2017

Nashville Erklärung in deutscher Sprache

Der „Rat für biblisches Mannsein und Frausein“ (engl. „Council on Biblical Manhood and Womanhood“, abgekürzt CBMW) hat im August 2017 eine Erklärung zur menschlichen Sexualität vorgelegt. Die sogenannte „Nashville Erklärung“ (engl. „Nashville Statement“) nimmt zu Fragen Stellung, die seit Jahren kontrovers diskutiert werden, darunter Homosexualität, polygame oder polyamoröse Beziehungen sowie die Geschlechterrollen.

Gottes wunderschöne Schöpfungsordnung

Ausgehend von der Beobachtung, dass die westliche Kultur im 21. Jahrhundert zunehmend post-christlich geworden ist und begonnen hat, „ganz neu zu definieren, was es heißt, ein menschliches Wesen zu sein“, ruft die Nashville Erklärung die Kirche dazu auf, Gottes wunderschöne Schöpfungsordnung, so wie sie in der Heiligen Schrift niedergelegt und in der Natur erkennbar ist, dankbar zu bejahen. „Wir gehören nicht uns selbst. Unsere wahre Identität als männliche und weibliche Personen wurde uns von Gott verliehen. Zu versuchen, etwas anderes aus uns selbst zu machen als das, wozu Gott uns geschaffen hat, ist nicht nur töricht, sondern zum Scheitern verurteilt“, heißt es in der Erklärung. Sie mahnt zur Anerkennung der Gleichwertigkeit von Mann und Frau und zugleich zur Bejahung der Verschiedenheit zwischen den Geschlechtern.

Sexualität als Gabe für den Ehebund

Die Nashville Erklärung enthält 14 Artikel mit Bekräftigungen und Verwerfungen. Artikel 2 bekennt sich etwa zur Sexualität innerhalb der Ehe und verwirft, dass irgendein Begehren jemals Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe rechtfertigen dürfe. Der Artikel 8 bekräftigt, „dass Menschen, die sich vom gleichen Geschlecht sexuell angezogen fühlen, durch den Glauben an Jesus Christus ein reiches, fruchtbringendes und Gott wohlgefälliges Leben führen können, indem sie, wie es allen Christen geboten ist, in Reinheit leben“. Abgelehnt wird hingegen, dass die sexuelle Anziehung für das gleiche Geschlecht ein Bestandteil von Gottes ursprünglicher, guter Schöpfung sei.

Über 150 bekannte Erstunterzeichner

Zu den Erstunterzeichnern der Nashville Erklärung zählen mehr als 150 angesehene Theologen und Persönlichkeiten aus dem evangelikalen Lager, darunter J.I. Packer, Wayne Grudem, Albert Mohler, D.A. Carson, John Piper, Mark Dever, John MacArthur, R.C. Sproul oder Vaughan Roberts. Rosaria Butterfield, die sich einst als Literaturprofessorin zum Lesbianismus bekannte und heute Ehefrau eines Pfarrers ist, hat die Erklärung ebenfalls gezeichnet.

Protest und eine Gegenerklärung

„Christians United“, eine Organisation, die sich für die Integration von LGBTplus-Interessen in den christlichen Kirchen einsetzt, hatte am 30. August eine Gegenerklärung veröffentlicht und verneint darin, dass Gott beabsichtigt habe, die Sexualität innerhalb des Ehebundes zwischen einem Mann und einer Frau zu verorten. Zu den Unterzeichnern der Gegenerklärung gehört etwa der britische Baptistenpastor Steve Chalke, der aufgrund schwerwiegender Meinungsverschiedenheiten die Evangelische Allianz in Großbritannien verlassen musste.

Matthias Lohmann: „Erklärung überfällig“

Der Vorstand des Netzwerks „Evangelium21“ hofft, dass das Dokument zur Klärung in sexualethischen Fragen beiträgt. Laut Pastor Matthias Lohmann, 1. Vorsitzender des Vereins, sei solch eine Erklärung überfällig. „Obwohl das Christsein nicht mit einer Sexualmoral verwechselt werden darf, können wir die biblische Sicht auf die Geschlechtlichkeit nicht aufgeben.“ Gott als Schöpfer des menschlichen Lebens – so Lohmann weiter – „hat uns eine sehr gute und schöne Ordnung geschenkt, um das Familienleben und die Sexualität, die den Menschen ja auch sehr verletzbar mache, zu schützten“. Ron Kubsch, Generalsekretär von Evangelium21, ergänzt: „Wir brauchen so ein Statement, aber auch Mut zur Selbstkritik hinsichtlich unseres eigenen Versagens. Wir Christen sind nicht immer ein gutes Vorbild im Umgang mit unserer Sexualität und unserer Familie.“ Kubsch fügt hinzu: „Die gesellschaftlichen Entwicklungen in diesem Bereich werden unsere Geduld und unser seelsorgerliches Handeln noch gewaltig herausfordern.“

