Petrusbrief lesen wir (1,16): »Denn nicht weil wir klug ausgedachten Mythen gefolgt sind, haben wir euch die Macht und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, sondern weil wir Augenzeugen seines majestätischen Wesens geworden sind.« Und auch Johannes betont, um eine letzte Stelle zu nennen, dass die Apostel zuverlässige Zeugen des Christusgeschehens sind (1Joh 1,1–4): »Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen haben, was wir geschaut und was unsere Hände berührt haben, das Wort des Lebens — das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist —, was wir nun gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr Gemeinschaft habt mit uns. Die Gemeinschaft mit uns aber ist Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und dies schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.« Die Autoren legten also viel Wert auf gründliche Arbeit und Authentizität in der Berichterstattung.
Jedenfalls haben sie das von sich behauptet. Nun, ich höre schon den Einwand von Everett und vielen anderen: »Ach, das ist zweitausend Jahre lang her und wer sagt uns denn, dass diese Zeugenberichte tatsächlich verlässlich sind? Nur was ich aus erster Hand erfahre, kann ich glauben! Vielleicht haben sie das alles nur erfunden, um sich Geltung zu verschaffen?«
Wäre diese Rückfrage ein ernstzunehmender Einwand, hätte Daniel Everett sein Buch über die Lebensphilosophie der Pirahã besser nicht geschrieben. Was ich über die Indianer weiß, stammt aus seinem Buch. Ich muss mich darauf verlassen, dass seine Eindrücke und Erfahrungen den Tatsachen entsprechen, er sich also weder getäuscht hat, noch mich belügt. Zudem muss davon ausgehen, dass ich seine »Sprachspiele« akkurat verstehen kann. Viel mehr Gründe gibt es, die Berichte der Apostel ernst zu nehmen. Sie haben, anders als Everett mit seinem Buch, mit ihren Evangelien, Berichten und Briefen kein Geld verdient (also vordergründig die Lebensqualität gesteigert). Das Leben dieser Apostel wurde durch ihre Begegnung mit Jesus Christus völlig auf den Kopf gestellt (vgl. z.B. 2Kor 11,23ff). Viele von ihnen sind als Märtyrer gestorben. Was, wenn nicht die Echtheit ihrer schriftlich niedergelegten Erfahrungen, soll sie bewegt haben, diesen für sie so entbehrungsvollen Weg zu gehen?
Für Everett ist es eine reizvolle Vision, ohne absolute Werte, ohne Rechtschaffenheit, Heiligkeit oder ein Konzept von Sünde und Schuld zu leben (S. 399). Jedenfalls vermittelt er uns den Eindruck, als sei das das höchste zu erstrebende Glück. Der aufmerksame Leser seines Buches wird freilich schnell bemerken, dass es auch unter den Pirahã jede Menge von Schulderfahrungen gibt. Nicht nur Diebstal, auch brutaler und hinterlistiger Mord gehören zur Wahrheit des glücklichsten Volkes. Das Schuldproblem wird, so beschreibt es Everett eindrücklich, durch Ächtung oder durch Schweigen gelöst. So hat man dann eben Freunde, die man besser nicht auf ihre Morde anspricht (vgl. S. 222–223). Eine überzeugende Vision für ein Leben, dass von Vertrauen und Glück geprägt ist?
Zwei abschließende Bemerkungen:
Zum einen macht das Beispiel von Everett deutlich, wie wichtig für Missionare eine solide theologische Ausbildung ist, in der auch fundamentaltheologische Fragen durchdacht werden. Everett hat sich nach einer Zeit im Exzess und mit Drogen durch die Begegnung mit evangelikalen Christen bekehrt. Der Erfahrung seiner Schuld entsprach der erfahrene Zuspruch der Vergebung. Solche Erlebnisse sind existentiell. Nichts daran ist verwerflich. Allerdings kann aus ihnen ein Frömmigkeitsstil erwachsen, der diese Erfahrung zur Grundlage des Glaubens erklärt. Wird dann irgendwann, z.B. durch einen Kulturwechsel, die Schulderfahrung relativiert, bleibt nicht mehr viel übrig. Everett, ein nachdenklicher Mensch, scheint grundlegende Fragen des christlichen Glaubens nie wirklich durchdacht zu haben und hatte so auf dem Missionsfeld der Mystik des Augenblicks bei den Pirahã nicht mehr viel entgegenzusetzen. Leidenschaft reicht also bei einem Ruf in die Mission nicht aus. Die Klärung wichtiger theologischer Fragen gehört zur Zurüstung hinzu.
