„Sola fühle“

Die Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt anlässlich des großen Jubiläums der Reformation eine neue dogmatische Richtlinie heraus: „Sola fühle – Allein, wonach dir gerade ist“.  Ich zitiere Messe in Moll:

Frühere Festlegungen sollen nun durch diese neue Formel komplett ersetzt werden. Theologisch richtig sei fortan einfach immer das, was dem einzelnen Christen gerade in den Sinn komme.

Wie die Leiterin der Theologischen Kommission der EKD, Mira Lessegal, erklärte, habe sich diese dogmatische Entwicklung bereits seit längerer Zeit abgezeichnet: „Viele von uns sind noch mit Luthers Prinzip „Sola Scriptura – Allein die Schrift“ aufgewachsen. Doch insbesondere junge Menschen stellen immer mehr fest, dass die Inhalte der Schrift ihren persönlichen Gefühlen und Vorstellungen widersprechen. Hier muss sich die Kirche dringend auf die Jugend zubewegen und attraktiver werden.“

Das klingt so echt, dass ich darauf hinweisen muss: Das ist nur Satire.

Aber eben sehr lebensnah. Das „Sola fühle“ ist natürlich längst im evangelikalen Mainstream angekommen. Für das Medienmagazin Pro hat Anna Lutz die Autoren des Buches Generation Y interviewt. Keine kritischen Rückfragen. Dabei ist das, was die Autoren sagen, schlicht hanebüchen. Ungefähr so: Hörte die Kirche auf die Gefühle der jungen Leute, gäbe es für sie eine Zukunft. Die Kirche braucht mehr (sexuelle?) Vielfalt, so wie die Gemeinde zu Pfingsten in Jerusalem.

Das klingt dann so:

Glauben ist ein Beziehungsgeschehen. Jesus Christus ist eine Person. Deshalb können wir die Bibel nicht aufschlagen und sagen: ‘Regel eins und Regel zwei befolgt, fertig’. Wir müssen den Einzelnen sehen. Es geht nicht darum, die Regel einzuhalten, sondern darum zu erkennen, wofür eine Regel gut ist. Das verlieren wir oft aus dem Fokus

Ulrich Parzany ist ein fleißiger Theologe, der die Bibel viel besser kennt als ich. Wir sind hin und wieder im Gespräch und in Manchem sogar einig. Dennoch konnte er mich bisher nicht überzeugen, dass es ihm um den einzelnen Menschen geht und nicht doch bloß um Rechthaberei. Seine starre Position ist unserer Generation nicht mehr zu vermitteln. Wo genau in der Bibel steht, dass ein Mann nicht bei einem Mann liegen darf, interessiert junge Menschen heute eben nur noch, wenn ihnen auch plausibel gemacht werden kann, warum Liebe nicht gleich Liebe sein soll. Ich verstehe nicht, wohin dieser Kampf führen soll.

Kirche verändert sich. Die erste Gemeinde hatte täglich Zulauf von Hunderten und hat das ausgehalten. Meistens fehlt ja gerade diese Vielfalt.

Wenn ich solche Sprüche nicht schon vor 20 Jahren gehört hätte?! Leute: Diese gefühlige Flexibilität hat nichts gebracht! Meint ihr wirklich, ihr könnte einfach die Gebotsethik durch eine Situationsethik ersetzen und alles wird gut?

Kommentare

  1. Theophil Isegrim meint:

    „Die erste Gemeinde hatte täglich Zulauf von Hunderten und hat das ausgehalten. Meistens fehlt ja gerade diese Vielfalt.“

    Wie stellt er sich das vor? Die erste Gemeinde (in Jerusalem), alles Menschen anderer Sprache, also müssen auch Heiden mit dabei gewesen sein. Was war die Botschaft? Jesus starb für unsere Sünden und Jesus ist auferstanden. Der auferstandene Christus sprengt die Dimensionen. Er sprengt unsere Lebensbahn, weil er uns einen andere Welt, ein anderes Leben zeigt. Warum also bei der Sünde bleiben, wenn wir mit Gott ausgesöhnt werden können? Zum wahren Leben finden. Das geht aber nicht, wenn man sich in der Vielfalt der Sünden auflöst, denn Sünde ist nunmal Trennung von Gott.

    Was ich so der Literatur entnehme, haben die ersten Christen in der römischen Weltherrschaft jahrhundertelang, ich wiederhole Jahrhunderte lang eine andere sexualethische Norm gelebt. 4 Jahrhunderte lang bis es Staatsreligon wurde. Ich weiß nicht, wie die das gemacht haben. Aber dieses (sexuelle) Vielfalt, was der Interviewte da propagiert läßt auf Unkenntnis schließen. Ich denke, er hat einfach keine Ahnung, wovon er da redet.Aber damit befindet er sich in „guter“ Gesellschaft.