Nashville Erklärung in deutscher Sprache erschienen

Die Nashville Erklärung wurde von Evangelium21 mit freundlicher Genehmigung übersetzt und kann hier heruntergeladen werden.

Die schlimmste Versuchung

Martin Luther in seiner Auslegung von Psalm 78 (Digitale Bibliothek Band 63: Gesammelte Werke, Bd. 1, 100–101).

So ungläubig und widerspenstig sind sie, dass sie lieber die ganze Schrift leugnen oder zuschanden machen und gegen die Kirche so vieler Geschlechter kämpfen, als dass sie ihre Gedanken gefangen nähmen unter den Gehorsam Christi (2. Kor. 10, 5). Alles ziehen sie in Zweifel und in Frage, was durch so viele Jahrhunderte hindurch bewahrt wurde und wofür so viele Märtyrer gestorben sind … Nicht glauben zu wollen also und alles in Zweifel zu ziehen und immer nach einer anderen Lehre zu suchen, das ist die schlimmste Versuchung, die der Herr schicken kann. Hüte dich also, Mensch, lerne lieber in Demut weise zu sein und überschreite nicht in deiner Neuerungssucht die Grenzen, die deine Väter gesetzt haben.

Unser säkulares Zeitalter

51a58Oa2y2L SX331 BO1 204 203 200Kaum ein Buch, das in den letzten zehn Jahren veröffentlicht wurde, hat sich so ehrgeizige Ziele gesetzt wie Charles Taylors Werk Ein säkulares Zeitalter. Taylor versucht darin nicht weniger, als die Ausbreitung des Säkularismus und die Krise des Glaubens in den letzten 500 Jahren schlüssig zu erklären. Der Verlag stellt das Buch – übrigens 1299 Seiten – mit den Worten vor:

Was heißt es, daß wir heute in einem säkularen Zeitalter leben? Was ist geschehen zwischen 1500 – als Gott noch seinen festen Platz im naturwissenschaftlichen Kosmos, im gesellschaftlichen Gefüge und im Alltag der Menschen hatte – und heute, da der Glaube an Gott, jedenfalls in der westlichen Welt, nur noch eine Option unter vielen ist?

Um diesen Wandel zu bestimmen und in seinen Folgen für die gegenwärtige Gesellschaft auszuloten, muß die große Geschichte der Säkularisierung in der nordatlantischen Welt von der frühen Neuzeit bis in die Gegenwart erzählt werden – ein herkulisches Unterfangen, dem sich der kanadische Philosoph Charles Taylor in seinem mit Spannung erwarteten neuen Buch stellt. Mit einem Fokus auf dem „lateinischen Christentum“, dem vorherrschenden Glauben in Europa, rekonstruiert er in geradezu verschwenderischem Detail die entscheidenden Entwicklungslinien in den Naturwissenschaften, der Philosophie, der Staats- und Rechtstheorie und in den Künsten. Dem berühmten Diktum von der wissenschaftlich-technischen „Entzauberung der Welt“ und anderen eingeschliffenen Säkularisierungstheorien setzt er die These entgegen, daß es die Religion selbst war, die das Säkulare hervorgebracht hat, und entfaltet eine komplexe Mentalitätsgeschichte des modernen Subjekts, das heute im Niemandsland zwischen Glauben und Atheismus gefangen ist.

In einem Sammelband haben nun Autoren und Theologen wie Collin Hansen, Michael Horton, Brett McCracken, Jen Pollock Michel, Carl Trueman Charles Taylors Thesen untersucht und sich gefragt, was sie für die Kirchen und die Mission bedeuten. Das erste Kapitel des Buches kann hier heruntergeladen werden. Das Cover wurde übrigens von Peter Voth gestaltet (ein Interview mit Peter gibt’s hier). Herzlichen Glückwunsch!

Das Buch Our Secular Age: Ten Years of Reading and Applying Charles Taylor kann hier bestellt werden.