Auf Seite 394 seines Buches legt Everett ein erstaunliches Bekenntnis ab: »Hätte ich mir die Zeit genommen und etwas über dieses Volk gelesen, bevor ich es zum ersten Mal besuchte, so hätte ich erfahren, dass Missionare sich schon seit über hundert Jahren um ihre Bekehrung bemüht hatten.« Ich musste den Satz zweimal lesen. Everett hat sich tatsächlich mit seiner damaligen Familie bei einem bis dahin unerreichten Stamm niedergelassen, ohne sich vorher gründlich über die Geschichte dieses Volkes zu informieren (obwohl es Literatur dazu gibt)? Ein guter Missionar kennt seine Bibel und die Zielkultur! Also auch hier: Leidenschaft reicht nicht. Es gehört zur Pflicht eines Missionars, sich so gut als möglich über die Kultur, in der er sich niederlässt, zu informieren.
Im »Bekenntnis der zerstreuten Kirche«, das in der nachfolgend zitierten Genfer Fassung (Entwurf zur Confessio Callicana von 1559) auf Calvin zurückgeht, heißt es zum Osterereignis:
12. Wir glauben, daß Gott bei der Sendung seines Sohnes kein anderes Ziel verfolgt hat, als seine unschätzbare Liebe und Güte gegen uns zu erweisen (Joh 3,16; 1Joh 4,9) und, indem er ihn sterben und auferste hen ließ, alle Gerechtigkeit zu erfüllen (Röm 4,25), um uns das Leben in seinem himmlischen Reich zu erwerben.
13. Wir glauben, daß wir durch das einzigartige Opfer, das er am Kreuz dargebracht hat, mit Gott versöhnt sind, so daß wir vor ihm als gerecht gelten und angesehen werden (Eph 5,2; Hebr 10,10.12.14). Denn wir können ihm nicht gefallen, auch an seiner Kindschaft keinen Anteil bekommen, es sei denn, daß er uns unsere Fehler vergibt und sie begräbt. So bekennen wir, daß Jesus Christus uns gänzlich und vollkom men reinigt (Eph 5,26; Tit 3,5), und daß sein Tod voll und ganz genügt, um uns von unseren frevelhaften und unrechten Taten loszu sprechen, deren wir schuldig sind (Hebr 9,14; 1Petr 1,19; 1Joh 1,7). Wir können durch kein anderes Mittel davon frei werden.
Für den von mir bereits schon einmal zitierten Rainer Funk ist die Ich-Orientierung das herausragende Kennzeichen des postmodernen Menschen. Funk schreibt (Ich und Wir, S. 55):
Der postmoderne Ich-Orientierte strebt leidenschaftlich danach, frei, spontan, unabhängig und ohne Begrenzungen durch Vor- und Maßgaben selbst bestimmen zu können. Das entscheidende Movens ist die postmoderne Lust an der selbstbestimmten, ich-orientierten Erzeugung von Wirklichkeit, und zwar der den Menschen umgebenden Wirklichkeit, die er sich selbst schafft, ebenso wie der Wirklichkeit, die er selbst ist, indem er sich selbst erschafft – nach dem Motto: »Nur wenn du etwas aus dir machst, bist du was!« Diese Lust an einer ich-orientierten Wirklichkeitserzeugung ist der Grund, warum diese Gesellschafts-Charakterorientierung postmoderne Ich-Orientierung genannt wird.