  2. Was ich an den Interview bemerkenswert finde ist, dass versucht wird darzustellen als ginge des den Autoren umd das Grundlegende und nicht um die Form. In Wirklichkeit sind die Antworten theologisch nicht unterfüttert und man bleibt dann doch beim Äusseren hängen.
    Wo steht beispielweise in der Schrift etwas von Orientierung schwerpunktmäßig auf junge Menschen? In der Bibel geht es eher darum alle Generationen wertzuschätzen.
    Leider steckt da eine oft zu beobachtende Tendenz drin, dass Argumente gesetzt werden, die von der Schrift nicht untermauert sind. Mir ist es lieber es hat einer eine andere Erkennnis wie ich und hat dies wirklich an der Schrift geprüft.

  3. Man kann nun die Aussagen der Frau Lutz und der Autoren des Buches Generation Y als hanebüchen bezeichnen. Wohl auch zurecht. Ich glaube nicht das die Zukunft der Kirche auf dem Weg der Anpassung zu suchen ist. Wenn allerdings gesagt wird:

    „Wo genau in der Bibel steht, dass ein Mann nicht bei einem Mann liegen darf, interessiert junge Menschen heute eben nur noch, wenn ihnen auch plausibel gemacht werden kann, warum Liebe nicht gleich Liebe sein soll.“

    So muss ich ihr recht geben. Was interessiert es junge Menschen von heute, welche ohne Bezug zur Bibel aufgewachsen sind, was dieses mehr als 2000 Jahre alte Buch sagt. Keinen Deut. Es muss eben pausibel gemacht werden, warum die Botschaft der Bibel eine frohe, gute und gesunde Botschaft ist, welche alle Zeitgeister überdauern wird.
    Ob das jedoch mit einem Pochen auf biblischen Texten zu erreichen ist, wage ich zu bezweifeln. Ist nicht gerade der Erfolg von Tim Keller darauf zurückzuführen, dass er wohl biblisch-theologisch denkt, jedoch in seiner Auseinandersetzung mit seiner Umwelt nicht auf Bibelstellen pocht, sondern die Tiefe und Herrlichkeit der biblischen Botschaft zu Gerechtigkeit, Freiheit, Liebe, Arbeit, usw. über die zeitgemässen Interpretation erhebt?

    Der Vergleich zur alten Kirche unter dem römischen Reich mag helfen. Tatsächlich beteiligten sich Christen meines Wissens grösstenteils nicht an der römischen Unterhaltungskultur von Brot und Spiele. Auch in der Sexualmoral hatte man andere Standpunkte (wenn auch manchmal sogar zu übertrieben andere aus Quellen der Gnosis). Doch überwunden wurde das römische Reich doch dadurch, dass Christen einfach leidenschaftlicher liebten, die Pesttoten begruben und besser füreinander, sogar für die Sklaven unter ihnen, sorgten.

    Es sind nicht immer nur die Schuld der Anderen, dass die Kirchen in Europa heute dahinschwinden. Wo sind die blinden Flecken der Evangelikalen? Der „neo-reformatorischen“ Christen? Der Neuen-Calvinisten?

  4. Theophil Isegrim meint:

    Die „blinden Flecken“, wenn man sie so bezeichnen will, ist ein kraftloses Christentum. Wir sind nicht entschieden genug. Die Bibel wird meist zu sehr relativiert. Und damit geht natürlich ein Glaube einher, der oberflächlich ist. Oder es auf den Kern runterzubrechen, unserer Egoismus ist viel zu stark. Das ist auch kein Wunder. Wir sind Kinder unserer Zeit und der offen ausgelebte Egoismus, der als Selbstverwirklichung oder dergleichen bezechnet wird, färbt kräftig auf uns ab.

    Mal ein Beispiel: Oft begegnet mir dieses: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst. Das heißt man müsse sich zuerst selbst lieben.“ Darüber gibt es Predigten oder auch seelsorgerische Seminare, wo man das lernen kann. Jesus meinte genau etwas anderes, aber wir verkehren es um und stellen uns und unsere Selbstliebe in den Mittelpunkt. Ich muß da immer an Münchhausen denken, der sich an seinem eigenen Haaren aus dem Sumpf herausszog. Ich verstehe auch nicht, warum ich mich auf meine Selbstliebe konzentrieren soll, wenn ich doch die Liebe Gottes haben kann. Damit meine ich, die Liebe Gottes ist unabhängig von mir vorhanden. Aber ich muß mir das bewußt machen. Die Beziehung zu ihm verbessern. Die Gemeinschaft muß inniger werden. Dann kommt auch Kraft aus der Höh. Dann habe ich eine innere Freude, die unabhängig von äußeren Dingen ist, weil ich so nah bei Gott bin. Und soll ein lebendiger, kraftvoller Glaube, der bewegt was, weil ich von Gottes Kraft und nicht von mir erfüllt bin.

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