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Die totale Anständigkeit oder „Ist das Gedicht frauenfeindlich?“

Wenn man in Berlin mit der U5 Richtung Hönow fährt, erreicht man die Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Die Einrichtung bildet Sozialarbeiter aus, Kindheitspädagogen, Pflegemanager und Physiotherapeuten. Meist arbeiten Frauen in diesen Berufen. Seit ein paar Jahren vergibt die Hochschule einen Poetik-Preis. Ein Preisträger ist der aus Bolivien stammende und in der Schweiz lebende Dichter Eugen Gomringer. Er ist 92 Jahre alt. Sein Gedicht „avenidas“ steht an der Südfassade der Hochschule in großen Buchstaben. Er hat es der Hochschule überlassen.

Der spanische Text lautet übersetzt:

Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer.

Dieses Gedicht ist inzwischen Gegenstand einer hitzigen Debatte in Berlin. Manche sprechen sogar von einem Kulturkampf. Es begann mit einem Offenen Brief von im Asta organisierten Studenten. Sie beziehen sich in dem Schreiben auf das Gedicht und die U-Bahn-Station auf dem Platz vor der Schule. Sie sagen:

Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.

Die Studenten fordern:

  1. Deine Stellungnahme, von wem und mit welcher Begründung dieses Gedicht für die Hochschulwand ausgewählt wurde
  2. die Thematisierung einer Gedichts-Entfernung/-ersetzung im Akademischen Senat zum nächstmöglichen Zeitpunkt. Wir würden es begrüßen, wenn zu dieser Sitzung alle Unterzeichnerinnen des Briefes eingeladen werden.

Die Hochschule hat inzwischen Stellung genommen. Das hat die Studenten animiert, sich ein weiteres mal zu erklären. Sie wüssten nicht genau, wie der Dichter das Gedicht gemeint habe, aber irgendwie gebe es ihnen ein komisches Bauchgefühl. „Kunst war immer Geschmackssache und diese trifft nicht unseren Geschmack.“

Muss ein Kunstwerk entfernt werden, weil es bei einigen linken Studenten ein komisches Bauchgefühl hinterlässt und ihren Geschmack nicht trifft?

Susanne Lenz hat nun für die Berliner Zeitung den Kulturkamp scharfsinnig und erfrischend kommentiert:

Bauchgefühl, Geschmack. Hier liegt wohl das erste Missverständnis. Kunst hat nicht die Aufgabe, nur schön und angenehm zu sein. Sie soll auch provozieren, Denkanstöße geben, unbequem oder unangenehm sein.

Und dass es sich hier nur um eine Geschmacksache handelt, stimmt einfach nicht. In seinem Antrag hat der Studentenausschuss Kriterien aufgestellt, dem Vorschläge für die neue Fassadengestaltung genügen müssen: „Das eingereichte Werk darf in keiner Hinsicht diskriminierend sein. Sexistische, rassistische, ableistische, lookistische, klassisistische, ageistische oder sonstige diskriminierende Bezüge werden nicht akzeptiert.“

So klingt es, wenn alle Formen von Benachteiligung auf einmal in den Blick genommen werden. Das Ziel ist die totale Anständigkeit. Welches Gedicht könnte dieser Art von Überwachung standhalten, zumal schon Assoziationen genügen, um es unter Diskriminierungsverdacht zu stellen?

Hier der vollständige Text der BERLINER ZEITUNG: www.berliner-zeitung.de.

VD: DS

Reiß dein rechtes Auge aus

John Stott zu Matthäus 5,29–30 (Die Botschaft der Bergpredigt, 2010, S. 99–100):

Das bringt uns zu V. 29-30: „Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir … Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir.“ Hier haben wir offenbar einen von Jesus’ Lieblingssätzen, denn er sagt ihn später im Evangelium noch einmal. Dort fügt er dem Auge und der Hand noch den Fuß hinzu und bezieht sich nicht speziell auf sexuelle Anfechtungen, sondern allgemein auf „Verführungen“ (Mt 18,7-9). Das Prinzip gilt an sich also umfassender. Doch in der Bergpredigt wendet Jesus es auf diesen Bereich an. Was meint er damit?