Die Grundüberzeugung postmoderner Ich-Orientierung lautet: »Lass dir von niemandem sagen, wer du bist. Du bist der, der du bist.« (»Bleib du du!« war schon vor Jahren der Slogan der Zitronenlimonade »Sprite«.) Nur in der radikalen Ich-Orientierung einer spontanen und freien Selbstsetzung und Selbstinszenierung lässt sich das Authentische und Eigene postmodern in Erfahrung bringen. Alles ist beliebig. Mit jedem und allem kann und soll spielerisch umgegangen werden. Es gibt nichts, was es nicht gibt, und deshalb geht alles. Und alles, was geht, ist o.k. Es gibt nichts, was nicht im Fluss wäre. Alles ist fließend. Keiner hat das Recht zu sagen, was gut oder böse, richtig oder falsch, gesund oder krank, echt oder unecht, realitätsgerecht oder illusionär ist. Was zählt, ist allein die ich-orientierte Erzeugung von Wirklichkeit: »dass ich ich selbst bin«.
Auch wenn es hierzu sehr viel zu sagen gäbe, möchte ich kurz anregen, diese Ich-Orientierung mal aus der Perspektive der Logotherapie wahrzunehmen. Die Logotheraphie geht ursprünglich auf Viktor E. Frankl zurück (1905–1997), der davon überzeugt war, dass wir Menschen existentiell auf Sinn ausgerichtet sind und ein nicht erfülltes Sinnerleben zu seelischen Erkrankungen führt (hier gibt es übrigens eine gut lesbare Einführung zu Frankl von Hanniel).
Frankl behauptet, dass Sinn gefunden werden muss. Dieser Sinn hat einen objektiven Charakter. Wir können ihn entdecken, aber er steckt nicht in uns (Konzept der Selbstverwirklichung) und kann auch nicht von uns erzeugt werden (Konzept des Existentialismus). Er beschreibt die Transzendenz des Menschen so (zitiert bei Hanniel, S. 12):
Der Mensch ist im Grunde ein Wesen, das nach Sinn strebt – einen Sinn zu finden und zu erfüllen. Er will nicht nur sich Triebe und Bedürfnisse erfüllen. Der Mensch weist über sich selbst hinaus. Er ist ausgerichtet auf die Welt, in der es gilt, einen Sinn zu erfüllen oder anderen liebend zu begegnen.
Wenn der Mensch seinen Platz und damit die Möglichkeit, sich verantwortungsvoll in diese Welt einzufügen, findet, dann lebt er ein erfülltes Leben, sogar dann, wenn es, wie bei Frankl, schweres Leid mit einschließt (Frankl war Jude und wurde deportiert. Während seine Familie die Konzentrationslager nicht überlebte, wurde er selbst von den Amerikanern 1945 aus einem Außenlager des KZ Dachau befreit).
In einem kurzen Interview, dass ich hier wiedergebe, erläutert Frankl das transzendente Wesen des Menschen anhand eines Bildes. Das gesunde Auge, so meint er, nimmt die Welt, andere Menschen etc. wahr, nicht sich selbst. Wenn das Auge sich selbst wahrnimmt, dann »stimmt etwas nicht«.
Wie würde er wohl einen Ich-orientierten Lebensentwurf einordnen, bei dem das Auge nicht einmal mehr sich selbst, sondern nur noch eine Projektion des Selbst wahrnimmt? Ist das nicht geradezu das Gegenteil von dem, was er als »Selbstvergessenheit« oder das »sich selbst hinter sich lassen« bezeichnet?
Vier Jahre nach dem Start in Amerika steigt der Online-Händler auch in Deutschland in das Geschäft mit E-Books ein. Zum Auftakt werden mehr als 25.000 digitale Ausgaben von deutschsprachigen Buchtiteln angeboten. Parallel dazu verkauft Amazon auch das elektronische Lesegerät Kindle erstmals in Deutschland.
Der Online-Händler Amazon hat seinen Kindle-Store für den Verkauf elektronischer Bücher in Deutschland gestartet. Zum Start werden rund 650.000 Titel angeboten, darunter mehr als 25.000 deutschsprachige Bücher sowie gratis auch viele deutsche Klassiker. »Wir bieten alle E-Books, die es auf dem deutschen Markt gibt, nun auch im Kindle-Store an. Dazu gibt es Zeitungen wie die F.A.Z., das Handelsblatt und Die Zeit. Mit 71 der 100 Bestseller aus der Spiegel-Liste sind wir in einer guten Startposition«, sagte Ralf Kleber, der deutsche Geschäftsführer von Amazon, der F.A.Z. Amazon hoffe nun auf eine ähnliche Entwicklung wie in Amerika: »Dort haben wir den Kindle-Store mit 90.000 Titeln an den Start gebracht; heute sind es rund 900.000. Der Kindle-Store ist das wichtigste Ereignis für uns seit der Gründung von Amazon.de«, sagte Kleber.