Auf den ersten Blick ist es ein seltsames Gebot, ein Auge oder eine Hand oder einen Fuß abzuhauen, die einem Ärger machen. Einige wenige Christen, deren Eifer ihre Weisheit weit überstieg, haben Jesus beim Wort genommen und sich selbst verstümmelt. Am besten bekannt ist vermutlich Origenes, der große Theologe des 3. Jahrhunderts. Er wurde immer extremer in seiner Askese, lehnte Besitz, Essen und sogar Schlaf ab und ließ sich in einer überwörtlichen Auslegung dieser Bibelstelle und der in Matthäus 19,12 tatsächlich kastrieren. Kurz danach verbot das Konzil von Nicäa 325 n. Chr. diese barbarische Praxis zu Recht.

Die Anweisung, ärgernde Augen, Hände und Füße loszuwerden, ist ein Beispiel dafür, wie unser Herr dramatische Stilfiguren einsetzt. Er plädiert hier nicht für eine buchstäblich physische Selbstverstümmelung, sondern für unnachgiebige Selbstverleugnung, wenn es um Dinge der Moral geht. Nicht Verstümmelung, sondern Sterben ist sein Weg der Heiligung, und Sterben oder „sein Kreuz auf sich nehmen und Jesus nachfolgen“ bedeutet, sündhafte Verhaltensweisen so resolut zurückzuweisen, dass sie für uns und wir für sie gestorben sind.139

Was heißt das in der Praxis? Lassen Sie es mich so übertragen:

„Wenn dein Auge dich zur Sünde reizt, weil die Anfechtung über deine Augen zu dir kommt (Dinge, die du siehst), dann reiß dir deine Augen aus – das heißt: Schau nicht hin! Tu so, als ob du dir wirklich die Augen ausgestochen und sie weggeworfen hättest, als ob du jetzt blind wärst und könntest die Dinge gar nicht sehen, die dich vorher zur Sünde verleiteten. Oder wenn deine Hand oder dein Fuß dich zur Sünde verführen, weil die Versuchung durch die Hände und Füße zu dir kommt (Dinge, die du tust oder Orte, an die du gehst), dann hau sie ab – das heißt: Tu’s nicht! Geh nicht hin! Tu so, als ob du deine Hände oder Füße tatsächlich abgeschlagen und weggeschmissen hättest, als wärst du jetzt verkrüppelt und könntest die Dinge gar nicht tun oder die Orte aufsuchen, die dich vorher zur Sünde verleiteten. Das heißt Sterben.

Es fragt sich, ob es je eine Generation gegeben hat, für die diese Lehre Jesu nötiger und auch offensichtlicher anzuwenden gewesen wäre, als die jetzige, die einer Flut von Schmutzliteratur und -filmen ausgesetzt ist. Pornografie ist ein Angriff auf Christen (wie auf alle gesund empfindenden Menschen) – zuallererst, weil sie Frauen zu Sexobjekten degradiert, aber dann auch, weil sie den Betrachter künsdich sexuell stimuliert. Wenn wir ein Problem mit sexueller Selbstbeherrschung haben und uns unsere Füße dann trotzdem zu solchen Filmen tragen, unsere Hände solche Zeitschriften in die Hände nehmen und unsere Augen sich in ihren Bildern suhlen, dann sündigen wir nicht nur, sondern holen uns eine Katastrophe ins Haus.

Damit will ich bestimmt keine Regeln darüber aufstellen, welche Bücher und Zeitschriften ein Christ lesen darf, welche Filme und Theaterstücke er sich ansehen sollte (live oder im Fernsehen) oder welche Kunstausstellungen er besuchen darf. Die Menschen sind verschieden, einige werden schneller erregt als andere und die Auslöser können unterschiedlich sein. Sexuelle Selbstbeherrschung ist für manche leichter als für andere. Manche können eindeutig erotische Bilder (in Printmedien oder im Film) anschauen, ohne irgendwelchen Schaden zu nehmen, während andere sie fürchtbar schädlich finden. Unsere Temperamente sind verschieden und damit auch unsere Versuchungen.

Deshalb haben wir kein Recht dazu, andere zu verurteilen, wenn sie sich mit etwas beschäftigen und dabei ein gutes Gefühl haben. Wir können anderen nur sagen, was Jesus auch gesagt hat: Wenn dich dein Auge zur Sünde verleitet, dann schau nicht hin, wenn dein Fuß dich zur Sünde führt, dann geh nicht hin, und wenn deine Hand dich in Sünde bringt, dann tu’s nicht! Die Regel, die Jesus aufgestellt hat, ist hypothetisch, nicht allgemein. Er verlangt nicht von allen seinen Jüngern – im Bilde gesprochen – sich zu blenden oder zu verstümmeln, sondern nur von denen, die von ihren Augen, Händen oder Füßen zur Sünde verleitet werden. Andere können beide Augen, Hände oder Füße gerne ungestraft behalten, auch wenn sie von manchen Freiheiten vielleicht aus Liebe zu denen mit schwächerem Gewissen oder Willen abstehen werden, aber das ist hier nicht unser Thema.

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Von schändlichen Fantasien

John Stott zu Matthäus 5,27-30 (Die Botschaft der Bergpredigt, 2010, S. 98)

Schandtaten geschehen dort, wo vorher schändliche Fantasien wuchern konnten, und die werden dort entfesselt, wo die Augen bereits Grenzen überschritten haben. Unsere lebhafte Vorstellungskraft (eine der vielen Fähigkeiten, die Menschen von Tieren unterscheidet) ist ein wertvolles Geschenk von Gott. Ohne sie wäre keine Kunst der Welt und kaum eine edle menschliche Errungenschaft möglich. Fantasie erhöht die Lebensqualität. Aber alle Gottesgaben müssen verantwortlich gebraucht werden, denn sie entarten schnell und sind leicht zu missbrauchen. Das gilt ganz sicher auch für unsere Fantasie. Ich bezweifle, dass Menschen jemals Opfer der Unmoral geworden sind, die nicht vorher die Schleusentore der Leidenschaft durch ihre Augen geöffnet haben. Wo Männer und Frauen sexuelle Selbstbeherrschung praktizieren, da haben sie zuerst gelernt, die Augen ihres Fleisches und ihrer Fantasie im Griff zu haben.

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„Sola fühle“

Die Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt anlässlich des großen Jubiläums der Reformation eine neue dogmatische Richtlinie heraus: „Sola fühle – Allein, wonach dir gerade ist“.  Ich zitiere Messe in Moll:

Frühere Festlegungen sollen nun durch diese neue Formel komplett ersetzt werden. Theologisch richtig sei fortan einfach immer das, was dem einzelnen Christen gerade in den Sinn komme.

Wie die Leiterin der Theologischen Kommission der EKD, Mira Lessegal, erklärte, habe sich diese dogmatische Entwicklung bereits seit längerer Zeit abgezeichnet: „Viele von uns sind noch mit Luthers Prinzip „Sola Scriptura – Allein die Schrift“ aufgewachsen. Doch insbesondere junge Menschen stellen immer mehr fest, dass die Inhalte der Schrift ihren persönlichen Gefühlen und Vorstellungen widersprechen. Hier muss sich die Kirche dringend auf die Jugend zubewegen und attraktiver werden.“

Das klingt so echt, dass ich darauf hinweisen muss: Das ist nur Satire.

Aber eben sehr lebensnah. Das „Sola fühle“ ist natürlich längst im evangelikalen Mainstream angekommen. Für das Medienmagazin Pro hat Anna Lutz die Autoren des Buches Generation Y interviewt. Keine kritischen Rückfragen. Dabei ist das, was die Autoren sagen, schlicht hanebüchen. Ungefähr so: Hörte die Kirche auf die Gefühle der jungen Leute, gäbe es für sie eine Zukunft. Die Kirche braucht mehr (sexuelle?) Vielfalt, so wie die Gemeinde zu Pfingsten in Jerusalem.

Das klingt dann so:

Glauben ist ein Beziehungsgeschehen. Jesus Christus ist eine Person. Deshalb können wir die Bibel nicht aufschlagen und sagen: ‘Regel eins und Regel zwei befolgt, fertig’. Wir müssen den Einzelnen sehen. Es geht nicht darum, die Regel einzuhalten, sondern darum zu erkennen, wofür eine Regel gut ist. Das verlieren wir oft aus dem Fokus

Ulrich Parzany ist ein fleißiger Theologe, der die Bibel viel besser kennt als ich. Wir sind hin und wieder im Gespräch und in Manchem sogar einig. Dennoch konnte er mich bisher nicht überzeugen, dass es ihm um den einzelnen Menschen geht und nicht doch bloß um Rechthaberei. Seine starre Position ist unserer Generation nicht mehr zu vermitteln. Wo genau in der Bibel steht, dass ein Mann nicht bei einem Mann liegen darf, interessiert junge Menschen heute eben nur noch, wenn ihnen auch plausibel gemacht werden kann, warum Liebe nicht gleich Liebe sein soll. Ich verstehe nicht, wohin dieser Kampf führen soll.