Studenten möchten immer häufiger über ethische Themen diskutieren. Erste Hochschulen reagieren auf diesen Wunsch. Doch vor allem in den Wirtschaftswissenschaften bleibt noch viel zu tun.
Birgitta vom Lehn schreibt:
»Macht euch die Erde untertan«: Der Moses-Spruch aus dem Alten Testament sei lange falsch verstanden worden, moniert Sebastian Kistler. Nicht erst seit der Atomkatastrophe von Fukushima sei den meisten Menschen klar, dass es unethisch sei, die Natur schonungslos auszubeuten – gerade auch aus christlicher Sicht. Kistler ist Philosoph und katholischer Theologe und berät Studenten, die sich für den neuen Masterstudiengang Umweltethik an der Universität Augsburg einschreiben wollen. Seit vergangenem Herbst bietet ihn die katholische Fakultät an. Angemeldet haben sich bislang aber nur drei Studenten. »Es muss sich wohl erst herumsprechen, dass es ihn gibt«, meint Kistler.
Der interdisziplinäre Studiengang richtet sich an Theologen, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler. »Klimawandel und Armutsbekämpfung sind die dringendsten Fragen überhaupt«, findet Kistler. Und: »Ethisch argumentieren muss man lernen.« Deshalb verschaffen die einzelnen Module nicht nur Einblick in die Ethikgeschichte, sondern auch in technische und rechtliche Fragen. Sie sollen die Kandidaten debattenfest machen.
Alle Menschen denken und argumentieren ethisch. Die Frage: Was für eine Ethik leitet die Leute?, ist eine andere. Umgekehrt gilt, dass nicht jeder Ethiker eine gute Ethik vertritt. Der in dem Artikel zitierte Peter Singer ist meines Erachtens jemand, auf den genau das zutrifft (vgl. z.B. dieses Interview).
Insgesamt finde ich es ermutigend, dass Studenten und Lehrkräfte bemerken, dass wir Geisteswissenschaften und ethische Begründungen brauchen. Zugleich kann ich nur hoffen, dass Vertreter einer »kopernikanischen Wende« in der Ethik, wie z.B. Peter Singer, nicht allein das »Feld bestellen«. Falls die Menschen, die Ehrfurcht vor dem Leben haben, dieses Gebiet vollständig räumen, werden sich allerdings utilitaristische Ansätze durchsetzen (vgl. die Debatte hier).
Thomas Thiel hat eine hervorragende Rezension zu einem wichtigen Buch geschrieben:
Technik und Wissenschaft, heißt es, hätten die Welt entzaubert, aber man kann auch zu dem Schluss gelangen, dass sich mit dem technischen Fortschritt eine neue Art des Unheimlichen über sie gelegt hat. Man spricht gern von technischer Magie, muss es jedoch nicht Verzauberung nennen. Es ist kein verlockendes, eher ein diffuses und gespenstisches Gefühl, das sich einstellt. Es äußert sich am stärksten dann, wenn maschinelle Leistungskraft dem eigenen Vermögen in Bereichen voraus ist, die man zum engeren Kern der Persönlichkeit rechnet. Wenn Taschenrechner eine bestimmte Art logischen Denkens abnehmen, ist das relativ leicht zu verschmerzen. Wenn aber Algorithmen in Urteil- und Geschmacksbildung eingreifen, wenn sie besser wissen, welches Lied man jetzt gerade hören möchte oder welches Buch man sich als nächstes bestellen sollte, und wenn Fremde Wissen über die eigene Person erlangen, dessen Quellen man nicht kennt und das mit unvermuteten Effekten und in unerwarteten Situationen hervortritt, dann äußert sich das als eine neue Form von prometheischer Scham: die Erfahrung, dass uns nur noch eine fiktive Autonomie bleibt, die von technischen Verfahren unsichtbar kanalisiert wird.
Hier die Buchbesprechung, die auch darauf eingeht, das soziale Netzwerke bereits vor der Einführung von Gesichtserkennungsfunktionen stehen: www.faz.net.