Kirche verändert sich. Die erste Gemeinde hatte täglich Zulauf von Hunderten und hat das ausgehalten. Meistens fehlt ja gerade diese Vielfalt.

Wenn ich solche Sprüche nicht schon vor 20 Jahren gehört hätte?! Leute: Diese gefühlige Flexibilität hat nichts gebracht! Meint ihr wirklich, ihr könntet einfach die Gebotsethik durch eine Situationsethik ersetzen und alles wird gut?

Die tiefere Gerechtigkeit

John Stott zu Matthäus 5,19–20 (Die Botschaft der Bergpredigt, 2010, S. 79)

Die Pharisäer meinten, es sei genug, nach außen hin mit dem Gesetz übereinzustimmen. Der „Lehrer der Gerechtigkeit“, der in den Schriftrollen vom Toten Meer auftaucht, war strenger, wie Davies erklärt: „Hier wurde das Gesetz noch verzweifelter’… als bei den Pharisäern interpretiert und ernst genommen … Das ,ganze’ Gesetz sollte so, wie es in der Tradition der Sekte (der Essener von Qumran) interpretiert wurde, gehalten werden.“

Aber Jesus ist noch radikaler, denn wo die Essener nach immer mehr Gehorsam verlangen, erwartet er immer noch tieferen. Dieser tiefe Gehorsam ist es, der Gerechtigkeit des Herzens bedeutet und nur in demjenigen möglich ist, der durch den Heiligen Geist erneuert worden ist. Darum ist der Eintritt ins Reich Gottes also unmöglich ohne eine „bessere (d. h. tiefere) Gerechtigkeit“ als die der Pharisäer: Weil solch eine Gerechtigkeit die Wiedergeburt belegt, ohne die niemand ins Reich Gottes kommt.

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Terror und Selbstinszenierung

Karl-Heinz Ott behauptet in der NZZ, Terroristen sind Virtuosen der Selbstinszenierung. Der Schrecken vervielfältigt sich, je mehr Zuschauer daran teilhaben. So  werden wir als Publikum zum unfreiwilligen Komplizen des Terrors. Die Täter bekommen viel mehr Aufmerksamkeit als die Opfer und ihre Angehörigen, die oftmals allein mit den Folgen des Terrors fertig werden müssen.

Zitat:

Der in Paris lebende tunesische Psychoanalytiker Fethi Benslama plädiert dafür, dass man die Namen und Fotos von Terroristen fortan nicht mehr veröffentlicht. Bezeichnenderweise lassen sie am Tatort immer häufiger ihre Pässe zurück, damit ihre Gesichter ohne jede Verzögerung um die Welt gehen. Alle sollen wissen, wer sie sind, alle über sie reden. Sie gieren nach einem Ruhm, der sich zwar in Abscheu ausdrückt, doch nichtsdestoweniger schwer zu überbieten ist. Superlativischer kann ein Leben kaum enden, als wenn Millionen Zuschauer dessen finalen Exzess mit eigenen Augen verfolgen: um jene Berühmtheit zu erlangen, von der Andy Warhol sagt, dass jeder sie einmal im Leben wenigstens fünfzehn Minuten lang erleben will.

Bei der RAF dauert diese Art von Ruhm sogar bis heute an. Bereits als deren Fahndungsfotos überall aushingen, konnten sich die Baaders, Ensslins und Raspes über alle Massen bedeutend vorkommen. Und wir widmen ihnen seither immer neue Abhandlungen, Dokumentationen und Bücher, womit wir ihnen eine Menge Ehre antun, während die Opfer, wie so oft, im Orkus verschwinden. Lediglich die Täter scheinen es wert, dass man sie mit Biografien bedenkt, literarisch umkreist und künstlerisch umtanzt. Medial siegen so gut wie immer die Mörder.

Benslamas Vorschlag lässt sich nicht allein aus fahndungstechnischen Gründen schlecht realisieren, er steht allem entgegen, was zum Selbstverständnis der medialen Öffentlichkeit gehört. Die demokratische Selbstverpflichtung auf Berichterstattung schafft eine Aporie, die kaum einen Ausweg kennt. Dennoch trifft Benslama genau den richtigen Punkt. Denn die vielen Kameras sind die wichtigsten Komplizen der Attentäter und bringen ihr blutiges Spiel erst zur Vollendung. Sie sorgen für eine weit effizientere Publicity als alle Videobotschaften und Bekennerschreiben.

Mehr hier:  www.nzz.ch.

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